In Folge 5 der Schildgen-Serie geht es um Ausflugslokale und speziell um das Gasthaus Heidgen. Hier gab es bis in die 60er-Jahre ein Baumhaus und ein Karussel im Garten. Am Ende tauchen wir auch noch ein in zwei Kindheiten im Gastgewerbe und in ein Stück Kulturgeschichte der Kneipe.

In Schildgen gab es einst nicht nur viele Kneipen, sondern auch eine ganze Reihe Ausflugslokale. Wir haben uns mit Rita Luhmann verabredet, die in der Gastwirtschaft Heidgen aufgewachsen ist. Außerdem haben wir Christel Polito dazu gebeten, deren Eltern die „Post“ führten, um mit ihren Erinnerungen zu helfen.

Den Gasthof Heidgen kennen wir schon aus der März-Geschichte „Die Kämpfe um Schildgen“: Hierher führten die Amerikaner am 14. April 1945 den Schildgener Flüchtlingszug. Hier verbrachten die Familien einen Tag und eine Nacht und wurden von der Familie Grieß mit dem Wenigen versorgt, das es gab.

Acht Jahre später, 1953, übernahm die Familie Jankord den Betrieb im Heidgen 2, an der Ecke zur Katterbachstraße. Mehr oder weniger freiwillig. Rita Luhmann erzählt: „Mein Vater war im Krieg. Mein Großvater hat die Wirtschaft mit 70 Jahren gekauft, ohne jemanden zu fragen. Meine Eltern hatten keine Wahl, sie mussten aus dem Münsterland nach Schildgen ziehen und sich um die Gaststätte kümmern.“

Das „Baumhaus-Café“ und ein Karussell im Garten

Rita Luhmann kam 1958 auf die Welt. Sie erinnert sich vage an die berühmte Linde mit dem „Baumhaus-Café“ im Garten. Eine steinerne Wendeltreppe führte um den Baum herum in die Krone. Dort oben konnten zehn Menschen sitzen und ihren Kaffee genießen.

Einmal seien die Geschwister von der Sitzbank über die Äste aufs Hausdach geklettert. „Meine Oma entdeckte sie und rief: Die Kinder sind auf dem Dach!“, erzählt Rita Luhmann, „da ist mein Vater hoch und hat sie auf dem Dach verdroschen.“ Sie lacht. So lief das damals.

Die Linde war aber nicht die einzige Attraktion des Ausflugslokals. Im riesigen Garten standen auch eine Wippe, eine hohe Schaukel und ein Karussell für bis zu 16 Erwachsene. Sogar einen Tanzsaal muss es einst gegeben haben, vermutet Rita Luhmann. In ihrer Kindheit war davon nur noch eine rote Bodenplatte aus Beton übrig, auf der sie und ihre Geschwister mit Kreide „Hüppekästchen“ malten.

Ein Artikel im „Dorfplatz“ bestätigt ihre Vermutung: Schildgen hatte von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit fünf Tanzsäle, einer davon in Heidgen. Jeden Sonntag wurde zum Tanz gebeten. Die Autorinnen schreiben: „Das Dorf zählte damals 1000 Einwohner, die Tanzsäle zogen aber auch Menschen von weither zum Vergnügen an.“

Der „Gasthof zur Schönen Aussicht“, ein weiteres Ausflugslokal an der Kempener Straße, Ecke Sträßchen Siefen, trug wohl verschiedene Namen – leider geht aus der Postkarte kein Datum hervor. In einem Dorfplatz-Artikel ist die Rede von der „Gaststätte Zur Lindenhöhe“. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen hier Ostflüchtlinge unter. Später entstanden an der Stelle Einzelwohnungen, die einstige Glasveranda wurde zum Aufenthaltsraum. Heute ist die Gegend komplett bebaut, bis in die 60er-Jahre war rund um den Gasthof noch Sumpfgebiet. 

Im Haus Heidgen habe es außerdem einen schattigen Garten mit „gedeckten Lauben“, „Kinderbelustigung“ und einem Schießstand gegeben. Bei schönem Wetter sei die schiebbare Glaswand des Restaurants zum Garten hin geöffnet worden, und die Gäste hätten sich wie in der freien Natur gefühlt.

Heidgen war eben ein richtiges Ausflugslokal. „Wir lagen zu weit ab von Schildgen, um eine klassische Gaststätte zu sein“, sagt Rita Luhmann. Unten in Katterbach, direkt am Wald, kamen eher Spaziergänger vorbei, Ausflügler.

Mit der Kegelbahn kamen die Vereine

Das änderte sich, als der Vater 1970 anbaute und ein Gesellschaftszimmer sowie eine Kegelbahn einrichtete. Schon Mitte der 60er-Jahre war die alte Linde gefällt worden, sie war innen hohl gewesen; auch die Spielgeräte waren verschwunden, als der große Garten unter den beiden Onkels aufgeteilt wurde.

Rita Luhmanns Eltern behielten die Gaststätte. Und mit der Kegelbahn kamen die Vereine. „Ich war oft bei euch kegeln!“, sagt Christel Polito. Ihre Brüder gingen zusammen zur Schule, der Freundeskreis traf sich in den 70er-Jahren alle vier Wochen zum Kegeln.

Über das Café Waldesruh am Schildgener Friedhof sind kaum Informationen zu bekommen. Das könnte damit zu haben, dass es unter der Hand als „Café Hemdhoch“ gehandelt wird… Wie man munkelt, sind dort so einige Techtelmechtel abgelaufen. Schon in Christel Politos Kindheit gab es das Waldesruh nicht mehr.

Mit den Vereinen kamen schließlich auch die Feste: Familienfeier, Kommunion, Vatertag. „Anfang der 70er, ich war zwischen 12 und 16 Jahre alt, wurde viel und heftig Vatertag gefeiert“, erzählt Rita Luhmann. Das bedeutete: Familienarbeitstag. Mutter und Großmutter waren in der Küche, Bruder Erich spülte, Rita und ihr Vater machten den Service.

„Irgendwann orderten die Männer Schnaps. Oft bestellten sie einen mehr, den musste ich dann trinken. Natürlich hatte ich vor lauter Arbeit nichts gegessen, und am nächsten Tag konnte ich manchmal nicht die Schule besuchen.“ Rita Luhmann lacht. „Mein Vater schrieb mir dann eine Entschuldigung, ich sei ‚unpässlich‘.“

Die Sommerwirtschaft Buschhorn in der Voiswinkeler Straße, Ecke Hufer Weg hieß im Volksmund „Rundellchen“. Wilhelm Neufeind baute die markante, sechseckige Lattenlaube 1912 zu seiner bestehenden Schankwirtschaft dazu. Der spätere Wirt Theodor Neufeind war wohl sehr sparsam: Er ließ Liebespaare aus nur einem Glas trinken. So hatte er weniger zu säubern. In den 1960er Jahren wurde das Rundellchen selbst zur Kneipe und blieb es bis zu seinem Abriss 2002. Bis in die 80er-Jahre parkten Besucher den gesamten Hufer Weg hinunter. Vom Rundellchen aus konnte man den Kölner Dom sehen und an Silvester das Feuerwerk in Köln.

Nicht so lustig fand Rita Luhmann die Ostertage. Als kleineres Kind sollte sie jedem Gast ein Osterei überreichen. „Ich habe es gehasst.“ Auf Nachfrage sagt sie vorsichtig, die Männer seien irgendwann nicht mehr nüchtern gewesen und hätten dann schon mal gerne getätschelt.

Aus Gaststätte mach Tierarztpraxis

Alles in allem ist Rita Luhmann froh, dass die Gaststätte nicht mehr existiert. Der Vater hatte ihr geraten, einen anderen Weg einzuschlagen – hätte er sich entscheiden können, hätte er es wohl auch getan. Sie wurde Verwaltungsangestellte, arbeitet heute im Rechenzentrum einer Behörde.

Rita Luhmanns Eltern gingen 1983 in Rente und vermieteten das Lokal, ab 2002 übernahm sie die Verantwortung. Sie hatte oft Ärger mit den Mietern. Ab 2015 stand die Gaststätte leer. Als sie 2018 die Anfrage einer Tierarztpraxis bekam, sagte sie zu.

In einem landwirtschaftlichen Anwesen an der Leverkusener Straße, Ecke Nittumer Weg eröffnete Friedrich Georg Kimmel 1885 das Waldrestaurant Nittum. Eine Metzgerei gehörte bald ebenso dazu wie ein Kolonialwaren-, Kohlen- und Düngerhandel. 1904 errichtete er einen Saal. Bis zum ersten Weltkrieg entwickelte sich der Betrieb zu einem beliebten Ausflugsziel mit Gastronomie und Gartenwirtschaft, der neues Leben in den stillen Ort Nittum brachte. Viele Feste und Veranstaltungen fanden hier statt, auch getanzt wurde häufig. Dazu war das Waldrestaurant viele Jahrzehnte lang Tagungs- und Vereinslokal kirchlicher Gruppierungen und vieler Vereine. In den 1970er Jahren wurde das Haus abgerissen.

Die Veterinärin Dr. Claudia Lehnert baute die ehemalige Gaststätte komplett um, seit etwas über einem Jahr stehen auf der Tafel am Hauseingang keine Tagesgerichte mehr angeschlagen, sondern fröhliche Willkommensgrüße und mit Kreide gezeichnete Tiere.

„Da wird nie wieder ein Gastbetrieb hinkommen“, sagt Rita Luhmann. Nicht nur wegen des Umbaus, sondern vor allem wegen der nötigen Genehmigungen. Es sei erst komisch für sie gewesen, aber jetzt ist sie erleichtert. „Ich war es leid. Das Gastgewerbe ist nicht einfach.“

Erinnerungen an zwei Kindheiten im Gastgewerbe

Bis jetzt hat Christel Polito, genau wie ich, vor allem zugehört. Das ändert sich, als ich nach den anderen Ausflugslokalen frage. Zu meiner Überraschung entspinnt sich bald ein Gespräch zwischen den beiden Frauen. Sie tauschen Erinnerungen aus, an das alte Schildgen, vor allem aber an ihre Kindheit und Jugend im Gastgewerbe. Ein Protokoll.

Rita Luhmann

Christel Polito: Das Waldrestaurant Kimmel, das war ein schönes Gartenlokal. Da wurden die Piefeköpp gegründet, der erste Schildgener Karnevalsverein. Vor allem aber war es ein richtiges Ausflugslokal. Die Leute kamen aus Köln durch den Dünnwalder Wald hierhin marschiert. Neben dem Garten gab es einen großen Festsaal.

Rita Luhmann: Meine Eltern haben da auch mal gegessen. Der Hotel- und Gaststättenverband hat früher Ausflüge für die Gastronomen organisiert.

Christel Polito: Meine Eltern achteten auch darauf, an unserem Ruhetag Kollegen zu besuchen und bei ihnen zu essen.

Rita Luhmann: Die Gastronomen haben sich damals abgesprochen, der eine hatte montags Ruhetag, der nächste dienstags und so weiter. Früher gab es mehr Kollegialität als Konkurrenz.

Christel Polito: Stimmt, das war schön. Mittlerweile ist das Konkurrenzdenken überall eingezogen. Die Kneipenkultur hat sich aber auch verändert. Die Leute treffen sich nicht mehr, wie früher, abends auf ein Bier an der Theke.

Rita Luhmann: Meine Eltern machten um 16 Uhr auf, ab 16.30 Uhr kamen die Männer von der Arbeit, setzten sich an die Theke und tranken ihr Bier. Gegen 18 Uhr fuhren sie nach Hause. Natürlich mit dem Auto. Damals gab es ja noch keine Promillegrenze. Auch die Polizisten saßen bei uns in der Kneipe. Wir hatten früher einen Laternenpfahl mitten auf dem Parkplatz stehen. Den hat irgendwann ein Peterwagen umgefahren.

Peterwagen? Ich schaue verwirrt. Die beiden lachen.

Rita Luhmann: So nannte man damals die Polizeiautos. Zumindest hier in der Gegend.

Die Frauen kommen auf gemeinsame Bekannte zu sprechen, tauschen sich vertraut aus. Ich schreibe erst wieder mit, als das Gespräch auf den Gaststättenalltag zurückkommt.

Christel Polito

Christel Polito: Da war unglaublich viel Arbeit im Hintergrund. Die Wäsche zum Beispiel. Wir kochten die Tischdecken in einem großen Kessel und rührten sie mit einem langen Holzstab um. Dann wurden sie geschleudert und draußen aufgehängt. Und wie oft saß ich an der Mangel! Das war sehr anstrengend, ich habe es aber auch genossen – so viel Zeit habe ich sonst nie mit meiner Mutter verbracht.

Rita Luhmann: Bei uns war auch das Einkaufen sehr aufwendig. Mein Vater hatte keinen Führerschein und fuhr jeden Tag mit dem Mofa los. Mein Bruder ging einmal im Monat in den Großhandel. Als ich den Führerschein hatte, war das meine Aufgabe.

Christel Polito: Mein Vater fuhr jeden Donnerstag zum Schlachthof und Großmarkt in Köln. Wenn am Wochenende mal der Salat ausging, schickte meine Mutter mich zu den Königs.

Rita Luhmann und Christel Polito haben früh gelernt, wie anstrengend das Gastgewerbe ist. Beide entschieden sich bewusst, nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Die alte „Post“ ist heute als Irish Pub die letzte gut funktionierende Kneipe in Schildgen. Heidgen, Kimmel und viele andere existieren nicht mehr, das Rheindorf ist eher ein Speiselokal, der Elisenhof ist zum modernen Tapas-Lokal geworden. Was hat sich verändert?

Christel Polito: Früher gingen die Familien am Wochenende gerne essen. Heute, wo Männer und Frauen die ganze Woche arbeiten, bleibt man lieber zusammen zu Hause, denke ich. Viele kamen damals auch abends zu uns eine Kleinigkeit essen. Leberwurstschnittchen, Strammer Max, Kartoffelsalat, Frikadellen…

Rita Luhmann: …die hat meine Mutter auch jeden Tag gemacht!

Christel Polito: Dann trank man zusammen ein paar Bierchen, erzählte sich was. Die Gemeinschaft war anders. Im Fernsehen gab es nur ein Programm, das war nicht so interessant. Ja, die Kommunikation war wirklich ganz anders.

Rita Luhmann: Facebook war damals in der Kneipe!

Christel Polito: Auch die Promille-Grenze hat viel verändert, denke ich. Wenn man von der Kneipe nicht mehr nach Hause fahren kann, trinkt man sein Bier lieber zu Hause. Heute ist es auch nicht mehr so, dass die Männer arbeiten und die Frauen kochen. Ich kann mich gut erinnern, wie oft bei uns Frauen anriefen und darum baten, dass wir ihre Männer nach Hause schickten, weil das Essen fertig war!

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd, das für 2019 den gleichnamigen Nostalgiekalender herausgegeben hat. Der Kalender zeigt eine Auswahl aus den über 100 Fotos, die Schildgener BürgerInnen dafür eingereicht haben. Wir erzählen jeden Monat die spannendsten Geschichten hinter den Bildern.

Quellenhinweise

Dem Hauptartikel liegt das Gespräch mit Rita Luhmann und Christel Polito zugrunde. Die Infos zu den anderen Ausflugslokalen stammen aus verschiedenen Gesprächen, die Achim Rieks vom Himmel & Ääd mit alteingesessenen Schildgenern geführt hat. Die Fotos von der Gaststätte Heidgen hat Rita Luhmann zur Verfügung gestellt. Die Kalenderbilder und Fotos der anderen Lokale stammen von Hilde Küffler, Karin Kreisfeld, Erna Strünker und aus dem Pfarrarchiv der Herz Jesu Gemeinde Schildgen.

Weitere Textquellen:
Peter Kombüchen: „Nittum bei Schildgen im Wechsel der Zeiten“
J. Matissen: „Inkognito“, Dorfplatz Ausgabe 13.
Irmgard Siefen/Ingrid Koshofer: „Geselligkeit im Ballhaus“, Dorfplatz Ausgabe 13.

Weitere Beiträge aus der Serie:

Die Königin und der Kolonialwarenladen

Von zähen Katholiken und der Vereinigung Schildgens

Die Kämpfe um Schildgen: ein reales Drama

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

Von Steinzeit-Siedlern und mittelalterlichen Straftätern

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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1 Kommentar

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  1. „da ist mein Vater hoch und hat sie auf dem Dach verdroschen.“ Sie lacht. So lief das damals.
    Ja, so lief das damals. Das ganze Dorf erzog die Kinder. :)

    Sehr schöne Geschichte. Ich bin zwar nicht gebürtig von hier und auch nicht der Kneipengäner schlechthin, aber in meiner unsoliden Zeit als Taxifahrerin in GL, hab ich manchen Fahrgast schon betrunken zu diesen Kneipen hingebracht und noch betrunkener wieder abgeholt.

    Einnerungen sind schön und diese Zeit nicht die Schlechteste. :)