Jörg Krell (rechte Tischseite, Mitte) am Stammtisch des Bürgerportals

Jörg Krell ist ein Mann der leisen Töne. Doch er weiß, was er will. Auf die Frage, ob er es denn ernst meine mit der Kandidatur für das Bürgermeisteramt in Bergisch Gladbach, wird Krell (für seine Verhältnisse) laut: „Ich nehme das sehr ernst – und ich setze auf Sieg!”

Der Unternehmensberater und FDP-Politiker ist Realist. Seine Aussichten auf den Einzug ins Rathaus seien „nicht sehr groß, aber sie sind vorhanden“, sagt der 62-Jährige. Wer er ist, mit welchen Konzepten er in den Kampf geht und wie viel Wähler die FDP am Ende gewinnen wird, erläuterte Krell am Stammtisch des Bürgerportals.

Dieser Artikel ist lang. Hier gibt es eine komfortable Lesefassung

Soviel vorweg: Krell hat eine Karriere in verschiedenen Positionen bei Bayer hinter sich und berät als Selbständiger Unternehmen, sich ganz neu aufzustellen: Vision, Umsetzung, Erfolgskontrolle. Das würde er am liebsten auch der Stadtverwaltung verordnen. Die Entgegnung, eine Verwaltung sei mit einem Unternehmen nicht zu vergleichen, wischt er locker vom Tisch: „Sie glauben doch nicht, dass es in Konzernen keine Verwaltung gibt? Aber eins können sie dennoch: komplexe Dinge gestalten.“

Ordoliberaler, Motorsportler und Seiteneinsteiger

Jörg Krell mit seinem Sohn am Nürburgring

Krell stammt aus Leverkusen, hat Maschinenbau und „etwas BWL“ studiert, war für Bayer in den USA, in Laufenberg und in Leverkusen, zuletzt als Leiter des Vorstandsstabs nah an der Konzernspitze. Seit 1996 wohnt er mit Frau und (inzwischen erwachsenen) drei Kindern am Rande von Schildgen im Grünen.

Er ist Motorsportler, sachkundiger Bürger im Infrastrukturausschuss, Vizechef des FDP-Ortsverbandes und überzeugter Ordoliberaler: „Damit die Marktwirtschaft funktioniert, muss sie Regeln und soziale Leitplanken haben.”

Lesen Sie mehr über den FDP-Kandidaten:
26 Fragen an Jörg Krell Jörg Krell auf Facebook Liberale schicken Manager gegen Urbach ins Rennen Alle Beiträge über Jörg Krell Alle Beiträge zur Kommunalwahl 2014

Dennoch ist Krell ein typischer Seiteneinsteiger, der Bergisch Gladbachs Lokalpolitik mit den Augen des Managers sieht. Und ziemlich häufig mit weit aufgerissenen Augen.

Zum Beispiel beim Besuch im Technologiepark Moitzfeld: weder für BMW-Fahrer noch für Rollstuhlfahrer sei der Komplex barrierefrei zugänglich; es gebe weder eine flächendeckende Breitbandversorgung noch ein Konzept. Und nicht nur hier wäre es dringend notwendig, dass sich Stadt und Kreis mal vernünftig abstimmten.

„Bergisch Gladbach auf die nächste Stufe heben“

Jörg Krell deutet an, wieviel Prozent die FDP holen kann

In der Stadt habe Amtsinhaber Lutz Urbach (CDU) zwar völlig recht gehabt, die Haushaltskonsolidierung in den Vordergrund zu stellen, sagt Krell.

Tatsächlich hatte die FDP im Stadtrat in der ablaufenden Ratsperiode in der Regel mit der CDU und dem Bürgermeister gestimmt – und erst in letzter Zeit Distanz gesucht. Doch jetzt sei es an der Zeit „Bergisch Gladbach auf die nächste Stufe zu heben“, fordert Krell.

Dabei gelte es, eine Vision für eine dynamische Stadt zu entwickeln, die ihren hohen Wohnwert mit zukunftsfähigen Arbeitsplätze verbinde. Wenn die Stadt für Unternehmen (und junge Arbeitskräfte) attraktiv bleiben wolle, müsse sie für ein starkes Bildungs-, Sport-, Kultur- und Einzelhandelsangebot sorgen.

Regelmäßigen Besuchern (und Lesern) des Stammtisches fällt sofort auf, dass der FDP-Mann fast wortgleich vorschlägt, was zuvor auch Michael Schubek (SPD) und Peter Baeumle-Courth (Grüne) gefordert hatten. Alle drei schauen mit einem unternehmerischen Blick auf die Lokalpolitik – und diese Übereinstimmungen will Krell auch gar nicht wegdiskutieren.

Teamarbeit statt Parteibuch-Politik

Er untermauert seine Vision mit konkreten Ansatzpunkte. Die Ansiedlungspolitik müsse sich auf innovative Gewerbe konzentrieren, zum Beispiel in der Gesundheitsbranche gebe es eine vielversprechende Basis. Eine dynamische Wirtschaft mache die Stadt lebendiger und schaffe durch höhere Steuereinnahmen dringend benötigte Spielräume.

Der Stammtisch mit allen Bürgermeister-Kandidaten findet am 8. Mai statt

Damit die Stadt nicht mehr verwaltet, sondern gestaltet wird, braucht es nach Krells Meinung einen Wechsel in der Führung. Nur so könnten die Potenziale, die in der Verwaltung nach wie vor schlummerten, gehoben werden. Dabei, stellt der Unternehmensberater klar, gehe es ihm nicht um eine weitere Arbeitsverdichtung – sondern um intelligentere Arbeitsprozesse. Solange die Führung der Verwaltung, wie derzeit unter Urbach, nicht zusammenarbeite und Spitzenposten nur nach Parteibuch vergeben würden, sei da wenig zu machen.

Telefonbuch-dicke Vorlagen, aber kein Überblick

Kein Verständnis hat Krell für die Art und Weise, wie die Stadtverwaltung ihre Finanzen führe. Die Abschlüsse würden nur mit sehr großer Verzögerung erledigt, ein nennenswertes Controlling fehle ebenso wie eine Erwartungsrechnung, die ein rasches Reagieren auf neue Entwicklungen ermöglichen würde. Das Budget von Kämmerer Jürgen Mumdey sei zwar dick wie ein Telefonbuch, doch nirgendwo finde man eine Verdichtung auf die wesentlichen Kennziffern.

An diesem Punkt muss am Stammtisch die Frage nach dem Wiedereinstieg der Stadt beim Energieversorger Belkaw kommen. Krell hatte dieses Unterfangen im Vorfeld dezidiert abgelehnt – und kann auch jetzt nur den Kopf schütteln. Die Befürworter der Rekommunalisierung unterschätzten eklatant, war für eine Expertise im schwierigen und sich ständig änderndem Energiegeschäft notwendig sei – und wie riskant die Schuldenaufnahme in dieser Niedrigzinsphase sei.

Die Vertragsgestaltung nennt Krell voller Understatement „ungewöhnlich“ – da in dem gemeinsamen Unternehmen mit der RheinEnergie Eskalationsverfahren und klare Ausstiegsklauseln fehlten.

Stadtwerke und Bahndammtrasse – nur Nebenkriegsschauplätze

Jörg Krell hört sich die Argumente der Bürgerentscheid-Verfechter an

Im Nachhinein, merkt Krell an, dass es sich bei der Stadtwerke-Entscheidung eigentlich um einen Nebenkriegsschauplatz handele. Seit zwei Jahren habe sich der Stadtrat mit kaum etwas anderem beschäftigt. Da wäre es vielleicht besser gewesen, sich mit der Konzessionsabgabe zu begnügen und sich mit den wirklich wichtigen Zukunftsfragen zu beschäftigen.

Einen Bürgerentscheid gegen den Belkaw-Deal will Krell jetzt aber auch nicht befürworten. Man hätte die Bürger viel früher und stärker einbeziehen müssen, aber in einer repräsentativen Demokratie liege die Entscheidung beim Rat. Dessen Beschluss jetzt durch ein Bürgerbegehren zu kippen, könne der Stadt schaden.

Auch die Dauer-Beschäftigung mit dem Thema Bahndamm hält Krell für falsch. Zwar brauche die Stadt definitiv eine bessere Autobahnanbindung, aber nicht über den alten Bahndamm. Dagegen sprächen Umweltaspekte und die Wohnstrukturen. Was ihn völlig umwerfe, staunt Krell, ist die Tatsache, dass die Pläne an der Kölner Straße enden und es „kein Konzept gibt, den Autobahnzubringer an die Autobahn zu bringen”.

Über den Tellerrand hinaus blicken, mit Köln reden

Für eine Lösung müsse man nur über den Tellerrand schauen. Schon ein Blick auf Google Earth zeige deutlich, dass man bei der Verkehrsführung mit Köln zusammenarbeiten müsse. Anstatt sich mal mit den Nachbarn an einen Tisch zu setzen habe sich die Stadtverwaltung hinter dem Alibi-Argument verschanzt, die Kölner wollten keine Kooperation.

Um diese Politik zu ändern bräuchte die FDP allerdings Mehrheiten. Mit ihren Schlüsselthemen seien die Liberalen in Bergisch Gladbach auch jetzt in der Lage, wenigstens die zehn Prozent zu gewinnen, die sie bei der letzten Kommunalwahl geholt hatte.

Kein Steigbügelhalter

Auf ein Ziel, wie viel Prozent er als Bürgermeister holen kann, will sich Krell nicht festlegen. Aber es sei „sehr gut vorstellbar“, dass er als Zweitplatzierter in die Stichwahl komme – zumal SPD-Mann Schubek von seiner eigenen Partei im Stich gelassen worden sei.

Für Koalitionen vor und nach der Stichwahl ist Krell offen. Nur ein Bündnis mit der Linken schließt er aus.Bei der Frage nach der CDU zögert er. Aber klar, auch mit der Union könne er zusammenarbeiten, „aber dafür müsste sie sich hier in Bergisch Gladbach gründlich wandeln”. Auf keinen Fall werde die FDP „den Steigbügelhalter“ für die CDU geben – sondern „für unser Programm, für unsere Inhalte“ kämpfen.

Krells Parteifreunde verfolgen die Debatte

Die Stammtische der Bürgermeisterkandidaten setzt das Bürgerportal nach den Besuchen von  Lutz Urbach, Michael SchubekPeter Baeumle-Courth und Jörg Krell mit einer „Elefantenrunde“ am 8. Mai fort. Dann sind auch Tomas M. Santillan (Linke) und Klaus Graf (Demokrative14) mit am Tisch. Alle Beiträge über unsere Stammtische.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.