Die „Neue Schule“ in Schildgen, eröffnet 1928.

Wussten Sie, dass Schildgen lange vor der allgemeinen Schulpflicht seine erste Schule gründete? Warum die Kinder Herbstferien bekamen – oder besser gesagt Kartoffelferien? Maria Frantzen erzählt die Geschichte der Schildgener Schulen so spannend, als wäre sie selbst von Anfang an dabei gewesen.

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Kaum jemand könnte besser von der Geschichte der beiden Schildgener Schulen berichten als Maria Frantzen. Sie hat beide aus allen erdenklichen Perspektiven kennengelernt. Wenn sie von ihrer Arbeit als Lehrerin erzählt, strahlen ihre Augen genauso, wie wenn sie sich an ihre Grundschulzeit erinnert.

Wir sitzen an einem Tisch im Begegnungscafé Himmel & Ääd. Maria Frantzen – kurze, graue Haare, rote Brille, ansteckendes Lachen – holt einen Stapel Unterlagen aus ihrer Tasche. Darunter die Festschriften zu den letzten großen Jubiläen der Schulen in Schildgen und Katterbach. Sie hat an beiden mitgeschrieben.

Dann beginnt Maria Frantzen zu erzählen. Und nimmt uns mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

„Hippebure“ und die erste Schule

Wir befinden uns im frühen 19. Jahrhundert. Es war die Zeit der industriellen Revolution. Die meisten Bewohner des Raumes Schildgens waren Bauern. Der heutige Nittumer Weg hieß Kuhgasse, alle Ställe der Ortschaft Nittum reihten sich entlang dieser Gasse auf.

Tatsächlich hatten im 19. Jahrhundert nur wenige Familien Kühe. Die Menschen waren arm. Die Kuh des kleinen Mannes war die Ziege, deshalb hießen die Kleinbauern auch „Hippebure“ – Ziegenbauern.

In diesem Szenario wurde 1810 der Schulbezirk Nittum gegründet. „Man muss dazusagen: Das war 15 Jahre vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht“, sagt Maria Frantzen. Die Schildgener mussten also ein starkes Interesse daran gehabt haben, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Weder waren sie dazu genötigt, noch schienen die Umstände sonderlich günstig.

Der neue Schulbezirk hatte zunächst nicht einmal ein Gebäude. Der erste Lehrer, Wilhelm Fassbender, unterrichte die Kinder in einem Zimmer seines Hauses, gegenüber der Gartenwirtschaft Kimmel.

Erst 1824 erwarb die Gemeinde ein Grundstück am „Fahn“, ungefähr in der Mitte der Weiler, die zum Schulbezirk gehörten. Das waren neben Nittum und Fahn: Biese, Broß, Buschhorn, Calmünten, Rothbroich, Scheid, der Hoverhof und Schildgen.

1828 war das erste Schulgebäude fertiggestellt. Es beherbergte den Klassenraum und die Lehrerwohnung.

Die Prüfung zum Lehrer verlief damals so: Der Kandidat musste vor dem Landrat oder Amtmann eine Seite aus einem Buch vorlesen und den Satz schreiben „Ich möchte Schullehrer werden!“. Ein Prüfling antwortete wohl einmal auf die Frage nach dem Unterschied zwischen „dass“ und „das“: „Bei mir zu Hause ist da kein Unterschied!“

Der Kampf um die Volksschule in Katterbach

„Die Schule in Katterbach hat einen anderen Anfang genommen als die in Schildgen“, sagt Maria Frantzen. Sie erzählt die Geschichte so detailreich, als wäre sie selbst dabei gewesen.

Während die Schildgener längst ihre eigene Schule hatten, mussten die Katterbacher Kinder Tag für Tag nach Paffrath laufen. Der Fußweg war weit, und die Schülerzahl stieg und stieg – auch aus anderen Richtungen. 1869 war das Paffrather Schulgebäude völlig überfüllt.

So entschloss sich die Stadt Bergisch Gladbach, in Katterbach eine eigene Schule zu gründen. Als die Bauarbeiten begannen, war rundherum nichts als Feld. „Katterbach bestand, genau wie Schildgen, aus Weilern, also Ansammlungen von zwei, drei Höfen“, erzählt Frantzen. „Die nächsten Bauernhöfe zur Schule standen im Sträßchen Siefen. Dort gab es auch eine große Wirtschaft.“

1871 eröffnete die Vorschule – in dem historischen Gebäude befindet sich heute das Schulmuseum. Der Klassenraum hatte 57 Quadratmeter und beherbergte in den ersten Jahren 70, 80 oder sogar 90 Kinder von der 1. bis zur 5. Klasse. Die Älteren mussten weiterhin nach Paffrath laufen.

Lange kämpften die Katterbacher um eine Erweiterung der Vorschule in eine Volksschule, in der alle acht Jahrgänge unterrichtet werden könnten. Vergeblich. Erst 1893 entschieden die Stadtverordneten von Bergisch Gladbach zu ihren Gunsten. Daraufhin durfte die Schule buchstäblich aufstocken: Im 2. Stock kam eine zweite Klasse unter.

Immer mehr Klassen und Kartoffelferien

Auch in Schildgen machte 1898 eine zweite Klasse auf – in einem umgebauten Zimmer der Lehrerwohnung. 1900 kaufte die Gemeinde ein großes Grundstück gegenüber der Fahner Schule, um dort ein neues Schulgebäude zu errichten. Noch bevor es fertig wurde, entstand 1911 eine dritte Klasse, und ein zweiter Lehrer wurde eingestellt.

Maria Frantzen zitiert die Zahlen aus einer vierseitigen Tabelle, in der sie die wichtigsten Ereignisse in beiden Schulen zusammengefasst hat. Sie sagt: „An den Klassen kann man sehen, wie schnell die Bevölkerung in beiden Ortsteilen gewachsen ist.“

Dabei sind die Schülerzahlen noch nicht einmal repräsentativ: Die Familien waren kinderreich und vielfach arm. Also mussten viele Kinder zu Hause mitarbeiten. Auch von denen, die zur Schule gingen, half eine große Zahl zumindest zeitweise, vor allem bei der Ernte. „Deswegen gibt es die Herbstferien – oder, wie sie früher hießen, Kartoffelferien“, sagt Frantzen.

Die ersten Frauen arbeiten als Lehrerinnen

Schon seit Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts mussten viele Bauern zusätzlich in den Fabriken der Region arbeiten: Zanders oder Köttgen in Bergisch Gladbach, Felten und Guilleaume in Köln-Mülheim, Karbonit in Schlebusch.

In den besonders armen Familien galt das auch für die Frauen. Und zwar in ganz Europa. So entstanden in dieser Zeit die ersten Kindergärten – zunächst in Frankreich, 1802 in Deutschland. Sie hießen damals „Aufbewahrungsanstalt“ oder „Kleinkinderschule“.

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd, das für 2019 den gleichnamigen Nostalgiekalender herausgegeben hat. Der Kalender zeigt eine Auswahl aus den über 100 Fotos, die Schildgener BürgerInnen dafür eingereicht haben. Wir erzählen jeden Monat die spannendsten Geschichten hinter den Bildern.

Bis der erste Kindergarten nach Schildgen kam, dauerte es noch eine Weile. Doch, um wieder zur eigentlichen Geschichte zurückzukehren: 1894 fing in Katterbach mit Christine Quante die erste Lehrerin an; in Schildgen war es 1903 Maria Hoffmann.

„Nur ledige Frauen durften als Lehrerinnen arbeiten“, sagt Maria Frantzen. „Sobald sie heirateten, mussten sie aufhören. Dann hatten sie andere Aufgaben zu erfüllen.“

Dennoch gab es – in der ärmeren Bevölkerung – nach wie vor auch verheiratete Frauen, die arbeiteten, und die Kleinkinderbetreuung etablierte sich immer mehr in Deutschland. 1926 eröffnete dann auch der erste Kindergarten in Schildgen: Die „Erna-Hütte“ – vom vaterländischen Frauenverein gegründet und auf privater Basis geführt.

Das neue Schulgebäude und der „längste Lehrer“

Der Kindergarten stand auf dem neuen Schulgrundstück. 1928 wurde hier auch das Schulgebäude eingeweiht (siehe Titelbild oben). Es bot Platz für drei Klassen. Der Schulbezirk hieß von nun an Schildgen und nicht mehr Nittum.

Das Grundstück ist dasselbe wie das der heutigen Concordiaschule, nur das Gebäude ist neu. Als Maria Frantzen1959 eingeschult wurde, stand die alte Schule noch. Sie erinnert sich lebhaft daran:

„Wir hatten einen unheimlich schönen, riesengroßen Schulhof. Die gigantischen Ahornbäume bildeten ein einziges, grünes Dach. Der Boden bestand aus Erde. Wir haben dort Murmeln gespielt, Verstecken, Bäumchen wechsel dich… Im Sommer setzten wir uns die ‚Nasenzwicker‘ auf, die Früchte der Ahornbäume.“

Frantzen erinnert sich auch noch an Alfons Spallek – den „längsten Lehrer“ der Schildgener Schule. Er begann dort ein Jahr nach Eröffnung des neuen Gebäudes und blieb fast durchgängig bis 1966; ab 1953 als Schulleiter.

Maria Frantzen sucht in ihren Unterlagen, bis sie ein Heft findet. Sie schlägt es auf und zeigt ihr erstes Zeugnis, 1. Halbjahr 1959/60. Unterschrieben von Alfons Spallek.

In der Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum der Schule ist zu lesen, dass Spallek sich nachmittags mit schwachen SchülerInnen zusammensetzte und ihnen kostenlos Nachhilfe gab. Seine lebhaften Erzählungen blieben ebenso in Erinnerung wie dass er immer für „seine Kinder“ Zeit gehabt habe.

Er selbst berichtete über seine Dienstzeit: „Es gibt nichts Besonderes zu sagen. Ich habe meine Pflicht getan, wie jeder andere Lehrer auch.“

Die NS-Zeit

Die einzige Unterbrechung seiner Schulkarriere waren die Kriegsjahre, in denen Spallek als Soldat diente. Auch dem Rest der Schule brachte die NS-Zeit einige Änderungen.

1936 schlossen sich die Schulen Schildgen und Voiswinkel mit der Schule Katterbach zu einem Schulverband zusammen. Ein Kellerraum des Schildgener Schulgebäudes wurde für viel Geld zu einem NSDAP-Jugendheim umgebaut. Die Jugendlichen waren aber wohl nicht sonderlich begeistert von dem Raum.

Die Leitung der Ortspartei beschlagnahmte einen ungenutzten dritten Klassenraum und richtete dort einen NS-Kindergarten ein. Die private Erna-Hütte bauten sie ab und stellten sie in Odenthal wieder auf, wo sie wohl auch der Kinderbetreuung diente.

Die Schule funktionierte während des Krieges zunächst weiter, wobei die Kinder oft stundenlang mit ihren Lehren im Luftschutzkeller saßen. Bei einem Großangriff im Jahr 1944 fiel eine Miene auf das Grundstück und hinterließ einen tiefen Krater. Das Dach der Schule wurde abgedeckt und fast alle Fenster zertrümmert.

Im Herbst 1944 stellte man den Schulbetrieb ein. Angesichts der näher rückenden Front belegte man die Klassenräume mit verschiedenen militärischen Einheiten. In der Festschrift ist die Rede von „russischen Freiwilligen, Turkestanern und Mohammedanern“. Außerdem kamen flämische Flüchtlinge unter, die aus ihrer Heimat evakuiert worden waren.

In Katterbach belegte eine Flakeinheit beide Klassenräume. Die Kinder wurden in vier Gasthäusern und drei Privatwohnungen unterrichtet. Das Schulgebäude blieb von Angriffen verschont, allerdings zerstörten Unbekannte in den letzten Kriegstagen die Einrichtung der Schule samt aller Bücher.

Erst fünf Monate nach Kriegsende erlaubte die alliierte Militärregierung die Wiederaufnahme des Unterrichts in Schildgen.In Katterbach waren zunächst evakuierte Familien aus Köln untergebracht, nach sechs Monaten konnte auch hier der Schulbetrieb weitergehen.

Wie ging es weiter?

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bevölkerungszahl im Raum Schildgen massiv zu – nicht zuletzt durch Flüchtlinge aus Schlesien, Ost- und Westpreußen. Die Schulen Schildgen und Katterbach wurden 1947 vierklassig.

In den 1950er-Jahren bauten beide Schulen an. 1968 wurde die Volksschule getrennt in Grundschule und Hauptschule: In Schildgen entstand eine Katholische Grundschule, in Katterbach eine nicht konfessionsgebundene Gemeinschaftsgrundschule. Schildgen wurde zwei Jahre später nach einer Elternabstimmungauch Gemeinschaftsgrundschule.

Mit den Ostflüchtlingen war nämlich auch die Zahl der evangelischen Christen in Schildgen gestiegen. Die Kirchengemeinde Altenberg wurde gegründet, zu der der Pfarrbezirk Schildgen bis heute gehört. Ab 1958 diente ein Klassenraum in der Schildgener Schule als Kirchsaal, bis 1967 die Andreaskirche an der Voiswinkeler Straße eröffnete. Seit 1965 gehörten auch die Katterbacher zur Schildgener Kirchengemeinde.

Schildgen und Katterbach bekamen beide Anfang der 70er-Jahre neue Schulgebäude. Aus der ersten Katterbacher Schule wurde später das Schulmuseum.

Maria Frantzen kam 1979 zurück an die Schildgener Grundschule – als Lehrerin. Sie unterrichtete dort zehn Jahre lang. 1989 wechselte sie nach Katterbach und blieb bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2018. Sie lächelt und sagt: „Da bin ich glücklich gewesen.“

Zu guter Letzt: Zurück in die Zukunft

Die letzten fünf Seiten der Festschrift zum Schildgener Schuljubiläum im Jahr 1985 füllen handgeschriebene Zitate und Bilder zu der Frage: Wie wird Schule im Jahr 2000?

Hier eine kleine Auswahl:

„Morgens, wenn ich aus dem Haus gehe, wartet schon ein Rollband auf mich. Ich stelle mich darauf und rolle in die Schule.“

„Es gäbe keinen Herrn Förster mehr, sondern einen Roboter, der den Schulhof in Ordnung hält, und einen Getränkeautomaten.“

„Mathe macht uns großen Spaß. Die Computer lösen die Aufgaben für uns. Aber in Sprache müssen wir alles selber tun, denn zum Schreiben sind die Computer zu dumm.“

„In der Pause sollte es Hähnchen mit Pommes Frittes geben und als Nachtisch Eis mit heißen Kirschen. Man sollte auch für alle Kinder ein schönes Doppelbett zum Schlafen haben.“

„Wenn mal ein oder zwei Jungen mit einem Puppenwagen über den Schulhof laufen, das ist einfach so üblich. Oder wenn umgekehrt zwei Mädchen am Autoscooter spielen, dieses ist genauso üblich.“

Quellenhinweise:

Maria Frantzen u.a.: „125 Jahre Schule Katterbach. Historie und Histörchen“. Herausgeberin: GGS Katterbach, 1996.

Maria Frantzen u.a.: „175 Jahre Schule in Schildgen. Eine heimatkundliche Schulchronik 1810-1985“.

Bundeszentrale für politische Bildung: „Geschichte der frühkindlichen Bildung in Deutschland“. 2016.

Dr. Günter Erning: „Zur Geschichte des Kindergartens im 20. Jahrhundert“ (über Kindergartenmuseum Nordrhein-Westfalen). 2000.

Webseite des Schulmuseum Bergisch Gladbach.

Die historischen Fotos stammen aus dem Pfarrarchiv der Herz Jesu Gemeinde Schildgen, von Hans-Jakob König, Maria Frantzen und Hilde Küffler.

Weitere Beiträge aus der Serie:

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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