Im letzten Teil unserer Serie nimmt Eva Birkemeier Sie mit auf die Bühne des Theas Theaters: Erleben Sie die letzten Wochen, Stunden und Momente vor der Premiere der diesjährigen Produktion des Jungen Ensembles. Lesen Sie, wie das Stück auf der Bühne 90 Minuten alles ist, was für die junge Schauspielerin existiert. Und wie es sich anfühlt, nach 13 Vorstellungen Abschied zu nehmen.

Die letzte Probenphase vor den Aufführungen ist immer stressig. Alles muss sitzen: Die Texte, die Szenenreihenfolge, die Bühnenbilder und vieles mehr. Auch letzte Änderungen sind kurz vor der Premiere keine Besonderheit. Die Texte kriegen hier und da noch einen neuen Satz oder werden minimal gekürzt, die Kostüme werden final angepasst, und ganz selten wird auch noch am Bühnenbild gearbeitet.

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Natürlich ist das anstrengend, im Normalfall kommt der Stress aber zusammen mit Vorfreude und dem Optimismus, dass wir bis zur Premiere alles drauf haben werden. Doch um ehrlich zu sein kommt es mir dieses Jahr vor, als würde der Großteil unseres Stückes erst in der letzten Minute entstehen.

Selbstverständlich stimmt das so nicht, denn wir haben es ja ausführlich zusammen erarbeitet. Dennoch fehlt uns etwas ganz Entscheidendes: Zeit zum Proben.

Hintergrund: Seit 2009 bringt das Junge Ensemble unter Leitung von Kristin Trosits Theaterstücke zu aktuellen Jugendthemen auf die Bühne des Theas Theaters. Die Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren erarbeiten die Stücke selbst. Alle Beiträge zum Jungen Ensemble finden Sie hier.

Eva Birkemeier schildert in einer Mini-Serie die drei Phasen der aktuellen Produktion: Stück-Entwicklung, Proben und Aufführungen.

Zwar treffen wir uns am Ende der Produktion sogar nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche an manchen Nachmittagen. Doch dieses Jahr fühlt es sich an, als könnten wir gar nicht genug proben.

Kleine Stärkung zwischendurch: In den letzten Tagen vor der Premiere verbringt das Junge Ensemble jede freie Minute im Theater, um zu proben. Von links nach rechts: Emilie, Line und Nike. Fotos: Junges Ensemble

Das liegt zum Teil daran, dass dieses Jahr einige Proben coronabedingt ausfielen beziehungsweise nur mit wenigen von uns stattfanden. Zu dieser ungeplanten Herausforderung kommt noch die geplante Herausforderung, dass wir den Großteil des Stückes chorisch – also mindestens zu zweit und maximal zu zehnt gleichzeitig – sprechen, was selbst ohne die Ausfälle schon enorm intensiver Proben bedarf.

Im Endeffekt schafften wir es trotz aller Widrigkeiten, bis zur Premiere bereit zu sein.

Die letzte Stunde vor der Premiere

Die letzte Stunde vor der Premiere ist trotzdem die wohl aufregendste Zeit für mich. Wir stehen alle im Bühnennebenraum, ziehen unsere Kostüme an, machen unser Makeup und unsere Haare, gehen dabei nochmal ein paar Textstellen oder die Szenenreihenfolge durch und schauen ab und zu heimlich durchs Fenster, um zu sehen, ob irgendwer, den wir kennen schon draußen vorm Theater steht und auf den Einlass wartet.

Je näher man der bedeutungsträchtigen Uhrzeit – 20 Uhr – kommt, desto chaotischer wird es im Nebenraum. Jeder steckt in seinen eigenen Gedanken, und doch teilen wir uns eine Welt. Jeder hilft dem anderen bei Kostüm, Haaren oder Makeup, und doch stehen wir uns ständig gegenseitig im Weg. Jeder versucht ruhig und gelassen zu bleiben, und doch werden wir alle immer nervöser.

Selbst beim fünften Mal ist das Gefühl vor der Premiere schwer in Worte zu fassen. Kurz vorm Stück kommt unsere Regisseurin bei uns vorbei, informiert uns darüber, dass die Zuschauer:innen jetzt in den Saal eingelassen werden und guckt nochmal, ob wirklich alles bereit ist.

Die letzten Minuten – und Vorhang auf!

Und dann beginnen die längsten Minuten, die man sich vorstellen kann. Man hört, wie der Bühnenraum sich langsam mit Menschen füllt. Wir selbst sind ganz leise, stehen alle in den Startlöchern und warten nur auf das Signal, dass wir auf die Bühne müssen.

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, in der ich da mit den anderen hinter der Tür zur Bühne stehe, an alles denke, was ich vergessen haben könnte, mich frage, ob ich überhaupt mein Kostüm anhabe und allgemein nochmal sämtliche unrealistischen Katastrophenszenarien durchgehe.

Eva in Kostüm und Maske vor der Vorstellung.

Eigentlich weiß ich ganz genau, was ich wann und wie im Stück machen muss, und dennoch fühle ich mich total planlos. Das Signal kommt. Es geht los, wir müssen auf die Bühne.

Dieses Jahr beginnen wir das Stück so, dass der Bühnenvorhang geschlossen ist, wenn wir rauskommen. Wir bauen mit unseren LED-Stäben das Bild für die erste Szene auf, und zwei von uns – Vicky und ich – stellen uns direkt an den Vorhang und warten auf ein weiteres Signal, das uns sagt, wann wir ihn öffnen sollen.

Das Signal kommt, und obwohl wir untereinander ständig den Witz gemacht haben, den Vorhang einfach geschlossen zu lassen und das Stück in einer etwas privateren Atmosphäre zu spielen, ziehen wir ihn natürlich auf.

Wenn nur noch das Stück existiert

Ab dem Moment existieren wir alle nur noch als Spielerinnen in diesem Stück. Alles, was mich vor dem Auftritt nervös gemacht hat, verschwindet für die nächsten 90 Minuten. In meinem Kopf existiert nur noch das Stück. Und auch das ist kein Theaterstück mehr. Für 90 Minuten ist genau das unsere Welt.

Die Aufführungen an sich zu beschreiben, ist in den meisten Fällen kaum möglich. Klar, manchmal fallen einem Einzelheiten auf, ob das nun etwas im Publikum ist, ein kleiner Fehler, den man selbst oder irgendwer auf der Bühne macht, oder einfach die Energie, die wir haben.

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Meistens ist von der Aufführung spätestens zehn Minuten nach der letzten Szene nichts mehr in meinem Kopf, außer einem groben Gefühl – war es gut oder eher nicht – und einem Haufen unzusammenhängender Kleinigkeiten.

Die neunzig Minuten, die mir meistens wie maximal zwanzig vorkommen, sind vorbei. Wir haben die Premiere geschafft! Und sie kam uns allen besser vor, als wir es erwartet hätten. 

Auch die Zuschauer:innen, mit denen wir im Anschluss reden – ehemalige JE-ler:innen, andere Freund:innen, Partner:innen oder Verwandte –, sind alle begeistert von unserem Stück. Und genau dieses Feedback beflügelt uns für die nächste Vorstellung. Wir haben schließlich noch zwölf vor uns.

Erleichterung nach der Premiere

Nach der Premiere sind wir alle erst einmal erleichtert. Wir wissen jetzt, dass wir das Stück drauf haben. Der Zeitdruck ist weg, und auch die ganzen Unsicherheiten verschwinden. Wir wissen jetzt schon besser, wie wir unsere Energie für die Vorstellungen einteilen müssen, wie viel Konzentration es erfordert, fast das ganze Stück synchron zu sprechen und die einzelnen Bühnenbilder zu bauen und zu halten, und dank einiger Fotos konnten wir auch feststellen, wie cool das alles aus der Zuschauer:innenperspektive aussieht.

Da wir aber alles andere als perfekt sind, gibt es vor der nächsten Vorstellung immer eine ausführliche Kritikrunde, in der wir alles besprechen und nochmal an den Fehlern arbeiten, die sich eventuell eingeschlichen haben.

Obwohl die Premiere und damit die größte Aufregung vorbei ist, werden wir vor jeder Vorstellung aufs Neue nervös. Ja, je öfter wir spielen, umso sicherer werden wir, aber eine gewisse Aufregung bleibt immer.

Denn im Theater ist jede Vorstellung anders. Sei es, dass an einem Tag in einer Aufführung ein LED-Stab nicht funktioniert und wir da unauffällig, während wir spielen, eine Lösung für finden müssen, oder dass das Publikum anders auf die Szenen reagiert als das letzte. Eine Routine kann ­– und darf – sich nie wirklich bilden. Ja, wir wissen, was wir machen müssen, aber wir müssen immer wach und aufmerksam sein, denn ansonsten leidet das Stück.

Was sagt das Publikum?

Ab der zweiten Vorstellung haben wir auch Publikumsgespräche. Das heißt, dass wir uns nach der letzten Szene schnell umziehen, Stühle auf die Bühne stellen und uns dann dahin setzen und Fragen vom Publikum beantworten. Ich persönlich bin da kein großer Fan von, da ich ungern ungeskriptet vor einem Haufen fremder Menschen rede. Doch abgesehen von diesem Aspekt sind die Publikumsgespräche schon ziemlich cool.

Manchmal klären wir dabei Verständnisfragen, manchmal erläutern wir, wie eine Produktion vom JE abläuft, und manchmal entstehen Diskussionen über das Thema. Es ist immer schön zu sehen, dass die Zuschauer:innen aufgepasst haben und interessiert sind, und obwohl manche Fragen nicht leicht zu beantworten sind, ist es gut zu wissen, dass unser Stück solche Gespräche starten kann.

Enni (links) und Nike (rechts) beim Lesen von Feedbacks, die die Zuschauer:innen auf der Spiegelfolienwand im Foyer hinterlassen haben.

Drei Wochen, 13 Aufführungen

So geht es also knapp drei Wochen lang. Jedes Wochenende haben wir abends Vorstellungen und unter der Woche je zwei Schulvorstellungen. Mal gibt es viel positives Feedback, mal etwas mehr Kritik, mal haben wir mehr Energie, mal weniger. Mal sind wir so aufgeregt, dass Vicky und ich ernsthaft in Erwägung ziehen, den Vorhang einfach geschlossen zu lassen, mal sind wir nur leicht nervös.

Insgesamt ist es eine schöne Zeit, und auch wenn wir uns ab und zu über unsere eigenen Fehler oder über ein unruhiges Schulpublikum ärgern, wir haben immer Spaß. Und genauso, wie mir die 90 Minuten Spielzeit auf der Bühne nicht so lang vorkommen, kommt mir auch diese Aufführungsphase nicht wie drei Wochen vor.

Ein großes Kapitel endet

Und doch ist es irgendwann so weit: die Dernière. Die letzte Aufführung von „Lichterfangen“ am Theas Theater. Für mich fühlt es sich nicht anders an als die anderen Aufführungen. Ich weigere mich einfach grundlegend zu realisieren, dass jede Produktion ein Ende hat.

Mir wird immer erst hinterher klar, dass das gerade das letzte Mal war, dass wir das Stück gespielt haben. Das letzte Mal, dass Vicky und ich den Vorhang öffneten, dass wir verdammt konzentriert sein mussten, um auch alle Texte synchron zu sprechen. Das letzte Mal, dass wir unsere Bühnenbilder stellen mussten, das letzte Mal, dass Vicky und ich den Vorhang wieder schlossen.

Nach all diesen letzten Malen bauen wir dann das Bühnenbild ab. Aber selbst, als wir unsere LED-Stäbe und Spiegelfolienwände in den Fundus bringen, wo schon die Materialien sämtlicher früherer JE-Stücke liegen, sehe ich nicht ein, dass es vorbei ist. Selbst, als der Bühnennebenraum aufgeräumt ist und nicht mehr so aussieht, als würden wir dort zu zehnt drin leben, kommt es bei mir nicht so ganz an.

Ich checke meistens erst, dass es vorbei ist, wenn ich zum letzten Mal das Theater verlasse. Ich verabschiede mich von allen, und obwohl ich ganz genau weiß, dass man sich spätestens in zwei, drei Monaten zum Nachtreffen wiedersieht, spüre ich, dass ein großes Kapitel gerade abgeschlossen wurde. Ein Kapitel namens „Lichterfangen“.


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Eva Birkemeier

Ich bin Eva Birkemeier, 18 Jahre alt und seit 2018 leidenschaftlicher Theaterer im Jungen Ensemble des THEAS Theaters. Meine Freizeit habe ich schon immer mit kreativen Dingen - primär dem Schreiben - verbracht und im Jungen Ensemble habe ich einen Ort gefunden, an dem ich dieses Hobby mit anderen teilen...

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