Auf unserem geschundenen Globus werden Autos aus den Innenstädten verbannt, die Möglichkeiten zu parken eingeschränkt. Weil Individualverkehr die Städte zerstört: Kopenhagen, Amsterdam, Maastricht, London, Seattle, New York etc. Nicht so in Bergisch Gladbach. Angenehm anders? Nein. Eher unangenehm.

Die endgültige Entscheidung über die Gestaltung der Schlossstraße in Bensberg soll am 26. Februar fallen: Zweieinhalb Monate Zeit also, intensiv nachzudenken über eine zukünftig liebenswerte und lebenswerte Einkaufsstraße.

Ach, wie könnte es schön sein, die Schlossstraße eine Allee, ein Boulevard mit Bänken, Wasserspielen und Blumen. Zum Schaufensterbummel einladend, zum Einkaufen, zum Entspannen, mit Cafés und Restaurants unter Bäumen. Kurzum: Eine Oase zum Genießen. Schöner und besser als die Hauptstraße in Gladbach.

Einkaufsstraße in Maastricht

Statt einer Oase werden über 100 Parkplätze geplant, um jeden weiteren wird gerungen. Die Existenzangst von Einzelhändlern in dieser seit Jahren vernachlässigten Straße ist nachvollziehbar. Natürlich. Nur – das veränderte Kaufverhalten hat nichts mit dem fehlenden Parkplatz vor dem Laden zu tun. Schade, dass einige glauben, eine Einkaufsstraße könne nur funktionieren, wenn Menschen bis vor die Ladentür fahren dürfen.

Stellen Sie sich die Schildergasse in Köln vor: Parkende Autos vor dem Café St. Anton an der Antoniterkirche? Absurd. Alle müssen irgendwo in Kölns Innenstadt – meist in Parkhäusern – das Auto abstellen und dann zu Fuß durch die Stadt gehen, häufig mehr als 250 Meter.

Schildergasse mit Café

AutofahrerInnen rangieren, egal ob beim Schräg-, Längs- oder Senkrechteinparken. Manche mehr, manche weniger. Abgase haben die fatale Eigenschaft, sich in alle Richtungen auszubreiten. Und was entsteht, wenn alle Parkplätze besetzt sind und AutofahrerInnen in der zweiten Reihe mit laufendem Motor auf freie Parkplätze warten? Lebensqualität?

Schlossstraße: Schaufenster der anderen Straßenseite werden durch mindestens eine Autoreihe verdeckt

Einige Fragen an diejenigen, die so vehement für Parkplätze in der Schlossstraße streiten. Mit wem muss ich mehr Mitleid haben? Mit der Kundin oder dem Kunden, die keine 250 Meter zu Fuß gehen wollen? Oder mit den Menschen, die den Abgasen ausgeliefert sind? Was atmen kleine Kinder an der Hand der Eltern ein, die Nasen in Auspuffnähe? Was passiert mit Kindern und Erwachsenen in Straßencafés und -restaurants?

Der neue Genuss: Latte Macchiato mit Kohlendioxid, Schwarzwälder-Kirsch-Torte mit Feinstäuben, Gemüsepizza mit Stickoxiden? Es mag Straßenrandgourmets geben, die Abgase von Super E10 besser finden als die vom Diesel, vielleicht schmeckt Reifen- und Bremsenabrieb auch ganz lecker.

Ganz Schlaue wollen Parkplätze deshalb nur dort zulassen, wo es keine Straßencafés oder -restaurants gibt. Glauben Sie, dass unsere Verwaltung jedes mal umbaut, wenn ein Restaurant schließt oder an anderer Stelle ein neues eröffnet wird?

Wenn schon die eigene Gesundheit und die der Kinder nicht mehr zählen: Was ist mit der Verantwortung für den besten Freund des Menschen, der (angeleint) den Abgasen auch nicht entkommen kann? Muss dieser jetzt aus tierisch-humanen Gründen von der Leine gelassen werden?

Statt eines Boulevards zum Flanieren werden Parkplätze geplant: Geboren aus dem Denken längst vergangener Tage, als die autogerechte Stadt noch die Stadt der Zukunft war. Einzelhändler befürchteten den Weltuntergang, als in Kiel und Kassel Mitte der 50er-Jahre die ersten autofreien Einkaufsstraßen der Republik geplant wurden. Sie wurden alle widerlegt. Durch weltweite Erfolge.

Heute werden auf unserem geschundenen Globus Autos aus den Innenstädten verbannt, die Möglichkeiten zu parken eingeschränkt. Weil Individualverkehr die Städte zerstört: Kopenhagen, Amsterdam, Maastricht, Zürich, Bologna, Florenz, London, Paris, Portland, Seattle, New York etc. etc. Nicht so in Bergisch Gladbach. Angenehm anders? Nein. Eher unangenehm.

Übrigens: Selbst bei gründlicher Recherche findet man keine Forschungsergebnisse, keine Studien, keine Architekten, keine Verkehrsplaner, keine Marketingstrategen, keine Städteplaner, die Parkplätze in einer Einkaufsstraße empfehlen.

Maastricht

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Hinweis der Redaktion:
  Die Ungepflegtheit unserer Stadt scheint manche Menschen zu verführen, ebenfalls nicht pfleglich mit ihrer Umgebung und anderen umzugehen. Wachsen Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Respektlosigkeit? Nehmen Verstöße gegen die Regeln, die eine Stadtgesellschaft zum Zusammenleben braucht, zu?

Wir wollen über einzelne Themen kritisch berichten und gute Beispiele anderer Gemeinden zeigen, an denen man sich orientieren könnte.

Dabei ist diese Serie offen für andere Autoren: Was fällt Ihnen in dieser Stadt als „anders” auf – angenehm oder unangenehm? Nutzen Sie das Kommentarfeld unten, schreiben Sie und per Mail, verfassen Sie eigene Beiträge.

Und damit es nicht dabei bleibt, wollen wir die Themen konstruktiv aufgreifen. Was wäre zu tun, um Bergisch Gladbach angenehm anders zu machen? Ein gutes Thema für einen Stammtisch, für anschließende Arbeitskreise, für …. Lassen Sie sich überraschen, überraschen Sie uns!

Weitere Beiträge der Serie:

Unangenehm anders

Unangenehm anders: Mülleimer

Unangenehm anders: Der Hund ist nicht das Schwein

Unangenehm anders: Anstand und Respekt

Unangenehm anders: Hunde an der Strunde

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Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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7 Kommentare

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  1. Lieber Herr Hansen,

    Schön ihre Vision:

    „Ach, wie könnte es schön sein, die Schlossstraße eine Allee, ein Boulevard mit Bänken, Wasserspielen und Blumen. Zum Schaufensterbummel einladend, zum Einkaufen, zum Entspannen, mit Cafés und Restaurants unter Bäumen. Kurzum: Eine Oase zum Genießen.“

    Da würde ich persönlich auch gerne einkaufen, wäre Einkaufen dann wirklich ein EinkaufsErlebnis statt im Internet mit ein paar Klicks den billigsten Artikel herauszufischen.

    Aber leider hält die derzeit regierende Koalition scheinbar – im Gegensatz zu den Grünen – NOCH weiterhin an ihrer rückwärtsgewandten Händlerschaft fest, die Unvermögen zeigt, ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Wenn der einzige Grund ist, in einem dieser Geschäfte zu kaufen, da es dort einen durch den Steuerzahler finanzierten kostenlosen Parkplatz vor der Haustüre gibt, ist das doch wahrlich ein Armutszeugnis.

    Andere Städte zeigen es. Mit Erhöhung der Aufenthaltsqualität steigt der Umsatz auf der Einkaufsstraße. Das hat die Händlerschaft in Bensberg leider bis jetzt noch nicht kapiert und versucht stattdessen, durch die Zementierung des Status Quo sich ihr eigenes Grab zu schaufeln.

  2. lieber Klaus Hansen,
    vielen Dank für Ihren Artikel…..Sie sprechen mir (und ganz bestimmt sehr vielen anderen Bergisch Gladbachern) aus der Seele….Grüssli

  3. Sehr geehrte Damen,

    ich bedanke mich schon einmal dafür, Dass Sie mit vollem Namen veröffentlichen, anders, als manche der männlichen Schreiber. Natürlich wäre es schön, den Fokus immer nur auf die positiven Seiten des Lebens zu legen. Im Grunde ist das ein psychologischer Trick unseres Ichs so wie man meistens nur die positiven Dinge des Lebens behält. Nur ist das Leben einer und in einer Stadt ein ewiger Fortgang, der Veränderungen unterliegt, und die fallen positiv und negativ auf. Wenn Sei Ihren Zuzug nach BGL Ihrer bewussten Wahl verdanken, so hat das m.E. überhaupt nichts damit zu tun, wenn Herr Hansen den unsäglichen Parkplatzstreit in Bensberg anprangert. Die Schlossstraße ist Jahrzehnte alt und bedarf nun wirklich einer Erneuerung. Warum soll die nicht zu Wohlbefinden und Flanierlust führen statt zu Parkplatzrangiererei und Luftverpestung? Was kann man gegen Gesundheitsschutz und Einkauferlebnis haben? Fahren über Ihren „wunderbaren Marktplatz in Refrath“ Autos, Frau Amerling? In Bensberg ist das so. Freuen Sie sich in bergisch Gladbach an einer autofreien Hauptstraße, Frau Breitenfeld? In Bensberg können wir das nicht. Diese Dinge liegen alle im Auge des Betrachters und die geforderten 165 Parkplätze auf der Schlossstraße sind doch wohl mehr als ein Haar in der Suppe. Wenn man alles annehmen würde, was Behörden, Verwaltungen, Egoisten und Besserwisser in Bergisch Gladbach der Bevölkerung vorsetzen, wäre Flucht aus dieser Stadt mein einziges Mittel. Herr Hansen gehört weiß Gott nicht zu den Übertreibern.

  4. Wir schreiben nicht, dass Bergisch Gladbach unangenehm anders ist – sondern weisen auf die Dinge und vor allem Verhaltensweise hin, die unangenehm sind. In der Hoffnung, eine Debatte anzustoßen, die dazu führt, dass Bergisch Gladbach noch angenehmer wird :-)

  5. Die Abwanderung der Kunden ins Internet kann nur dadurch verhindert werden, dass das Einkaufen zu einem angenehmen Freizeit-Erlebnis wird. Und genau dafür brauchen wir die von Herrn Hansen gepriesenen Autofreien Zonen, die dazu einladen, sich dort gerne aufzuhalten. Flanieren, sehen und gesehen werden, gastronomische Angebote nutzen – und wenn man schon da ist, warum nicht durch das eine oder andere Geschäft stöbern. Wer ganz gezielt etwas sucht, und das möglichst preiswert, wird oft im Internet besser bedient. Aber Einkaufen als sinnliches Erlebnis, das geht nur vor Ort. Und nur autofrei. Wann versteht das der Einzelhandel und die Politik?

  6. Da Stimme ich ihnen zu.
    Vielleicht sollten wir alle mal aufhören, das Haar in der Suppe zu suchen.

    Ich habe mich vor vielen Jahren bei meinem Umzug von Berlin ins Rheinberg bewusst gegen Köln und für Bergisch Gladbach entschieden.
    Man ist schnell im Grünen und und mit der Straßenbahn auch schnell in Köln.

    Also ich finde es schön hier und ich fand es auch schade, als in Bensberg die Fußgängerzone zur Einbahnstraße gemacht wurde.

  7. Seit einiger Zeit lese ich regelmässig diese Serie.
    Der Hinweis der Redaktion „Was fällt Ihnen in dieser Stadt als „anders” auf – angenehm oder unangenehm?“ scheint ein Türöffner zu sein, sich auf das Negative zu fokussieren und die schönen Farben von Bergisch Gladbach in ein dunkles Licht zu tauchen.
    Dabei ist Bergisch Gladbach in vielen Dingen angenehm anders. Ich bin aus Köln zugezogen und genieße hier viele Dinge, die ich in Köln so nicht hatte.
    Den wunderbaren Wochenmarkt in Refrath, einen entspannten Spaziergang um unsere schönen Seen, die wunderbaren Wälder, die kurzen Wege zu Ämtern und Behörden, die gemütlichen Einkaufsstrassen, die direkt vor der Tür liegen oder das familiäre Miteinander. Natürlich nervt mich auch mal Hundekacke (die kann man tatsächlich entfernen, ich spreche da als Hundebesitzer aus Erfahrung), Autoabgase (vor allem der Eltern, die ihre Kinder bis vor das Schulportal fahren und damit nicht nur ihren Kindern die Möglichkeit nehmen, Eigenverantwortung zu übernehmen, sondern auch für alle die Luft verpesten) den ein oder anderen überfüllten Mülleimer, und Menschen, die auf Parkplätzen parken, wo sie nichts zu suchen haben (auch bei Frauen- und Familienparkplätzen zu beobachten).

    Sicherlich lohnt es sich, alle diese Themen mal anzusprechen in der Hoffnung, damit respektlose Menschen wachzurütteln, aber ist deshalb gleich Bergisch Gladbach unangenehm anders? Sind das nicht Dinge, die in jeder Stadt anzutreffen sind, in der Menschen leben? Deppen gibt es doch überall – so ärgerlich das ist!

    Wäre Bergisch Gladbach nicht viel mehr angenehm anders, wenn man sich auf das Positive fokussieren würde? Wenn Lächeln statt Meckern seine Kreise ziehen würde? Sich Dankbarkeit breit machen würde, dass wir auf so einem schönen Fleckchen Erde wohnen dürfen?
    Ob diese positive Denkweise seiner Bewohner die Farben von Bergisch Gladbach zum Glänzen bringen würde? Ich würde es mir wünschen.