Nina Tackenberg leitet in Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Foto: Daniel Schubert

Urlaubszeit – „die schönste Zeit des Jahres“, oder nicht?! Häufig kracht es gerade in den Ferien, weil die einzelnen Familienmitglieder unterschiedliche Erwartungen an die besondere Zeit hatten. Wie man damit schon im Vorfeld umgehen kann, um einen entspannteren Urlaub zu erleben, erklärt Nina Tackenberg von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung.

Mit den Sommerferien steht für die meisten Familien nun auch die Urlaubszeit vor der Tür und damit ‚die schönste Zeit des Jahres‘ – wie es gerne heißt. Verbunden mit einer Vorstellung von Harmonie und Erholung an einem Ort, an dem sich alle Familienmitglieder wohlfühlen.

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Doch häufig gehen die Erwartungen der Familienmitglieder stark auseinander.

In einem Familienurlaub vor einigen Jahren stand ein Tagesausflug in die tschechische Stadt Marienbad auf dem Programm. Wir Eltern wussten, wie wenig Begeisterung Städtebesuche bei den Kindern auslösten, hatten deswegen viele Pausen im Park, auf Spielplätzen und dazu leckeres Eis eingeplant.

Der Ausflug lief scheinbar zu aller Zufriedenheit, bis meine jüngste – damals vierjährige – Tochter fragte, wann wir jetzt endlich schwimmen gehen würden. Wir hätten versprochen, ins Marienbad zu fahren und nichts davon gesagt, dass wir in einer Stadt rumlaufen müssten.

Die Enttäuschung war so groß, dass wir sie kaum dazu bewegen konnten, mit uns zurück in die Ferienwohnung zu fahren, es gab Tränen, Stress und schließlich angestrengte Stimmung bei allen Beteiligten.

Was sind Erwartungen?

Treten solche Szenen gehäuft auf, kommen wir unerholter aus dem Urlaub, als wir losgefahren sind. Und auch wenn mit zunehmendem Lebensalter die Sprachkompetenz steigt und Missverständnisse wie das oben beschriebene nicht mehr vorkommen, heißt das nicht unbedingt, dass wir gut darin werden, unterschiedliche Erwartungen rechtzeitig zu erkennen.

Wer oder was „Marienbad“ ist, werden irgendwann alle Familienmitglieder verstehen. Aber was ist zum Beispiel mit Formulierungen wie „entspannte Tage verbringen“ oder „gemeinsam Spaß haben“ – was versteht da jede und jeder für sich drunter, und inwieweit passen die Vorstellungen zusammen?

Werfen wir also einen kurzen Blick auf Erwartungen: Was sind Erwartungen überhaupt? Das Springer-Lexikon für Psychologie definiert: „Eine Erwartung ist die subjektive Vorwegnahme eines Ereignisses […].“  

Erwartungen sind also erstmal etwas höchst Persönliches. Sie richten sich in die Zukunft und werden aus Annahmen, Bedürfnissen und Wünschen gebildet.

Allzu häufig sind uns die eigenen Erwartungen selbst nicht bewusst

Viel zu sehr verbreitet ist die stille Annahme, dass die anderen schon wissen, was ich möchte oder brauche. Allzu häufig sind uns die eigenen Erwartungen selbst nicht bewusst, und wir stellen erst in der Situation fest, dass wir gar nicht das bekommen oder bekommen haben, was wir uns vorgestellt hatten. Dies geht mit Frust, Enttäuschung und Unstimmigkeiten einher.

Der Psychologe Eberhard Stahl hat ein Modell dafür entwickelt. Jede:r von uns hat einen persönlichen Zielpool:

„Sachliches schwimmt darin neben Zwischenmenschlichem, Wichtiges neben Unwichtigem, Veröffentlichtes neben Unveröffentlichtem, Bewusstes treibt gut sichtbar an der Oberfläche und Unbewusstes ‚löst sich erst nach heftigem Rühren vom Boden’.“

In einer Gruppe – also auch in der Familie – werden diese individuellen Pools sinnbildlich alle zusammen in einen großen gemeinsamen Pool geschüttet. Darin berühren sich die Ziele, sie stören sich, vielleicht passen sie zusammen und harmonieren, vielleicht behindern sie sich. Um in diesem großen Pool für eine gewisse Ordnung zu sorgen, können wir vielleicht auch in der Familie vor dem Urlaub ein paar Dinge überlegen:

  • Klarheit schaffen: Welche Erwartungen, welche Bedürfnisse und Wünsche gibt es in unserer Familie, bei jedem Einzelnen? Eltern sind hier – wie auch sonst im Alltag – natürlich in der Position, Bedürfnisse ihrer Kinder zu antizipieren und für sie mitzudenken. Klarheit kann jedoch schaffen, für sich selber auseinanderzuhalten:

    – Was brauchen und erwarten meine Kinder? Was davon können wir besprechen, was muss ich für sie entscheiden?
    – Was brauche ich selber? Was wünsche ich mir? Was erwarte ich von meinem Partner oder meiner Partnerin?
    – Und welche Erwartungen spüre ich in mir, die beginnen mit: „im Urlaub mit Kindern sollte man doch…“? Vielleicht kann ich Letztere noch einmal überprüfen und vielleicht auch manche davon fallen lassen?

    Hier wird deutlich: Auch in meinem persönlichen Zielpool können schon sehr widersprüchliche Ziele und Erwartungen miteinander ringen. Ich möchte vielleicht mal meine Ruhe haben und nichts tun, bin aber eigentlich auch gerne aktiv und möchte endlich wieder Sport machen; gleichzeitig erwarte ich von mir, meinen Kindern bestimmte Dinge anzubieten, meiner Partnerin oder meinem Partner Freiraum zu ermöglichen etc. etc.

Welche Erwartungen erscheinen erfüllbar? Welche nicht? Welche Konflikte sind schon abzusehen?

  • Erwartungen besprechen: Mindestens als Elternpaar ist es gut, die Erwartungen, über die man sich selbst klar geworden ist, miteinander zu besprechen.
    Hier ist es neben der Klarheit über die eigenen Erwartungen wichtig, die Dinge anzusprechen, von denen ich denke, dass mein Gegenüber sie sich wünscht. Liege ich damit richtig?
    Sind die Erwartungen ausgesprochen, macht es Sinn, miteinander darauf zu schauen: Welche Erwartungen erscheinen erfüllbar? Welche nicht? Welche Konflikte sind schon abzusehen? Wie wollen wir damit umgehen?
  • Überprüfen und aktiv zuhören: Im Urlaub selbst kann es hilfreich sein, darüber zu sprechen, inwieweit die Erwartungen erfüllt werden, was für Wünsche gerade offenbleiben und welche Kompromisse noch gefunden werden könnten.

Dies soll keine Einladung zu einem durchgeplanten und „gemanagten“ Urlaub sein, sondern ganz im Gegenteil eine Anregung bieten, um möglichst viel Raum für eine entspannte und gute, gemeinsame Zeit zu schaffen.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.

Nina Tackenberg leitet als Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Bergisch Gladbach. Sie hat einen M.A. in Arbeits- & Organisationspsychologie sowie ein Diplom in Sozialer Arbeit, ist Systemische Coachin (DGSF), Gesundheits- und Krankenpflegerin.

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