Bernd Himperich, Inhaber der Bensberger Metzgerei Himperich in 5. Generation

Seit 1880 versorgt die Familie Himperich Bensberg mit Leberwurst und Flönz, zuletzt auch mit Spanferkel und Dry Aged Beef. Damit ist es am 1. April vorbei, Bernd Himperich ist gescheitert. An den Gesetzen der Ökonomie – und an uns.

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„Ich habe alles versucht, aber jetzt muss ich die Reißleine ziehen”, sagt Bernd Himperich im Gespräch mit dem Bürgerportal. Es sei sehr schwierig geworden, im Handwerk „allein mit guten Leistungen zu überleben.”

„Fachlich bekomme ich das alles hin, aber die menschlichen Anforderungen sind immens”, Es sei schwierig geworden, im Handwerk „allein mit guten Leistungen zu überleben”, sagt der 36-jährige Metzger. 

Das Personal ist informiert, am Ostersamstag schließt er zum letzten Mal die Tür der Metzgerei in der Bensberger Schlossstraße ab und sucht sich einen Job als Angestellter in der Lebensmittelindustrie. 

Die Metzgerei  Werner aus Bad Honnef übernimmt das Geschäft (als 10. Filiale) und die Angestellten, aber die Geschichte der Traditionsmetzgerei Himperich geht damit in der 5. Generation zu Ende. Für Bensberg, das zuletzt die Metzgerei Sprenger und die Konditorei Himperich verloren hatte, ein harter Schlag.

Hintergrund: Werner’s Metzgerei
hat ihren Sitz und den Produktionsbetrieb in Bad Honnef sowie neun Filialen in Siegburg, Bonn, Brühl und Neunkirchen und fünf Mal in Köln. Auf ihrer Website gibt sie sich sehr modern, im Stil eines Burger-Ladens – setzt aber auch auf die Schlagworte „traditionell” und „regional”.

Inhaber Klaus Werner führt den 1962 gegründeten Familienbetrieb in der zweiten Generation und hält nach eigenen Angaben, „traditionelle Werte und Vertrauen”. Das Fleisch kommt aus der Eifel.

Mehr Infos auf der Website und auf Facebook

Himperichs Ende ist eine tragische Entwicklung, die in allen Städten des Landes zu beobachten ist und zum Aussterben der Handwerksbetriebe im Lebensmittelbereich führen kann. In Bergisch Gladbach gibt es bis auf Andreas Niedenhof in Refrath, Thomas Müller in Hand und Marktmetzger Jörg Wederman keine handwerklichen Metzger außerhalb von Supermärkten mehr. Wie Sprenger an der Kölner Straße hatte auch Kühlheim in Heidkamp 2017 dicht gemacht.

Auch die Zahl der eigenständige Bäcker nimmt ab, zuletzt schloss der Familienbetrieb Eilers in Refrath. Inzwischen zählt die Handwerkskammer in der ganzen Stadt nur noch fünf Bäcker.

Ein moderner Metzger wie aus dem Bilderbuch

Dabei ist gerade Bernd Himperich der junge, innovative, Marketing-orientierten Metzger wie aus dem Bilderbuch. Wenn er es nicht schafft, eine handwerkliche Fleischerei am Leben zu erhalten, wer dann? Und wenn nicht im anspruchsvollen, traditionsbewußten und wohlhabenden Bensberg, wo dann?

„Mein Opa hat erst halbe Rinder an 4711 geliefert und dann Frikadellen verkauft, mein Vater die fertigen Rouladen an die Krankenhäuser geliefert, ich habe das Abholer-Spanferkel-Buffet eingeführt”, schildert Himperich den Versuch, sich immer wieder den veränderten Ansprüchen der Kunden anzupassen und die  Qualität hoch zu halten: „Aber es hat nicht gereicht.”

Für die Schließung des Betriebs sei ein ganzes Bündel an Ursachen verantwortlich. „Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Trends kommen wie eine riesige Welle, das reißt Dich einfach um”, bilanziert Himperich.

Tatsächlich ist er an den Gesetzen der Ökonomie gescheitert. Und an uns Verbrauchern. 

Deutlich mehr als eine Million Euro Umsatz hat Bernd Himperich im Jahr mit seinen 27 Angestellten gemacht, zuletzt hatte er auch ein kleines Geschäft in Köln-Niehl. Aber der Umsatz sinkt, Jahr für Jahr um drei bis fünf Prozent. Die Umsatzrendite lag in guten Jahren bei knapp fünf Prozent. Aber es gab auch schlechtere Jahre. 

Immer wieder musste Himperich fünfstellige Summe investieren, um Geschäft und Produktion auf aktuellem Stand zu halten und die steigenden hygienischen Standards zu erfüllen.

„Das Gesundheitsamt misst uns mit dem gleichen Maßstab wie einen Industriebetrieb. Wir diskutieren über Fugentiefen – obwohl bei uns eben keine Hilfskräfte, sondern gelernte Gesellen und Meister arbeiten, die wissen, wie wichtig Sauberheit ist,” sagt Himperich. 

Daher bleibt zu wenig Geld in der Kasse, um zum Beispiel einen Betriebsleiter zur Entlastung des Inhabers einzustellen. Mal davon abgesehen, dass es auch für Himperich immer schwieriger wurde, Fachkräfte zu finden. „Ich bin hier ja nicht nur Metzger, sondern auch Personalchef, Partyservice-Koch und manchmal sogar der Partyservice-Ausfahrer.” 

Auch für die notwendige Digitalisierung, ein Warenwirtschaftssystem, die Moderniserung von Laden und Produktion, fehlt die Basis. Schnell sammeltsich ein Investitionsstau von mehr als einer halben Million Euro an. 

Der einzige Ausweg aus dem Dilemma, das sah auch Himperich so, war Wachstum. Mehr Filialen, neue Produkte und Dienstleistungen bringen mehr Umsatz und auch Gewinn, die in mehr Personal, unternehmerische Strukturen und Marketing investiert werden. Eine Rechnung, die nicht aufging.

„Neuanfang auf der Grünen Wiese wäre besser gewesen”

Selbstkritisch räumt Himperich ein, dass er einen grundlegenden betriebswirtschaftlichen Fehler gemacht hatte, als er vor gut zehn Jahren nach der Lehre im elterlichen Betrieb, nach der Ausbildung zum Betriebswirt des Handwerks und Wanderjahren in der Schweiz und in China den Familienbetrieb übernahm.

„Damals hätte ich mir eine Million Euro leihen sollen, mit der Produktion aus der Schlossstraße raus auf die Grüne Wiese ziehen und alles groß aufziehen sollen”, sagt Himperich, „aber dazu hatte ich nicht den Mumm”.

Statt dessen wollte er organisch wachsen, aus den eigenen Ideen und aus dem Betrieb an der Schlossstraße heraus. Denn die hält er nach wie vor für einen sehr guten Standort. 

Himperich expandierte nach Köln. Er bot Hundefutter an. Er baute eine heiße Theke und einen Mittagstisch auf. Er kochte Fleischkonserven, belieferte in der Spitze 110 Supermärkte und eröffnete einen eigenen Online-Shop. Er rührte eine vegetarische Leberwurst an. Er kaufte das beste regionale Färsenfleisch und produzierte selbst Dry Aged Beef. Er packte donnerstags „Spar-Tüten”. Er erweiterte den Außerhaus-Service, bietet Catering-Sprechstunden an und baut das Selbstabholer-Buffet aus. Und es reichte immer noch nicht. 

80 Stunden die Woche

Zum Schluss hat der Vater von drei Kindern 80 Stunden in der Woche gearbeitet, krank werden durfte er ohnehin nicht. Und es reichte immer noch nicht. 

Denn der Umsatz stieg nicht, er ging zurück. Jahr für Jahr. 

150 Meter weiter: Die Fleischtheke bei Aldi

Es sind die Supermärkte und Discounter – und wir Kunden

Vordergründig sind dafür die Supermärkte und Discounter verantwortlich. „Aldi und Lidl rüsten immer mehr auf und treiben Rewe und Edeka vor sich her – und die machen uns handwerklichen Betrieben das Leben schwer”, erläutert Himperich.

Die Filialketten haben im Hintergrund eine industrielle Produktion, ein Heer von Hilfskräften und riesige Werbeetats. Und verkaufen das Fleisch zu Preisen, mit denen sie Verlust machen, um die Kunden ins Geschäft zu locken.

Tatsächlich aber sind es wir Konsumenten, die unsere kleinen Bäcker und Metzger aus dem Geschäft drängen. „Bei meinem Vater, nach dem Krieg, hat hier jede Kundin zwei Kilo Rindergulasch, ein Kilo Leberwurst und ein Pfund Aufschnitt gekauft. Heute reichen wir 100 Gramm Geflügelwurst rüber”, sagt Himperich. 

Er beklagt sich nicht über seine Kunden, aber er sieht sehr genau, wie sich das Konsumverhalten und die Ansprüche verändert haben. Immer wieder werde er gefragt, warum denn das Schweinefilet bei ihm doppelt so teuer sei wie bei Aldi.

Und er selbst gehört zu den Leuten, die aus Zeitmangel die Schrauben nicht bei Obi holt, sondern schnell bei Amazon bestellt. Daher kann er sich ausmalen, was passiert, wenn Amazon demnächst auch Lebensmittel ausliefert. 

Attraktiv wie ein Touristenort – und bald tot

Schon jetzt erinnere ihn Bensberg an Touristenstädte in Südfrankreich: Die Leute flanieren durch die Schossstraße, freuen sich über kleine Geschäfte – und kaufen bei Aldi, sagt Himperich. „Egal was man macht, die Wertschätzung der Kunden kommt einfach nicht – und irgendwann ist dann alles weg.”

Er knetet die Hände, zuckt die Schultern. Er ist nicht resigniert, er jammert und klagt nicht. Aber was die Zukunft der kleinen Metzger angeht, hat er keine Illusionen. Ein paar Kollegen der älteren Generation mache noch bis zum Ruhestand weiter, beute sich selbst und die Familie aus. Und dann ist bald ganz Schluss. 

Ein Schicksal, das Bernd Himperich nicht erleiden will: „Handwerk macht Spaß und obwohl es sportlich war haben wir relativ lange durchgehalten, aber irgendwann geht es einfach nicht mehr.” Daher startet er neu, nutzt seine Erfahrungen und macht (ersteinmal) als Angestellter etwas ganz anderes. 

„Die Bensberger haben es selbst in der Hand”

Einen weiteren Niedergang wünscht Himperich weder Bensberg noch der Schlossstraße. Daher appelliert der Metzger an die Stadtverwaltung und Lokalpolitik, bei der Neugestaltung die Parkplätze nicht zu vergessen. Langfristig könne sich die Umgestaltung zur Flaniermeile ja auszahlen, aber „kurzfristig reicht Betrieben wie uns ein schlechtes Jahr, dann sind wir weg”.

Auch an die Bensberger selbst hat Bernd Himperich eine Bitte. Zwar wird der Nachfolgebetrieb vor Ort keine Wurst mehr produzieren, aber das Geschäft nach einer zweiwöchigen Renovierung mit einem ähnlich hohen Anspruch weiter führen.

„Dann haben es die Bensberger selbst in der Hand,” sagt der Bensberger Himperich, „wenn die den Laden auch noch in die Pleite drängen, dann bleibt nur noch der Supermarkt.”

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Die Metzgerei Himperich ist bis zum 31. März geöffnet und bietet bis dahin das volle Programm in der bekannt guten Qualität. Mehr Infos: Website, Facebook, Online-Shop

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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7 Kommentare

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  1. Die Inhaber werden zu geizig, nicht der Kunde. Wieso halten sich andere Metzgereien?

  2. Gute Qualität bei vernüftigen Preisen funktioniert immer noch, das kann man an anderen Metzgereien sehen, etwa bei Molitor in Dürscheid oder Stefer in Kürten. Dort stehen die Leute Schlange, weil es hervorragende Qualität und freundliche Bedienung zu angemessenen Preisen gibt. All das, so muss man leider konstatieren, gab es in der Schloßstraße zuletzt leider nicht mehr und genau da liegt auch nach meiner Auffassung der Grund für den Niedergang. Wenn Samstagsmorgens nur ein zwei Kunden im Geschäft stehen, stimmt etwas Substanzielles nicht, dass hat aber mit Geiz nichts zu tun, zumal nicht in der Schloßstraße. Die Bensberger sind nicht geizig, sie wollen aber für ihr Geld einen angemessenen Gegenwert, wenn das nicht mehr gewährleistet ist, bleibt der Erfolg aus. Das Cafe Kroppenberg zum Beispiel ist nicht wirklich günstig, liefert aber so hervorragende Qualität, dass die Kunden dennoch Schlange stehen.

  3. Liebe Redaktion,
    Der Vollständigkeit halber möchte ich anmerken, dass meines Wissens nach die Metzgerei Müller auf der Handstraße in der x-ten Generation eigenständig ist und weiter Ihren Betrieb aufrecht erhält. Zum Glück..
    Martin Freitag

  4. Sehr traurig. Früher hatte Handwerk mal goldenen Boden.Die Bäcker und Metzger leiden schon seit Jahren weil die Discounter immer weiter aufrüsten.Allerdings leiden alle kleinen Betriebe die noch Wert auf Qualität legen und anständige Arbeit leisten möchten.Das ist in meiner Branche so ähnlich und wenn man dann noch mitten in der Großbaustelle Bergisch Gladbach seinen Laden hat (wie ich) beneide ich Herrn Himperich fast für seine Konsequenz die Selbstausbeutung zu beenden! Wenn in Bensberg die Baustellen eröffnet werden wird das auch noch einigen anderen Geschäften das Genick brechen.

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