In der nächsten Woche fällt die hoch emotional und kontrovers diskutierte Entscheidung über die Zahl der künftigen Parkplätze auf der Schlossstraße. Dabei gerät das in sich schlüssige Konzept einer „Straße der vielen Begegnungen“ in Gefahr, argumentiert unser Gastautor.

Der Siegerentwurf für die Neugestaltung der Bensberger Einkaufsstraße hatte wie alle Teilnehmer des Wettbewerbs im Rahmen des Integrierten Handlungskonzept (InHK) Bensberg „den Fußgänger und Radfahrer in den Mittelpunkt“ gestellt. Mit diesen Worten beschreibt die Stadt Bergisch Gladbach noch im Januar 2018 eine der Stärken des Konzeptes des Architekturbüros „Club L94“ aus Köln.

Im Dezember 2016 war das InHK in einem langen, mehrstufigen Abstimmprozess unter breiter Beteiligung von Bürgern, Anwohnern, der Interessengemeinschaft Bensberger Händler (IBH), der Immobilien Standortgemeinschaft (ISG) und vielen Interessierten verabschiedet worden.

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Zentraler Baustein ist die Neugestaltung der Schlossstraße unter dem Leitbild „Straße der vielen Begegnungen“. Hierdurch würde sich für die Schlossstraße die Chance eröffnen, sich in Zukunft als einen Ort für Menschen mit hoher Aufenthaltsqualität zu präsentieren.

Das schlüssige Konzept scheint aber leider nun zu kippen. Das macht Sorge.

Am 2. Oktober hat die Politik empfohlen, statt mit ursprünglich 65 Stellplätzen auf der Basis von ca. 95 Stellplätzen weiter zu planen, obwohl das Meinungsbild bei der Diskussion offensichtlich quer durch alle Parteien zerrissen war.

Dies entspricht im Ergebnis einer Steigerung um fast 50 Prozent.

Es ist zu befürchten, dass der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Infrastruktur und Verkehr am 30. Oktober eine entsprechende Entscheidung herbeiführt.

Diese würde eklatant im Widerspruch zum einstimmig verabschiedeten Wettbewerbsentwurf des „club L94“ stehen.

Alle Wettbewerbsteilnehmer legten hierbei übereinstimmend ca. 65 einseitig längs angeordnete Parkplätze zugrunde, die durch eine Baumreihe aus Blütenbäumen unterbrochen werden sollten, um dem Leitbild „Straße der vielen Begegnungen“ gerecht zu werden.

Im Bereich der Schlossapotheke sind wegen der drastischen Erhöhung der Stellplatzanzahl nun 22 zusätzliche quer angeordnete Parkplätze vorgesehen. Im Bereich von Intersport Haeger werden darüber hinaus nicht nur auf einer sondern auf beiden Straßenseiten Stellplätze eingeplant. Hierdurch geht wertvoller Platz zulasten der Fußgänger, Radfahrer und Bäume verloren.

Im Bereich der Schlossapotheke ist die Straße nicht breit genug für quer angeordneten Stellplätze. Das neue Konzept könnte folglich nur durch einen Rückbau der derzeit vorhandenen Außengastronomie umgesetzt werden. Dies steht ebenfalls im Widerspruch zum Leitgedanken, der ausdrücklich die Aufenthaltsqualität für den Fußgänger in den Mittelpunkt stellt.

Es besteht auch gar keine Notwendigkeit, in diesem Bereich verdichtete Stellplätze zu Lasten der Außengastronomie einzurichten, da auf dieser Höhe das nicht ausgelastete Parkhaus SchlossCenter mit direktem, barrierefreien Ausgang zur Schlossstraße angebunden ist.

Überspitzt und polarisierend könnte man resümieren: Wir stehen nun am Scheideweg zu entscheiden, ob die Schlossstraße in Zukunft primär den Bequemlichkeitskunden mit dem Auto bedienen soll, der das DriveInShopping Konzept mit möglichst kurzen Wegezeiten präferiert oder primär den Erlebniskunden, der eine Flaniermeile mit langer Verweildauer und hoher Aufenthaltsqualität am Ort bevorzugt.

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Heribert Thimme

wurde 1955 in Köln geboren und wohnt seit seiner Hochzeit 1977 in Refrath, seit 2015 in Bensberg. Er ist kein Mitglied einer politischen Partei, interessiert und engagiert sich jedoch für Themen, die sein persönliches Umfeld als Bürger der Stadt Bergisch Gladbach berühren.

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2 Kommentare

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  1. Vor ca. 10 Jahren kaufte ich ein Apartment im Fußgängerbereich der Schloßstrasse. Kompromisse für das Wohnen im Centrum: Kinderspielplatz, Markt und Feste, Geräusche durch mehr oder weniger laute Unterhaltungen etc. JA aber permanenter Durchgangsverkehr für Autos NEIN!!
    Geschaftsinteressen: verständlich. Ich weiß allerdings nicht, ob den Befürwortern des
    Verkehrsflusses und der Parkplätze im Centrum klar ist, welche Belastung ( Lärm und Abgase) dies für die Anwohner bedeutet. Abgesehen davon, dass permanent auch Nachts der
    Schlaf durch durchrauschende Autos oder An- und Abfahrt von Parkern gestört wird, ist auch eine Benutzung des Balkons unmöglich geworden. Möglich, dass aufgrund der Öffnung für den Verkehr ein paar Kunden gewonnen werden. Lt. letzter Umfrageergebnisse fallen allerdings auch sehr viele durch die – für alle Fussgänger belastende Situation- weg.
    Darüberhinaus verliert Bensberg dann endgültig jeden – einst vorhandenen – Charme als Schloßstadt. Sehr bedauerlich, da sich damit auch der Wohnwert nach unten bewegt.

  2. Ja, wie Herr Thimme schreibt, droht das gemeinsam erarbeitete Leitbild der „Straße der vielen Begegnungen“ zu kippen.

    Dabei geht es nicht um eine technische Diskussion über Parkplätze, sondern vielmehr um die zentrale Frage, ob die Aufenthaltsqualität der Schlossstraße zukünftig weiterhin im Vordergrund steht oder aber das Auto. Von den in diesem Zusammenhang sehr aktuellen Umweltaspekten wird an dieser Stelle noch gar nicht gesprochen.
    Interessant ist dabei, dass es -auch nach Aussage der Stadt- schon heute und natürlich auch zukünftig im direkten Umfeld der Schlossstraße mehr als ausreichend Parkplätze gibt bzw. geben wird.

    Die Händler (ibh) haben ihrerseits inzwischen mehrfach erklärt, dass es unmittelbar auf der Schlossstraße so viele Parkplätze wie möglich geben soll. Es ist daher zu erwarten, dass sie weiterhin Druck auf Stadt und Politik ausüben.
    Insgesamt ensteht der Eindruck, dass sie die heutige, für Fußgänger und Restaurantbesucher äußerst ungemütliche, z.T gefährliche, Situation in die Zukunft übertragen möchten.

    Dies würde bedeuten, dass die Schlossstraße lediglich neu gepflastert wird und sich nicht wirklich in ihrer Funktion verändert.
    Ob dies zukunftsweisend wäre und die Inanspruchnahme eines Städtebauförderungsprogramms und die bisher erfolgte Bürgerbeteiligung rechtfertigen würde, kann durchaus in Frage gestellt werden.