Zweimal im Monat kommen rund 15 Frauen im Café Himmel un Ääd zum Stricktreff zusammen. Dabei geht es einerseits darum, Kuscheltiere für Bedürftige zu produzieren. Andererseits gibt das Stricken den überwiegend älteren Mitgliedern einen Sinn im Leben – und entzieht sie der Einsamkeit.

Schon oft habe ich sie im Schildgener Himmel un Ääd gesehen, die Runde aus älteren Frauen, die meist an zwei Tischen zusammensitzt. Auf einem davon steht immer ein Schild mit der Aufschrift „Wir hängen an den Nadeln“, um sie herum körbeweise gestrickte Kuscheltiere. Ich sage dann meistens „Hallo“ und gehe weiter.

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Heute bin ich hier, um über sie zu schreiben, die Frauen des Stricktreffs im Himmel un Ääd. Ich sage also wieder „Hallo“, setze mich auf einen freien Stuhl in die Runde und bin sofort mittendrin. Worte fliegen von einem Tisch zum anderen, Kaffeetassen klimpern beim Zurückstellen auf den Unterteller, hier und da klappern Stricknadeln. Aber auffallend wenig.

„Hier wird viel geredet, zu Hause viel produziert“, sagt Silva Berger, Leiterin des Stricktreffs (Foto rechts oben). Was zu Hause produziert wird, sind sogenannte Tapferkeitsbärchen – früher Trostteddys, doch seit Anfang des Jahres gehört die Gruppe nicht mehr dem gleichnamigen Verein an wie die Jahre zuvor, sondern läuft als unabhängiges Angebot des Himmel un Ääd.

„Ein Teddy in der Tasche gibt Halt“

Der Sinn bleibt der gleiche, nämlich Kuscheltiere herzustellen, zum Beispiel für Bedürftige, kranke Kinder, Demenzkranke, Obdachlose und Flüchtlinge, die Silva Berger und ihr Mann regelmäßig an die verschiedensten Stellen bringen: Kinderärzte, Fachärztinnen, Zahnärzte, Kliniken, Palliativzentren und Hospize, sogar Tierarztpraxen sind dabei.

Dort gibt es die Stricktiere zum Beispiel für den Fall, dass das Haustier eingeschläfert werden muss. „Ein Teddy in der Tasche gibt Halt“, sagt Bergers Stellvertreterin Birgit Goedecke-Müller.

„Die schiefen und krummen sind meistens die ersten, die weg sind.“

Sie selbst könnte man wohl als Extremstrickerin bezeichnen. Mindestens 365 Teddys produziert sie pro Jahr. „Bei 5000 habe ich aufgehört zu zählen“, sagt sie. Rechnet dann aber doch noch einmal kurz nach und kommt auf „vermutlich“ 5300 bis zum aktuellen Zeitpunkt. Dabei sei sie nicht die Einzige, die so viel produziere.

„Es muss kein Teddy wie eine Eins sein“, sagt Silva Berger. „Die schiefen und krummen sind sogar meistens die ersten, die weg sind.“ Aus meiner Laiensicht sehen die meisten Stricktiere allerdings wirklich gut aus. Teilweise fast schon professionell.

Baby-Yoda, Monster und ein diverses Reh

Es sind übrigens nicht nur Teddys, die die Frauen herstellen. Auf der Fensterbank, in der Zeitschriftenablage und in Körben auf Tischen und Stühlen um die große Runde herum sehe ich ein Einhorn mit bunt gelockter Mähne, einen Frosch mit langen Beinen, einen Elefanten, ein Pferd, einen Dackel mit Wackelkopf, einen Baby-Yoda, Monster, Küken, ein Reh – „ist das ein Männchen oder ein Weibchen?“, fragt eine Frau in die Runde. „Das ist divers“, sagt eine andere, und beide lachen.

Das Stricken bedeutet den Frauen, die hier sitzen, viel. „Ich fange morgens direkt an, während ich auf den Pflegedienst warte“, sagt eine. „Ich auch“, ergänzt eine andere, „und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, mache ich den Fernseher an und stricke weiter.“ Dabei denke sie an die Menschen, die die Tiere irgendwann in der Hand halten werden: „Man weiß, wofür man das macht.“

„Wenn man älter wird und nicht mehr alles kann, fühlt man sich manchmal überflüssig.“

Das ist der eine Sinn des Stricktreffs, der offizielle. Da gibt es aber noch die andere Seite: die der produzierenden Frauen. Viele von ihnen sind Witwen, erzählt Silva Berger. Die älteste Strickerin ist im Januar mit 97 gestorben. Ihre Tochter hatte bis zum Schluss Wolle und Füllwatte für sie geholt. Als Silva Berger sie einmal selbst bei ihr vorbeigebracht hatte, hatte sie zu ihr gesagt: „Frau Berger, ich kann noch nicht sterben, die Wolle muss ich verstricken.“

Ein soziales Ereignis

Eine der Frauen am Tisch sagt, über das Stricken vergesse sie die Alltagsprobleme und habe keine Langeweile. Eine weitere fügt hinzu: „Wenn man älter wird und nicht mehr alles kann, fühlt man sich manchmal überflüssig.“ Auch dem wirkt das Stricken entgegen.

Nicht zu vergessen die regelmäßigen Termine im Café. Einmal im Monat treffen sich die rund 15 Frauen, aufgeteilt auf zwei Gruppen, um ihre Teddys und anderen Tiere abzugeben, neue Wolle und Füllwatte zu holen – die sie übrigens alle aus eigener Tasche bezahlen – vor allem aber, um miteinander zu quatschen, Kaffee und Kuchen zu essen, einfach mal rauszukommen. Silva Berger nennt es ein „soziales Ereignis“.

Gisela Müller, eine der Frauen am Tisch, sagt: „Was will man zu Hause alleine rumsitzen?“ „Da sachen Se wat“, pflichtet ihr eine andere Frau im bergischen Dialekt bei.

Manche duzen, andere siezen sich. Sie tauschen Erinnerungen aus, lachen zusammen, helfen einander. Eine Teilnehmerin, die nicht gut zu Fuß ist, hält Silva Berger ihr Portemonnaie hin, als sich der Stricktreff dem Ende zuneigt: „Können Sie für mich bezahlen?“

Die zwei Tische leeren sich, man verabschiedet sich, die Taschen gepackt mit frischer Wolle und Füllwatte, die Köpfe und Herzen gefüllt mit Gesprächen und Gelächter. Ein besseres Mittel gegen die Einsamkeit im Alter fällt mir nicht ein.

Info: Der Stricktreff findet zweimal im Monat im Café Himmel un Ääd in Schildgen statt, das nächste Mal am 11. und am 13.6., jeweils von 15 bis 17 Uhr. Alle Termine gibt es hier. Die Gruppe freut sich über weitere, gerne auch jüngere Mitstrickerinnen und -stricker. Kontakt über Silva Berger, Tel. 02202 – 8 61 33.

Willkommen sind außerdem Woll-Spenden, abzugeben im Café. Dort kann gegen eine Spende auch Tapferkeitsbärchen erstehen. Das Geld fließt in Wolle und Füllwatte für neue Strickereien.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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