Lutz Urbach bei der Bürgerversammlung zum Unterbringung von Flüchtlingen in Bergisch Gladbach Heidkamp, Bergischer Löwe

Wer die Fotos von der Dreifachsporthalle in Heidkamp gesehen hat, von vorne bis hinten mit 130 Doppelstockbetten vollgestellt, kann diese Sorge sofort nachvollziehen: „260 Menschen auf so engem Raum, aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, die alle paar Wochen ausgetauscht werden – wie soll das denn funktionieren?”, fragte eine Anwohnerin bei der Bürgerversammlung am Mittwochabend im Bergischen Löwen.

Ingeborg Schmidt, Kreisvorsitzende des DRK und mit den Verhältnissen in den Flüchtlingsunterkünften von Sand bis Rösrath gut vertraut, gibt Auskunft:

„Wir reden hier von der Erstaufnahme. Die Menschen haben eine harten Weg hinter sich, haben einfache Bedürfnisse: warm, satt, trocken und gesund. Wenn wir ihnen das bieten, sind die anderen Dinge gar nicht so wichtig, selbst der Miniabstand zum nächsten Bett ist dann kein Problem.”

Auch bei dieser inzwischen 6. Bürgerversammlung, die mit knapp 150 Personen nur mäßig besucht ist, geht es vor allem um ganz praktischen Fragen der Anwohner, die Bürgermeister Lutz Urbach mit Unterstützung seiner Verwaltungsfachleute sachlich abarbeitet. Ingeborg Schmidt ist für den menschlichen Teil zuständig und erhält viel warmen Applaus.

Auch Urbach bekommt zum Schluss ein Lob für seinen „couragierten Einsatz”. Dazu klatschen nicht alle.

Bürgermeister Lutz Urbach, DRK-Kreisvorsitzende Ingeborg Schmidt

Der Stand der Dinge in der Feldstraße

Zunächst berichtet Urbach, dass die Halle in der Feldstraße noch in dieser Woche an die Bezirksregierung als bereit gemeldet werden soll. Wann und wie schnell die Halle dann gefüllt wird, ist wie immer offen und wird der Stadt nur mit sehr knapper Vorwarnzeit mitgeteilt. Denn wie bei allen Erstaufnahmen handelt Bergisch Gladbach im Rahmen der Amtshilfe für das Land NRW und ist nicht Herr des Verfahrens.

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Für die Halle habe sich die Stadt entschieden, als die Bezirksregierung 70 Erstaufnahme-Plätze gefordert hatte. Da klar war, dass es dabei nicht bleiben werde, kalkulierte die Stadt kühl. Für eine große Erstaufnahme sprachen laut Urbach mehrere Argumente:

  • das DRK kann große Einrichtungen besser bedienen als mehrere kleine,
  • bei der Erstaufnahme übernimmt das Land alle Kosten,
  • jede Person in der Erstaufnahme wird mit dem Faktor 1,3 auf die Regelzuweisung angerechnet. Im Klartext: für die 260 Menschen in der Feldstraße muss die Stadt 338 weniger „normale” Flüchtlinge unterbringen.

Auf die Halle der Berufsschulen sei dann die Wahl gefallen, weil hier Einschränkungen für den Schulsport eher zu akzeptieren seien als bei den anderen weiterführenden Schulen.

DRK richtet zentrale Registrierungsstraße ein

Im Unterschied zu früher wird die Erstaufnahme nicht mehr an Ort und Stelle erledigt. Das DRK hat für den gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis an seinem Hauptsitz in der Jakobstraße eine sogenannte Registrierungsstraße eingerichtet: hier stehen jetzt dauerhaft die notwendigen Container und Zelte, um die Flüchtlinge zu empfangen, Daten aufzunehmen und eine erste medizinische Untersuchung zu erledigen. Erst danach werden sie nach Heidkamp gebracht.

Wie lange sie dort bleiben, ist offen. Die Zeit, bis sie ihren Asylantrag stellen und neuen Orten zugewiesen werden, habe sich jedoch verkürzt; statt mit acht könne man jetzt mit rund drei Wochen rechnen.

Nach zwei Tagen stellt sich eine erste Routine ein

In der Halle übernimmt dann das Team des DRK die Betreuung und Versorgung. Dabei sei es sehr wichtig, erläutert Schmidt, den Menschen Zeit zum Ankommen zu lassen. Nach zwei Tagen könne man erkennen, wer traumatisiert sei, wer besonderer Hilfe bedürfe – und langsam würden sich auch Beziehungen zwischen den Flüchtlingen und eine Routine herausbilden.

In der Regel stünden die Menschen in den Unterkünften später auf, bis zehn Uhr sei das Frühstück durch, dann werde aufgeräumt und die Halle gesäubert; viele Flüchtlinge spielten Karten oder andere Spiele, die Kinder lebten ihren Bewegungsdrang aus, so weit das möglich ist.

Lego und Playmobil, berichtet die DRK-Chefin sei nicht so gefragt, aber das Flechten von Freundschaftsbändern auch bei den Erwachsenen sehr beliebt. Unterschiedliche Religionen oder Herkunft spiele dabei kaum eine Rolle, da spiele auch der Albaner mit dem Iraker.

Das DRK will in der Halle und in einem beheizbaren Zelt, das noch aufgebaut werden muss, eine Kinderbetreuung und auch Möglichkeiten für Sprachkurse anbieten.

Zu enge Beziehungen führen zu vielen Tränen

Ingeborg Schmidt rät jedoch dringend davon ab, bei der Erstaufnahme über Willkommensinitiativen enge Bindungen aufzubauen. Genau das sei bei der ersten Gruppe in Sand geschehen – und habe zu großen Abschiedsdramen geführt, als die Füchtlinge erneut entwurzelt werden musste. Und in der Feldstraße ist ziemlich klar, dass die Menschen dort nur relativ kurze Zeit bleiben.

Was nicht heißt, dass kein Raum für menschliches Miteinander sei: „Mit einer Umarmung, einem freundlichen Lächeln kann man schon sehr viel erreichen”, sagt Schmidt, die nicht nur DRK-Vorsitzende und Krankenschwester am MKH ist, sondern auch ausgebildete Notfallseelsorgerin.

In all den Wochen, in allen Einrichtungen, die das DRK in RheinBerg habe es zwar einige Konflikte gegeben, aber nicht einen einzigen ernsthaften Zwischenfall gegeben, bilanziert Schmidt. Und das könne auch mit den 260 Flüchtlingen in der Feldstraße gut laufen.

Gezielte Hilfe ist willkommen

Wer helfen wolle, können sich auf jeden Fall an die bekannten Willkommensinitiativen wenden; aktuell gebraucht würden derzeit Decken und warme Bettwäsche, die man bitte bei der DRK-Kleiderkammer abgeben möge. Und wer zum Beispiel gut zaubern oder etwas anderes zur Unterhaltung beitragen könne, solle sich bei der Campleitung melden. (Alle Kontakte finden Sie hier.)

Von den Verhältnissen in den vom DRK geführten Einrichtungen sind die kleineren, von der Stadt betriebenen Unterkünfte oft weit entfernt. Hier gibt es keine 24-Stunden-Betreuung, hier füllen Ehrenamtler die Lücken mit einem „unglaublichen, schon fast extremen Engagement”, berichtet der Bürgermeister.

Rote Schule soll bald frei geräumt werden 

Die Betreuung der Flüchtlinge in der „roten” Schule sei ein Problem, räumt Urbach auf eine Frage hin ein. Sie soll auch sobald wie möglich frei geräumt werden, sobald mehr Platz in Katterbach bereit stehe. Die Stadtverwaltung habe zwar fast zusätzliche Kräfte eingesetzt, komme aber einfach nicht nach.

Lösungen für Sportler und Autofahrer

Einige Anwohner haben konkrete Alltagssorgen. Zum Beispiel die Frage, was mit den Sportvereinen passiert. Hier appelliert Urbach an die Solidarität der Vereine und Verständnis, dass nur ein Teil der Angebote in andere Hallen verlegt werden könne. Immerhin das sei jedoch in allen Fällen geschehen, auch wenn dafür weitere Wege in Kauf genommen werden müssen.

Gerade das Beispiel des DJK SSV Ommerborn Sand, zeige das Machbare gut auf. Zwar beklagen sich einige Mitglieder über die Einschränkungen, eine ganze Anzahl hat den Verein sogar verlassen. Aber gerade dort habe man für alle Angebote im Einvernehmen mit dem Verein Lösungen gefunden, darauf besteht Urbach, der erst am Abend zuvor an einer Vorstandssitzung der Ommerborner teilgenommen hatte.

Kein Recht auf kostenlose Parkplätze

Ein großes Problem ist das Thema Parken und Verkehr rund um die Feldstraße. Zum einen, führt ein Anwohner aus, leidet das gesamte Viertel unter dem starken Umwegverkehr, der aufgrund der Baustellen in der östlichen Innenstadt durch Heidkamp strömt. Zum anderen wird der Parkplatz der Berufsschule an der Feldstraße für die Anlieferung der Halle benötigt; daher parken die Berufsschüler nun die ganze Gegend zu.

Der Bürgermeister verspricht, den Ordnungdienst loszuschicken und Verstöße ahnden zu lassen. Zudem kündigt er an, dass die Halteverbote auf der Feldstraße, die im Moment für die Anlieferungen zur Einrichtung der Halle benötigt werden, in wenigen Tagen aufgehoben werden.

Es geht um die Vermeidung von Obdachlosigkeit

Ein Recht auf freies Parken hätten die Berufsschüler allerdings nicht, sie müssten selbst nach legalen Alternativen suchen. Dass man es nicht allen recht machen kann, räumt Urbach bereitwillig ein – und wird durch die Forderung eines anderen Anwohners bestätigt, der ein Halteverbot für die gesamte Feldstraße vorschlägt, um den Verkehr in Gang zu halten.

Bei allen diesen Problemen, ob beim Vereinssport oder bei den Parkplätzen, müsse die Stadt immer wieder abwägen. Klar sei aber auch, dass es auf der anderen Seite um die Vermeidung von Obdachlosigkeit gehe, wirft Urbach in den Saal.

Die Grenzen der Belastbarkeit

Einige Teilnehmer der Bürgerversammlung denken über den konkreten Fall Feldstraße hinaus. Bei einer Zahl von jetzt bald 1500 Flüchtlingen in Bergisch Gladbach und wöchentlichen Zuweisungen zwischen 50 und 80 Menschen sei das Ende der Belastbarkeit doch absehbar. Die Tatsache, dass es dafür weder in Bergisch Gladbach noch in Düsseldorf noch in Berlin ein Konzept gebe, sei Grund für große Besorgnis, führt ein Teilnehmer an.

Diese Sorge teilt Urbach. Nicht zuletzt deshalb habe er den Brief der NRW-Bürgermeister an Land und Bund mitformuliert, in dem eine bessere Steuerung der Flüchtlinge angemahnt wird.

Allerdings sei Bergisch Gladbach weder konzeptionslos noch am Ende seiner Möglichkeiten angelangt, zählt Urbach auf:

  • das Zeltlager in Katterbach wird in eine Leichtbauhallenunterkunft für bis zu 400 Menschen aufgestockt,
  • das Containerdorf in Paffrath verzögert sich zwar (für die Überquerung von Gasleitungen muss eine aufwendige Betonbrücke gebaut werden), soll aber im Januar fertig werden,
  • bei Herstellern von Containermodulen und Leichtbauhallen wurden Kontingente vereinbart, die nun Monat für Monat abgerufen werden können,
  • eine Taskforce der Stadtverwaltung prüft ständig Gebäude und Grundstücke auf ihre Eignung für weitere Standorte,
  • private Wohnungen werden nach wie vor dringend gesucht,
  • und Last but not least gebe es immer noch die Option, dass der Bund seine eigene Einrichtung, die Bundesanstalt für den Straßenbau (BASt) mit ihren riesigen Flächen und Hallen zur Verfügung stelle; hier gebe es aber immer noch keine Reaktionen aus Berlin.

Das Hotel Cramer in Schildgen ist von der Stadt drei- oder viermal geprüft und als ungeeignet verworfen worden; die Stadt habe es entgegen umlaufender Gerüchte nicht gekauft, betont Urbach. Allerdings gebe es offenbar einen privaten Investor, der einen Termin angefragt hat.

Mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen

Klar sei auch, dass die Stadt etwas für bezahlbaren Wohnraum tun müsse; nicht nur aufgrund der Flüchtlinge, sondern weil auch immer mehr Menschen aus Köln nach Bergisch Gladbach ziehen, sagt Urbach. Daher prüfe die Verwaltung gerade, ob die Gründung einer eigenen Wohnungsbaugesellschaft sinnvoll ist.

Auf jeden Fall verfüge die Stadt noch über Flächen für sozialen Wohnungsbau; zudem werde das Thema bei der Neuauflage des Flächennutzungsplanes eine Rolle spielen. Alles das benötige Zeit, aber „wir sind in diesem Bereich handlungsfähig”, betont der Bürgermeister.

Aber wie lange noch …

Und dennoch, wenn die Stadt dann irgendwann tatsächlich am Limit angekommen sei, alle Ressourcen verausgabt seien, lautet eine weitere Frage, werde der Bürgermeister das dann auch sagen?

„Ja. Wir sind mental darauf vorbereitet, aber ich möchte es jetzt noch nicht sagen,” antwortet Urbach. Bei einer drohenden nächtlichen Zuweisung habe man bereits einmal kurz davor gestanden – aber  insgesamt sei die Stadt noch lange nicht so weit.

„Ein ‘Wir schaffen das’ schafft keine Leichtbauhallen, keine Sanitärcontainer, keine Leichtbauhallen”, geht Urbach auf Distanz zur Kanzlerin. Aber am Ende seien es immer Menschen, von denen die Rede ist. Derzeit gebe es „keinen Grund zu sagen, wir können keinen mehr aufnehmen. Weil wir es noch schaffen.”

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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