
Jachad, die dreiköpfige Skulptur von Helmut Brands (2.v.r.) steht für Miteinander und ist ein Geschenk an die Partnerstadt Ganey Tikva.
Mit Partnerschaften in Israel und Palästina bewegt sich Bergisch Gladbach auf glattem Parkett. Bislang behandelten sich die beteiligten Vereine mit Respekt. Ausgerechnet der Versuch, sich besser zu verstehen, führt jetzt zu einem bösen Konflikt. Nicht in Nahost, sondern hier vor Ort.
Getragen werden die Städtepartnerschaften mit Beit Jala in Palästina und der nur wenige Kilometer entfernten israelischen Stadt Ganey Tikva von den jeweiligen Partnerschaftsvereinen mit jeweils einem harten Kern engagierter Mitgliedern. Kirchenleute, Lokalpolitiker und Kulturschaffende sind auf beiden Seiten prominent vertreten. Auch die Stadt, mit Bürgermeister Lutz Urbach und seinem Büroleiter Stephan Dekker an der Spitze, spielt eine sehr aktive Rolle.
Daher war es naheliegend, dass alle drei Parteien an einem Gespräch teilnahmen, das eigentlich zusammenführen sollte, sich aber als gefährlicher Sprengsatz erwies. Auf Vorschlag des Beit-Jala-Vereins, abgestimmt mit dem Ganey Tikva-Verein und auf Einladung des Bürgermeisters waren Michael Fürst und Yazid Shammout aus Hannover angereist.
Unterschiedlicher Meinung, aber miteinander reden
Der eine ist Jude, der andere Palästinenser, gemeinsam haben sie es sich zur Aufgabe gemacht zu zeigen, wie man unterschiedlicher Meinung sein und dennoch miteinander reden kann. Ein Duo, das vielfach gelobt, mitunter aber auch kritisiert wird – und in Bergisch Gladbach am Ende das Gegenteil des Bezweckten bewirkte.
Vereinbart war, nach dem Gespräch im Rathaus eine gemeinsame Pressemitteilung herauszugeben. Den Entwurf dafür lieferte Jörg Bärschneider, Vorstandsmitglied im Beit Jala-Verein, und mit dem Vorsitzenden Axel Becker Teilnehmer des Gesprächs.
Die Überschrift des Entwurfs klang sehr positiv: „Gemeinsamkeiten ausbauen, Unterschiede respektieren. Zwei Vereine, drei Städte: Wie der Brückenschlag nach Israel und Palästina besser gelingen kann”. Der Text bringt die zentrale Botschaft der Herren aus Hannover bei dem Runden Tisch so auf den Punkt:
„Wir dürfen uns nicht zum Anwalt der einen oder anderen Seite machen und einen Dauerkonflikt lösen wollen. Wir haben Sympathien, aber unsere Aufgabe ist der Brückenbau zwischen Menschen und Kulturen.“
Dass genau das in Bergisch Gladbach, zwischen den beiden Vereinen, gar nicht so einfach ist, klingt im Entwurf der gemeinsamen Erklärung schon durch:
„Solche Einsichten wollen im praktischen Umgang miteinander erprobt werden, machte ein bisweilen hitziger Schlagabtausch in der Runde deutlich – in Bergisch Gladbach und im Heiligen Land. Die Zusammenarbeit beider Vereine hier vor Ort bleibt wegen politischer Berührungsängste unter ihren Möglichkeiten, ein Austausch der Partnerstädte im Nahen Osten scheint angesichts von Sprachlosigkeit und Freund-Feind-Denken fast unmöglich.”
„Gespräch verfälscht, israelfeindliche Passagen”
Ein Zwischenfazit, dem sich die Vorsitzende des Ganey Tikva-Vereins Petra Hemming zunächst anschloss, dann aber nach einigen Tagen nicht mehr stehen lassen wollte. Sie verweigerte die Zustimmung zur Erklärung. Heftige Vorwürfe machten die Runde: der Entwurf verfälsche den Gesprächsverlauf und enthalte tendenziell israelfeindliche Passagen.
Hinweis der Redaktion: Wir dokumentieren den Entwurf und weitere Dokumente unten; damit Sie sich einen Eindruck verschaffen können. Beachten Sie auch die Kommentare unten, in denen Teilnehmer des Gesprächs direkt Stellung beziehen.
Hemmings Vorschlag: keine Pressemitteilung zu veröffentlichen und so zu tun, als habe das Gespräch im Rathaus gar nicht statt gefunden. Im Interesse der Bürger der Stadt.
Damit wiederum war Bürgermeister Urbach nicht einverstanden. Er reklamierte für sich das Recht, am ehesten für die Bürger der Stadt sprechen zu können. Und er erkenne nicht, warum eine Berichterstattung schädlich sein solle.
Tatsächlich gab die Pressestelle der Stadtverwaltung einige Tage später eine offizielle Mitteilung des Bürgermeisters heraus – die mit dem Entwurf von Jörg Bärschneider weitgehend identisch ist (siehe unten).
Mit einer wichtigen Ausnahme. Im Ausgangstext von Bärschneider heißt es:
„Die Bergisch Gladbacher Partnerstädte im Heiligen Land liegen kaum 60 Kilometer voneinander entfernt, doch die Besatzungsrealität macht eine Begegnung unmöglich.”
Im Text des Bürgermeisters heißt es dagegen:
„Die Bergisch Gladbacher Partnerstädte im Heiligen Land liegen kaum 60 Kilometer voneinander entfernt, aber die politische Realität macht eine Begegnung schwierig.”
Das Wort „Besatzungsrealität” war für den Ganey Tivka-Verein nicht akzeptabel, weil es Israel als Aggressor brandmarke. Bärschneider betont, er habe nicht auf diese Begriff bestanden, wäre zu Änderungen bereit gewesen.
Urbachs Textänderung ging Hemming jedoch nicht weit genug. Petra Hemming lehnte im Namen des Vorstands des Ganey Tikva-Vereins eine Unterzeichnung ab und widersprach vorsorglich einer Veröffentlichung von Fotos der Veranstaltung.
Es habe sich bewahrheitet, wovor Axel Bolte, ein Mitglied des Vereins, im Vorfeld gewarnt hatte, argumentierte Hemming: Beide Gäste verträten eine antisemitische Argumentation und eine Relativierung des Holocausts.
Aktualisierung 15.7.: Petra Hemming wirft dem Beit Jala-Verein vor, dem Antisemitismus Vorschub zu leisten. Das weist der Verein als „infame Unterstellung” zurück. Alle Details
„Kein Respekt, Vertrauen zerstört”
Auf Nachfragen des Bürgerportals kritisiert Hemming das Vorgehen des Bürgermeisters: Es sei „unverständlich, dass die einseitige, vom Beit Jala-Verein formulierte Presseerklärung nun dennoch – und zwar fast wortgleich – als offizielle Presseinformation der Stadt Bergisch Gladbach veröffentlicht wurde”. Die kritische Position des Ganey Tikva-Vereins sei „schlichtweg übergangen” worden.
Auf Rückfrage des Bürgerportals erklärt Urbachs Büro, bei der Veröffentlichung handele es sich um eine Pressemitteilung des Bürgermeisters, auf der Basis des Bärschneider-Entwurfs. Dabei habe Urbach auf die eigenen Erfahrungen der bisherigen Zusammenarbeit zurück gegriffen.
Rücktritte im Ganey Tikva-Verein
Bereits die erste Reaktion Hemmings hatte eine heftige Erschütterung ausgelöst. Und zwar im Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins. Susanne und Peter Schlösser legten unter scharfem Protest ihre Vorstandsämter nieder und traten aus dem Verein aus.
Ihnen folgte der stellvertretende Vorsitzende Achim Dehmel. Für ihn war „die einseitige Parteinahme des Beit Jala-Vereins für Palästina immer unklug”, sagt Dehmel. Nun habe auch der Vorstand des Ganey Tikva-Vereins entschlossen, „deutlicher politisch tätig zu werden”. Dem wolle er sich nicht anschließen, sagt der Pfarrer der Kirche zum Heilsbrunnen. Er teile aber weiterhin das deutliche Nein gegen Antisemitismus. Ihm gehe es „um die Menschen und den Austausch, nicht um politische Stellungnahmen“.
Aktualisierung, 14.7.: Petra Holtzmann, ebenfalls stellvertretende Vorsitzende des Ganey Tikva-Vereins, CDU-Ratsmitglied und langjährige Schiedsfrau, ist ebenfalls zurück getreten und hat den Verein verlassen. Sie haben die Beschlüsse der letzten Wochen nicht mittragen können und eine nervliche Belastung erlebt, wie noch nie.
Stephan Dekker, Urbachs Büroleiter, gab sein Amt als Kassenprüfer des Ganey Tikva-Vereins ab und trat aus.
Dagegen soll Axel Bolte im Verein nun eine größere Rolle spielen, sagt Hemming. Er sei ein „absoluter Fachmann” rund um das Thema Israel, Palästina und Antisemitismus. Er werde „als Historiker” eng mit dem Vorstand zusammenarbeiten und diesem als „externer Berater” zur Verfügung stehen.
„Radikalisierung statt Versöhnung”
Ehemalige Vorstandsmitglieder des Ganey Tikva-Vereins sprechen inzwischen von einer „Radikalisierung”. Es gehe nicht mehr um ein versöhnliches Miteinander und die Städtepartnerschaft, sondern darum, Israel zu verteidigen und die Konfrontation mit Andersdenkenden zu suchen, sagt Susanne Schlösser.
Die Vertreter des Beit Jala-Vereins verfolgen die Debatte fassungslos. Auf Nachfrage sagen Becker und Bärschneider, dass sie zu 100 Prozent hinter der Presseerklärung der Stadt stehen; sie sei (zunächst) von Urbach als Gastgeber der Gesprächsrunde und den am Gespräch beteiligten Vorständen beider Vereine einvernehmlich abgestimmt worden.
Dann habe Petra Hemming eine Wende um 180 Grad vollzogen, was für den Beit Jala-Verein völlig unverständlich sei; auf Nachfrage habe es keine Antworten gegeben.
Die Leitlinie für den Beit Jala-Verein sei klar:
„Wir dürfen uns nicht anmaßen, einen Konflikt, der im Nahen Osten seit nunmehr 70 Jahren tobt, hier in Bergisch Gladbach lösen zu wollen. Stattdessen sollten wir als Städtepartnerschaft jede erdenkliche Chance wahrnehmen, Begegnungen von Menschen – hier und dort – zu ermöglichen. Dabei geht es zuallererst einmal um den Respekt vor den Schicksalen auf beiden Seiten und nicht darum, Recht haben zu wollen.”
Das Fazit des Rumpf-Vorstands des Ganey Tikva-Vereins fällt völlig anders aus:
„Tatsache ist, dass es zwischen den Städtepartnerschaftsvereinen so gut wie keine Gemeinsamkeiten gibt und Unterschiede – wie die Position des Ganey-Tikva-Vereins zu den Ergebnissen der Diskussionsrunde im Rathaus – eben nicht respektiert wurden. Durch die Veröffentlichung einer einseitigen Presseinformation wird Vertrauen zerstört und die Öffentlichkeit falsch informiert.
Eine künftige Zusammenarbeit der beiden Partnerschaftsvereine, zu der der Ganey Tikva Verein bisher beigetragen hat, wird dadurch deutlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. “
Die Geschichte hinter der Geschichte
Seit Tagen hatten Mitglieder beider Partnerschaftsvereine das Bürgerportal auf eine Pressemitteilung der Stadt mit brisantem Inhalt hingewiesen. Wir haben von den Beteiligten Stellungnahmen eingesammelt, nachgefragt und das sensible Thema so sachlich wie möglich aufgearbeitet. Wir dokumentieren die wichtigsten Dokumente, damit sich die Leser selbst ein Urteil bilden können.
Das Bürgerportal hat von Anfang an über die Aktivitäten des Beit Jala-Verein und des Ganey-Tikva-Vereins berichtet, die Reisen vor Ort zum Teil begleitet und beiden Seiten eine Plattform geboten – für eine schier endlose Liste kritischer Erfahrungen, eindrucksvoller Reisetagebücher und positiver Projektberichte (siehe weiter unten).
Viele Mitglieder beider Vereine sind seit langem auch Mitglieder des Freundeskreises des Bürgerportals. Das hat auf den Inhalt der Berichterstattung keinen Einfluss.
Dokumentation
Weitere Beiträge zum Thema:
.

Folgende Falschaussagen im Text des Ganey Tikva-Vereins möchten wir hiermit richtigstellen:
„Der Beit-Jala-Verein legte dazu einen Textentwurf vor, der vom Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins abgelehnt wurde, da wesentliche Inhalte des Gesprächs nicht korrekt wiedergegeben wurden. Außerdem enthielt der Entwurf tendenziell israelfeindliche Passagen und vermittelte den falschen Eindruck, die Diskussion hätte positive Impulse gebracht. Im Ergebnis empfanden Teilnehmer des Ganey Tikva Vereins die Diskussion jedoch als unbefriedigend und den Ansatz von Herrn Fürst und Herrn Dr. Shammout auf die Situation in Bergisch Gladbach nicht übertragbar. Daher empfahl der Ganey Tikva Verein, auf eine gemeinsame Presseerklärung zu verzichten.“
Richtigstellung:
Peter Schlösser am 13.06.2018, 14.09 Uhr, an die Teilenehmer des Geprächs mit Shammout und Fürst im Rathaus, Petra Hemming, Judith Walter, Achim Dehmel:
“Hallo zusammen,
es stimmt, Jörg Bärschneider hat den Text verfasst – sehr gut, wie ich meine, aber in der Absicht, ihn als gemeinsamen Text weiterzugeben. Wir alle haben den Text mit den Ergänzungen akzeptiert. Ich fände es gut, wenn der Text von Vertretern beider Vereine unterzeichnet würde. Wenn das nicht machbar ist, was ich bedauern würde, sollte die „gemeinsame Erklärung“ aus der Überschrift hervorgehen.
LG
Peter Schlösser”
Petra Hemming am 14.06.2018, 12.49 Uhr, in einer Mail an Peter Schlösser, Achim Dehmel und Judith Walter:
„Selbstverständlich ist der Text von beiden Vereinen verfasst und wird von Jörg Bärschneider mit den logos der beiden Vereine an die Presse weitergeleitet. Wenn mir das pdf vorliegt, werden wir dies natürlich auch an den Mitgliederverteiler einschl. der weiteren Vorstandsmitglieder zur Kenntnis weiterleiten.“
Unser Fazit:
Der gesamte Vorstand war zu keiner Zeit befragt worden, geschweige denn um Abstimmung gebeten worden. Es ging im Austausch der vier am Rathaus-Gespräch Beteiligten ausschließlich um den Inhalt der Pressemitteilung. Petra Hemming hat dann ohne Rücksprache mit dem Vorstand die Veröffentlichung untersagt, was einen völlig neuen Tatbestand darstellte und einer neuen Abstimmung bedurft hätte. Peter Schlösser hat sogleich dagegen bei allen Beteiligten protestiert!
Der Termin bei Bürgermeister Lutz Urbach mit Shammout und Fürst sollte dazu dienen, Gemeinsamkeiten auszulosten und nicht Türen zuzuschlagen. Das hat eine Clique im Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins nun erfolgreich und mit unwahren Behauptungen geschafft!
Peter und Susanne Schlösser, ausgetretene Vorstandsmitglieder