Foto: Thomas Merkenich

Vor gut drei Wochen ist die Nachfrage nach Impfungen auch in Rhein-Berg plötzlich eingebrochen, die Gründe dafür sind vielfältig. Nun gelten niedrigschwellige Impfungen, dezentral und vor Ort, als Weg, die Impfquote noch ein Stück weit hoch zu drücken, das Impfzentrum in der RheinBerg Galerie wird ohnehin Ende September geschlossen. Zeit also für eine Bilanz vor Ort.

Ein Nachmittag in der Innenstadt. In der Fußgängerzone herrscht Betrieb. Passanten sind mit und ohne Masken unterwegs, die Cafés sind gut gefüllt. Wenig los ist hingegen im Untergeschoss der RheinBerg Galerie, im Impfzentrum für den gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis (RBK). Wo vor drei Wochen noch 1.800 Impflinge pro Tag durchgeschleust wurden, sieht es an diesem Nachmittag eher aufgeräumt aus.

Wir sprechen mit Gerhard Weber, dem organisatorischen Leiter des Impfzentrums. Er kommt vom Kreis, wo er für Arbeitsschutz, Gesundheitsvorsorge und Konfliktmanagement zuständig ist. Internist und Sportmediziner Dr. Hans-Joachim Bohn aus dem ärztlichen Leitungsteam des Impfzentrums ergänzt die Runde.

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„Hier vor Ort sind die Aufgaben gut verteilt. Der RBK zeichnet für die Räumlichkeiten und die Organisation verantwortlich, die KVNO verantwortet den medizinischen Teil, also die Impfung“, sagt Weber. KVNO steht für „Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein“, die in der Impfkampagne eine große Verantwortung übernommen hatte.

„Das DRK ist für die Anmeldung und Vorabinfo der Impflinge zuständig, die Johanniter übernehmen Nachbeobachtung und eventuelle Notfälle,“ erläutert Bohn. Die gebe es aber nur sehr selten. Heute zum Beispiel habe ein 13-jähriger beim Blick auf eine Impfnadel einen Schwächeanfall bekommen.

Quote etwa auf Landesniveau

Im Impfzentrum verabreiche man vornehmlich Impfstoff von BionTech und Moderna. Johnson sei bei mobilen Einsätzen ein Thema, erklärt Weber: Dort, wo es sinnvoll sei eine einzige Dosis zu verimpfen für den vollen Impfschutz.

Im Moment (Stand 12. August) liegt die Impfquote im Kreis bei 67 Prozent Erst- sowie 57 Prozent Zweitimpfungen. Damit weist der Kreis zum Stichtag in etwa NRW-Niveau auf.

Heute sei noch relativ viel Betrieb, man komme auf rund 1.000 Impfungen berichten Weber und Dr. Bohn. Vier von acht Imfpstraßen seien dafür in Betrieb. Rund 45 Mitarbeiter:innen von RBK, DRK, Johanniter und der KVNO, wozu auch die Ärzte gehörten, würden das Impfzentrum am Laufen halten.

Man könne den Personaleinsatz relativ gut steuern, da die Termine von der KVNO mit einem Vorlauf von rund ein bis zwei Wochen das Impfzentrum erreichen würden, erklärt Gerhard Weber. Entsprechend habe man vor drei Wochen den Einbruch bei den Impfzahlen gut ausbalanciert.

Lagen in Spitzenzeiten die täglichen Impfungen bei 1.800, so erreiche man derzeit im Schnitt nur noch 200 bis 300. „Vor einem Monat gab es noch einen Mangel an Impfstoff“, schildert der RBK-Mann. Die Nachfrage war entsprechend hoch, teilweise mussten Zweitimpfungen sogar verschoben werden.

Darum ist Impfung für Kinder so wichtig: In einer der Impfstraßen des stationären Impfzentrums arbeitet Kinderarzt Dr. Peter Saupp, niedergelassener Arzt aus Leichlingen. Er impft seit Montag Kinder von 12 bis 18 Jahren im Impfzentrum. Die Ständige Impfkommission habe keine generelle Empfehlung zur Impfung von Kindern gegeben, außer bei Vorerkrankungen oder bei Risiken im häuslichen Umfeld, erklärt Dr. Saupp. Aber: Auf Wunsch von Eltern und Kindern könne dennoch geimpft „hier sieht die STIKO eine Öffnungsklausel vor“. 

Er plädiert dafür, dass sich Kinder impfen lassen. Zwar wiesen diese keine schweren Krankheitsverläufe im Falle einer Corona-Infektion auf, „das stecken die meist gut weg“.

Ihm sei indes der soziale Aspekt wichtig: „Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Pandemie. Eine Quarantäne mit Home Schooling und Trennung von Freunden ist für sie besonders schlimm.“ Er nehme in seiner Praxis eine Zunahme an psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen wahr, mit Angstsymptomen und Depressionen. 

„Durch die Impfung kann die Quarantäne vermieden werden, daher macht sie auch bei Kindern und Jugendlichen Sinn. Denn die mentale Gesundheit ist ebenfalls immens wichtig“, sagt Saupp. 

Unwilligkeit, Unkenntnis, Desinteresse

„Plötzlich erreichten wir eine Art Sättigung bei jener Bevölkerungsgruppe, die impfwillig zu sein scheint“, schildert Weber die Trendumkehr. Dabei hätte man dank des verfügbaren Impfstoffes noch weiter mit Volllast impfen können.

Unwilligkeit aus Unkenntnis scheine einer der Gründe zu sein, warum manche sich nicht zu einer Impfung entschließen könnten. „Die anderen sind doch schon geimpft, die Inzidenzen gehen doch runter, da ist es egal ob ich mich impfen lasse“, fasst Dr. Bohn die Gedanken der Impfverweigerer zusammen. „Was soll ich mich impfen lassen wenn ich doch überall Zugang zu Geschäften und Restaurants habe.“

Weber ergänzt, dass verschobene Termine ein Potential für Impfaussetzer berge. Da der Impfstoff zeitweise knapp war, habe man Erstimpfungen verschoben, um möglichst vielen Menschen per Zweitimpfung einen Vollschutz zu ermöglichen. Manche, die zur Impfung anstanden, kämen dann einfach nicht wieder. 

Auch das Ende der Knappheit könnte eine Rolle spielen, meinen die beiden Leiter des Impfzentrums übereinstimmend. Als es wenig Impfstoff gab, sei das Interesse höher gewesen. Nun da man sofort und ohne Umstände an eine Impfung komme, flaue das Interesse ab. Übertragen könnte man sagen: „Was nichts kostet, das ist nichts.“

Hinzu kämen Verschwörungstheorien, die über Social Media rasch Verbreitung gefunden hätten. Sowie die Debatte über den Impfstoff von AstraZeneca. Plötzlich hätten Herkunft, die geringe Zahl an Nebenwirkungen oder die aus Sicht der Impfgegner unzureichenden Tests und Studien eine zentrale Rolle in der Debatte gespielt, ob man sich impfen lassen solle oder nicht.

Dabei sei dies ein Luxusproblem. Andere Länder wären dankbar für jeden Impfstoff, egal aus welcher Herstellung. Bei anderen Medikamenten würden doch die wenigstens Patienten nach Studien oder der Herkunft der Arznei fragen, erklärt Bohn.

Das Desinteresse beim Thema Impfen sei nicht nur abhängig vom Bildungsniveau, schildert Bohn. Er kenne auch Ärzte, die ihre gesamte Familie nicht hätten impfen lassen.

Mobile Teams und Info-Kampagnen

Man wolle entsprechend die Zugangshürde zur Impfung so niedrig wie möglich halten, ergänzt Gerhard Weber. Daher seien mobile Impfteams im gesamten Kreisgebiet unterwegs und würden Impfungen ohne Termin anbieten. Auch Kinder wolle man auf diese Weise erreichen.

Webers Credo: „Jeder der geimpft werden will kann kommen, es wird immer unkomplizierter!“ Ein Personalausweios reiche völlig aus, man müsse keine Termine vereinbaren.

Ein zweites Impfzentrum im Norden des Kreises habe dabei nie wirklich zur Debatte gestanden, erzählt er. Bund und Länder, welche die Impfzentren je zur Hälfte finanzieren würden, wollten das nicht. Auch die angedachte Einrichtung von Schwerpunktpraxen sei zumindest vor einigen Monaten mangels Impfstoff nicht realistisch gewesen. Ob der Ausbau der Infrastruktur zu einer höheren Durchimpfung geführt hätte, wird man also nicht erfahren.

Impfverweigerer: „Das Krankenhaus wird mir schon helfen“
Wir sprechen mit einer Frau aus Odenthal, sie ist 40 Jahre alt und hat eben ihre zweite Impfung im Impfzentrum erhalten. „Bei den Priorisierungen zu Jahresbeginn war ich noch nicht dabei, deshalb bin ich erst jetzt mit meiner Impfung dran“, erzählt sie. Sie mache dies, um schwere Krankheitsverläufe zu vermeiden, um sich und die Allgemeinheit zu schützen, „wie bei anderen Impfungen auch.“

Dennoch halte sie die Gängelei von Impfgegnern für schwierig. Diese hätten häufig auch Gründe, warum sie sich nicht impfen lassen wollten oder könnten. Deren Argumente solle man sich schon genau anhören, meint die Dame. Vielleicht liege es am Arzt, an einer falschen Aufklärung, dem Bild dass die Medien zeichnen. Mehr Beratung, da ist sich die 40-jährige sicher, würde helfen.

Dennoch: Ein Ende der kostenlosen Tests hält sie für gerechtfertigt. Es gehe schließlich um die Allgemeinheit und die Bekämpfung der Pandemie. In ihrem Bekannten- und Freundeskreis seien alle geimpft, berichtet sie. Mit der zweiten Impfung habe sie nun ein gutes Gefühl, „man schützt sich ja, bei einer Ansteckung wird die Krankheit nicht so schlimm.“

Sie findet es sehr gut, dass ein Impfstoff so schnell entwickelt worden sei. Andere Länder würden sich die Verfügbarkeit des Impfstoffs sehnlichst wünschen, insofern sei die Debatte hierzulande ein Luxusproblem vor dem Hintergrund: „Das Krankenhaus wird mir schon helfen!“

Mehr Rechte für Geimpfte

„Mehr Rechte für Geimpfte und ein Ende der kostenlosen Tests“, Bohn und Weber bejahen diese Planungen von Bund und Ländern uneingeschränkt. Sie sehen dies als Möglichkeit an, um die Impfquoten weiter zu erhöhen.

Die anvisierte Herdenimmunität von 85 Prozent, die werde man nach Ansicht von Bohn nicht erreichen. Ziehe man die Kinder der Altersgruppe von Null bis zwölf Jahren ab, läge der Anteil der Impffähigen an der Gesamtbevölkerung ohnehin nur bei 75 Prozent.

Man müsse jedoch auch realistisch auf die Zahlen schauen: „Die aktuellen Impfquoten im Kreis liegen doch jetzt schon weit über dem, was bei herkömmlichen Grippeimpfungen erreicht wird.“ Da läge der Anteil bei 20 bis 25 Prozent. Insofern sei die Mobilisierung bei der Corona-Impfung ein Erfolg, auch wenn es noch Luft nach oben gebe.

Booster-Impfung, vierte Welle, Bundestagswahl

Man rechne in jedem Fall damit, dass die Drittimpfung kommen werde – für alle Geimpften, unabhängig vom verabreichten Impfstoff. Dass man sich derzeit bereits in einer vierten Infektionswelle befinde, das sehe er nicht, meint Bohn. Gleichwohl teile er die Befürchtung, dass sie kommen werde. Vor allem Reiserückkehrer würden die Dynamik des Infektionsgeschehens vorantreiben. 

Gleichwohl zeigt sich die Politik im zweiten Sommer der Pandemie erneut zurückhaltend bei ihren Entscheidungen, siehe Schulen. „Politiker scheinen vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl Angst zu haben etwas falsch zu machen", sagt der Mediziner. Seiner Meinung nach sei dies mit ein Grund dafür, dass die Tests erst im Oktober kostenpflichtig würden.

Weber erklärt hingegen, dass es angesichts einer nach wie vor schwierigen Datenlage in Deutschland nicht einfach sei, die Infektionslage im Land zu steuern. Beide empfehlen weiterhin die Einhaltung der AHA-Regeln inklusive Lüftung.

Stationäres Impfzentrum schließt

Auch wenn die angestrebte Durchimpfung noch nicht erreicht ist, die 12 bis 18-jährigen aktuell als neue Zielgruppe für Impfungen erschlossen werden, oder möglicherweise bald mit Drittimpfungen begonnen wird: Das stationäre Impfzentrum schließt zum 30. September. So will es das Land.

Man werde die Einrichtung jedoch zunächst einlagern, erklärt Gerhard Weber. Für den Fall dass man wieder hochrüsten müssen - siehe Drittimpfung und vierte Welle. Wer danach die Impfungen übernehme sei noch nicht entschieden. Vielleicht die mobilen Teams, Arztpraxen, oder Ärzte in Einrichtungen der Pflege. Die Klärung der Frage sei noch offen. 

Weber und Bohn sind sich einig. Das im Dezember 2020 schnell eingerichtete stationäre Impfzentrum sei schon jetzt „eine Erfolgsstory ersten Grades". Die Lage in der RheinBerg Galerie sei optimal, das Impfzentrum gut erreichbar, durch optimale Organisation gab und gebe es kaum Wartezeit. Insgesamt sei das Impfzentrum gut angenommen worden.

Damit sei nicht zuletzt der Beweis erbracht worden, dass verschiedene Partner des Gesundheitssektors optimal Hand-in-Hand zusammenarbeiten könnten. Und dies ohne entsprechende Erfahrung, man habe solch eine Pandemie vorher ja noch nicht erlebt.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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3 Kommentare

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  1. @Kopatsch: Wie sicher ist es denn, dass die von Ihnen geschilderten Symptome von der Impfung herrühren? Ein Abstand von zwei Wochen zwischen Impfung und Reaktion wäre ja eher ungewöhnlich.

    Gibt es da nur einen von Ihnen gesehenen zeitlichen Zusammenhang, oder ist sicher diagnostiziert worden, dass die Impfung ursächlich für Ihre Symptome war?

  2. Anonyme Kommentare mit individuellen Krankheitsgeschichten lassen wir hier nicht zu. Wenn Sie einen relevanten Fall schildern möchten, schreiben Sie bitte direkt an die redaktion@in-gl.de

  3. Bei mir wird es definitiv keine 3. Impfung geben. Begründung:
    Die ( erwünschten Impfreaktionen) begannen bei mir 2 Wochen nach der 2. Impfung mit Biontech.
    Sehr starker Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Atemnot (mit Copd ) noch problematischer. Müdigkeit usw. war zu vernachlässigen.
    Ich wende mich an meinen Hausarzt…., erst 4 Tage später einen Termin bekommen. In meiner Not rief ich den Bereitschaftsarzt an, und erklärte ihm meine Symptome . Der sagte mir, das er jede Menge um die Ohren habe, mich aber alle paar Stunden anrufen wird, um zu hören wie es mir geht und ob ich im Krankenhaus besser aufgehoben bin. Er hat mich auch 4 mal angerufen.
    Als ich 4 Tage später bei meinem seit Jahrzehnten zuständigen Hausarzt war, ging es los. Lungentest bei 47%, keine Reaktion. Schwindel….?, sind die Ohren. Auf die anderen Symptome wurde gar nicht eingegangen. Mit viel „Vitamin B“ bekam ich bei einem Ohrenarzt am nächsten Tag einen Termin. Der spülte mir die Ohren aus, gab mir für 10 Tage ein Medikament gegen den Schwindel. Die anschließende Ohrenuntersuchung ergab nicht den leisesten Hinweis, daß der Schwindel mit den Ohren zusammen hängen könnte. Auch dazu keine Reaktion vom Hausarzt.
    Es drängt sich der Verdacht auf, dass bezüglich Impfreaktionen die Statistik geschönt werden soll.
    Ps. Mein Lungenvolumen ist jetzt wieder bei 50%, aber leichten Schwindel, war für mich ein Fremdwort)hab ich noch immer.
    Solange es keine vernünftige „Nachsorge “ gibt, werde ich mich nicht mehr impfen lassen und werde auch jedem meine Erlebnisse erzählen.
    Wem auch immer dies erzähle, sagt nur …., mit mir auch nicht mehr.