Kristina Menninghaus ist Therapeutin für Kinder und Jugendliche. Foto: Thomas Merkenich

Die Väter von morgen, das sind die kleinen Jungs von heute. Wie kann man es als Eltern schaffen, seine Söhne nicht in alte Rollenklischees hinein zu erziehen? Damit sie später vielleicht ganz selbstverständlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und eine gleichberechtigte Elternschaft leben? Das erklärt Kinder- und Jugendlichentherapeutin Kristina Menninghaus in einem sehr persönlichen Text.

„Sei ein echter Kerl“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ – diese Sätze kennt der ein oder andere Vater vielleicht noch aus seiner Kindheit. Sie fassen die Klischees über Jungs ziemlich gut zusammen: Jungs sind demnach mutig, risikobereit, stark, aggressiv, übermütig und überschätzen sich.

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Sie sind wild, rücksichtslos, rechnen besser, sind sportlicher, spielen Krieg, gehen zum Kampfsport und hauen ihre Wut raus. Sie weinen nicht. Außerdem haben sie kurze Haare, ihre Lieblingsfarbe ist Blau, und sie spielen Fußball oder sind zumindest Fußball-Fans und interessieren sich besonders für Autos und Baustellen.

Ich wollte auch in der Bauecke spielen

Wenn ich selbst an meine Kindheit denke, muss ich sagen, dass ich genau das über Jungs gedacht habe (auch wenn es mir nicht bewusst war) und oftmals neidisch auf sie war. Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Kindergarten: Es gab dort unter anderem eine Puppenecke und eine Bauecke. In der Puppenecke spielten die Mädchen, in der Bauecke spielten die Jungs. Punkt.

Ich spielte gerne und viel in der Puppenecke, doch fand ich die Bauecke ebenso spannend und wollte so gerne einmal eine Landschaft und vielleicht auch eine Eisenbahnstrecke aufbauen. Irgendwie schaffte ich es, meinen Mut zusammenzunehmen und mit der Hilfe meines Nachbarfreundes in die Bauecke zu gelangen. Doch ich wurde dort von den Jungs für meine Art des Bauens kritisiert, und mein Gebautes wurde schnell verändert, sodass mir die Freude wieder verging.

Heute habe ich in meiner Praxis eine tolle Bauecke, in der es unter anderem Bäume, Autos und wilde Tiere gibt. Mit den kleineren Kindern spiele ich sehr gerne dort, darüber freut sich dann auch mein inneres Kind.

Stereotype reflektieren, die man gelernt hat

Ich habe mir die Klischees, mit denen ich groß geworden bin, bewusst gemacht und sie reflektiert. So konnte ich mich verändern und meine Sicht erweitern.

Und genau das ist der Weg, der es Eltern möglich macht, ihre Söhne nicht in alte Rollenklischees reinzuerziehen. Eltern dürfen sich kritisch die Frage stellen: Mit welchen Stereotypen bin ich groß geworden? Welche möchte ich weitergeben? Welche möchte ich überwinden?

Es ist außerdem wichtig zu verstehen und anzuerkennen, dass Jungs von Natur aus auch klischeehaft den Mädchen zugeordnete Verhaltensweisen und Eigenschaften besitzen: Jungs sind ebenso ängstlich, empfindlich, verletzlich, fürsorglich, gefühlvoll, zurückhaltend, einfühlsam und sensibel. Und sie spielen ebenso Mutter, Vater, Kind, gehen zum Tanzen und sind künstlerisch begabt. Sie können lange Haare haben und alle Farben tragen.

Lebe ich selbst Rollenklischees vor?

In einem weiteren Schritt geht es darum, die eigene Rolle in der Elternbeziehung zu reflektieren und auf das Vorleben von stereotypen Rollenklischees hin zu überprüfen. Kinder lernen bekanntlich nur zu einem kleinen Teil durch die Erziehung und zu einem viel größeren Teil von dem, was die Eltern ihnen vorleben.

Fragen, die Eltern sich in diesem Zusammenhang stellen können, sind: Leben beide Elternteile gleichberechtigt in der Beziehung? Gehen sie liebevoll und fürsorglich miteinander um? Kann sich jede:r frei entfalten und fühlt sich wohl, ohne das Gefühl zu haben, ein Klischee zu bedienen?

Und ganz konkret: Wer benutzt die Bohrmaschine? Wer kocht das Essen? Wer spricht mit den Kindern über ihre Sorgen und Gefühle? Wer kämpft mit den Kindern? Wer repariert die Fahrräder? Und wer trägt lange Haare?

Alle Charaktereigenschaften, Gefühle und Verhaltensweisen sind für alle Menschen – somit auch für beide Elternteile – gleichermaßen wählbar und lebbar.

Muster aufbrechen kann Angst verursachen

Es gibt viele Ratgeber und auch wunderbare Bilderbücher zum Thema (z.B. „sei ein ganzer Kerl“ oder auch: „Ich bin wie du – Ich bin anders als du“), die Eltern und Kinder dabei begleiten können, Klischees zu überwinden.

Nichtsdestotrotz kann es bei Eltern zu Gefühlen von Angst und Unsicherheit führen, wenn sie eigene Muster aufbrechen, etwas Neues wagen möchten. Das ist ganz normal und gehört zu jeder Veränderung dazu, sollte also nicht zu einem Vermeiden der Veränderung führen.

Ein Gespräch mit pädagogischen Bezugspersonen, z.B. aus der Kita oder der Grundschule des Kindes, kann dann schon helfen, sich wieder sicherer zu fühlen.

Geschlechtsidentität erst ab fünf Jahren wichtig

Entwicklungspsychologisch spielt die Geschlechtsidentität – also das Auseinandersetzen mit dem biologischen Geschlecht und das Zuordnen zu Jungs bzw. Mädchen – übrigens erst ab dem Alter von etwa fünf Jahren eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Kindern.

Dann ist es wichtig, dass Kinder sich einer Gruppe zuordnen dürfen, den Mädchen oder den Jungen, und dennoch nicht in alte Rollenmuster gedrängt werden.

Es kann auch sein, dass Kinder sich – eine Zeit lang oder dauerhaft – der vom biologischen Geschlecht abweichenden Gruppe zuordnen wollen, oder gar keiner Gruppe. Die natürliche, spontane Entscheidung des Kindes sollte an der Stelle ernst genommen und angenommen werden. So können Kinder eine sichere, liebevolle und vielfältige Identität entwickeln.

Ich bin Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, psychoanalytisch und tiefenpsychologisch fundiert, im ersten Beruf bin ich Diplom-Kunsttherapeutin. Ich arbeite mit Säuglingen, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien im Alter von null bis 21 Jahren, habe eine Weiterbildung als Säuglings-, Kleinkind-,...

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