Jachad, die dreiköpfige Skulptur von Helmut Brands (2.v.r.) steht für Miteinander und ist ein Geschenk an die Partnerstadt Ganey Tikva.

Mit Partnerschaften in Israel und Palästina bewegt sich Bergisch Gladbach auf glattem Parkett. Bislang  behandelten sich die beteiligten Vereine mit Respekt. Ausgerechnet der Versuch, sich besser zu verstehen, führt jetzt zu einem bösen Konflikt. Nicht in Nahost, sondern hier vor Ort.

Getragen werden die Städtepartnerschaften mit Beit Jala in Palästina und der nur wenige Kilometer entfernten israelischen Stadt Ganey Tikva von den jeweiligen Partnerschaftsvereinen mit jeweils einem harten Kern engagierter Mitgliedern. Kirchenleute, Lokalpolitiker und Kulturschaffende sind auf beiden Seiten prominent vertreten. Auch die Stadt, mit Bürgermeister Lutz Urbach und seinem Büroleiter Stephan Dekker an der Spitze, spielt eine sehr aktive Rolle.

Daher war es naheliegend, dass alle drei Parteien an einem Gespräch teilnahmen, das eigentlich zusammenführen sollte, sich aber als gefährlicher Sprengsatz erwies. Auf Vorschlag des Beit-Jala-Vereins, abgestimmt mit dem Ganey Tikva-Verein und auf Einladung des Bürgermeisters waren Michael Fürst und Yazid Shammout aus Hannover angereist.

Unterschiedlicher Meinung, aber miteinander reden

Der eine ist Jude, der andere Palästinenser, gemeinsam haben sie es sich zur Aufgabe gemacht zu zeigen, wie man unterschiedlicher Meinung sein und dennoch miteinander reden kann. Ein Duo, das vielfach gelobt, mitunter aber auch kritisiert wird – und in Bergisch Gladbach am Ende das Gegenteil des Bezweckten bewirkte.

Zur Person
Michael Fürst ist langjährige Präsident des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.

Yazid Shammout ist Vorsitzender der palästinensischen Gemeinde Hannover.

2017 waren sie gemeinsam als „Botschafter für Demokratie und Toleranz” ausgezeichnet, weil sie sich „auf herausragende Weise um Demokratie und Toleranz in Deutschland verdient gemacht haben”, so das Bündnis für  Demokratie und Toleranz.

Vereinbart war, nach dem Gespräch im Rathaus eine gemeinsame Pressemitteilung herauszugeben. Den Entwurf dafür lieferte Jörg Bärschneider, Vorstandsmitglied im Beit Jala-Verein, und mit dem Vorsitzenden Axel Becker Teilnehmer des Gesprächs.

Die Überschrift des Entwurfs klang sehr positiv: „Gemeinsamkeiten ausbauen, Unterschiede respektieren. Zwei Vereine, drei Städte: Wie der Brückenschlag nach Israel und Palästina besser gelingen kann”. Der Text bringt die zentrale Botschaft der Herren aus Hannover bei dem Runden Tisch so auf den Punkt:

„Wir dürfen uns nicht zum Anwalt der einen oder anderen Seite machen und einen Dauerkonflikt lösen wollen. Wir haben Sympathien, aber unsere Aufgabe ist der Brückenbau zwischen Menschen und Kulturen.“

Dass genau das in Bergisch Gladbach, zwischen den beiden Vereinen, gar nicht so einfach ist, klingt im Entwurf der gemeinsamen Erklärung schon durch:

„Solche Einsichten wollen im praktischen Umgang miteinander erprobt werden, machte ein bisweilen hitziger Schlagabtausch in der Runde deutlich – in Bergisch Gladbach und im Heiligen Land. Die Zusammenarbeit beider Vereine hier vor Ort bleibt wegen politischer Berührungsängste unter ihren Möglichkeiten, ein Austausch der Partnerstädte im Nahen Osten scheint angesichts von Sprachlosigkeit und Freund-Feind-Denken fast unmöglich.”

„Gespräch verfälscht, israelfeindliche Passagen”

Ein Zwischenfazit, dem sich die Vorsitzende des Ganey Tikva-Vereins Petra Hemming zunächst anschloss, dann aber nach einigen Tagen nicht mehr stehen lassen wollte. Sie verweigerte die Zustimmung zur Erklärung. Heftige Vorwürfe machten die Runde: der Entwurf verfälsche den Gesprächsverlauf und enthalte tendenziell israelfeindliche Passagen.

Hinweis der Redaktion: Wir dokumentieren den Entwurf und weitere Dokumente unten; damit Sie sich einen Eindruck verschaffen können. Beachten Sie auch die Kommentare unten, in denen Teilnehmer des Gesprächs direkt Stellung beziehen.

Hemmings Vorschlag: keine Pressemitteilung zu veröffentlichen und so zu tun, als habe das Gespräch im Rathaus gar nicht statt gefunden. Im Interesse der Bürger der Stadt.

Damit wiederum war Bürgermeister Urbach nicht einverstanden. Er reklamierte für sich das Recht, am ehesten für die Bürger der Stadt sprechen zu können. Und er erkenne nicht, warum eine Berichterstattung schädlich sein solle.

Tatsächlich gab die Pressestelle der Stadtverwaltung einige Tage später eine offizielle Mitteilung des Bürgermeisters heraus – die mit dem Entwurf von Jörg Bärschneider weitgehend identisch ist (siehe unten).

Mit einer wichtigen Ausnahme. Im Ausgangstext von Bärschneider heißt es:

„Die Bergisch Gladbacher Partnerstädte im Heiligen Land liegen kaum 60 Kilometer voneinander entfernt, doch die Besatzungsrealität macht eine Begegnung unmöglich.”

Im Text des Bürgermeisters heißt es dagegen:

„Die Bergisch Gladbacher Partnerstädte im Heiligen Land liegen kaum 60 Kilometer voneinander entfernt, aber die politische Realität macht eine Begegnung schwierig.”

Das Wort „Besatzungsrealität” war für den Ganey Tivka-Verein nicht akzeptabel, weil es Israel als Aggressor brandmarke. Bärschneider betont, er habe nicht auf diese Begriff bestanden, wäre zu Änderungen bereit gewesen.

Urbachs Textänderung ging Hemming jedoch nicht weit genug. Petra Hemming lehnte im Namen des Vorstands des Ganey Tikva-Vereins eine Unterzeichnung ab und widersprach vorsorglich einer Veröffentlichung von Fotos der Veranstaltung.

Es habe sich bewahrheitet, wovor Axel Bolte, ein Mitglied des Vereins, im Vorfeld gewarnt hatte, argumentierte  Hemming: Beide Gäste verträten eine antisemitische Argumentation und eine Relativierung des Holocausts.

Aktualisierung 15.7.: Petra Hemming wirft dem Beit Jala-Verein vor, dem Antisemitismus Vorschub zu leisten. Das weist der Verein als „infame Unterstellung” zurück. Alle Details

„Kein Respekt, Vertrauen zerstört”

Auf Nachfragen des Bürgerportals kritisiert Hemming das Vorgehen des Bürgermeisters: Es sei „unverständlich, dass die einseitige, vom Beit Jala-Verein formulierte Presseerklärung nun dennoch – und zwar fast wortgleich – als offizielle Presseinformation der Stadt Bergisch Gladbach veröffentlicht wurde”. Die kritische Position des Ganey Tikva-Vereins sei „schlichtweg übergangen” worden.

Auf Rückfrage des Bürgerportals erklärt Urbachs Büro, bei der Veröffentlichung handele es sich um eine Pressemitteilung des Bürgermeisters, auf der Basis des Bärschneider-Entwurfs. Dabei habe Urbach auf die eigenen Erfahrungen der bisherigen Zusammenarbeit zurück gegriffen.

Rücktritte im Ganey Tikva-Verein

Bereits die erste Reaktion Hemmings hatte eine heftige Erschütterung ausgelöst. Und zwar im Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins. Susanne und Peter Schlösser legten unter scharfem Protest ihre Vorstandsämter nieder und traten aus dem Verein aus.

Ihnen folgte der stellvertretende Vorsitzende Achim Dehmel. Für ihn war „die einseitige Parteinahme des Beit Jala-Vereins für Palästina immer unklug”, sagt Dehmel. Nun habe auch der Vorstand des Ganey Tikva-Vereins entschlossen, „deutlicher politisch tätig zu werden”. Dem wolle er sich nicht anschließen, sagt der Pfarrer der Kirche zum Heilsbrunnen. Er teile aber weiterhin das deutliche Nein gegen Antisemitismus. Ihm gehe es „um die Menschen und den Austausch, nicht um politische Stellungnahmen“.

Aktualisierung, 14.7.: Petra Holtzmann, ebenfalls stellvertretende Vorsitzende des Ganey Tikva-Vereins, CDU-Ratsmitglied und langjährige Schiedsfrau, ist ebenfalls zurück getreten und hat den Verein verlassen. Sie haben die Beschlüsse der letzten Wochen nicht mittragen können und eine nervliche Belastung erlebt, wie noch nie.

Stephan Dekker, Urbachs Büroleiter, gab sein Amt als Kassenprüfer des Ganey Tikva-Vereins ab und trat aus. 

Dagegen soll Axel Bolte im Verein nun eine größere Rolle spielen, sagt Hemming. Er sei ein „absoluter Fachmann” rund um das Thema Israel, Palästina und Antisemitismus. Er werde „als Historiker” eng mit dem Vorstand zusammenarbeiten und diesem  als „externer Berater” zur Verfügung stehen.

„Radikalisierung statt Versöhnung”

Ehemalige Vorstandsmitglieder des Ganey Tikva-Vereins sprechen inzwischen von einer „Radikalisierung”. Es gehe nicht mehr um ein versöhnliches Miteinander und die Städtepartnerschaft, sondern darum, Israel zu verteidigen und die Konfrontation mit Andersdenkenden zu suchen, sagt Susanne Schlösser.

Die Vertreter des Beit Jala-Vereins verfolgen die Debatte fassungslos. Auf Nachfrage sagen Becker und Bärschneider, dass sie zu 100 Prozent hinter der Presseerklärung der Stadt stehen; sie sei (zunächst) von Urbach als Gastgeber der Gesprächsrunde und den am Gespräch beteiligten Vorständen beider Vereine einvernehmlich abgestimmt worden.

Dann habe Petra Hemming eine Wende um 180 Grad vollzogen, was für den Beit Jala-Verein völlig unverständlich sei; auf Nachfrage habe es keine Antworten gegeben.

Die Leitlinie für den Beit Jala-Verein sei klar:

„Wir dürfen uns nicht anmaßen, einen Konflikt, der im Nahen Osten seit nunmehr 70 Jahren tobt, hier in Bergisch Gladbach lösen zu wollen. Stattdessen sollten wir als Städtepartnerschaft jede erdenkliche  Chance wahrnehmen, Begegnungen von Menschen – hier und dort – zu ermöglichen. Dabei geht es zuallererst einmal um den Respekt vor den Schicksalen auf beiden Seiten und nicht darum, Recht haben zu wollen.”

Das Fazit des Rumpf-Vorstands des Ganey Tikva-Vereins fällt völlig anders aus:

„Tatsache ist, dass es zwischen den Städtepartnerschaftsvereinen so gut wie keine Gemeinsamkeiten gibt und Unterschiede – wie die Position des Ganey-Tikva-Vereins zu den Ergebnissen der Diskussionsrunde im Rathaus – eben nicht respektiert wurden. Durch die Veröffentlichung einer einseitigen Presseinformation wird Vertrauen zerstört und die Öffentlichkeit falsch informiert.

Eine künftige Zusammenarbeit der beiden Partnerschaftsvereine, zu der der Ganey Tikva Verein bisher beigetragen hat, wird dadurch deutlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. “

Die Geschichte hinter der Geschichte

Seit Tagen hatten Mitglieder beider Partnerschaftsvereine das Bürgerportal auf eine Pressemitteilung der Stadt mit brisantem Inhalt hingewiesen. Wir haben von den Beteiligten Stellungnahmen eingesammelt, nachgefragt und das sensible Thema so sachlich wie möglich aufgearbeitet. Wir dokumentieren die wichtigsten Dokumente, damit sich die Leser selbst ein Urteil bilden können.

Das Bürgerportal hat von Anfang an über die Aktivitäten des Beit Jala-Verein und des Ganey-Tikva-Vereins berichtet, die Reisen vor Ort zum Teil begleitet und beiden Seiten eine Plattform geboten – für eine schier endlose Liste kritischer Erfahrungen, eindrucksvoller Reisetagebücher und positiver Projektberichte (siehe weiter unten).

Viele Mitglieder beider Vereine sind seit langem auch Mitglieder des Freundeskreises des Bürgerportals. Das hat auf den Inhalt der Berichterstattung keinen Einfluss.

Dokumentation

Der Textentwurf des Beit-Jala-Vereins
Gemeinsamkeiten ausbauen, Unterschiede respektieren – Zwei Vereine, drei Städte: Wie der Brückenschlag nach Israel und Palästina besser gelingen kann

Sie verstehen sich als Brückenbauer in heikler Mission: Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, und Dr. Yazid Shammout, Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannover. Sie sind zu Freunden geworden, gelten vielen als Vorbild, sind manchen suspekt. Auf jeden Fall haben Fürst und Shammout viel Erfahrung im friedlichen Umgang mit einem ewigen Konflikt – zwischen Juden und Moslems, Israelis und Palästinensern. Bürgermeister Lutz Urbach hat jetzt die beiden als Impulsgeber zusammen mit den Vorständen der hiesigen Städtepartnerschaftsvereine von Beit Jala (Palästina) und Ganey Tikva (Israel) zum Runden Tisch im Rathaus empfangen.

Zwei Städtepartnerschaften, die etwas bewegen wollen

Gleich zu Beginn machte Urbach klar, wie sehr ihm diese beiden Städtepartnerschaften am Herzen liegen. „Natürlich machen wir hier keine Weltpolitik. Aber wir können durch Begegnungen im Alltag zur Verständigung beitragen und unseren Horizont erweitern.“ Beispiele für Geleistetes gibt es genug, etwa die Begegnungsreisen und Schulpartnerschaften der vergangenen Jahre und die anstehenden Kulturtage im Herbst.

Gemeinsame Aktivitäten: Mangelware

Dennoch bleibt viel zu tun. Die Bergisch Gladbacher Partnerstädte im Heiligen Land liegen kaum 60 Kilometer voneinander entfernt, doch die Besatzungsrealität macht eine Begegnung unmöglich. Auch die beiden Vereine hier vor Ort tun sich mitunter schwer. Man kennt sich, man schätzt sich, aber gemeinsame Aktivitäten sind rar.

Jüdische und palästinensische Gemeinden im Dialog

In dieser Situation war den Gästen aus dem Norden hohe Aufmerksamkeit gewiss: Wie schaffen sie den schwierigen Dialog, was können die beiden hiesigen Partnerschaftsvereine lernen? Am Anfang stand in Hannover die gemeinsame Teilnahme der jüdischen und palästinensischen Gemeinden an der Mai-Demonstration 2009 gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Ein früher Meilenstein war auch der öffentliche Gesprächsabend mit Holocaust-Überlebenden und ehemals vertriebenen Palästinensern. „Wir hatten klare Regeln aufgestellt: Die Betroffenen einfach nur erzählen lassen und ihnen zuhören. Nicht unterbrechen, nichts infrage stellen“, berichtet Fürst von dieser Veranstaltung.

Wer wagt, gewinnt

Aus der Annäherung der Vorsitzenden wurde Freundschaft, die beiden Gemeinden sprechen seither miteinander. Gemeinsame Lesungen und Presseerklärungen vertiefen den Dialog, Reisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete weiten den Blick für das Gegenüber.

Persönliches Schicksal verbindet

Hinter der Pionierarbeit der beiden Versöhner steht die Bereitschaft, persönliches Leid als verbindende Erfahrung einzubringen. Fürsts Großeltern und sein Vater wurden von den Nationalsozialisten in das Ghetto Riga deportiert. Nur der Vater überlebte Verschleppung und Zwangsarbeit und gründete nach dem Krieg die Jüdische Gemeinde in Hannover. Auch Shammout blickt auf eine schmerzvolle Vergangenheit zurück. Das Haus seiner Mutter steht noch heute in der Altstadt von Jaffa. Im Zuge der Staatsgründung Israels, 1948, floh die Familie nach Beirut. Der Bürgerkrieg im Libanon 1976 verschlug den 16-Jährigen nach Deutschland.

„Wir lösen keinen Dauerkonflikt, wir suchen Gemeinsamkeiten“

Trotz allem Verständnis füreinander, bei Konfliktthemen wie der Bedrohungslage Israels, Vertreibung der Palästinenser und Antisemitismus sind sich Fürst und Shammout längst nicht immer einig. Aber sie lassen den Gesprächsfaden nie abreißen und geben so auch ihren Gemeinden den Takt vor. „Wir suchen nach Gemeinsamkeiten“, sagt Shammout, „Meinungsverschiedenheiten respektieren wir und lassen sie stehen.“ Um gleich eine zentrale Botschaft nachzuschieben: „Wir dürfen uns nicht zum Anwalt der einen oder anderen Seite machen und einen Dauerkonflikt lösen wollen. Wir haben Sympathien, aber unsere Aufgabe ist der Brückenbau zwischen Menschen und Kulturen.“ Michael Fürst, von Beruf Rechtsanwalt, stimmt zu.

Hitziger Schlagabtausch

Solche Einsichten wollen im praktischen Umgang miteinander erprobt werden, machte ein bisweilen hitziger Schlagabtausch in der Runde deutlich – in Bergisch Gladbach und im Heiligen Land. Die Zusammenarbeit beider Vereine hier vor Ort bleibt wegen politischer Berührungsängste unter ihren Möglichkeiten, ein Austausch der Partnerstädte im Nahen Osten scheint angesichts von Sprachlosigkeit und Freund-Feind-Denken fast unmöglich.

Erfolgreiche Projekte ausbauen

Mehr Dialog ist wünsch- und machbar, war sich die Rathausrunde am Ende einig. Wichtig ist, dass beide Vereine ein Gespür für Essentials der anderen Seite entwickeln, damit Konflikte möglichst im Vorfeld entschärft werden können. Schließlich haben beide Partnerschaftsvereine bereits manches erfolgreiche Projekt auf die Beine gestellt, das zur gemeinsamen Weiterentwicklung einlädt. So könnten die bilateralen Partnerschaften von IGP und Otto Hahn Gymnasium mit Schulen in Beit Jala und Ganey Tikva in einem gemeinsamen Workshop mit Schülern beider Städte in Bergisch Gladbach gipfeln. Ein weiterer Punkt wäre das verbindliche Angebot, im Rahmen der alljährlichen Bürgerreisen beider Vereine jeweils auch die andere Partnerstadt zu besuchen. Wohlwollend wurde das Vorhaben gesehen, mit einer Lesung der israelischen Autorin Lizzie Doron eine Brücke zwischen den Kulturtagen beider Vereine im Herbst zu schlagen.

Bergisch Gladbach kann es schaffen

Jetzt müssen den Absichten nur noch Taten folgen. „Wenn wir es hier in Deutschland – in Frieden, Demokratie und Toleranz – nicht schaffen, miteinander ins Gespräch zu kommen, wo soll es dann möglich sein?“,  fragten Fürst und Shammout in die Runde. Gegenfrage: Warum sollten wir in Bergisch Gladbach nicht hinbekommen, was in Hannover möglich ist?

Die Pressemitteilung des Bürgermeisters
Bürgermeister Lutz Urbach und Vorstände der Städtepartnerschaftsvereine Ganey Tikva und Beit Jala diskutierten mit Experten über Möglichkeiten in der Partnerschaftsarbeit

„Gemeinsamkeiten ausbauen, Unterschiede respektieren“, dies ist das Fazit aus einem gemeinsamen Gespräch zwischen Bürgermeister Lutz Urbach, Akteuren der Städtepartnerschaften mit Israel und Palästina sowie Michael Fürst und Dr. Yazid Shammout im Rathaus Stadtmitte. Die Aufgabe lautet zu diskutieren, wie den beiden Vereinen sowie den beteiligten drei Städten der Brückenschlag nach Israel und Palästina besser gelingen kann

Dabei verstehen sich die beiden Experten als Brückenbauer in heikler Mission: Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, und Dr. Yazid Shammout, Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannover.

Sie sind zu Freunden geworden, gelten vielen als Vorbild, sind manchen suspekt. Auf jeden Fall haben Fürst und Shammout viel Erfahrung mit einem ewigen Konflikt – zwischen Juden und Moslems, Israelis und Palästinensern. Kürzlich empfing Bürgermeister Lutz Urbach die beiden als Impulsgeber zum Runden Tisch im Rathaus, zusammen mit den Vorständen der hiesigen Städtepartnerschaftsvereine von Beit Jala (Palästina) und Ganey Tikva (Israel).

Zwei Städtepartnerschaften, die etwas bewegen wollen

Gleich zu Beginn machte Urbach klar, wie sehr ihm diese beiden Städtepartnerschaften am Herzen liegen. „Natürlich machen wir hier keine Weltpolitik. Aber wir können durch Begegnungen im Alltag zur Verständigung beitragen und unseren Horizont erweitern.“ Beispiele für Geleistetes gibt es genug, etwa die Begegnungsreisen und Schulpartnerschaften der vergangenen Jahre und die anstehenden Kulturtage im Herbst.

Gemeinsame Aktivitäten: Mangelware

Dennoch bleibt viel zu tun. Die Bergisch Gladbacher Partnerstädte im Heiligen Land liegen kaum 60 Kilometer voneinander entfernt, aber die politische Realität macht eine Begegnung schwierig. Auch die beiden Vereine hier vor Ort tun sich mitunter schwer. Man kennt sich, man schätzt sich, aber gemeinsame Aktivitäten sind rar.

Jüdische und palästinensische Gemeinden im Dialog

In dieser Situation war den Gästen aus dem Norden hohe Aufmerksamkeit gewiss: Wie schaffen sie den schwierigen Dialog, was können die beiden Partnerschaftsvereine hier von ihnen lernen? Am Anfang stand in Hannover die gemeinsame Teilnahme der jüdischen und palästinensischen Gemeinden an der Mai-Demonstration 2009 gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Ein früher Meilenstein war auch der öffentliche Gesprächsabend mit Holocaust-Überlebenden und ehemals vertriebenen Palästinensern. „Wir hatten klare Regeln aufgestellt: Die Betroffenen einfach nur erzählen lassen und ihnen zuhören. Nicht unterbrechen, nichts infrage stellen“, berichtete Fürst von dieser Veranstaltung.

Wer wagt, gewinnt

Aus der Annäherung der Vorsitzenden wurde Freundschaft, die beiden Gemeinden sprechen seither miteinander. Gemeinsame Lesungen und Presseerklärungen vertiefen den Dialog, Reisen nach Israel und in die palästinensischen Gebiete weiten den Blick für das Gegenüber.

Persönliches Schicksal verbindet

Hinter der Pionierarbeit der beiden Versöhner steht die Bereitschaft, persönliches Leid als verbindende Erfahrung einzubringen. Fürsts Großeltern und sein Vater wurden von den Nationalsozialisten in das Ghetto Riga deportiert. Nur der Vater überlebte Verschleppung und Zwangsarbeit und gründete nach dem Krieg die Jüdische Gemeinde in Hannover. Auch Shammout blickt auf eine schmerzvolle Vergangenheit zurück. Das Haus seiner Mutter steht noch heute in der Altstadt von Jaffa. Im Jahre 1948 floh die Familie nach Beirut. Der Bürgerkrieg im Libanon 1976 verschlug den 16-Jährigen nach Deutschland.

„Wir lösen keinen Dauerkonflikt, wir suchen Gemeinsamkeiten“

Trotz allem Verständnis füreinander, bei Konfliktthemen wie der Bedrohungslage Israels, Vertreibung der Palästinenser und Antisemitismus sind sich Fürst und Shammout längst nicht immer einig. Aber sie lassen den Gesprächsfaden nie abreißen und geben so auch ihren Gemeinden den Takt vor. „Wir suchen nach Gemeinsamkeiten“, sagt Shammout, „Meinungsverschiedenheiten respektieren wir und lassen wir stehen.“ Und schiebt eine zentrale Botschaft nach: „Wir dürfen uns nicht zum Anwalt der einen oder anderen Seite machen und einen Dauerkonflikt lösen wollen. Wir haben Sympathien. Aber unsere Aufgabe ist der Brückenbau zwischen Menschen und Kulturen.“ Michael Fürst, von Beruf Rechtsanwalt, stimmt zu.

Hitziger Schlagabtausch

Solche Einsichten wollen im praktischen Umgang miteinander erprobt werden, machte ein bisweilen hitziger Schlagabtausch in der Runde deutlich – in Bergisch Gladbach und im Heiligen Land. Die Zusammenarbeit beider Vereine hier vor Ort bleibt wegen politischer Berührungsängste unter ihren Möglichkeiten, ein Austausch der Partnerstädte im Nahen Osten scheint angesichts von Sprachlosigkeit und Freund-Feind-Denken fast unmöglich.

Erfolgreiche Projekte ausbauen

Mehr Dialog ist wünsch- und machbar, war sich die Rathausrunde am Ende einig. Wichtig ist, dass beide Vereine ein Gespür für Essentials der anderen Seite entwickeln, damit Konflikte möglichst im Vorfeld entschärft werden können. Schließlich haben beide Partnerschaftsvereine bereits manches erfolgreiche Projekt auf die Beine gestellt, das zur gemeinsamen Weiterentwicklung einlädt. So könnten die bilateralen Partnerschaften von Integrierter Gesamtschule Paffrath (IGP) und Otto Hahn Gymnasium mit Schulen in Beit Jala und Ganey Tikva in einem gemeinsamen Workshop mit Schülern beider Partnerstädte in Bergisch Gladbach gipfeln. Ein weiterer Punkt wäre das Angebot beider Vereine, im Rahmen der alljährlichen Bürgerreisen jeweils auch die andere Partnerstadt zu besuchen. Wohlwollend wurde das Vorhaben gesehen, mit einer Lesung der israelischen Autorin Lizzie Doron eine Brücke zwischen den Kulturtagen beider Vereine im Herbst zu schlagen.

Bergisch Gladbach kann es schaffen

Jetzt müssen den Absichten nur noch Taten folgen. „Wenn wir es hier in Deutschland – in Frieden, Demokratie und Toleranz – nicht schaffen, miteinander ins Gespräch zu kommen, wo soll es dann möglich sein?“, fragten Fürst und Shammout in die Runde. Gegenfrage: Warum sollten wir in Bergisch Gladbach nicht hinbekommen, was in Hannover möglich ist?

Die Erklärung des Ganey-Tikva-Vereins
Enttäuschende Diskussion: Mögliche Zusammenarbeit der Städtepartnerschaftsvereine Ganay Tikva und Beit Jala deutlich erschwert

Bergisch Gladbach, 13.07.2018 – Die Stadt Bergisch Gladbach veröffentlichte am 11. Juli 2018 eine Presseinformation über eine Diskussion mit Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, und Dr. Yazid Shammout, Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde Hannover, zu der Bürgermeister Lutz Urbach die Vorstände der Städtepartnerschaftsvereine Ganey Tikva und Beit Jala im Juni ins Rathaus eingeladen hatte. Entgegen dem Tenor dieser Presseinformation war die Diskussion jedoch enttäuschend und öffnete keine neuen Perspektiven.

Ursprünglich sollte zu der Diskussion im Rathaus eine gemeinsame Presseerklärung der beiden Partnerschaftsvereine veröffentlicht werden. Der Beit-Jala-Verein legte dazu einen Textentwurf vor, der vom Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins abgelehnt wurde, da wesentliche Inhalte des Gesprächs nicht korrekt wiedergegeben wurden. Außerdem enthielt der Entwurf tendenziell israelfeindliche Passagen und vermittelte den falschen Eindruck, die Diskussion hätte positive Impulse gebracht. Im Ergebnis empfanden Teilnehmer des Ganey Tikva Vereins die Diskussion jedoch als unbefriedigend und den Ansatz von Herrn Fürst und Herrn Dr. Shammout auf die Situation in Bergisch Gladbach nicht übertragbar. Daher empfahl der Ganey Tikva Verein, auf eine gemeinsame Presseerklärung zu verzichten.

Einseitiger Text des Beit-Jala-Vereins als offizielle Presseinformation der Stadt veröffentlicht

Unverständlich ist, dass die einseitige, vom Beit-Jala-Verein formulierte Presseerklärung nun dennoch – und zwar fast wortgleich – als offizielle Presseinformation der Stadt Bergisch Gladbach veröffentlicht wurde.

Die kritische Position des Ganey Tikva Vereins zu dem Treffen wurde schlichtweg übergangen. „Gemeinsamkeiten ausbauen, Unterschiede respektieren“ soll angeblich das Fazit der Diskussionsrunde im Rathaus gewesen. Tatsache ist, dass es zwischen den Städtepartnerschaftsvereinen so gut wie keine Gemeinsamkeiten gibt und Unterschiede – wie die Position des Ganey-Tikva-Vereins zu den Ergebnissen der Diskussionsrunde im Rathaus – eben nicht respektiert wurden.

Durch die Veröffentlichung einer einseitigen Presseinformation wird Vertrauen zerstört und die Öffentlichkeit falsch informiert. Eine künftige Zusammenarbeit der beiden Partnerschaftsvereine, zu der der Ganey Tikva Verein bisher beigetragen hat, wird dadurch deutlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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2 Kommentare

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  1. Folgende Falschaussagen im Text des Ganey Tikva-Vereins möchten wir hiermit richtigstellen:

    „Der Beit-Jala-Verein legte dazu einen Textentwurf vor, der vom Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins abgelehnt wurde, da wesentliche Inhalte des Gesprächs nicht korrekt wiedergegeben wurden. Außerdem enthielt der Entwurf tendenziell israelfeindliche Passagen und vermittelte den falschen Eindruck, die Diskussion hätte positive Impulse gebracht. Im Ergebnis empfanden Teilnehmer des Ganey Tikva Vereins die Diskussion jedoch als unbefriedigend und den Ansatz von Herrn Fürst und Herrn Dr. Shammout auf die Situation in Bergisch Gladbach nicht übertragbar. Daher empfahl der Ganey Tikva Verein, auf eine gemeinsame Presseerklärung zu verzichten.“

    Richtigstellung:

    Peter Schlösser am 13.06.2018, 14.09 Uhr, an die Teilenehmer des Geprächs mit Shammout und Fürst im Rathaus, Petra Hemming, Judith Walter, Achim Dehmel:

    “Hallo zusammen,
    es stimmt, Jörg Bärschneider hat den Text verfasst – sehr gut, wie ich meine, aber in der Absicht, ihn als gemeinsamen Text weiterzugeben. Wir alle haben den Text mit den Ergänzungen akzeptiert. Ich fände es gut, wenn der Text von Vertretern beider Vereine unterzeichnet würde. Wenn das nicht machbar ist, was ich bedauern würde, sollte die „gemeinsame Erklärung“ aus der Überschrift hervorgehen.
    LG
    Peter Schlösser”

    Petra Hemming am 14.06.2018, 12.49 Uhr, in einer Mail an Peter Schlösser, Achim Dehmel und Judith Walter:

    „Selbstverständlich ist der Text von beiden Vereinen verfasst und wird von Jörg Bärschneider mit den logos der beiden Vereine an die Presse weitergeleitet. Wenn mir das pdf vorliegt, werden wir dies natürlich auch an den Mitgliederverteiler einschl. der weiteren Vorstandsmitglieder zur Kenntnis weiterleiten.“

    Unser Fazit:
    Der gesamte Vorstand war zu keiner Zeit befragt worden, geschweige denn um Abstimmung gebeten worden. Es ging im Austausch der vier am Rathaus-Gespräch Beteiligten ausschließlich um den Inhalt der Pressemitteilung. Petra Hemming hat dann ohne Rücksprache mit dem Vorstand die Veröffentlichung untersagt, was einen völlig neuen Tatbestand darstellte und einer neuen Abstimmung bedurft hätte. Peter Schlösser hat sogleich dagegen bei allen Beteiligten protestiert!

    Der Termin bei Bürgermeister Lutz Urbach mit Shammout und Fürst sollte dazu dienen, Gemeinsamkeiten auszulosten und nicht Türen zuzuschlagen. Das hat eine Clique im Vorstand des Ganey-Tikva-Vereins nun erfolgreich und mit unwahren Behauptungen geschafft!

    Peter und Susanne Schlösser, ausgetretene Vorstandsmitglieder