Bis April soll das Radverbot in der Fußgängerzone fallen – und eine „Zone des Miteinanders” entstehen

Die Öffnung der Gladbacher Fußgängerzone für Radfahrer ist heftig umstritten, aber grundsätzlich schon 2016 beschlossen worden. Im Frühjahr soll das Radverbot nun fallen – nach einer intensiven Informationskampagne. 

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Vor 18 Monaten hatte der Stadtrat das Mobilitätskonzept beschlossen. Mit 70 Einzelmaßnahmen soll der Autoverkehr entlastet werden, doch die Umsetzung kommt nur langsam voran. Der erste Schritt waren die Radfahrstreifen auf der Kölner Straße, die nach wie vor hart umkämpft sind. Weitere Streifen dieser Art sind vertagt worden, sie sollen jetzt erst mal mit den Radfahrverbänden diskutiert werden. 

Ebenso kontrovers ist eine weitere Maßnahme: die Zulassung von Radfahrern in der Gladbacher Fußgängerzone. Daher will die Stadtverwaltung diesen Schritt im Frühjahr erst nach einer breit angelegten Informationskampagne gehen. 

„Durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, die im Vorfeld zur Öffnung beginnen soll, sollen alle Verkehrsteilnehmer (Fußgänger, mobilitätseingeschränkte Personen und Radfahrer) auf das neue Miteinander in der Fußgängerzone aufmerksam gemacht werden,” heißt es in einer Mitteilungsvorlage, die am Mittwoch in einer Sitzung des Inklusionsbeirats vorgestellt werden soll. Später sollen der Verkehrsausschuss und der Planungsausschuss entscheiden. 

Bislang ist die Fußgängerzone und die direkte Umgebung für Radfahrer eigentlich tabu. In der Regel schauen die Ordnungshüter weg, wenn sich dort jemand rücksichtsvoll und in angepasstem Tempo auf zwei Rädern bewegt. Es gibt aber auch viel Unmut über Radfahrer, die dort Slalomrennen veranstalten. 

Bei einer Stichprobe im Oktober wurden pro Tag im Schnitt rund 350 Radfahrer 1.065 Fahrräder gezählt. Das spreche eineseits „für eine deutliche Attraktivität der Fußgängerzone trotz Durchfahrtsverbot für den Radverkehr”. Dennoch seien dort keine Unfallauffälligkeiten registriert worden.

Wer per Rad von Nord nach Süd will, muß hier absteigen und schieben – oder eine Umweg fahren.

Mit der Öffnung der Fußgängerzone soll der Umstieg vom Auto aufs Rad gefördert werden. Derzeit, so die Vorlage, wirke die verbotene Zone wie eine Barriere. Künftig müssten Pendler und Schüler keine Umwege mehr fahren, die Innenstadt werde zu einer „Zone des Miteinanders”, eine Fahrradkultur könne entstehen. 

Gleichzeitig soll das Zentrum damit für radfahrende Kunden und Touristen attraktiver werden. Daher stünden die Einzelhändler dem Projekt positiv gegenüber. Immerhin wohnen 44 Prozent der Bergisch Gladbacher (48.660 Personen)  im direkten Umkreis von 2,5 km Luftlinie rund um die Fußgängerzone.

E-Bikes können den Einkauf per Rad erleichtern, in der Radstation kann man jetzt sogar ein Elektrorad für Lasttransporte ausleihen.

Auf zwei Rädern zum Großeinkauf: LARA im Praxistest

Aber auch in Zukunft haben Fußgänger immer Vorrang, Radfahrer dürfen nur Schrittgeschwindigkeit fahren, betont die Stadtverwaltung. Die Einhaltung der Regeln sollen von Beginn an durch Polizei und Ordnungsamt kontrolliert werden. 

Einen besonderen Augenmerk hat die Verwaltung auf die Interessen von „mobilitätseingeschränkten Personen”, also von Senioren oder von Menschen mit Behinderung. Das Blindenleitsystem müsse gefahrlos nutzbar sein. Den Radfahrern soll „die nötige Sensibilität soll auch durch eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit” vermittelt werden.

Anders sehen + verstehen: Der Klingel sei Dank

An den Eingängen zur Fußgängerzone werden Hinweisschilder angebracht, die auf die allgemeinen Nutzungsbedingungen (z.B. „Fußgänger bestimmen den Verkehr“, „Fahrradfahrer müssen Schrittgeschwindigkeit fahren“,…) als auch auf das Blindenleitsystem hinweisen. Fahrradständer sollen nur in den Seitenstraßen, nicht in der Hauptstraße selbst installiert werden. 

Um die Gefahr von Unfällen weiterhin so gering wie möglich zu halten, bleibt bei Veranstaltungen auf dem Konrad-Adenauer-Platz sowie in der Fußgängerzone (Markt, Kirmes, Weihnachtsmarkt, Stadtfeste, Bautage etc.) der Radverkehr verboten. Auch darauf weisen Schilder hin.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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3 Kommentare

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  1. Als ich den Artikel las konnte ich mir nur an den Kopf fassen. Wenn man nun von einem Radfahrer angefahren wird, was mir schon öfter beinahe passiert wäre, hat niemand was falsch gemacht! Wie das Wort schon sagt: Fußgängerzone, da kann man nur lachen.

    Grüss Gott

  2. Wasch mich aber mach mich nicht nass! Das scheint das Motto der Verkehrspolitik und zu vieler Bürger zu sein. Der Radfahrer ist ein übler, rücksichtsloser Genosse klagt der Autofahrer, der mir eben noch beim Einfahren in die Tiefgarage den Weg Abschnitt und dort zum benachteiligten Fussgänger mutierte…
    “Zone des Miteinanders” ist ein guter Titel, wenn die Haltung dazu da ist. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass stärkere Verkehrsteilnehmer auf schwächere Rücksicht nehmen, geradezu überflüssig, dass das in der StVO extra stehen muss. Aber Miteinander ist auch Toleranz und Neugier und Lernfähigkeit. Immerhin ist der sich fehlverhaltende Radfahrer – den es gibt und der ich manchmal ohne böse Absicht auch sein mag – als Person sichtbar und ansprechbar, er versteckt sich nicht hinter einer Tonne Blech und drückt leicht aufs Gas, wenn es eng wird. Und liesse man es zu, würden sich alle mit Leichtigkeit an die neuen Verhältnisse gewöhnen.
    Im Stadtentwicklungskonzept steht es, im Mobilitätskonzeot steht es, der gesunde Menschenverstand sagt es uns, der Autoverkehr ist ein Problem und der Radverkehr ein Lösungsbeitrag. In GL wird er betrachtet wie vor 30 Jahren in Köln, als Randgruppen- und Benacheiligten-Verkehrsmittel. Mit großer Selbstverständlichkeit nehmen Autofahrer indes den ca. 35-fachen Strassenraum ein wie Radfahrer, von den CO2 Emissionen und dem Lärm mal ganz abgesehen. Mittlerweile machen selbst spanische Mittelstädte vor wie es geht: http://www.tagesspiegel.de/berlin/vorbild-fuer-verkehr-in-berlin-eine-spanische-stadt-bremst-autos-aus-zugunsten-der-radfahrer-und-fussgaenger/12106634.html
    Oben heisst es, dass 44% der Bevölkerung in 2,5km Entfernung zur Innenstadt wohnen, sieht denn keiner das Potential? Ich sehe nicht annähernd 44% Radverkehrsanteil in der Stadt. Der in Auslegung befindliche FNP wird die Quote aller Wahrscheinlichkeit nach verschlechtern, nicht gerade hilfreich. Städtische Nachverdichtung und dichtere Bebauung in innenstadtnahen Lagen statt Einfamilienhäuser draußen sind das Mittel für eine bessere Verkehrsinfrastruktur (und vieles Andere mehr) und mehr Rad- und Fussgängerverkehr die Belohnung. Die Öffnung der Fussgängerzone ist darin ein selbstverständlicher Schritt, im Miteinander!

  3. Das Angebot, Radfahrer offiziell durch die Fußgängerzone fahren zu lassen, muss m.E. einher gehen mit der Einrichtung eines gut gekennzeichneten Fahrradweges auf dem Pflaster. Es gibt genug weniger rücksichtsvolle Radfahrer, die die erlaubte Nutzung der Fußgängerzone in teilweise gefährlicher Art ausnutzen werden.