Wussten Sie, dass es in Katterbach früher ein Strandbad gab? Die Kinder schwammen allerdings lieber in der Sommerdhünn, bretterten mit dem Bollerwagen die Hauptstraße herunter oder schlichen sich aus der Christenlehre ins Kino. In Teil 7 unserer Serie erzählen Hilde Küffler und Albert Kaiser von ihrer Kindheit in Schildgen.

„Ich war ein Jahr alt, als ich mit meinen Eltern nach Schildgen kam“, sagt Albert Kaiser. Lächelnd fügt er hinzu: „Ich war sehr beeindruckt und dachte: Hier bleibe ich.“

Ob er sich tatsächlich an seinen allerersten Eindruck von Schildgen erinnert – wer weiß. Aber eines sagt der 85-Jährige mit Bestimmtheit: Er habe hier eine ausgesprochen schöne Kindheit verlebt.

Albert Kaiser ist genau wie Hilde Küffler in Schildgen aufgewachsen. Achim Rieks vom Himmel & Ääd und ich haben uns mit ihnen im Café verabredet, um zu erfahren, wie es war, in Schildgen groß zu werden. Was sie als Kinder und Jugendliche unternommen haben. Welche Zwänge es gab und welche Unterhaltungsmöglichkeiten.

Familiengeschichte(n)

Als erstes erzählt Hilde Küffler, dass sie genau hier in diesem Café aufgewachsen ist. „Wo wir jetzt sitzen, war unser Wohnzimmer.“ Ich mache große Augen: „Sie sind im Himmel & Ääd aufgewachsen??“ Tatsächlich, in der Sofa-Ecke des heutigen Begegnungscafés hat Hilde Schnepper, wie sie bis zu ihrer Heirat hieß, als Kind Weihnachten gefeiert und Anfang der 1950er Jahre ihre Verlobung.Hilde Schnepper und ihre Schwester an Weihnachten. Unter dem Fenster ist heute die Sofa-Ecke des Begegnungscafés Himmel un Ääd.

Im Hof hatte der Vater eine Werkstatt für Landmaschinen. Damals, in den 1930er, 1940er Jahren, gab es noch einige Bauern in und rund um Schildgen. Im vorderen Teil der Wohnung führte die Mutter einen Haushaltswarenladen. Hilde Küffler half dort mit, seit sie denken kann.

Albert Kaiser wurde in der Steiner Mühle in Odenthal geboren – einer Wassermühle aus dem 13. Jahrhundert. Sein Vater war aus der Eifel in die Gegend gekommen und arbeitete auf Schloss Strauweiler als Stalljunge für Graf Wolff-Metternich. Als der kleine Sohn ein Jahr alt war, zog die Familie nach Schildgen in ein eigenes Haus auf dem Fahner Weg.

Zwei verschiedene Bildungswege

An seine Kindergartenzeit in der Erna-Hütte (siehe Folge 6) erinnert sich der 1934 geborene Albert Kaiser so: „Die Erzieherin, Tante Hanni, trug nur dunkelbraune Anzüge und war ganz stramm.“

Nach vier Schuljahren in Schildgen ging er erst in Bensberg zum Progymnasium und dann auf das Städtische Gymnasium Bergisch Gladbach. Stets mit dem Fahrrad: „Nach Bensberg dauerte es eine gute Stunde, ohne Übersetzung, also Gangschaltung, und immer mit einem Flickenlappen auf dem Reifen.“

Albert Kaisers weiterer Werdegang
Nach der Mittleren Reife begann Albert Kaiser eine Lehre im Stahlhochbau bei Klöckner-Humboldt Deutz. Am Ende ging er daraus als technischer Zeichner hervor, immer mit dem Hintergedanken, auf dem Abendgymnasium in Köln-Nippes das Abitur nachzuholen. 1960 war es soweit. Er studierte Altphilologie und Geschichte auf Lehramt.

Hilde Küffler ist vier Jahre älter als Albert Kaiser. Nach der Schildgener Schule ging sie auf die Städtische Oberschule für Mädchen in Mülheim, nach dem Krieg für weitere zwei Jahre auf die Bergisch Gladbacher Handelsschule.

„So hat es der Vater gesagt, so wurde es getan“, sagt sie. Die Tochter sollte offenbar eine gute Grundlage erhalten, um im Familienbetrieb zu arbeiten.

Als sie 17 war, schickte er sie auch in die Fahrschule. Nicht gerade üblich für ein Mädchen zu der Zeit oder? Sie hebt die Schultern und lächelt. „Wir waren damals zu neunt: acht junge Männer und ich.“

Hilde Küffler und Albert Kaiser lachen viel, während sie ihre Kindheitserinnerungen teilen.

Den Kindergarten in der Erna-Hütte besuchte sie übrigens nicht: „Ich war als Kind nie da oben am Fahner Weg, wir hatten hier unseren eigenen kleinen Bezirk.“

Freunde wurden Hilde Küffler und Albert Kaiser erst später in ihrem Leben. Denn ihre Kindheit verbrachten sie überwiegend an unterschiedlichen Orten – fast so, als wären sie nicht im selben Dorf aufgewachsen.

Ein Strandbad …

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es zwischen Neuenhauser Weg und Sträßchen Siefen ein Schwimmbad: das „Strandbad Katterbach“. So glamourös, wie das klingt, war es aber ganz und gar nicht.

„Der Besitzer, Hubert Fischer, hat da einfach ein Becken ausgebaggert und den Katterbach hindurchgeleitet“, sagt Albert Kaiser. Richtig betoniert sei es wohl auch nicht gewesen. „Ich war nie dort, meine Eltern hatten das nicht gern.“

Hilde Küfflers Eltern waren auch nicht begeistert, sie ging aber trotzdem ein paar Mal hin. Einmal brach sich Küfflers jüngere Schwester dabei das Bein. Sie wollte vom Beckenrand ins Wasser springen, musste ausweichen, weil ihr jemand in den Weg schwamm, und kam unglücklich auf dem Beton auf.

Aber nicht nur deswegen war auch Hilde Küffler kein Fan des Strandbads: „Es war sehr einfach gemacht.“ Warum dann Eintritt bezahlen, wenn man auch im Fluss schwimmen kann?

… und die Sommerdhünn

So  lernte Hilde Küffler das Schwimmen auch nicht im Strandbad, sondern in der Dhünn – genauer gesagt der „Sommerdhünn“. An dieser Stelle der Dhünn in Hummelsheim, zwischen Rothbroich und Osenau, war eine „Kuhle“, in der man immerhin ein paar Züge machen konnte.

Heute schwimmt dort niemand mehr, auch der Name Sommerdhünn hat sich wohl verloren. Damals tobten hier viele Kinder aus Hilde Küfflers Klasse herum.

Albert Kaiser lächelt. „Ich saß im Sommer sehr oft mit einem Buch an der Dhünn. Das war meine Sommerdhünn.“ Manchmal ging aber auch er baden, allerdings an einer anderen Stelle: bei der Baumschule Korff, auf dem Weg nach Odenthal.

Das „Strandbad Katterbach“ erlitt bei den Kämpfen um Schildgen 1945 schwere Schäden durch eine Bombe,  die in unmittelbarer Nähe des Bads niedergegangen war. Nach dem Krieg eröffnete es noch einmal und hielt sich bis Mitte, Ende der 1950er-Jahre.

Rodeln und Bollern

Unweit der Dhünnstelle, an der Albert Kaiser baden ging, lag auch die sogenannte Schafsweide. „Da tummelte sich im Winter alles“, sagt Kaiser, denn hier gingen die Schildgener Kinder rodeln. Täglich, wenn es ging – „also wenn Schnee lag und die Hausaufgaben gemacht waren“.

Auch der Fahner Berg (die Abfahrt auf der Altenberger-Dom-Straße Richtung Odenthal) musste zum Rodeln herhalten. Im Sommer tauschten die Kinder den Schlitten gegen den Bollerwagen. Kaiser: „Man klemmte sich die Deichsel zwischen die Beine, zwei Mann hinten rein, und dann ging es vom ‘Eisener Müller’, der heutigen Bosch-Werkstatt Müller, mit Karacho bergab.“

Schildgen versus Katterbach

Wenn schon der Fahner Weg für Hilde Küffler außerhalb ihres Territoriums lag, kann man sich vorstellen, wie groß die Distanz zwischen Schildgenern und Katterbachern war. Die einen gehörten ja damals noch zu Odenthal, die anderen zu Bergisch Gladbach.

Albert Kaiser nickt. „Schildgen und Katterbach waren früher ganz streng geschieden. Katterbach war nicht nur Ausland, das musste man bekämpfen!“

Hinweis der Redaktion: Die Serie „Schildgen wie es war” erscheint in Kooperation mit dem Begegnungscafé Himmel & Ääd, das für 2019 den gleichnamigen Nostalgiekalender herausgegeben hat. Der Kalender zeigt eine Auswahl aus den über 100 Fotos, die Schildgener BürgerInnen dafür eingereicht haben. Wir erzählen jeden Monat die spannendsten Geschichten hinter den Bildern.

Achim Rieks sagt, er habe gehört, dass die Schildgener früher sagten, die Katterbacher seien alle Kommunisten. Hilde Küffler lacht und wendet sich an Kaiser: „Das war übertrieben, oder, Albert?“

Tatsächlich verband Hilde Küffler schon früh viel mit Katterbach …

Die Kirche als einende Kraft?

Im Jahr 1911 kam ein gewisser Anton Küffler aus der Eifel nach Katterbach. Bis zum Zweiten Weltkrieg arbeitete er hier als Leiter der Grundschule. 1927 kam sein Sohn Alfons zur Welt – Hilde Küfflers künftiger Ehemann.

Kennengelernt hat sich das Paar im Kirchenchor. Denn das war die einzige konstante Verbindung zwischen Schildgen und Katterbach. „Sonst hätten wir uns vermutlich nie gesehen!“, sagt Hilde Küffler.

Es war Ende der 1940er Jahre. Der Chor feierte ein Maifest. Per Los wurde der Maikönig bestimmt: Alfons Küffler. Und er wählte die junge Hilde zu seiner Maikönigin. Sie lächelt. „Wir sind dann mit Pferd und Kutsche durch Schildgen gezogen.“

Historische Verbindung
Den ersten Kontakt zwischen den Familien von Hilde und Alfons Küffler gab es übrigens schon lange, bevor sich die beiden im Kirchenchor kennenlernten.

Hilde Küfflers Großvater, Jakob König, betrieb Ende der 1920er-Jahre die erste Postfiliale des Ortes – dort, wo heute die Löwenapotheke ist. Hier kamen fortan die Telegramme für Schildgen und auch für Katterbach an. Am 7.1.1928 erhielt König folgendes Papier:

„Telegraphie des Deutschen Reichs“ für Lehrer Küffler, Post Paffrath, Berg. Gladbach: „Vater krank. Bitte kommen. Josef Schäfer“

Hilde Küffler: „Das muss mein Großvater dann zu Küfflers gebracht haben.“ Warum Jakob König die Postfiliale einige Jahre später wieder abgeben musste, lesen Sie in Teil 4 unserer Serie

Zu damaliger Zeit spielte die Kirche eine wichtige Rolle im Alltag der jungen Schildgener. Hilde Küffler erinnert sich an einen Ausflug des Kirchenchors zur Atta-Höhle: „Wir haben einen LKW geliehen und hinten einfach Bänke drauf gepackt. So sind wir nach Attendorn gefahren.“ Sie lacht. „Das ginge heute nicht mehr.“

In den 1950er Jahren führte der damalige Pfarrer Wirtz Fahrzeugsegnungen ein, zu der jede Menge Schaulustige kamen. Autos, Motorräder, später auch Fahrräder erhielten dort immer am 1. Mai ihren Segen.

Als Hilde Küffler den Führerschein hatte, lud der Pfarrer sie persönlich zur Autosegnung ein. Er wohnte damals nämlich in der Wohnung über Hilde Küfflers Familie. Zusammen mit zwei Dackeln. Albert Kaiser lacht und sagt: „Er konnte allerdings auch selbst ganz gut bellen.“

Kirche oder Kino?

Bisweilen holte Pfarrer Wirtz den jungen Albert und seine Freunde aus dem Schildgener Kino (die ganze Geschichte des Kinos lesen Sie im September!), wenn sie sich sonntagnachmittags aus der Christenlehre dorthin verdrückt hatten.

Die Vorstellung begann genau in der Halbzeit der kleinen Kinderandacht. „Wir setzten uns in die hinterste Bank und flitzten raus, wenn der Pfarrer nicht hinsah, aber er hat es trotzdem immer mitbekommen und ist uns oft genug hinterher“, erzählt Kaiser und lacht.

Hilde Küffler schüttelt den Kopf. „Die Christenlehre empfanden wir Kinder als störende kirchliche Nachmittagsveranstaltung, wir hatten doch morgens schon die Heilige Messe besucht.“

Ein ganzes Dorf erzieht die Kinder

Die Kirche bestimmte nicht nur den Alltag, sondern ganz wesentlich auch die Schildgener Gesellschaft und ihr Gemeinschaftsgefühl. Albert Kaiser erlebte seine Heimat als Kind und Jugendlicher als überschaubare Lebenswelt, die vom Charakter einer ländlichen Dorfgemeinschaft  geprägt war.

Erstkommunion im Schildgen der 1950er-Jahre. Im Hintergrund das heutige Brillen- und Schmuck-Geschäft Broich.

„Lebensweisen und Verhaltensformen waren wesentlich von traditionellen Mustern bestimmt“, sagt Kaiser. „Es gab damals eine ganze Gruppe von Erwachsenen, die auf die Erziehung bewusst oder unbewusst einwirkten: Zuerst natürlich vor allem die Eltern, dann die Lehrer, der Pastor und schließlich die Nachbarn.“

Albert Kaiser erzählt, wie einmal die Nachbarin Maria Menrath – „Mennrotts Marie“, wie sie im Bergischen Platt genannt wurde – mit ihrem Stock in die Küche seiner Eltern gepoltert kam. Eine Klingel gab es damals nicht. Die Familie saß zusammen, und Mennrotts Marie sagte zum Vater: „Saach, dinge Jung hätt ene Appel anjebisse un dann wegjeworfe.“

Genug Raum für eine schöne Kindheit hatten Albert Kaiser und Hilde Küffler offensichtlich trotzdem.

Quellenhinweise:

Die historischen Fotos stammen aus dem Pfarrarchiv der Herz Jesu Gemeinde Schildgen, von Hans-Jakob König, Maria Frantzen und Hilde Küffler.

Weitere Beiträge aus der Serie:

Wie sich die Schildgener Kinder vom Acker machten

Als man zum Trinken und Tanzen nach Schildgen kam

Die Königin und der Kolonialwarenladen

Von zähen Katholiken und der Vereinigung Schildgens

Die Kämpfe um Schildgen: ein reales Drama

„Jot esse un drenke hält Liev un Siel zesamme“

Von Steinzeit-Siedlern und mittelalterlichen Straftätern

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Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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