Die Standarte der Grossen Bensberger mitten im Trubel. Dahinter, auf dem Sozius des Motorrads, eine Dame. Dazu später mehr. Alle Fotos: Helga Niekammer

Seit einem halben Jahrhundert erstürmen die Jecke der ganzen Stadt das Bensberger Rathaus. Das war nicht immer unstrittig, ist aber längst eine von allen geliebte Tradition – die sich jedes Jahr neu erfindet. Auch 2019 wurde ein Novum geboten, bei dem Lutz Urbach eine wichtige Rolle spielte. 

1968 wurde der seit Jahren schlafende Bensberger Karnevalszug aus zum Leben erweckt. Ein paar junge Bensberger organisierten den ersten Zug der Neuzeit, der dann 1969 mit sechs Wagen und einigen Gruppen durch Bensberg zog.

„Wie nennen sie sich“, wurden die Protagonisten von der Presse gefragt. Worauf die antworteten: „Wir haben noch keinen Namen, wir sind nur ein paar junge Bensberger … .“ Daraus wurde am nächsten Tag die  „KG Junge Bensberger”. Doch schon ein Jahr später wurde umfirmiert und man nannte sich nun „Grosse Bensberger Karnevalsgesellschaft von 1968 e.V. Rot Weiss“.

1969 veranstaltete die ebenfalls neu gegründete „Interessengemeinschaft Bensberger Karneval“ die erste Rathauserstürmung – die in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum feiert. Seit vielen Jahren zeichnet das heutige „Festkomitee Bensberger Karneval“ (FBK) verantwortlich für diese Veranstaltung. Dabei überlässt sie den Ablauf der eigentlichen „Erstürmung“ einer Bensberger Karnevalsgesellschaft.

Nach der Eiszeit die Klärung

Diese Tradition ist allerdings nicht völlig unbestritten. Vor einigen Jahren forderte ein Mitglied des damaligen Dreigestirns nachhaltig und mitunter lautstark, die Rathauserstürmung nach Alt Gladbach zu verlegen. Das ging bis zu einem Eklat beim Prinzenessen, führte zu einer kurzen Eiszeit zwischen Galdbach und Bensberg – und dann zu einer Klärung.

Am 21.2.2012 unterschrieben die Vorsitzenden der beiden Festkomitees und der beiden großen Gesellschaften, der Grossen Gladbacher und der Grossen Bensberger KG, eine Vereinbarung über die  Eckpunkte des Bergisch Gladbacher Karnevals endgültig festlegte.

Daher fand auch die 50. Erstürmung an diesem Donnerstag in Bensberg statt. Und wie immer musste sich eine der Bensberger Karnevalsgesellschaften etwas Neues einfallen lassen.

Perfektes Wetter, großzügige Spender

Petrus hatte seinen Fehlgriff vom vergangenen Jahr korrigiert und strahlenden Sonnenschein geschickt. Die Temperatur stimmte ebenfalls froh, und so strömten zahlreiche Kostümierte zum Rathaus-Parkplatz, wo Bühne und Bierwagen warten – und eine schmackhafte Suppe, die die Stadt kostenfrei servierte.

Schon um 10 Uhr hatte der traditionellen Empfang in der Bensberger Bank in der Schlossstraße stattgefunden, bei der sich viele Karnevalisten und die Bergisch Gladbacher Dreigestirne klein und groß mit ihren jeweiligen Adjutanten und Prinzengarden zusammenfanden.

Bei Freibier und Schnittchen wurde jeschwad, jedanz, jemümmelt un jespendet. 6.666,66 Euro erhielt das Festkomitee von der Bensberger Bank, die ohnehin den Bensberger Karneval sehr gut unterstützt. Die größte Konkurrenz am Ort, die Kreissparkasse Köln, weiß auf gleiche Weise, insbesondere dem Kinderdreigestirn der Stadt Bergisch Gladbach bzw. dessen Förderkreis finanziell unter die Arme zu greifen.

Die Ungeduld auf dem Platz vor der Bühne wurde größer. Es ging auf 11:11 Uhr, der karnevalistischen Uhrzeit schlechthin, und schon wurden die ersten Klänge eines Musikcorps hörbar.

Wo steckt der Bürgermeister?

Dat janze Schmölzje aus der Bank fand seinen musikalisch begleiteten Weg zur Bühne und nahm dort in Mannschaftsstärke Aufstellung. Begrüßt vom Präsidenten des Festkomitees, Gerd Breidenbach, wood do och widder jeschwad, mehrmals Alaaf jubiliert, das kleine und das große Dreigestirn brachten, umringt von ihren Prinzengarden, Ihre Lieder und Tänze zur Vorführung und die Prinzengarde des kleinen Trifoliums zeigte einen ihrer Tänze. Alle Darbietungen wurden kräftig mitbesungen, heftig beklatscht und den Protagonisten gezeigt, wie das Volk hinter ihnen steht.

Nun versuchte Gerd Breidenbach den Bürgermeister zu Gesicht zu bekommen, was weder ihm noch allen anderen gelang. Trotz mehrfacher Aufforderung, sich endlich zu zeigen, „du Feigling“, ließ der sich 1. Bürger unserer Stadt nicht blicken.

Etwas ratlos schauten sich besonders auf der Bühne alle an und auch die im Publikum wunderten sich, dass keine ausführende Gesellschaft zu erkennen war. Plötzlich war ein Motorengrollen zu vernehmen. Ein Rocker auf einer Harley donnerte über den Platz, und seine Sozia?  .  .  . War das nicht Tanja Urbach.

Hatte der „Feigling“ etwa seine Frau vorgeschickt, um sich selbst in Sicherheit zu bringen?

Nein, so ist unser Bürgermeister nicht gestrickt. Eine zweite Harley folgte, mit zwei Rockern obendrauf. Eine kurze Zeit war man unsicher, ob der Person auf dem Sozius, die mit pechschwarzen Haaren und ebensolcher Lederjacke recht jung wirkte.

Doch nach kurzer Zeit ging ein „ja es et dann möchlich?“ durch die Reihen. Lutz Urbach als Rocker. Dem diesjährigen Motto „Mir rocke, mir rolle, mir fiere wie de Dolle“ folgend, hatte er sich freiwillig dazu aufgemacht, dem Dreigestirn nun auch die Verantwortung für den Straßenkarneval zu überlassen – 2. Schlüsselübergabe – und „mit meiner Frau ein paar Tage Urlaub zu machen“.

Das fand mancher sehr mutig unmittelbar neben der entstehenden Schlossgalerie, die noch sehr viel politischen Wirbel verursachen kann, jedoch wohl nicht in der Karnevalszeit.

Eine gute, soziale Idee des Dreigestirns

Alle wichtigen Zeremonien waren vollbracht, Dreigestirne, Prinzengarden und Adjutanten wurden mit vielen Alaaf-Rufen verabschiedet und mussten sich um ihre nächsten Termine kümmern. Allerdings versprach das große Trifolium, um 14 Uhr wiederzukommen, weil dann der Schlusspunkt einer großartigen Aktion gesetzt werden sollte.

In bunter Reihenfolge setzte sich das Programm abwechselnd mit Musikgruppen, Tanzcorps und der Nikuta von Bergisch Gladbach fort, der seit einigen Jahren ein Sessionslied für BGL präsentiert. Zwischendurch wurde zur DJ-Musik gesungen, was die Kehlen hergaben, und auch Petrus hielt noch, was er morgens versprochen hatte.

Kurz nach 14 Uhr zog wieder das große Dreigestirn auf, um sein Versprechen einzulösen. Weit vor der Session hatten die Drei die Idee, Kindern, denen es besonders gut tun würde, unter die Arme zu greifen und eine Produktion von 15.000 (in Worten fünfzehntausend) Pins aufzulegen, auf denen vorne das Dreigestirns zu sehen, aber, wichtiger, hinten eine Nummer zu lesen war.

Alle Pins waren verkauft und mit der richtigen Nummer konnte man: ein Auto, einen Computer im Wert von 3.500 Euro oder eine Übernachtung zu Zweit in einer Suite des Grandhotels Schloss Bensberg mit Frühstück gewinnen.

Diese Preise wurden jetzt gezogen, und Prinz Hanno griff in die Trommel. Nach mehrfacher Verlesung der gezogenen Nummer wurde dieses Los mangels Meldung vernichtet. Prinz Hanno zog ein zweites Mal und nach der Nennung dieser Nummer gab es sofort einen glücklichen Aufschrei. Eine Dame hatte das Auto gewonnen und war schier fassungslos. Das war richtige Freude.

Jungfrau Jutta zog für den 2. Preis gleich den anwesenden Preisträger und Bauer Manfred musste auch zwei mal ran, bis der glückliche Gewinner gefunden war. Eine großartige Idee hatte ihren Höhepunkt gefunden.

Das ganze Palaver hatte eine gute halbe Stunde gedauert, worauf sich der Reigen mit Musik und Tanz fortsetzte. Bald hatte Petrus wohl andere Baustellen, denn es wurde windig und damit kälter. Langsam löste sich die schöne Veranstaltung auf, um sich, verteilt auf viele Kneipen und Säle, in der ganzen Umgebung fortzusetzten.

„Et wor widder schön, och met denne Mopäde, jet neues ens, prima, ich freue mich schon op et nächste Johr“ war allgemeiner Tenor. Schön, wenn se all nächstes Johr widder dobei sin!

Alle Fotos: Helga Niekammer, Bensberg im Blick

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Rolf Havermann

wohnt seit 1982 in Bergisch Gladbach. Hat hier 30 Jahre lang sein eigenes Unternehmen geführt. War elf Jahre Vorsitzender eines Bensberger Karnevalsvereins. Ist nun dessen Ehrenvorsitzender und Rentner - und beschätigt sich seit Februar 2016 mit wachsender Intensität mit dem FNP.

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