Bashir Qonqar mit Hein Haun

Der Künstler Bashir Qonqar aus Beit Jala zeigt seine Arbeiten auf Einladung des Städtepartnerschaftsvereins im „Partout Kunstkabinett“ in Herkenrath. Damit präsentiert er einen kühnen Ritt zwischen den Abgründen des Daseins.

Fabelgestalten mit tierischer Fratze und menschlichem Antlitz, prall-figürlich und expressionistisch-abstrakt. Gemälde, Visionen und Sarkasmen, gemalt, gezeichnet und bisweilen auch am Computer erstellt: Vorsicht – diese Ausstellung ist keine erbauliche Werkschau, sondern ein kühner Ritt zwischen den Abgründen des Daseins, zu dem uns Bashir Qonqar mitnimmt.

1980 in Beit Jala geboren und seit drei Jahren im österreichischen Bad Goisern lebend, gibt der Künstler auf Einladung des Städtepartnerschaftsvereins Bergisch Gladbach-Beit Jala e.V. noch bis zum 3. Oktober einen Einblick in sein Schaffen. 

Qonqar ist an der Strunde kein Unbekannter – bereits anlässlich der Deutsch-Palästinensischen Kulturtage 2018 machten eine Bilder im Kulturhaus Zanders Lust auf mehr. Mit dieser Erwartung hatten sich wohl auch zahlreiche der Besucherinnen und Besucher am vergangenen Sonntag zur Vernissage im „Partout Kunstkabinett“ in Herkenrath eingefunden.

Eingerahmt von farbenschwelgenden Bildern entlockte Vereinsvorsitzender Heinz-D. Haun dem Künstler die persönliche Geschichte dahinter. Sein Vater wurde während der Ersten Intifada 1988 nach einer friedlichen Demonstration gegen die Besatzung erschossen.

„Da war ich gerade acht Jahre alt. Ich habe nichts verstanden, wurde aber tief geprägt,“ berichtet Qonqar. Seine Mutter musste sehen, wie sie ihre vier Kinder durchbrachte, Qonqar erlebte sein frühes Erwachen. „Ich hatte so viele Fragen: Warum tun Menschen so etwas, was treibt sie an?“ 

Sehnsucht nach Heilung und Heimat

Das war der Anfang jenes roten Fadens, der seinem Leben Richtung gab. Der Junge unternahm erste Versuche mit dem Zeichenstift, machte sein Abitur an der evangelischen deutsch-palästinensischen Schule Talitha Kumi in Beit Jala und wagte schließlich den Sprung nach Deutschland zum Studium von Sozialpädagogik und Sozialmanagement.

Sein autodidaktischer Künstlergeist hatte längst seine Themen gefunden: die Suche nach dem Platz des Einzelnen in der Gesellschaft, die Frage nach Macht und Ohnmacht in den menschlichen Beziehungen, die Zerrissenheit Palästinas, die Sehnsucht nach Heilung und Heimat. 

Die Ausstellung endet mit einer Finissage am Sonntag, 3. 10., 11 bis 14 Uhr. Mit Versteigerung und kleinem Büffet. 

Partout® Kunstkabinett
Straßen 85, Herkenrath

Öffnungszeiten:
Di, Do, Fr von 16 bis 19 Uhr;  
Sa von 11 bis 13 Uhr
www.partout-kunstgeschichte.de/

Weggehen, um anzukommen

In Qonqars Worten und Werken bestätigt sich, dass man weggehen muss, um anzukommen. Nach einem Arbeitsaufenthalt in Dubai kehrte Qonqar 2007 in seine palästinensische Heimat zurück: „Da spürte ich hautnah den Alltagskampf der Menschen, wurde mir bewusst, wie sehr ihnen Besatzung, Siedlung und Mauer zusetzen.“

Zwar verdiente er sein Geld als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Kinderhospital in Bethlehem. Doch was konnte er als Künstler ausrichten, wer wartete schon auf seine hintergründigen Bilddramen?

So wie Qonqar in schweren Stunden Rettung durch die Kunst erfuhr, wollte er seine Landsleute mit seinen Darstellungen berühren und ihnen Anstöße zu eigenem Erkennen und innerer Befreiung geben.

Auch mit kritischen Verweisen: „In einer traditionellen Gesellschaft ist es eine riesige Herausforderung, über individuelle Verantwortung oder über Körperlichkeit und Sexualität zu sprechen“, sagt er, „aber es funktionierte. Kunst ist ein ideales Medium, um über den Alltag ins Gespräch zu kommen. Ich glaube, die palästinensische Gesellschaft ist offener geworden.“ 

Von Beit Jala nach Bad Goisern

Zugleich sieht sich Qonqar als Grenzgänger, aus Überzeugung und Notwendigkeit. Seine österreichische Frau bekam von den Israelis kein Visum mehr, die Familie mit den zwei kleinen Töchtern sah für sich in Palästina keine Perspektive und übersiedelte 2018 nach Bad Goisern, wo seine Frau aufwuchs.

Dort arbeitet Qonqar in der Betreuung von schwierigen Jugendlichen und widmet sich neben der Malerei seit einiger Zeit auch der Filmkunst und Musik. 

Botschafter zwischen den Partnerstädten

Im Salzkammergut bleibt Bashir Qonqar das, was er im tiefsten Inneren ist: Palästinenser und Kulturenmittler, ein Botschafter zwischen unserer Partnerstadt Beit Jala und Bergisch Gladbach. Sobald es Corona zulässt, möchte er wieder einmal zu seiner Familie nach Beit Jala reisen und seinen Töchtern die alte Heimat zeigen.

„Ich freue mich über den langjährigen Austausch zwischen den beiden Kommunen, auch über das Interesse, das die Menschen hier meinen Bildern entgegenbringen“, sagte Qonqar in Herkenrath. Und das wird sich wohl nie ändern: „Ich will mit meiner Kunst ein anderes Bild von Palästina zeigen. Politik ist zwar ein wichtiger Teil von Palästina. Aber wir sind eine vielfältige Gesellschaft mit Alltag, Kultur und Geschichte.“

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