Einige der Flüchtlinge aus Syrien in der Jakobstraße: Khalil, Ahmet, Amar, Hussein, Husam

Die „Syrer von der Jakobstraße” sind trotz einiger Schwierigkeiten und des ständigen, ermüdenden Wartens gutes Mutes. Weil sie sich in Bergisch Gladbach gut aufgehoben fühlen. Dafür möchten sie Dank sagen – bei den vielen Menschen und Institutionen, die sich um sie kümmern.

Hinweis der Redaktion: Unser Autor Engelbert M. Müller hat die Syrer in der Jakobstraße häufig besucht, viel mit ihnen geredet und einige von ihnen für das Bürgerportal porträtiert. Dabei ist diese Idee zu dieser Danksagung entstanden. Müller hat den Text verfasst und mit den Flüchtlingen in einer englischen Fassung im Detail besprochen. Sie stimmten dem Text voll und ganz zu und freuen sich auf eine Veröffentlichung im Namen ihrer Gruppe.

Liebe Gladbacher!

Wir möchten uns einmal bei den Bürgern der Stadt Bergisch Gladbach bedanken. Bedanken bei den vielen Menschen, die uns freundlich aufgenommen haben, bedanken für die Unterkunft in der Jakobstraße, wo wir uns wohlfühlen.

Bedanken, dass wir an kostenlosem Deutschunterricht teilnehmen dürfen. Wir bedanken uns auch bei der Tafel, wo wir jeden Samstag essen und uns mit Proviant für die kommende Woche versorgen, und –last not least- beim Sozialamt und beim Jobcenter, von wo wir unsere monatlichen Zahlungen erhalten.

Wir bedanken uns auch bei den städtischen Mitarbeitern dafür, dass wir nun eine ausreichende Außenbeleuchtung vor unseren Häusern haben, und funktionierende Waschmaschinen und nunmehr eine tägliche Postzustellung für jeden einzelnen.

Wir besuchen eifrig und pünktlich den Deutschunterricht in der Volkshochschule und in der Benedict-Sprachschule. Die meisten Deutschen machen sich wahrscheinlich keine Vorstellung davon, welche schwierige Sprache wir da lernen. Die grammatischen Probleme mit den Artikeln sind fast undurchschaubar. Warum heißt es „der Tisch“ und „die Lampe“? Inwiefern ist ein Tisch ein Mann und eine Lampe eine Frau? Und dann gibt es Gegenstände, die angeblich so etwas wie Kinder sind, wie „das Handtuch“ oder „das Waschbecken“. Wieso?

Das sind nur ein paar Beispiele. Insgesamt ist die deutsche Grammatik aber fast ein undurchdringlicher Dschungel. Trotzdem bemühen wir uns, jeden Tag drei bis vier Stunden.

Einfacher und zufriedenstellender ist unsere Wohngemeinschaft in der Jakobstraße. Wir wohnen mit neun syrischen Männern in drei Wohn-Schlafräumen mit je drei oder vier Betten. Dazu haben wir eine Gemeinschaftsküche und einen gemeinschaftlichen Wasch- und Toilettenraum.

Wir haben auch Glück mit uns selber. Wir verstehen uns ganz gut miteinander. Ab und zu kocht einer für mehrere oder alle zusammen. In zwei Räumen steht ein Fernseher, auf dem wir arabische, aber oft auch deutsche Programme anschauen. Wenn wir auf dem Sofa vor dem Fernseher zusammensitzen, geht es oft munter zu, wir ziehen Ahmad wegen seiner zunehmenden Wampe auf, fragen ihn, im wievielten Monat er sich mittlerweile befindet, oder fragen Hussein, wieviele seiner putzigen selbstgedrehten Zigarettchen er heute noch rauchen will.

Manchmal kommt auch Besuch. Hussam und Fahed aus Moitzfeld, der Syrer von nebenan mit seinem munteren kleinen Töchterchen, die ehrwürdige armenische alte Dame aus Beirut, der Kurde Massoud aus Paffrath, der schon gut Deutsch spricht, so dass er aus dem Arabischen übersetzen kann.

Lesen Sie mehr Beiträge aus dieser Serie:
Elias: Die Wiedergutmachung
Fahed: Ein sanfter Jaguar
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Khalil und seine Olivenbäume
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Der syrische Rechtsanwalt
Die Junge Mutter

Einige von uns haben schon Kontakte zu Deutschen oder zu deutschen Einrichtungen, wo sie Gelegenheit haben, Alltagsdeutsch zu lernen, obwohl auch das nicht leicht ist. Hussein, Bshara und Elias besuchen seit einiger Zeit ein Fitnesscenter, um sich sportlich auf der Höhe zu halten. Bshara und Elias gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst in die Laurentiuskirche. Ammar und Khalil sind Freitags in der Moschee neben dem Ausländeramt, obwohl dort nur Türkisch gesprochen wird, außer den Gebeten und den Koranversen. Die sind natürlich auf Arabisch.

Elias und Bshara haben neuerdings die Möglichkeit gefunden, im Q1-Jugendzentrum kostenlos Billard zu spielen. Khaldoun arbeitet ab und zu freiwillig auf einem Pferdehof in Paffrath. Dort kann er viele Kontakte zu Deutschen anknüpfen.

Einige von uns haben versucht, einen Praktikumsplatz zu bekommen. Es geht dabei weniger ums Geld, als darum, erste Kontakte zur deutschen Arbeitswelt zu bekommen. Das ist aber ein schwieriges Geschäft. Der freundliche Edeka-Besitzer, bei dem Khalil Aussichten auf einen Praktikumsplatz hatte, musste schließlich absagen, weil er schon vier Mitarbeiter rein aus sozialen Gründen eingestellt hatte.

Und der Fliesenleger, der Ammar zuerst einstellen wollte, sagte schließlich ab, weil die Verständigung mit Ammar doch noch zu schwierig ist. Er muss einfach noch mehr Deutsch lernen. Wie lange das wohl noch dauert, bis er endlich seinen Wunsch erfüllen kann, wie in Syrien als Fliesenleger zu arbeiten? Mazen hat in seiner Heimatstadt als Grafik-Designer gearbeitet. Vielleicht bekommt er im Herbst die Gelegenheit, bei einer Firma in Moitzfeld ein entsprechendes Praktikum zu machen.

Alle zusammen müssen wir warten. Warten, warten! Dafür brauchen wir viel Geduld. Unser Freund Fahed in Moitzfeld wartet darauf, dass seine schwerkranke Frau ein Visum von der Botschaft in Beirut erhält, um mit ihrem kleinen Sohn nachzukommen. Khalil wartet auf den Nachzug seiner Frau, die in Ägypten auf das Visum der deutschen Botschaft in Kairo wartet.

Hussein wartet seit sechs Monaten auf seine Anerkennung als Flüchtling, ebenso wie sein Freund Ahmad. Khalil wartet auf eine Wohnung für seine fünfköpfige Familie, wenn sie denn nachkommt. Die anderen warten darauf, dass sie genug Deutsch können, bis es weitergehen kann.

Trotz aller Schwierigkeiten sind wir insgesamt noch guten Mutes, freuen uns tagtäglich, dass wir einigermaßen mit unserem Leben zurechtkommen und so gut miteinander auskommen. Das ist ja nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich wir sind. Zwei von uns sind Katholiken, die anderen Moslems von unterschiedlicher Stärke des Glaubens.

Dazu kommen die unterschiedlichen Berufe, die wir ausgeübt haben: Einer war Olivenbauer und Ladenbesitzer, zwei waren Arbeiter in einer Schuhfabrik, einer Buchhalter, einer Elektrotechniker, einer Finanzmanager, einer Grafik-Designer, einer Fliesenleger und einer Informatiker.

Auch unsere Hoffnungen für die Zukunft sind verschieden. Die meisten wollen sich in Deutschland niederlassen, aber einige wollen auch wieder zurück, wenn in unserem Land endlich einmal wieder Frieden eingekehrt ist. Einige sind noch unentschieden.

Egal, wie es mit unserem Leben und unseren Schicksalen weitergehen wird: Wir werden den Aufenthalt in der Jakobstraße in Bergisch Gladbach in guter Erinnerung behalten. Nochmals vielen Dank!

Die Syrer von der Jakobstraße

P.S. Die Leser haben natürlich Recht, wenn sie meinen, dieser Text könne wohl kaum von syrischen Flüchtlingen verfasst sein, die noch heftig damit beschäftigt sind Deutsch zu lernen. Auch die Idee zu diesem Brief stammt auch nicht von ihnen. Aber ich habe den Text nach dem Verfassen ins Englische übersetzt und intensiv mit einigen Flüchtlingen besprochen. Er stieß auf große Zustimmung, und die Idee, ihn unter dem Namen der Syrer erscheinen zu lassen, löste Freude aus. Dann besprach Mazen ihn noch einmal mit den anderen Freunden und schrieb mir, dass diese mit jedem Wort einverstanden seien. So meinte ich, seine Veröffentlichung könnte sowohl den Syrern von der Jakobstraße als auch der Gladbacher Bevölkerung entgegenkommen. Engelbert Manfred Müller

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Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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1 Kommentar

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  1. Wir finden den Artikel lesenswert. Es ist gut, daß solche Artikel verfaßt und auch veröffentlicht werden. Sie regen sicherlich einige Leser zum Nachdenken an und
    sie bekommen eine andere Sichtweise in der desolaten Flüchtlingssituation.
    Die Gefahr wird täglich immer größer, – und es ist letztlich auch verständlich –
    daß die Geduld der Flüchtlinge in Unmut und mehr umschlägt. Und was dann?

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