Jannis Depiereux. Foto: Laura Geyer

Immer wieder haben wir uns in diesem Jahr mit den massiven Problemen bei der Betreuung von Kindern in Bergisch Gladbach befasst. Wir haben uns aber auch immer wieder bemüht, die positiven Seiten des Themas herauszustellen. Zum Beispiel hat Laura Geyer im Gespräch mit Jannis Depiereux besprochen, welchen Beitrag die Tagespflege leistet. Depiereux arbeitet selbst als Heilerziehungspfleger in der Kita und war als Vater zunächst skeptisch.

Hinweis der Redaktion: Wir veröffentlichen den Beitrag vom 20.4.2024 noch einmal im Rahmen unseres Jahresrückblicks, ergänzt durch weitere Themen des Monats.

Als Jannis Depiereuxs Tochter wenige Monate alt war, war klar: Im August 2023 würde sie, mit knapp eineinhalb Jahren,  in die Betreuung gehen. In welche, daran hatte der Vater keine Zweifel: Eine Kita sollte es sein.

Depiereux arbeitete selbst seit vielen Jahren in der Kita, als Heilerziehungspfleger, also als Erzieher für Kinder mit Behinderungen. (In der ersten Ausgabe des Familiennewsletters haben wir ihn schon einmal in einem Porträt vorgestellt: „Der mit dem großen Gerechtigkeitssinn“.)

Er fand gut, dass Kitas regelmäßigen Qualitätskontrollen unterliegen, misstraute den Standards in der Kindertagespflege. Heute, am Esstisch in seinem Wohnzimmer, sagt er grinsend: „Ich gebe gerne zu, dass ich da vorurteilsbehaftet war.“

Denn es kam anders als geplant: Die Eltern bekamen keinen Kita-Platz, bewarben sich relativ kurzfristig bei einer Großtagespflege und erhielten die Zusage. Nun wird ihr Kind seit knapp acht Monaten zusammen mit acht anderen Kindern von zwei Tagesmüttern betreut. Und Jannis Depiereux sagt: „Wir haben bisher nur positive Erfahrungen gemacht.“

Seine Sorge in Bezug auf die pädagogische Qualität hat sich nicht bewahrheitet: Beide Tagesmütter sind gelernte Erzieherinnen, habe lange in Kitas gearbeitet, bevor sie die Zusatzausbildung absolvierten. Die Tagespflege hat eine eigene Konzeption, die beiden Frauen besuchen regelmäßig Fortbildungen.

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„Eine Mini-Kita“

Von den Räumlichkeiten in der Tagespflege seiner Tochter ist Jannis Depiereux begeistert: „Das ist wie eine Mini-Kita, mit Schlafraum, Bewegungsraum, Gruppenraum.“ Das Spielmaterial sei haargenau auf kleine Kinder ausgerichtet.

Das sei zwar in den U3-Gruppen der Kitas auch so – allerdings seien die Kinder dort trotzdem im größeren Komplex der Gesamt-Kita, die in der Regel deutlich „wuseliger“ sei als eine Tagespflege mit maximal neun Kindern. „Für viele Einjährige, was ja heutzutage das Standard-Eintrittsalter ist, ist die Kita mit ihren vielen Reizen und Eindrücken Überforderung,“ sagt Depiereux.

Die Tagespflege bezeichnet er als „reizärmere Umgebung“, familiärer und behüteter als die Kita. Tageseltern hätten mehr Zeit für die Kinder und ihre Bedürfnisse, weil sie deutlich weniger Kinder betreuen und  nicht zusätzlich noch unter konstantem Personalmangel leiden, der in den meisten Kitas herrscht.

Deshalb sagt der Erzieher mittlerweile: „Das System Tagespflege ist für Einjährige ein sanfterer Einstieg in die Welt der Betreuung.“

Hintergrund: Eine pädagogische Ausbildung ist keine Voraussetzung, um Tagesmutter oder -vater zu werden. Jeder Mensch kann die Grundqualifizierung zur Tagespflegeperson absolvieren, sie umfasst 300 Unterrichtsstunden (vor 2022 waren es 160). Zusätzlich ist eine Pflegeerlaubnis des Jugendamts erforderlich. Dabei werden die Eignung der Person und Räumlichkeiten geprüft. Bei einzelnen Tageseltern also die eigene Wohnung oder auch, wie bei Großtagespflegen, externe Räume.

Nachteil Fehltage

Ein entscheidender Nachteil gegenüber den Kitas seien die Fehltage: Auch in der Großtagespflege sind die Kinder einer festen Tagespflegeperson zugeordnet; wenn diese erkrankt, darf das Kind nicht in die Betreuung gehen (für diese Fälle bietet immerhin der Treffpunkt Kindertagespflege Unterstützung). Hinzu kommen Urlaubstage, die in der Kita eher durch Kolleg:innen aufgefangen werden können.

„Der Winter war eine Zitterpartie“, erzählt Jannis Depiereux. Morgens bangten er und seine Frau, ob das Telefon klingeln und die Tagesmutter absagen würde. Andererseits könne man sich durch den Personalmangel auch in den Kitas nicht mehr auf die Betreuung verlassen.

Nichtsdestotrotz fühlen sich Eltern und Kind in der Tagespflege so gut aufgehoben, dass sie am liebsten ein weiteres Jahr dort bleiben würden. Dennoch haben sie sich frühzeitig um einen Kita-Platz beworben und eine Zusage bekommen.

Kita: ein deutlich größerer Komplex als die Tagespflege. Archivfoto: Thomas Merkenich

Das größte Problem: der Kita-Wechsel

Jannis Depiereuxs Tochter wird ab dem Sommer die Kita besuchen. Aus einem einfachen Grund, den der Erzieher zugleich als größten Nachteil der Tagespflege bezeichnet: Weil es so schwierig ist, in einer Kita einen Ü3-Platz zu bekommen.

Kitas nähmen zwar grundsätzlich gerne Kinder aus der Tagespflege, da diese schon Betreuungserfahrung hätten. Aber: Alle Kitas haben mittlerweile Gruppen für Unter-Dreijährige, und wenn diese drei werden, haben sie im Ü3-Bereich Vorrang vor externen Kindern. Und weil es sowieso zu wenige Plätze für die Über-Dreijährigen gibt, ist das Dilemma noch größer.


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Mit Aktionstagen macht die Interessengemeinschaft Kindertagespflege auf diese Form der Kinderbetreuung aufmerksam. Für die Vorsitzenden Jenni Löllgen und Sarah Heller kommt Tagespflege vor allem dem Bindungsbedürfnis der Unter-Dreijährigen entgegen. Die beiden Tagesmütter machen zudem einen konkreten Vorschlag, wie Bergisch Gladbach das Defizit an Kinderbetreuungsplätzen in den Griff bekommen könnte.

Keine Entwarnung bei den Kita-Plätzen – im Gegenteil

Die Zahl der Kita-Plätze in Bergisch Gladbach wächst, das Defizit schließt sich perspektivisch. Allerdings nur auf dem Papier – denn die geplanten neuen Kitas sind noch nicht fertig. Zudem wirkt sich der Fachkräftemangel noch stärker als bisher. Daher rechnet die Stadtverwaltung mit weiteren Klagen von Eltern und sieht dringenden Handlungsbedarf.


Deshalb versuchten viele Eltern, ihre Kinder von Anfang an in der Kita unterzubringen. Theoretisch ist es zwar möglich, bis zum Schuleintritt in der Tagespflege zu bleiben. Allerdings würden Tageseltern das kaum umsetzen, da ältere Kinder ganz andere Spielmaterialien und auch eine andere Ansprache benötigten.

Bessere Bezahlung, mehr Anerkennung

Darauf, dass die Stadt eine Aufgabenteilung anstreben sollte, bei der Kinder unter drei Jahre nur noch von Tageseltern betreut werden, während Kitas sich auf Ü3-Plätze beschränken, möchte Depiereux sich aber nicht festlegen. Die Stadt könne im Grunde nicht viel machen außer Kitas bauen, was sie in Bergisch Gladbach ja auch schon tue.


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In Sachen Kita befindet sich Bergisch Gladbach „auf einem guten Weg“ betonen Bürgermeister Frank Stein und der Beigeordnete Ragnar Migenda. Das geplante Defizit an Kita-Plätzen geht zurück, auch die Zahl der suchenden Familien sinkt. Die Kita Mondsröttchen wird bald fertig, vier weitere Kitas sollen bis Mitte 2025 folgen. Aber Defizite bleiben – und auf die großen strukturellen Probleme hat die Stadt kaum Einfluss.

Vielmehr sei der Gesetzgeber am Zug, die Rahmenbedingungen und die Finanzierung zu ändern. Denn: „Im Endeffekt ist alles eine Sache des Personalmangels“, sagt er. Erzieherinnen und Erzieher sollten genauso bezahlt werden wie die Lehrkräfte an den Grundschulen, schließlich legten sie ebenso wichtige Grundsteine für die weitere Entwicklung der Kinder.

Dann würde auch das gesellschaftliche Ansehen des Berufs wachsen, mehr junge Männer und Frauen würden einen Job in der Kinderbetreuung anstreben, und Eltern könnten sich aussuchen, in welchem System und vielleicht sogar in welcher spezifischen Betreuungsstätte sie ihr Kind anmelden.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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