Die Redner Walborg Schröder, Lutz Urbach, Szymon Bartoszewicz, Olaf Seiler (v.r.n.l.)

Walborg Schröder verrät es am Ende ihrer Rede: nach 25 Jahren will sie die Organisation der Bergisch Gladbacher Mahnwache zur Reichspogromnacht in jüngere Hände geben. Aber sie stellt auch klar: „Ich bin zwar jetzt 82 Jahre alt. Aber immer noch voller Kampfgeist, mich gegen alte und junge Nazis zur Wehr zu setzen.” Bei der Mahnwache gehe es eben nicht nur um Erinnerungskultur. Aber wer die Augen vor der Vergangenheit verschließe habe keinen Blick für die Gegenwart.

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Damit schlug Schröder den Bogen von den Verbrechen der Nationalsozialisten (die auf dem Gelände der Stella-Werke in Heidkamp ein wildes KZ betrieben, Menschen folterten und in den Tod schickten) zur Gegenwart: „Die Aufnahme der Flüchtlinge in Bergisch Gladbach wird von einer großen Solidarität der Bevölkerung getragen – aber wir sehen auch den Hass in einigen Bevölkerungsgruppen”, warnte Schröder.

Nur 50 Menschen waren am Samstag zur Mahnwache gekommen, Redner, Journalisten und Kinder mitgezählt. Am Rande wehten die roten Fahnen der IG Bau, der DKP und der Linken; unter den Zuhörern waren auch Vertreter der SPD, der Grünen und der FDP.

Bürgermeister Lutz Urbach nahm das Thema von Walborg Schröder in seiner Rede auf. Das Gedenken der schrecklichen Taten der Vergangenheit sei immer auch ein stiller Protest gegen aktuelle Missstände in der Gesellschaft. „Die Pogromnacht hat Deutschland verändert, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass sich solche Schatten nie wieder auf Deutschland und auch nicht auf Bergisch Gladbach legen”, forderte Urbach.

Vor allem dürften Rassismus und Fremdenhass keinen Platz in Bergisch Gladbach haben, betonte Urbach: „Das Gedenken dient uns als Warnung für die Gegenwart und Zukunft; auch heute werden wieder radikale fremdenfeindliche Stimmen laut, die darf es in Deutschland nicht wieder geben, die müssen wir im Keim ersticken.”

Den für kommenden Donnerstag anstehenden Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Bergisch Gladbach wertete Urbach als Anerkennung für die vielen haupt- und ehrenamtlichen Helfer; aber auch für die vielen anderen, die ihren Beitrag für die Flüchtlinge leisten. Wie zum Beispiel die Sportvereine, die auf ihre Hallen verzichteten.

Szymon Bartoszewicz vom Integrationsrat beobachtet, dass gerade ein neues Deutschlandbild gezeichnet werde. „Wir müssen verhindern, dass die dunklen Zeiten zurückkehren. Es gibt viele Menschen voller Angst. Der kleine Bruder der Angst sei die Wut  – und die könne zu Hass werden und zu abscheulichen Gräueltaten führen”, sagte Bartoszewicz.

Erneut sehe man in Deutschland Bilder von fremdenfeindlichen Demonstrationen, von Angriffen auf Unterkünfte und ehrenamtliche Helfer. Aber es gebe auch einen Hoffnungsschimmer, betonte Bartoszewicz: „In Bergisch Gladbach sehen wir solche Bilder nicht. Hier stehen die Menschen im Vordergrund, die helfen, die Aufgabe gemeinsam zu bewältigen.” Er schloss mit dem Goethe-Zitat „Mehr Licht!”

Olaf Seiler von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten nutzte seine Rede, um sehr ausführlich mit der deutschen Politik und Justiz abzurechnen, die nach seiner Meinung dazu beigetragen habe, dass die Neonazis in Deutschland wieder Aufwind haben. Eine Ansicht, die ihm lauten Widerspruch von Teilnehmern aus dem liberalen Spektrum eintrug.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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