Sophie Verheyen hat die Schulsozialarbeit an der GGS Gronau eingeführt. Foto: Thomas Merkenich

Sie schlichten Streit zwischen Klassenkameraden, vermitteln zwischen Eltern und Lehrern, intervenieren bei Verdacht auf Vernachlässigung und häusliche Gewalt. Und manchmal schenken sie Kindern einfach nur etwas Aufmerksamkeit. Schulsozialarbeiterinnen an der GGS Gronau geben einen Einblick in ihre Arbeit.

Zum Schulstart gibt es viel zu tun für die Schulsozialarbeiterinnen. Die Sommerferien können lang sein. Besonders dann, wenn es zu Hause Probleme gibt, nicht genug Geld für einen Urlaub oder Ausflüge da ist und die Struktur des Schulalltags fehlt. Sechs Wochen Ferien bedeuten viel Zeit in der Familie – da ploppen viele Themen und Probleme auf. 

Das Aufgabenfeld der Schulsozialarbeiterinnen Sophie Verheyen und Annick Brune ist vielfältig, die Palette ihrer Themen breit. „Kein Tag ist wie der andere, auch dadurch ist es eine sehr spannende Arbeit“, sagt Sophie Verheyen. 

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Die beiden beraten Kinder, Eltern und Lehrkräfte – einzeln in Sprechstunden oder themenbezogen in Gruppen, etwa bei Projekten zu Gewaltprävention oder führen eine Streitschlichtung durch.

Auch wenn ihre Wirkungsstätte es vermuten lässt: „Wir sind nicht Schule.“ Das ist den beiden wichtig zu betonen. Während es in der Schule vorrangig um Bildung und die Vermittlung von Lerninhalten geht, stehen bei der Schulsozialarbeit psycho-soziale Themen im Mittelpunkt. 

Den Kinderschutz immer im Blick

Der große Vorteil der Schulsozialarbeiterinnen: Sie können individuell auf das einzelne Kind eingehen. „Wir geben Zeit und Raum, der im Unterricht oft nicht gegeben ist“, sagt Sophie Verheyen.

In Kooperation mit den Lehrkräften greifen die Schulsozialarbeiterinnen die individuellen Problemlagen und Bedürfnisse der Kinder auf. „Wir haben auch den Kinderschutz im Blick, schauen bei Problemen hin und beraten bei häuslicher Gewalt, Vernachlässigungen oder Kindeswohlgefährdungen.“ Dafür brauche es die entsprechende Expertise, um diese zu erkennen.

Beide haben Soziale Arbeit studiert und sind als Schulsozialarbeiterinnen im Auftrag der Katholischen Jugendagentur Leverkusen, Rhein-Berg, Oberberg gGmbH an der GGS Gronau für rund 200 Schüler:innen zuständig – jeweils mit einer halben Stelle. 

Die GGS Gronau. Foto: Thomas Merkenich

Die Schulsozialarbeiterinnen, die Schule und die OGS arbeiten sehr eng zusammen, sitzen Tür an Tür mit der Schulleitung. „Wir sind Kooperationspartner“, sagt Sophie Verheyen. Und obwohl eine räumliche wie inhaltliche Nähe herrscht, betont sie: „Alles, was mit uns besprochen wird, landet nicht automatisch bei Lehrkräften oder Schulleitung.“ 

Im Gegenteil: Nur mit ausdrücklicher Zustimmung und wenn die Sozialarbeiter:innen beispielsweise vermitteln sollen, tauschen sie sich mit der Schule aus. Sie unterliegen Schweigepflicht und Datenschutz.

Wachsender Bedarf

Das Lehrerkollegium habe sehr für die Einrichtung der Schulsozialarbeit gekämpft, erinnert sich Sophie Verheyen. Sie ist im Jahr 2022 mit einer halben Stelle an der GGS Gronau gestartet, hat die Schulsozialarbeit dort implementiert – wie bereits vorher an drei anderen Schulen. „Wir arbeiten hier Hand in Hand.“ 

Der Bedarf ist da und wächst. Seit vergangenem Schuljahr ist mit Annick Brune eine weitere halbe Stelle dazu gekommen. Dazu muss man wissen: Die GGS Gronau weist eine Besonderheit auf. Sie ist die einzige Grundschule im Stadtgebiet mit NRW-Schulsozialindex 7. Dieser bildet die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft einer Schule mit einem Wert ab – er reicht von 1 bis 9. Je höher die Zahl ausfällt, umso größer sind die bestehenden sozialen Herausforderungen. (Quelle: NRW-Schulministerium)

Annick Brune ist seit einem Schuljahr als weitere Schulsozialarbeiterin an der GGS Gronau hinzu gekommen. Foto: Thomas Merkenich

Neben täglichen Sprechstunden zu festgelegten Zeiten können Kinder Redebedarf anmelden. Dafür gibt es einen Briefkasten vor der Tür zum Büro der Schulsozialarbeiterinnen. In jeder Klasse liegen vorbereitete Zettel, auf denen die Kinder nur noch ihren Namen notieren. Die Sozialarbeiterinnen sprechen sie dann an. 

„So soll die Hürde so niedrig wie möglich sein, auch für die Kinder, die noch nicht richtig schreiben können“, erklärt Annick Brune. Zwei bis drei solcher Zettel landen pro Woche im Schnitt im Briefkasten. Mal resultiert aus solchen Zetteln ein einmaliges Gespräch, manchmal ist es der Auftakt für regelmäßige Termine. 

Streit, Mobbing, Trennung

Die häufigsten Themen der Kinder sind den Expertinnen zufolge Streit (mit Mitschüler:innen, Geschwistern oder Eltern) sowie negative oder starke Gefühle wie Wut, Aggression und Trauer. Auch Mobbing, Trennung der Eltern oder häusliche Gewalt werde thematisiert. 

„Manchmal sagt ein Kind einfach nur, dass es ihm nicht gut geht, ohne es näher benennen zu können“, berichtet Sophie Verheyen. Mit der Zeit kristallisiere sich heraus, dass es zu Hause emotional vernachlässigt wird und sich nach Aufmerksamkeit sehnt. Ungeteilte Aufmerksamkeit schenken die Schulsozialarbeiterinnen den Kindern. „Das tut ihnen gut. Die Kinder kommen gern zu uns und genießen die Einzelzeit“, so Annick Brune. 

Für solche Auszeiten ist in der ersten Pause die „Oase“ da: Jeweils ein Kind kann während dieser Zeit im Raum der Schulsozialarbeiter:innen Musik hören, malen oder einfach entspannen. Die langen Konzentrationsphasen im Unterricht und der laute Schulhof sind für viele Kinder überfordernd.

Anlaufstelle für die Eltern

Die Schulsozialarbeiterinnen sind aber nicht nur für die Schüler:innen da, sondern häufig erste Anlaufstelle für Eltern. 

In den Elterngesprächen geht es mitunter um lebenspraktische Themen: Wie melde ich mein Kind in einem Sportverein oder bei der Musikschule an? „Einige der Eltern sprechen schlecht Deutsch, bringen Fluchterfahrung mit, müssen Trauma-Erfahrungen verarbeiten oder durchleben Trauer “, berichtet Annick Brune. In vielen Elterngesprächen geht es um alltägliche Erziehungsfragen und Unterstützung bei behördlichen Anträgen. „Wir vermitteln Eltern auch an Beratungsstellen oder begleiten sie zu Erstgesprächen.“ 

Zur Sache: Schulsozialarbeit
Aufgaben der Schulsozialarbeit

Schulsozialarbeit ist die Schnittstelle zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Die Fachkräfte haben das Wohl der Kinder im Blick und unterstützen sie in ihrer persönlichen und schulischen Entwicklung. Sie beraten Kinder, Eltern und Lehrkräfte und schreiten bei Gefährdungen ein. Dafür arbeiten sie eng mit Jugendämtern und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zusammen.

Bundesweiter Flickenteppich

Es gibt nicht an allen Schulen Schulsozialarbeiter:innen. Zahlen dazu, wie viele bundesweit an Schulen tätig sind, existieren nicht, wie eine aktuelle Studie der HTW Saar zeigt. Die Daten dazu werden nicht von allen Bundesländern erfasst, die Strukturen und Zuständigkeiten unterscheiden sich je nach Land. Das Forscherteam der HTW Saar spricht diesbezüglich von einem „Flickenteppich“.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert bereits seit langem, dass es an jeder Schule Sozialarbeit und pro 150 Schülern mindestens eine volle Stelle gibt.

Die Lage in NRW

Auch genaue Zahlen für NRW existieren nicht, was auch mit der vielfältigen und komplexen Trägerschaft zusammenhängt: Viele Schulsozialarbeiter:innen sind bei freien Trägern der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe angestellt. Andere werden über das NRW-Schulministerium beschäftigt. Weitere Stellen werden durch Landesförderungen finanziert.

Die Lage im Kreis

Der Rheinisch-Bergische Kreis teilt auf Anfrage des Bürgerportals mit, dass das Thema Schulsozialarbeit grundsätzlich in der Verantwortung des jeweiligen Schulträgers liege, da es sich um nichtlehrendes Personal handele. Der Kreis ist Schulträger von vier Schulen in Bergisch Gladbach. Die dort tätigen Schulsozialarbeiter:innen sind beim Kreis angestellt mit folgendem Umfang:

Margot-Friedländer-Schule (ehemals Verbundschule Mitte): 1,5 Stellen, zwei Personen 
Friedrich-Fröbel-Schule in Moitzfeld: 0,9 Stellen, eine Person
Berufskolleg Bergisch Gladbach: 0,9 Stellen, eine Person
Berufskolleg Kaufmännische Schulen: 1,0 Stellen, eine Person

Die Lage in GL

An welchen Schulen in Bergisch Gladbach Schulsozialarbeiter:innen tätig sind, teilte die Stadt auch nach mehrmaliger Anfrage bislang nicht mit.

Dabei begegnen die Schulsozialarbeiterinnen auch immer wieder Ängsten: „Einige wissen nicht, dass nicht alles von einer Erziehungsberatungsstelle gleich in Akten bei Jugendämtern und Behörden landet. Aus ihren Herkunftsländern kennen sie das teilweise anders.“ 

Auch wenn kein Arbeitstag gleich ist, folgen die Wochen einer Struktur mit festen Terminen – etwa um sich mit der Schulleitung, den Sonderpädagog:innen und der OGS auszutauschen, um ihre sozialpädagogische Expertise einzubringen. Außerdem nehmen die Schulsozialarbeiterinnen an allen Lehrerkonferenzen teil.


Im Newsletter „GL Familie“ berichten wir einmal im Monat über alle lokale Themen, die für Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder in Bergisch Gladbach wichtig und/oder interessant sind. Es gibt jeweils einen Schwerpunkt, einen Familienrat, Empfehlungen und viele (Flohmarkt-)Termine. Sie können den Newsletter hier kostenlos bestellen.


Bei Bedarf vermitteln sie als neutrale Instanz zwischen Lehrkräften und Eltern. Etwa wenn es darum geht, ob das Kind eine Klasse wiederholt oder ein sonderpädagogischer Förderbedarf nötig ist. Mit solchen Themen seien Sorgen und Vorbehalte verbunden. Im engen Austausch stehen sie außerdem mit Beratungsstellen, Jugendzentren, Jugendamt, schulpsychologischem Dienst und Polizei. 

Neben der Einzelfallhilfe umfasst die Arbeit der Schulsozialarbeiterinnen die Bereiche Prävention und Aufklärung. Eine zentrale Aufgabe sehen sie darin, Kinder über ihre Rechte aufzuklären. „Sie sollen wissen, dass sie sagen dürfen, wenn zu Hause nicht gut für sie gesorgt wird“, sagt Sophie Verheyen.

Foto: Thomas Merkenich

Neben der Intervention bei akuten Krisen liegt ein Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Durchführung von Workshops und Klassenangeboten als präventive Maßnahme. Die Schulsozialarbeiter:innen führen beispielsweise jahrgangsbezogene Workshops zur Förderung einer guten Klassengemeinschaft als Grundlage für gemeinsames Lernen durch.  Weitere Workshops sind das Achtsamkeitstraining, Selbstbehauptung und der Umgang mit Medien. 

Und zwischendurch finden immer wieder spontane Gespräche mit Kindern, Eltern oder Lehrkräften statt. Manchmal auf dem Flur oder auf dem Schulhof. Denn Redebedarf gibt es eigentlich immer. Nach den Ferien besonders.

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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