Reisegruppe des Ganey Tikva-Verein im Atelier von Orna Ben Ami (Mitte). Foto: Archiv

In einem offenen Brief wendet sich der Ganey Tikva-Verein an Lutz Urbach, fragt nach Belegen für die Kritik des Bürgermeister und bietet ein persönliches Gespräch an.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Ihr Sommer-Interview haben wir mit Interesse gelesen. – Und sicher nicht nur wir. Daher seien einige wesentlichen Fragen dazu erlaubt:

Sie stellen uns nun zum wiederholten Mal das folgende Zeugnis aus: „Der Ganey Tikva Verein hat sich in den vergangenen Monaten immer mehr als konstruktiver Ansprechpartner für eine Städtepartnerschaft verabschiedet und seinen Fokus auf die Bekämpfung von Antisemitismus gelegt.“

„Immer mehr“ klingt nach einer ganzen Reihe von Ereignissen. Können Sie dafür bitte Beispiele benennen?

Meinen Sie unseren israelischen Weinabend, an dem wir 6 israelische Weine und nur einen palästinensischen verkostet haben?

Meinen Sie unsere Reise nach Ganey Tikva Ende des vergangenen Jahres, bei der wir 6 Tage in Israel und nur einen in Beit Jala mit dem dortigen Bürgermeister verbracht haben?

Oder meinen Sie die Ausstellung mit der israelischen Künstlerin Orna Ben-Ami, wo wir lediglich für die Anwesenheit von 8 jungen Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Palästina sorgen konnten?

Was konkret meinen Sie, Herr Bürgermeister?

Aufgrund Ihrer neuerlichen Schilderung der Vorgänge um den Besuch Ihrer niedersächsischen „Impulsgeber“ (zu denen es einiges anzumerken gäbe) und die nachfolgende dringend gewünschte Pressemitteilung, fragt Herr Niewels treffend: „Und DAS war der Grund, die Zusammenarbeit aufzukündigen?“

Ihre Begründung: „Der Ansatz, keine Weltpolitik betreiben zu wollen, sondern sich ausschließlich um die Begegnung von Menschen zu kümmern“ würde von uns nicht mitgetragen.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, wann sind Sie zuletzt auf der Website des Beit Jala Vereins gewesen? Finden Sie deren Haltung etwa unpolitisch?

Ist nicht genau das der Versuch, „Weltpolitik“ zu betreiben und in Bergisch Gladbach im Kleinen zu versuchen, was den Großen in Camp David nicht gelungen ist, wenn man Harmonisierungsgespräche mit Externen anberaumt?

Betreiben da tatsächlich diejenigen, die dagegen sachlich begründete Vorbehalte äußern, „Weltpolitik“? Und auch diejenigen, die darauf hinweisen, dass die fortwährende Propagierung eines einseitigen antiisraelischen Weltbildes dem Antisemitismus Vorschub leistet?

Wir finden es sehr nobel von Ihnen, dass Sie „selbstverständlich überhaupt nichts dagegen haben“, wenn sich hier in Ihrer Stadt „ein Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus gründet“ (solange es nicht der Verein tut, der sich der Beziehung zur israelischen Partnerstadt widmet, meinen Sie?!) – und auch nicht „sich mit der Deutsch-Israelischen Geschichte auseinander zu setzen“.

Dann darf sich also beispielsweise unsere Vorsitzende Petra Hemming weiterhin alleine zur Wehr setzen, wenn sie in Refrath auf offener Straße als „diese Israel-Tante“ beschimpft wird, verbunden mit dem raunenden Hinweis, es sei „alles ganz anders“ gewesen, „damals“…?

Sie kennen ja den Vorfall. Und da Sie ja auf facebook aktiv sind, sehen Sie ja auch in den Chatrooms die forschen Formulierungen zu diesem Thema auch von Gladbacher Adressen.

Sollten Sie jedoch recht haben und Bergisch Gladbach eine kleine unbeugsame Oase in einem Land mit steigender antisemitischer Tendenz sein, so sollte uns das freuen – es würde uns aber überraschen.

Und vor allem: verstehen wir Sie richtig, dass Sie „die Bekämpfung von Antisemitismus“ als vorwerfbaren Tatbestand betrachten?

Sehr geehrter Herr Urbach, in all dem Austausch von Pressemitteilungen der letzten Tage und Wochen zu diesem Thema haben wir Ihre Bereitschaft zu einem persönlichen Gespräch vermisst.

Trotz alledem:

Wir sind dezidiert der Meinung, dass sich eine Städtepartnerschaft nicht aus einer Verwaltung heraus wirklich lebendig pflegen lässt, sondern dass sie von einem bürgerschaftlichen Engagement getragen sein muss.

Es wäre eine Win-win-Situation, die bisherige erfolgreiche Kombination von Beidem nicht vom Tisch zu fegen. Auch wenn viel Porzellan zerschlagen wurde: wir sind zu einem persönlichen Gespräch nach wie vor bereit und würden dies der „Kommunikation über die Medien“, die man wohl eher als „Schlagabtausch ohne Aussicht auf Frieden“ bezeichnen muss, vorziehen.

Denn uns geht es nach wie vor in erster Linie darum, gerade in diesen Tagen möglichst viel Kontakt und gegenseitiges Verständnis zwischen den Menschen hier und dort zu fördern.

Beste Grüße

Der Vorstand des GTV

Petra Hemming
Jürgen Sterzenbach
Judith Walter
Anita Rick-Blunck
Dr. Fritz Bolte
Axel Bolte

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Ganey-Tikva-Verein

Der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V. ist zu erreichen über die Vorsitzende Petra Hemming, per Mail: petra.hemming@gmail.com

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2 Kommentare

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  1. Die Kanzlerin hat das Existenzrecht
    ISRAELS zur Staatsraison erklärt.
    BDS kann zur wirtschaftlich
    Vernichtung und weiter zur
    Staatsvernichting führen und
    somit sollten Institutionen, die
    BDS fordern nicht mit Steuergeld
    unterstützt werden.
    Fred.mandt@gmx.net

  2. Wenn “Der Ansatz, keine Weltpolitik betreiben zu wollen, sondern sich ausschließlich um die Begegnung von Menschen zu kümmern” vom GTV nicht mitgetragen wird, so frage ich mich, warum das ganze Theater – nicht nur vom Bürgermeister sondern auch vom GTV? Wenn sich Partner – dabei ist eine “Trilogie” a priori wenig fördernd – nicht verstehen, sollte eine Aussprache gesucht werden. Wer daran nicht teilhaben will, ist selbst schuld. Deshalb aber Bergisch Gladbach in Aufruhr zu versetzen, einzelne Beschimpfungen zu instrumentalisieren und das tatsächliche Anliegen, die Bekämpfung an Antisemitismus, hinter das angebliche Bemühen um Konsens zu stellen, macht dieses Anliegen kaum unsichtbar.

    Israel bzw. die Israelis haben möglicherweise einen scheren Stand in Deutschland. Das hat die unselige deutsche Geschichte hervorgebracht. Dass aber heute noch sehr viele Juden die nie aufzuhörende, öffentliche Beschuldigung Deutschlands mit möglichst vielen Zugeständnissen in ganz anderen Bereichen – Annektierung und Besiedlung fremder Gebiete – verlangen und betreiben, trägt auch nicht zu einer Normalisierung der Verhältnisse bei. Ich scheue mich nicht zu sagen, dass das Vorgehen der Regierung Israels in den besetzten Gebieten und gegen die Palästinenser deutlich vielen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nahekommt.