Im Stadtanzeiger von Montag gab es zwei Berichte: Rhein-Berg titelt “Stillstand in der Staufalle”. Der Kölner Lokalteil schreibt in großen Lettern “Pedal schlägt Pferdestärke“. Könnte das eine Idee für Gladbach sein?

Der Artikel im hiesigen Lokalteil klingt sehr nach dem alten Reflex. Die Blechlawine braucht Platz. Ist der begrenzt, verschafft der “Verkehrsdruck” den Autos Vorfahrt. Fußgänger sollen deutlich länger auf grün warten müssen, damit Autos (im Text als “der Verkehr” bezeichnet) besser vorankommen.

Das will die Stadtverwaltung austesten, obwohl der Beschwerdeausschuss den Antrag von Anwohner Christian Kierdorf abgelehnt hat. Weil er in Köln arbeitet, habe er keine Wahl, schreibt der Stadtanzeiger.

Müssen alle, die im Stau stehen, im Stau stehen?

Bergisch Gladbach ist über den Schnellbus 40, die Straßenbahnlinie 1 und die S-Bahn 11 im Takt mit Köln verbunden. Zwischen Gladbach und Bensberg fahren Busse im Zehnminutentakt. Mit der Radstation am Bahnhof wird künftig “Bike and Ride” noch attraktiver. Mit etwas sportlicher Routine ist der Weg nach Köln auch komplett mit dem Rad kein Problem – in weniger als einer Dreiviertelstunde von Gladbach bis zum Dom.

Jeder Umsteiger macht den Stau eine Wagenlänge kürzer

Bei Bus und Bahn, Fahrrad und Fußwegen gibt es noch viel zu verbessern, die Stadt packt es mit dem neuen Mobilitätskonzept  jetzt endlich an. Was niemand bestreiten kann, ist Grundsatz der neuen Linie: “Jeder Umstieg vom Auto auf das Fahrrad oder den öffentlichen Verkehr bedeutet mehr Platz auf den Straßen.” Oder kurz: Staust Du noch – oder radelst Du schon?

Sind die Straßen zu schmal oder einfach zu voll?

Im Kommentar zum Staufalle-Artikel fordert KSTA-Redakteur Matthias Niewels “breitere Straßen”. Dafür fehlt auf jeden Fall das Geld, wahrscheinlich aber auch an Platz.

Eindrucksvoll ist die Schwankung der morgendlichen Staulänge, zum Beispiel aus Richtung Voiswinkel. Wo um viertel nach sieben der Kraftverkehr noch fließt, ist zwanzig Minuten später alles dicht. Infrastruktur auf kurze Spitzenlasten auszurichten, ist selten wirtschaftlich.

Aufruf: Mitmachen beim Fahrradklima-Test Bergisch Gladbach

Früher oder später losfahren kann helfen. Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, damit nicht alle Berufstätigen auf einen Schlag losfahren und wieder heim kommen, forderte Professor Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management an der FHDW im Gespräch mit dem Stadtanzeiger.

Faszination Mobilität statt Faszination Auto

In Sachen Mobilität ist der Mensch ein Gewohnheitstier. Man verfällt gern in Routinen und steigt für jeden Weg ins Auto. Intelligent vernetzt ist man mit den eigenen Füßen, dem Fahrrad, mit Bahn, Bus und Auto aber nicht weniger mobil als der Strategie Auto-pur. “Die Faszination Auto weicht schrittweise der Faszination Mobilität”, beschreibt ein AutoBild-Redakteur diesen Effekt.

Auto-Wege zu selbstverständlich

Verkehr ist mehr als Auto. Die aktuelle Mobilitätsumfrage zeigt, wie Bergisch Gladbacher derzeit unterwegs sind: 58 Prozent der Befragten nutzen das Auto, 15 Prozent sind zu Fuß unterwegs, 14 Prozent fahren mit Bus und Bahn und 13 Prozent das Fahrrad.

Interessant ist wie sich die Wege in “intelligenten Mobilitätsregionen” aufteilen (“Modal split”), wie Prof. Stefan Bratzel die Städte Freiburg, Zürich, Amsterdam und Groningen nennt.

ModalSplit in %Berg. GladbachFreiburgZürichAmsterdamGroningen
Auto5830303844
zu Fuß1524352015
ÖPNV1418292010
Fahrrad132862231

Quelle: http://www.epomm.eu/tems/

Der Vergleich zeigt: „Blechlawine“ ist kein Naturereignis

Eine Kernbotschaft der Studie “Mobilität in Deuschland 2008” ist: Die junge Bevölkerung, insbesondere im urbanen Raum, verlässt “sich noch mehr als früher auf den Öffentlichen Verkehr oder das eigene Fahrrad. Dies geht mit erstmalig sinkenden Führerscheinquoten in dieser Gruppe einher.”

Etwa 5.000 Menschen sollen nach Angaben eines Statistikportals jährlich neu nach Bergisch Gladbach ziehen. Sie werden ihre Mobilitätsroutinen in Frage stellen, wenn ihnen der intelligente Mix der Auto-Alternativen nur attraktiv genug erscheint. Dabei spielt Wertschätzung eine entscheidende Rolle. Ob sich wertgeschätzt fühlt, wer nun sehr lange warten muss, nur um eine Straße zu überqueren?

Weitere Informationen: 

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4 Kommentare

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  1. Vielleicht könnte man ja einen Radherstellen Zwangsverpflichte. Also quasi per Gesetz dazu verpflichten gegen Kundenverhalten zu agieren.
    Gut müsste dann auch gleichzeitig ein Gesetz her das die Kunden dazu verpflichtet das Rad zu nutzen. Aber heutzutage alles kein Problem. Um die Sache dann wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen werden eben die Steuern erhöht. Der Staat schiebt das Geld dann hin und her bis alle so einigermaßen zufrieden sind und der Anschein einer funktionierenden Wirtschaft vorgegaukelt wird.
    Dumm nur dass sich das Defizit immer tiefer rot einfärbt.
    Na ja sei es drum, die GroKo macht das schon.

  2. Leider hat sich noch kein Fahrradhändler gefunden, der Werbung schalten möchte. Wir würden uns dem aber nicht verweigern ;-)

  3. Sehr originell ist natürlich die auch bei diesem Beitrag eingeblendete Werbung eines bekannten Automobilherstellers bzw. -verkäufers.

    Fahrrad- oder E-Bike-Werbung oder ein Hinweis auf die künftige Radstation in Bergisch Gladbach wäre auch nett einzublenden …

  4. Schöner Beitrag, richtige Gedanken, gute Anregung, Martin Gent!
    Es gibt ja im Wesentlichen zwei Wege, das Verkehrsproblem anzugehen:
    Mit Asphalt oder mit Intelligenz.
    Hier ein klares Plädoyer für den letztgenannten.
    Und das umfasst Verkehrsleitung, Ampelschaltung, Mobilitätskombination,
    Anschluss-Synergien und betrifft übrigens auch den ruhenden Verkehr:
    GL´s Innenstadt braucht nicht mehr Parkplätze vor jeder Ladentheke,
    sondern auch hier Leitung, Vernetzung und nicht zuletzt Anreiz,
    um die eigentliche und recht überschaubare Innenstadt
    als Sicht-, Erlebnis- und Einkaufsraum im Gesamten attraktiv zu machen.