Der Beit Jala e.V. hat mit einer Vielzahl von Partnern über drei Wochen hinweg deutsch-palästinensische Kulturtage veranstaltet. Teil zwei eines Rückblicks mit vielen Facetten.

Der Städtepartnerschaftsverein Bergisch Gladbach-Beit Jala e.V. hatte im Verbund mit der Stadt Bergisch Gladbach und einer Vielzahl hier ansässiger privater und öffentlicher Einrichtungen über drei Wochen hinweg deutsch-palästinensische Kulturtage veranstaltet, die auf vielfältige Weise in unserer Stadt Beachtung erfuhren:

Kunst- und Literaturinteressierte, Musikliebhaber und Liebhaber gustatorischer Genüsse konnten genauso auf ihre Kosten kommen wie Besucher, die sich für die Lebenswirklichkeit und die politische Situation in Palästina, speziell in der Partnerstadt, interessierten.

HD Haun hatte zur Mitte der Kulturtage bereits ein Zwischenfazit gezogen. Mit weiteren Highlights warteten die Veranstalter dann für die 2. Hälfte des Veranstaltungsprogramms auf.

Im lockeren Gespräch mit Doro Dietsch erzählte der Apotheker Azam Alsultan im gut besetzten Kultkino des Bergischen Löwen über seine Kindheit und Jugendzeit in Gaza und wie ihn sein Weg nach Deutschland und Bergisch Gladbach führte, wo er gemeinsam mit seiner Frau eine Apotheke führt, bevor der Film „Ein Lied für Nour“ die anrührende Geschichte des jungen Palästinensers Mohammad Assaf aus Gaza schilderte, der 2013 den Songcontest der arabischen Welt „Arab Idol“ gewann und damit auch zum Idol und zur Stimme eines gebeutelten Volkes wurde.

Beim gemeinsamen Verzehr von Köstlichkeiten, die typisch für die palästinensische Küche sind, kamen sich Vereinsmitglieder und interessierte Bürger und Bürgerinnen in geselliger Runde im Restaurant Exodus näher. Ein geselliger und mitteilsamer, ein gelungener Abend!

Bis hierhin erfreute man sich nicht nur metereologisch eitlen Sonnenscheins. Doch ausgerechnet zum Spaziergang auf dem Lyrikpfad – eine Initiative der Autorenvereinigung wort+kunst – mussten die Schirme aufgespannt werden; freilich änderte das nichts an der vorherrschenden freudigen Stimmung bei dieser und den weiteren Veranstaltungen. Eine größere Schar „Unerschrockener“ erwanderte sechs Gedichte junger Menschen aus Beit Jala, die nun für ein halbes Jahr auf dem Lyrikpfad präsentiert werden. Als Beispiel sei hier eines der Gedichte wiedergegeben:

Heimat ist nicht nur ein Wort
Sie ist die Freude und die Trauer
Du siehst in meiner Heimat die Menschen singen
bei der Beerdigung eines Märtyrers
Und du siehst uns weinen
auf einer Hochzeit – wie seltsam
Das ist Palästina
das eines Tages befreit wird
Denn das Land des Friedens
ist für den Frieden geschaffen
Und ich habe noch keinen Frieden erlebt


© Khader Abu Ghannam, 18 Jahre, Beit-Jala

Aeham Ahmad ist Kind palästinensischer Eltern, die im Rahmen von Flucht und Vertreibung nach der Staatsgründung Israels im Flüchtlingslager Yarmouk vor den Toren von Damaskus eine neue Bleibe fanden. Während des Krieges in Syrien geriet auch Yarmouk unter Beschuss und zwischen die Fronten.

Ahmad ist Pianist. Als die Häuser von Yarmouk in Trümmern lagen, holte er sein Piano in die Straßen, um die Bewohner, und vor allem die Kinder, von den Schrecken des Krieges abzulenken und die Hoffnung auf ein Ende von Gewalt und Zerstörung aufrecht zu erhalten. Schließlich floh er auf höchst gefährlichen Wegen aus Syrien und reihte sich ein in den langen Marsch derer, die über die Türkei und den Balkan nach Deutschland kamen. Heute lebt er mit Frau und zwei Kindern in Wiesbaden. In seinem Buch „Und die Vögel werden singen“ erzählte er seine Geschichte.

Aeham Ahmad gab während der Kulturtage ein Konzert in der reichlich vollbesetzten Kirche zum Heilsbrunnen. HD Haun las aus der Autobiographie. Nach einhelliger Rückmeldung der Besucher war es offenkundig eine nachhaltig und tief beeindruckende Veranstaltung.

Das Cremisantal liegt auf dem Stadtgebiet von Beit Jala, es ist berühmt für die exzellenten Weine, die hier an- und ausgebaut werden. Jedoch trennt die gewaltige Mauer, die die israelischen Besatzer auf Beit Jala-Grund errichtet haben, das Tal von der Stadt ab. Derzeit gibt es nur noch eine Zufahrtsmöglichkeit zum Weingut, das von Salesianer-Mönchen betrieben wird.

Der Experte für Weine aus dem Nahen Osten, Georg Dittrich, berichtete beim Weinseminar mit Weinprobe im Kulturhaus Zanders von den besonderen Bedingungen, unter denen die Weine hier produziert werden. Dass mehrere der kredenzten Weine bei der Berlin Wine Trophy im Frühjahr 2018 Gold- und Silbermedaillen erhalten hatten, entsprach durchaus dem sensorischen Erlebnis der Verkoster.

Das Ende der Kulturtage markierte folgerichtig eine „Finissage“. Die Bilderschau im Kulturhaus war am Sonntag, den 30. 9. zum letzten Mal zu würdigen, einige Drucke von Sliman Mansour gingen noch über den Ladentisch…

Konzert zur Finissage:

Verbunden mit der Finissage sorgte ein abermaliges „Cross-over“ für den finalen musikalischen Höhepunkt: Die – in Rumänien geborene, in Bergisch Gladbach lebende – Pianistin Carmen Daniela und ihr Sohn Luca Leonard begegneten dem palästinensischen Oud- und Daraboukka-Spieler Muhammad Tamim mit einem Programm aus Werken des „Bergisch Gladbacher Komponisten“ Max Bruch, des Rheinländers Ludwig van Beethoven, russsischer, vom Orient inspirierter Komponisten und natürlich eines arabischen Maqam auf der Oud, zu dem Tamim eindrucksvoll sang. Beethovens Klaviersonate in Fis-Dur wurde kurzerhand um einen mittleren Satz auf der Daraboukka erweitert. Spannend!

Auch hier wurden Brücken gebaut! Daniela plant schon den nächsten Coup: Ein Programm „Beethoven und der Orient“, bei dem sie auch Muhammad Tamim einbinden möchte …

Über die sich ans Konzert anschließende Auswertungs- und Feedback-Runde berichten HD Haun und Jörg Bärschneider in einem gesonderten Beitrag.

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Heinz D. Haun

ist Theatermacher und Theaterpädagoge.

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