In der dritten Folge der Serie zum 100. Todestag von Max Bruch muss der Musiker seine erste Bewährungsprobe als Dirigent eines Profi-Orchesters bestehen. Es geht um die seelische Bewältigung von drei Todesfällen, um die Beziehung zu Maria Zanders und um seinen ersten großen Erfolg mit seinem „weltlichen Oratorium“, dem Odysseus.

Text: Siegfried R. Schenke Illustrationen: Uwe Hintz

Max Bruch ist zwar in Köln geboren und hat sich dort, neben Bergisch Gladbach, zum geachteten Komponisten entwickelt, aber die längste Zeit seiner Künstlerkarriere lebte und wirkte er außerhalb seiner Heimat.

Etwa dreißig Jahre seines Lebens war er unterwegs, arbeitete für kurze oder längere Zeit in zehn europäischen Städten. Hinzu kamen Gastdirigate in den USA 1883, die Verleihung des Titels „Ehrendoktor der Musik“ in Cambridge und ähnliche ehrenvolle Auszeichnungen.

Igeler Hof um 1870. Foto: Stiftung Zanders
Die Villa Zanders um 1900. Foto: Stadtarchiv Bergisch Gladbach

Aber so oft es irgendwie möglich war, kam er nach Bergisch Gladbach – zum Igeler Hof, in das Wohnhaus Schnabelsmühle, das es nicht mehr gibt, und ab 1874 in die Villa Zanders -, um in Ruhe zu komponieren oder in und mit der Familie zu leben und Kraft zu schöpfen. Bergisch Gladbach nannte er seine „Heimatstadt“.

Lern- und Reifezeit

Ende der sechziger Jahre, von 1867-1870, war Bruch „Erster fürstlicher Hofkapellmeister“ in Schwarzburg-Sondershausen, einer Schloss-Stadt nördlich von Erfurt. Hier beendete er sein erstes und berühmtestes Violinkonzert.

Mit Unterstützung seiner Schwester Mathilde, die ihm den Haushalt führte und seine künstlerischen Unternehmungen einfühlsam begleitete, wurden die drei Jahre in Thüringen eine fruchtbare Zeit.

Max Bruch und seine Schwester Mathilde. Foto: Stadtarchiv Bergisch Gladbach

Trotzdem dachte er immer wieder an die Aufenthalte in Bergisch Gladbach, als seine „mütterliche Freundin“ Katharina Neißen noch lebte.

Deshalb „floh“ Bruch, wenn es möglich war, „zum Igeler Hof“ (April/Mai 1869), „um den lästigen Pflichten des Alltags oder der bürokratischen Kleinkrämerei am Hof in Sondershausen zu entrinnen. In Bergisch Gladbach fand er die Ruhe und Einsamkeit, die er zum Komponieren brauchte.“

Fifield, Christopher. 1990. Max Bruch. Biographie eines Komponisten. Zürich: Schweizer Verlagshaus, S. 92

Gemeinsam getragenes Leid

Es war für das Ehepaar Zanders und Max Bruch eine persönlich sehr belastende Zeit, die Jahre vor dem Deutsch-Französischen-Krieg und während des Krieges. Jedes Jahr starb ein Mitglied entweder aus der Familie Bruch oder Zanders: Bruchs Mutter (1867), Marie, die Tochter des Ehepaars Zanders (1868),  die (Schwieger-)Mutter des Ehepaars (1869) und Richard Zanders (1870).

Vielleicht haben Maria und Max sich – auch mit Hilfe der Musik – in dieser Phase der Trauer(begleitung) gegenseitig dabei geholfen, neuen Lebensmut zu gewinnen. Sicher ist, dass ihre lockere Freundschaft sich zu einer „Seelenverwandtschaft“ entwickelte, „einer Beziehung, die den Komponisten dreißig Jahre inspirierte.“

Sie wurde zu einer „tiefen platonischen Beziehung“, die das Paar „ohne die Einmischung von Außenstehenden“ erleben durfte.

Der Komponist verstand Marias philanthropische Neigungen und unterstützte sie, besonders, wenn sie mit Musik oder Malerei zu tun hatten. Sie hingegen liebte seine Musik, sorgte für ihn, wenn er in materieller Not war, und unterstützte seine Arbeit, indem sie ihm eine Umgebung bot, die seiner Kreativität förderlich war.“  

Fifield, Ib., S.92

Friedhof der Gnadenkirche

Wir können uns heute nur schwer vorstellen, wie sehr die damals 31-jährige Maria zu Beginn der siebziger Jahre unter dem Tod Richards (1870) litt, wie sie langsam und mit großer Unsicherheit sich klar zu machen versuchte, was sie tun durfte oder konnte, und was sie im Sinne Richards tun musste.

Marias Eltern rieten ihr zwar, die Firma zu verkaufen und wieder zu  heiraten, aber sie entschied sich dagegen. Sie wusste, dass ihre Entscheidung auch im Sinne Richards war. 

Und man meint, ich solle wieder heiraten!! – Von allen Seiten kommt mir dies schreckliche Thema! … Ach, ich weiß, was es heißt, in jungen Jahren Witwe, einsam zu sein für immer … Doch, Mensch, schäme dich, wenn du dich in der reichen Gotteswelt einsam fühlst! … Sollte man nicht Mut haben, ein einsames Leben zu leben, wenn man so glücklich war! … Wenn ich meinen Richard je vergäße, dann würde mir´s einsam, unerträglich sein! … Ja, wartet nur, ich will zurück, ich schließe mich in meine Burg ein und lerne, lerne, lerne mit den lieben Kindern.“

Caspary, Ib. S. 71

Blick nach vorne

In dieser Zeit des inneren Aufruhrs war ein Freund wie Max für Maria eine große Stütze, und es war ein Trost für sie, ihm konkret helfen zu können. An Mathilde Bruch schrieb Maria am 8. Dez.1871:

„Heute ist beschlossen, daß Max über Weihnachten und Neujahr hierbleibt – es ist so kalt und es würde ihm in Berlin so öde sein, nun ist er hier in bester Arbeitsstimmung, hat Einsamkeit so viel ihm lieb ist und ist froh wie ein Schneekönig. …

Du kennst Max in seiner Arbeitsstimmung und Schaffenslust, also wirst Du Dir deutlich vorstellen können, wie er als Einsiedler unten im Bibliothekszimmer haust. Abends ist vollständigste Abgeschlossenheit. Ich bin glücklich, dem lieben Freund diese Einsamkeit verschaffen zu können.“

Fifield, Ib. S. 92

Ein weiteres Zitat bei Caspary (S.64) macht deutlich, wie wichtig für Maria und Max die persönliche Begegnung mit Gesprächen über neue Kompositionen war:

Die Witwe erträgt es, sich von Max Bruch Goethe vorlesen zu lassen, und die alte köstliche Kraft, ihm bei seinen musikalischen Entwürfen zu raten, ist auch wieder da. Bruch ist ganz berauscht von dem neuen Werk, das in seinem schöpferischen Geist bereits volle Gestalt gefunden und nur der ungestörten Sammlung zur Niederschrift bedarf. Es ist der ‘Odysseus’“.

Wie ein Werk entsteht: Homers Odysseus

Wenn man bedenkt, mit welcher Sehnsucht Max Bruch in seinen Briefen von der „Heimat“ im Bergischen Land schreibt, dann kommt der Gedanke auf, dass Bruch sich in der „kalten“ Welt oft wie Odysseus fühlte, unterwegs, ruhelos und immer bestrebt zurückzukehren – ja, besonders nach Bergisch Gladbach.

Die Idee zum Odysseus-Stoff kam ihm nach dem siegreichen Krieg gegen Frankreich „im September 1871“, als patriotische Gefühle kaum zu vermeiden waren. 

Seiner Schwester schrieb er: Als er Homers Epos las, sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, und er habe sich darauf gestürzt als ein Gegenmittel gegen „die christliche Jammer- und Thränen-Poesie der Bach’schen Kirchenkantaten“, die ihm verhasst war.  (Fifield, Ib. S.  129-131).

Wie eng der Familienkontakt mit seiner Inspiration zusammenhingen, zeigen die Briefe an seine Schwester:   

(Aus „Ruhmreiche Berge!“ – Heimatkundliche Beilage der Heiderschen Zeitung)

„… 8 schöne Herbsttage in Bergisch Gladbach würden dem Odysseus-Plan noch sehr zu Gute kommen.“ 

Stuttgart, 26.9.1871

(Mathilde hatte krankheitshalber ihren Besuch in Gladbach absagen müssen)

„… statt Deiner kam ein trauriger Brief. Wie viel Freude hättest Du gehabt! Es ist schön, einige Tage lang von einer ganzen Stadt geradezu auf den Händen getragen zu werden – anders kann ich es kaum ausdrücken.“

B.Gl., 30.10.1871

Ich habe das Bibliothekszimmer und das anstoßende Zimmer, wo jetzt der Flügel steht, ganz zu meiner Verfügung, und kann also herrlich arbeiten.“

BGl., 21.11.71

Die Hauptszenen von Odysseus entstanden im „alten Hause“, im Haus Schnabelsmühle.

Max Bruch am Flügel. Foto: Stadtarchiv Bergisch Gladbach

„… Ich sitze noch hier auf dem Igel, in winterlicher Stille, habe immer gearbeitet. Die Odyssee beglückt mich unendlich, … und ich glaube, man kann sagen, es ist alles aus dem G e i s t e geboren. … Und wenn ich nun denke, daß ich Mitte September noch keine Ahnung hatte, woher mir der erlösende und befreiende große Stoff kommen werde; – so kann ich nicht dankbar genug sein!“      

B.Gl., 30.11.71

   Der Schlußchor ist eine Melodie, ein großer und ganz einfacher Ensemble-Satz, zu den Worten  `Nirgends ist es lieblicher ja, als in der Heimath`, die wohl noch lange den Menschen Freude machen werden!“   

B.Gl., 30.12.71

Premiere des Odysseus

Das weltliche Oratorium Odysseus, „Scenen aus der Odyssee“ für gemischten Chor, Soli und Orchester (Text von seinem Freund Wilhelm Paul Graff) war Ende Nov. 1872 fertig und wurde am 8. Februar 1873 unter Bruchs Leitung in Wuppertal-Barmen vor 1250 Zuhörern mit großem Erfolg uraufgeführt.

Das Werk „erfreute sich sofortiger Popularität, die … nur bis etwa zum Beginn des Ersten Weltkrieges anhielt.“   

Fifield, Ib., S. 135

Der „Cäcilienchor – Gesangverein der Papierfabrik J.W. Zanders“ sang das Oratorium Odysseus „am 12. März 1899 unter Leitung des Komponisten“.

Krey, Herbert, Max Bruch und Bergisch Gladbach. o.J.

Der weinende Odysseus

Blicken wir ganz weit zurück, in die Zeit Homers (8./7. Jh. v. u.Z.), als das Epos Odysseia entstand, und lesen, was auch Bruch gelesen hat, die von Joh. H. Voß übersetzten Verse:

„Weinend saß er am Ufer des Meers. Dort saß er gewöhnlich
Und zerquälte sein Herz mit Weinen und Seufzen und Jammern
Und durchschaute mit Tränen die große Wüste des Meeres.“

Dreißig Jahre nach Beendigung des Odysseus-Oratoriums (am 12.09.1902) schrieb Max Bruch aus Bad Godesberg, Villa Deichmann, an Maria Zanders:

„Aber dort am hohen Gestade. Sitzet Odysseus und weint – Hinschauend über den Rhein – nach den fernen Lieben – Igelkrank – denn nimmer gefällt ihm das andere! Ja, so ist es, – so und nicht anders! Der schöne Traum ist zu Ende, kaum aus den Wäldern heraus, von den grünen Höhen herunter, packt mich wieder der Gram der Welt!“                                        

Max-Bruch-Archiv, Köln

Nach 1878 wurde zwar eine räumliche Trennung zwischen Max und Maria unvermeidlich, führte aber zu einer umfangreichen und inspirierenden Korrespondenz.

Wie die Freunde die Trennung schöpferisch überbrückten, soll in der nächsten Folge gezeigt werden.

Siegfried Schenke, Uwe Hintz

Siegfried R. Schenke ist Studienrat im Hochschuldienst für Deutsch als Fremdsprache i.R., Dozent für Musikseminare am Kath. Bildungswerk und Hobby-Pianist. Schon 2005 führte er Studenten der Kölner Musikhochschule auf den Spuren von Max Bruch durch Bergisch Gladbach. Uwe Hintz war beim Rheinisch-Bergischen...

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