Am Anfang steht eine Liste. Wo auch immer ein Flüchtling in Deutschland auf eine Behörde trifft wird er in einer Liste eingetragen, immer wieder. Zum Beispiel in Bergisch Gladbach: Beim Eintreffen der Neuankömmlinge per Bus übernimmt das Sozialamt die Liste der Bezirksregierung und legt einen Eintrag im Fallregister an. Die Daten werden im Bürgerbüro in das Melderegister eingetragen, in der Leistungsabteilung in die Liste der Leistungsbezieher übertragen, in die Unterkunftsbelegungsliste vermerkt und ans Ausländerzentralregister beim Kreis gemeldet.

Kommen die Menschen dann in eine vom DRK betriebene Unterkunft, werden sie in weitere Dateien eingetragen. Einmal im Quartal gleichen Stadt und Bezirksregierung die Zahlen ab.

Der Herr der Zahlen

Im Sozialamt der Stadtverwaltung ist Jens Dettmann für die Verwaltung der Daten zuständig. Er versteht sich als Zahlenfetischist im positiven Sinne, aber auch er verzweifelt immer häufiger an dieser Aufgabe. Denn die Zahlen gehen häufig nicht auf. Und ihre Aussagekraft ist begrenzt.

Alle Einträge beruhen auf  Angaben der Neuankömmlinge. In der Regel haben sie nur eine „Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender” dabei, die sogenannte BüMA. Wer angibt, aus Syrien zu kommen, wird in aller Regel auch als Syrer eingetragen. Mit dem Namen und in der Schreibweise, die der Flüchtling angibt. Die Frau hat dann oft schon wieder einen anderen Namen.

Geprüft werden die Angaben erst beim Interviewtermin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), wo Experten und Dolmeter den Asylantrag entgegen nehmen und kritisch hinterfragen. Aber bis es soweit ist kann es viele Monate dauern.

Jens Dettmann konzentriert sich darauf, seine Listen aktuell zu halten. Er addiert die Neuzugänge, im Oktober 2015 zum Beispiel 306 Personen. Er subtrahiert die Abgänge, die stark schwanken, aber eben auch vorkommen.

Zum Beispiel, wenn sich der Status ändern und jemand eine eigene Wohnung anmieten. Oder wenn eine Person verschwinden und nicht mehr zur Auszahlung der Geldleistungen erscheint. Es gibt sogar einzelne Fälle, in denen frustrierte Flüchtling mit Hilfe einer Uno-Organisation in ihre Heimat zurück kehren. Abschiebungen kommen nur selten vor.

Die Menschen hinter den Zahlen:
Khalil und seine Olivenbäume
Hussein aus Aleppo
Der syrische Rechtsanwalt
Die Junge Mutter
So können Sie helfen
Spendenmarathon – noch bis zum 31.1.2016

Diese Netto-Zahl von untergebrachten Flüchtlingen in der Regelzuweisung wird in der steil ansteigenden Kurve ganz oben und in den Monatswerten in der Grafik unten angezeigt. Hinzu kommen die Flüchtlinge in der Erstaufnahme in den Sporthallen Sand und Feldstraße. Sie können 340 Menschen beherbergen, die Auslastung schwankt allerdings kräftig; aktuell sind es etwas mehr als 100 Personen.

In der Regelzuweisung hatte die Stadt Bergisch Gladbach Anfang Januar 2015 genau 450 Flüchtlinge in den städtischen Unterkünften untergebracht. Ein halbes Jahr später waren es 627 Personen und damit rund 40 Prozent mehr. Ein ordentlicher Anstieg, aber nichts gegen die Dynamik, die in der zweiten Jahreshälfte über die Stadt hereinbrach: 1527 waren es zum Jahresende – ein Plus von 350 Prozent.

2016: Starke Zuweisungen nach der Weihnachtspause

Über Weihnachten bis zum 3. Januar herrschte eine kurze Weihnachtspause, die Bezirksregierung brachte die Neuankömmlinge in den inzwischen aufgestockten Landeseinrichtungen unter. Doch inzwischen nimmt die Regelzuweisung schon wieder Fahrt auf. Alleine vom 4. bis 15. Januar kamen 112 weitere Flüchtlinge hinzu.

Wie es weiter geht, ist völlig offen – denn die Bezirksregierung lässt sich bei der Verteilung der Flüchtlinge nach wie vor nicht in die Karte schauen und gibt keine Vorab-Informationen zur Orientierung heraus.

Daher hatte Bürgermeister Lutz Urbach angekündigt, den Spieß umzudrehen und alle zwei Wochen der Bezirksregierung vorzugeben, wie viele Menschen Bergisch Gladbach in den jeweils kommenden zwei Wochen unterbringen kann. Der Praxistest für dieses Verfahren steht aber noch aus, formal will sich die Bezirksregierung darauf nicht einlassen.

In der städtischen Statistik erfasst sind auch die Herkunftsländer der Menschen, nach eigenen Angaben. Dabei zeigt sich, dass rund ein Drittel aller Menschen in den Bergisch Gladbacher Unterkünften aus Syrien stammen, gefolgt von den Ländern Irak, Albanien und Afghanistan.

Bereits im vergangenen Sommer ist die Zahl der Personen aus den nordafrikanischen Ländern Marokko und Algerien deutlich angezogen, insgesamt machen sie aber nur rund fünf Prozent aller Flüchtlinge in der Stadt aus.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Ich engagiere mich gerne in der Flüchtlingsarbeit. Nur leider werden die unterschwelligen und latenten Belei-digungen unserer „besorgten Bürger“ immer häufiger, auch mir gegenüber.

    Besorgte Bürger, die sich auch gerne und vehement auf unsere jüdisch-christlichen Wurzeln berufen. Jü-disch-christliche Werte, die nicht nur in der Thora oder im Neuen Testament nachlesbar sind (auch der Koran hält dort das ein oder andere Schmankerl bereit), sondern auch den Weg in unser Grundgesetz gefunden haben.

    Ist das bewußt? Wenn ja, warum leben wir nicht danach? Warum leben sie nicht danach?

    Ich habe Menschen kennengelernt, die in ihrem Leben noch nichts anderes als Krieg gesehen haben, so, wie es z.B. viele afghanischen Flüchtlinge erfahren mussten. Auch Menschen, denen es einmal gut ging in ihrer Heimat. Menschen, die ihre Erde nie verlassen wollten, aber keine Möglichkeit sahen, für ihre Familien und Kinder ein lebenswertes (was ist das eigentlich?) und sicheres Dasein, und das zunächst überhaupt nicht im materiellen Sinne, zu gewährleisten.

    Und viele von ihnen wollen auch wieder nach Hause! Nach Hause, ….. wenn das so einfach wäre.

    Viele sagen, es seien doch nur Männer unter den Flüchtlingen, kaum Familien mit Kindern. Das muss jedoch relativiert werden. Zum einen sind die Männer aus diesen Kriegsgebieten diejenigen, die direkt bedroht sind, weil ihnen dort die Verwendung als „Kanonenfutter“ droht. Und wenn man einmal genauer hinschaut, allein in unseren Unterkünften befinden sich solcherart viele Familien mit Kindern. Da kommt man doch ans Nach-denken.

    Menschen kommen aus Eritrea, Irak, Iran, Afghanistan und Syrien zu uns, weil sie um das einzige was sie haben, nämlich ihr Leben, fürchten. Und sie bitten uns um Schutz. Mehr nicht.

    Sie bitten eine Gesellschaft um Schutz, die sich diese Schutzgewährung auf die Fahne geschrieben hat. Und die auch wohlhabend genug ist, diesen Schutz zu gewähren. Keinem Rentner oder HartzIV-Empfänger wer-den ob der Belastung durch die Flüchtlinge die Bezüge gekürzt. Wir fahren weiter hochmotorisierte Autos und leisten uns Flugreisen mit Billigfliegern. Keine Ecke der Welt ist vor uns sicher. Wir können es uns leis-ten. Und das ist zunächst einmal auch gut so. Und soll auch so bleiben.

    Die Flüchtlinge fliehen auch vor Waffen, die Deutschland produziert und exportiert hat. Man bedenke, in der deutschen Rüstungsindustrie sind bis zu 100.000 Menschen direkt beschäftigt, Quellen gehen von weiteren rd. bis zu 200.000 Beschäftigten in der Zulieferindustrie aus. Wenn man diese insgesamt fast 300.000 Men-schen als Haupternährer einer Familie anhält, kommt man doch locker auf 500.000 bis 1 Million Menschen, die durch die Rüstungsindustrie ernährt werden. Und ich meine, die wesentliche Triebfeder für die Rüstungs-produktion ist der Export. Denn die Bundeswehr, als eine reine Verteidigungsarmee, die noch nicht einmal Außengrenzen zu „feindlichen“ Staaten hat, die verteidigt werden müssten, benötigt doch nun wirklich keine – wie geplant – Neuauflage eines Leopardpanzers.

    Schade, dass wir unsere Kompetenz in diesen Bereichen verschwenden. Es gibt so viele Wirtschaftszweige und Forschungsaufgaben, in die wir nutzbringender investieren könnten.

    Ja, es gibt auch die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, das will ich gar nicht in Frage stellen. Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern. Es gibt auch straffällige Migranten wie es die aktuelle Diskus-sion in der Presse zeigt. Der in den letzten Tagen veröffentlichte Kölner Appell hat dem Rechnung getragen. Diese Menschen haben den Anspruch auf Hilfe verwirkt, …. aber sie sind nun einmal da. Hier ist die Politik am Zuge, pragmatische und umsetzbare (!) Lösungen zu finden.

    Wir als Gesellschaft sind jedoch gefordert, unser Gemeinwesen tätig zu gestalten, und dazu gehört nun ein-mal auch die Verpflichtung zur Hilfe. Auch die Hilfe zum Zusammenleben. Und diese Hilfe heißt nicht nur geben, sondern auch lehren, belehren, unterstützen und vorleben. Und manchmal auch lächeln. Eben damit unsere Kommunen lebenswert bleiben.

    Und seien wir ehrlich, in der Konsequenz kann die ganze Flüchtlingsthematik ein riesiges Konjunkturpro-gramm für die BRD sein. Und wieder sind wir zum Gestalten aufgefordert.

    Man muss nicht meiner Meinung sein. Aber gegen die Flüchtlingshilfe zu kämpfen, das ist, als wolle man Fukushima mit dem Staubsauger dekontaminieren. Wir können die Zäune noch so hoch bauen, die Men-schen werden weiterhin kommen. Not findet immer Wege! Also hilft es doch gar nicht, sich gegen diese Menschen, unsere Gäste, zu stellen, sondern vielmehr muss ein jeder von uns Deutschen sich für Integration engagieren und diese unterstützen.

    Eine Alternative gibt es in meinen Augen nicht.

    Freunschaftlichst, Georg Cürten

  2. Sehr geehrter Herr Watzlawek,Ihre Aufarbeitung von umfangreiche Informationen zu Bergisch Gladbacher Ereignissen, insbesondere zur Flüchtlingsproblematik hier, finde ich bewundernswert und möchte mich dafür bedanken. Die zahlreichen Vernetzungen, Links u.ä. geben dem Leser die Möglichkeit, Pro und Kontra zu einem Thema kennenzulernen und sich so eine eigene Meinung zu bilden. Das ist bester Journalismus.
    Nach der Neu-Herausgabe von „in-gl“ haben Sie die Informationsaufbereitung noch erheblich verbessert. Wer in GL mitreden will, muss Ihr Bürgerforum lesen (und sollte deshalb dieses Forum auch finanziell unterstützen!)