In den sechsten und letzten Folge der Serie zum 100. Todestag von Max Bruch geht es um das wechselvolle Schicksal des Lieblingsprojektes von Maria Zanders und um den ersten Ehrenbürger der Stadt. Wir schließen die Serie mit einer vorläufigen Antwort auf die Frage, was uns Max Bruch heute und in Zukunft wert ist.

Text: Siegfried R. Schenke Illustrationen: Uwe Hintz

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Dank ihrer engen Beziehung zu Max Bruch, einem der bekanntesten Musiker und Komponisten am Ende des 19. Jahrhunderts, hat Maria Zanders in Bergisch Gladbach die stabilen Grundlagen für eine dauerhafte und aktive Musikkultur gelegt.

Ihren ersten Mädchen-Werkschor gründete sie am 25. Sept. 1885 mit 20 Fabrikarbeiterinnen der Feinpapierfabrik Zanders. (Mehr dazu können Sie in der 5. Folge der Serie nachlesen, alle Folgen der Serie und weitere Beiträge zum Thema finden Sie auf unser Max-Bruch-Sonderseite)

Max Bruch, der etwa ein Drittel seiner Kompositionen in Bergisch Gladbach verfasste und fast zwanzig Jahre die chorische Aufbauarbeit seiner Freundin unterstützte, blieb noch zehn Jahre über ihren Tod hinaus in Kontakt sowohl mit der Familie Zanders als auch mit dem Chorleiter Arnold Kroegel.

Um für den Gesangverein Cäcilienchor eine kontinuierliche Musikpflege zu gewährleisten, musste ein struktureller Rahmen geschaffen werden, der unabhängig von bestimmten Personen und Situationen war.

Dies geschah im März 1905 mit der Gründung der „Maria-Zanders-Stiftung zur Förderung der Gesittung, Bildung und Wohlfahrt unter den heimischen, in erster Linie den der Firma J.W. Zanders angehörenden Arbeitern. Die Unterstützung einer veredelnden Volksunterhaltung und der Pflege des Gesangs soll dabei in Erinnerung an das segensreiche Wirken der Frau Maria Zanders besonders auf diesen Gebieten möglichst Rechnung getragen werden.“ (Glaser, Die ersten 100 Jahre) 

Vor allem Richard Zanders, Marias ältester Sohn, war nun organisatorisch für den Chor zuständig.                                                       

Doch nur ein Jahr später setzten die Turbulenzen für den Chor ein, die ihn viele Jahre begleiteten. Im Folgenden seien die Geschicke des Chores im Verlauf von ca. 110 Jahren in Stichworten zusammengefasst (nach Neuhauser, S. 142-144):                  

  • Tod von Richard Zanders
  • 1906 Streiks in der Firma Zanders
  • Auflösung des Chors
  • Neue Strukturen für die Stiftung
  • 1909 Neustart des Chores unter Kroegel als Dirigent
  • 25-jähriges Jubiläum 1910 ohne Bruch
  • Festkonzert im Altenberger Dom 1913 ohne Bruch
  • Chor ohne Männer wg. Krieg
  • Tod von Hans Zander 1915
  • Anna Zanders übernimmt Siftungsvorsitz
  • 1921 neuer Name: Cäcilienchor – Volkschor für Bergisch Gladbach 
  • 1923 Tod des Dirigenten Kroegel
  • Neuer Dirigent: Hermann J. Moeskes, Lehrer an der Kölner Musikhochschule
  • Konzerte oft ohne Orchesterbegleitung
  • Finanzierungsprobleme
  • 1931 Keine Zuschüsse der Firma Zanders mehr, aber der Chor überlebt
  • 1933 Widerstand von Anna Zanders gegen „Gleichschaltung“ auf Wunsch des NSDAP-Kreiskulturwarts
  • 1935 Tod des Dirigenten Moeskes
Cäcilien-Chor von 1939. Foto: Stiftung Zanders
  • Neuer Dirigent bis 1940: Leo J. Kauffmann, ehemaliger Prof. der Rhein. Musikschule in Köln
  • Kriegs- und Nachkriegspause
  • 1948 Neugründung unter Cäcilienchor
  • Gemischter Chor Bergisch Gladbach unter der Leitung von Paul Nitsche, Musikpädagoge am Städt. Gymnasium Bergisch Gladbach
  • Am 3.4.1949 Fulminante Wiedergeburt des Chors mit Händels „Messias“
  • 1952 Erster Rundfunk-Auftritt  
  • 1960 Fusion der „Singgemeinschaft Bergisch Gladbach“ mit dem Cäcilienchor
  • Zahlreiche Rundfunk- und Fernsehauftritte
  • 1966 neuer Name: Chorgemeinschaft Bergisch Gladbach (vormals Cäcilienchor, gegr. 1885) – 1985 Tod von Paul Nitsche
  • 1989 Umbenennung in Chorgemeinschaft Zanders Bergisch Gladbach
  • Neuer Dirigent: N.N. –
  • Dirigentin seit 2004: Hermia Schlichtmann, Dozentin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/M.
  • 2013 neuer Name: Konzertchor Bergisch Gladbach e.V.  
Das Rathaus in Gladbach. Foto: Stadtarchiv

Der erste Ehrenbürger von Bergisch Gladbach

An Bruchs 80. Geburtstag, am 6. Januar 1918, verlieh Bürgermeister Pütz im Rathaus Professor Max Bruch die Ehrenbürgerrechte als erster Person in der Stadt Bergisch Gladbach und schickte ihm am gleichen Tag folgendes Telegramm:

„Zu Euer Hochwohlgeboren 80. Geburtstag beehre ich mich die tiefempfundenen Glückwünsche der gesamten Bürgerschaft Bergisch Gladbachs zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig hat die Stadtverordnetenversammlung am heutigen Vormittag einstimmig beschlossen, dem Altmeister deutscher Tonkunst, Max Bruch, den seit 60 Jahren innige Beziehungen künstlerischer menschlicher und persönlicher Natur mit Bergisch Gladbach verknüpfen, dessen namhafteste Tonschöpfungen mitten unter uns erdacht, verarbeitet, vollendet und aufgeführt worden sind, in dankbarer Anerkennung der unvergänglichen Verdienste, die er sich im Verein mit dem Cäcilienchor und dessen Gründerin, der verewigten Frau Maria Zanders, um die Hebung des musikalischen Sinnes und Lebens in unserer Stadt erworben hat, das Ehrenbürgerrecht zu verleihen.                                                                                                         

Bruchs Antwort an den Bürgermeister. Foto: Stadtarchiv

Am 10. Januar antwortete ihm Bruch:

 „Gestatten Sie mir, Ihnen und den Herren Stadtverordneten meinen herzlichsten Dank für die freundlichen Glückwünsche zu meinem 80. Geburtstag sowie für die Ernennung zum Ehrenbürger von Bergisch Gladbach auszusprechen. Was mich seit mehr als 60 Jahren mit Ihrer Stadt unauflöslich verbindet, das haben Sie, Herr Bürgermeister, in Ihrem gef. Telegramm so schön und treffend zum Ausdruck gebracht, daß ich kaum etwas hinzuzufügen weiß. Ich kann nur wiederholen, was ich schon vor 10 Jahren bei Gelegenheit meines 70. Geburtstages äußerte:

Bergisch Gladbach war mir zu allen Zeiten lieb und wert; aus allen Fernen bin ich im langen Lauf der Jahre immer wieder mit Freude zu meinen dortigen teuren Freunden zurückgekehrt; und auf Ihren grünen Höhen, in Ihren lieblichen Tälern habe ich manche Melodien erdacht, die später das Glück hatten, vieler Menschen Herzen zu rühren. Es ist mir daher eine ganz besondere Freude, daß ich von nun an der Bürgerschaft des lieben Gladbach durch ein noch stärkeres, unzerreißbares Band angehöre. Seien Sie alle überzeugt, daß ich dies sehr tief empfinde und begleiten Sie mich auf der letzten kurzen Strecke meines Lebensweges mit dem alten Anteil und der alten Freundschaft. Möchte es mir vergönnt sein, Bergisch Gladbach (noch) einmal im Leben wiederzusehen!

Mit vorzüglicher Hochachtung ganz ergebenst der Ihrige Dr. Max Bruch

Anlässlich Bruchs 80. Geburtstag am 6. Januar 1918 traf sich der Chor noch einmal ohne Bruch zu einem Festkonzert im Mariensaal und sang auch eine Chornummer aus seinem Oratorium Odysseus.

Max Bruch überlebte „zwei Generationen einer Unternehmerfamilie aus der Gründerzeit, der er 70 Jahre hindurch wie ein Familienmitglied angehört hatte. Nun dankten ihm der Chor, das Unternehmen Zanders, ein Teil der Bevölkerung und die Stadt für sein lebenslanges Werk, seine Kompositionen und seine Verbundenheit mit dem Ort Bergisch Gladbach, der sich vom Dorf zu einer die Region dominierenden Stadt mit einer bemerkenswerten Musikkultur entwickelt hatte.“  (Neuhauser, S. 145-147 / Stadtarchiv Berg. Gladbach) 

Der Komponist Max Bruch –  damals und heute

Wenn man Nachschlagewerke zur Musik zu Rate zieht, dann findet man    unterschiedliche Aussagen über die Person und Werke eines Komponisten. So lesen wir in einer Musikgeschichte von 1958:

Max Bruch ist die bedeutendste westdeutsche Musikererscheinung der Brahmszeit gewesen und nimmt noch heute in der Konzertpraxis der Violinisten eine wichtige Stellung ein. Von Mendelssohns Harmonik und Klangidealen ausgehend, die er mit rheinischer Sinnenfreude und straffer Rhythmik spätromantisch zu steigern verstand, hat er eine nicht zu bestreitende, schwungvolle Monumentalität erzielt … . Andererseits hat der Oratorienkomponist, zu seiner Zeit hoch gefeiert und unzählige Male aufgeführt, … mit jenem Pathos gearbeitet, das zu vorzeitigem Verschleiß der Wirkungen geführt hat.”  (Moser, S. 747/8)

Vierzig Jahre später steht in einem Konzertführer:

Man hat Bruch als Vertreter einer Bürgerromantik beschrieben, als einen Anachronistenschon zu Lebzeiten. Die Musik seiner Zeit, die von Wagner, Reger oder Strauss, lehnte er ab. Von der Entwicklung am Anfang des 20. Jhs. nahm er erst recht keine Notiz. Bruch gab sich keiner Täuschung darüber hin, dass er selbst nicht zu den ganz Großen gehörte. Nach eigener Aussage lag das daran, dass er nicht seinen eigenen Weg gehen konnte:

„Ich hatte eine Familie zu ernähren und für die Ausbildung der Kinder zu sorgen. Ich mußte mit meinen Kompositionen Geld verdienen. Ich war deshalb gezwungen, gefällige und leicht verständliche Werke zu schreiben.“  (Joachim Salau in Der große Konzertführer, S. 101)

„Ein Hauch von Poesie” – und seine Folgen

Wie gehen wir heute mit Bruchs persönlichem und musikalischem Einfluss um? Als Bergisch Gladbacher können wir froh darüber sein, dass sich, wie Maria Zanders meinte, „ein Hauch von Poesie” hier ausgebreitet hat.

Ohne seine Begeisterung für diese Landschaft und ohne seine Freundschaft zu Maria gäbe es wohl kein Kunstmuseum Villa Zanders, keinen Konzertchor und keinen Bergischen Löwen. Und vielleicht nicht so viele kleine und größere Chöre.

Wir sollten uns mit dem reichhaltigen Erbe der beiden großen Kulturförderer weiter regelmäßig beschäftigen. Ein großartiges Ereignis war schon das Max Bruch Musik-Festival Bergisch Gladbach 2013. 

In diesem Jahr erinnern das Bürgerportal mehrfach, am 25. September das Kath. Bildungswerk in der Kulturkirche in Rommerscheid und der Konzertchor am 2. Oktober 2020 in Bensberg an den 100. Todestag des Gladbacher Freundes Max Bruch.   

Der Konzertchor in diesem Jahr. Foto: Konzertchor

Das Konzert zum Todestag von Max Bruch des Konzertchors mit Dozenten der Max-Bruch-Musikschule ist für den 2. Oktober 2020 im Bensberger Ratssaal geplant; ob es trotz der Corona-Pandemie stattfinden kann ist allerdings noch offen.

Zudem bereitet Roman Salyutov für den 4. Oktober in Kooperation mit dem Bürgerportal ein weiteres Konzert mit Werken von Max Bruch vor.

Und schließlich arbeitet das Bürgerportal mit Tanja Heesen und Norbert Brochhagen an einem weiteren Überraschungskonzert, bei dem unter anderem die Kantate „Die Macht des Gesanges” und der „Hymnus” (op.13) gespielt werden.

Max Bruch hatte im 19. Jahrhundert gemeinsam mit Maria Zanders Bergisch Gladbachs kulturelles Leben in Gang gebracht, er schenkt ihm nach wie vor Impulse – und wird es wohl auch in Zukunft machen.

Quellen

  • Der große Konzertführer. 2000. Hg.: Chr. Hahn u. S. Hohl.  Bertelsmann                
  • Hans J. Moser. Musikgeschichte in 100 Lebensbildern. 1958.  R.Löwith                                 
  • Hildegard Neuhauser. Musikgeschichte in Berg. Gladb. im 19.Jh. 2004. Musikverlag Burkhard Muth
  • Ute Glaser, Die ersten 100 Jahre. 125 Jahre Chorgemeinschaft Zanders. o.J.

Siegfried Schenke, Uwe Hintz

Siegfried R. Schenke ist Studienrat im Hochschuldienst für Deutsch als Fremdsprache i.R., Dozent für Musikseminare am Kath. Bildungswerk und Hobby-Pianist. Schon 2005 führte er Studenten der Kölner Musikhochschule auf den Spuren von Max Bruch durch Bergisch Gladbach. Uwe Hintz war beim Rheinisch-Bergischen...

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  1. Zwischen Paul Nitsche und Hermia Schlichtmann waren Herbert Ermert (bis 1999 oder 2000) und Ludwig Gossner aus Bensberg die Chorleiter. Das erste Konzert nach dem Tod von Paul Nitsche leitete vertretungsweise Enoch zu Guttenberg, der Vater des ehemaligen Ministers.