Monika Hiller. Fotos: Thomas Merkenich

Nicht nur Treppen sind Barrieren für Menschen mit Behinderung, viele Barrieren befinden sich in unseren Köpfen und können zu subtilen Diskriminierungen führen. Unser Gastautorin Monika Hiller startet mit diesem Text eine Serie, in der sie auf lockere Art auf die vielen Barrieren im Kopf und im Alltag hinweist.

Von Monika Hiller

Mens sana in corpore sano: Eine lateinische Redewendung, „ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“. Im Umkehrschluss erlangt diese Redewendung unweigerlich die Bedeutung, dass in einem kranken Körper auch ein kranker Geist wohne. 

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Diese Fehlinterpretation führt bisweilen zu Fehleinschätzungen der Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung und damit auf direktem Wege zu Diskriminierung. Eine Diskriminierung subtiler Art, die meist unbewusst und dennoch für denjenigen, dem sie widerfährt, verletzend ist.

Hinweis der Redaktion: Monika Hiller ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als  Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren in der Stadt zuständig. Sie ist kleinwüchsig und gehbehindert.

Zahlreiche Erlebnisse dieser Art sind auch mir widerfahren, natürlich nicht alle an einem einzigen Tag, hier folgt ein kleiner Auszug.

„Ich bin bei Ihnen!“

Ich bin mit meinem Scooter in der Fußgängerzone unterwegs. In einem großen Geschäft benutze ich den Aufzug, um in die nächsthöhere Etage zu gelangen. Ich bin schon im Aufzug, als hinter mir eine Stimme zu mir sagt: „Hallo, ich bin’s! Hmm, kennen wir uns?“

Ich drehe mich um, stelle fest, ich kenne den Herrn nicht. Während und am Ziel unserer gemeinsamen Reise hat er sich aber scheinbar voller Großherzigkeit zu meinem persönlichen Betreuer erklärt und lotst mich aus dem Aufzug. „Keine Angst, alles frei!“, „Ganz langsam rückwärtsfahren“, „ich helfe Ihnen“. „Ich bin bei Ihnen!“

Vielen Dank, denke ich im Stillen, aber ich fahre nicht nur Elektroscooter, sondern auch Auto, da sitzen Sie auch nicht neben mir. Mir sind sogar Verkehrsregeln bekannt! Den sozial engagierten Herrn darauf hinzuweisen, ist müßig.

„Toll machen Sie das!“ 

Ich fahre, wieder raus aus dem Geschäft weiter durch in die Stadt. Auf meinem Weg begegne ich zwei Männern, sie unterhalten sich. Nichts besonders. Dachte ich! Bis zu dem Moment, in dem einer von Beiden mit ehrlich gemeinter Bewunderung zu mir sagt: „Toll machen Sie das!“ 

Mir scheint, es ist mir entgangen, welch großartige und zugleich herausfordernde Funktion mein Scooter hat. Ihn zu steuern, bemerkenswerte Fähigkeiten des Nutzers voraussetzt. Die Bewunderung der Mitmenschen beweist mir das. Schaffe ich es doch tatsächlich dieses Gerät selbständig zu bewegen. Chapeau! 

Viel Güte und zwei Euro

Weiter geht’s, ich bin noch verabredet und ein wenig zu früh dran. Ich fahre rückwärts (jawohl, kann ich ohne Hilfe!) in die Nähe einer Hauswand, wo ich einen guten Überblick habe, aus welcher Richtung meine Verabredung kommt. Nach drei Minuten kommt eine Dame auf mich zu, streichelt mir über den Kopf und drückt mir wohlwollend und voller Güte eine 2-Euro-Münze in die Hand.

Kurz irritiert, gebe ich ihr höflich, aber bestimmt, die zwei Euro zurück. „Danke, ich verdiene mein eigenes Geld“. Perplex lasse ich die Dame stehen, meine Verabredung ist mittlerweile eingetroffen. 

Wie ein kleines Kind

Es ist Winter und ich wollte gerne zum Geburtstag meines Patenkindes einen Schlitten besorgen. Meine Begleitung und ich betreten das Fachgeschäft. Nach kurzer Beratung ist ein Schlitten ausgesucht und wir begeben uns an die Kasse. Ich zahle bar, habe es aber nicht passend. Also überreiche ich der Kassiererin einen Geldschein.

Was als Nächstes passiert kenne ich eigentlich nur von kleinen Kindern, die noch keinen Bezug zu Geld haben. Für sie ist aber dennoch aufregend, der Kassiererin auch mal einen Geldschein nach dem Einkauf hinzuhalten. Meine Begleitung bekommt an meiner Stelle das Wechselgeld ausgehändigt!

Auf dem Weg zur Ausgangstüre ruft mir ein Kunde, der hinter uns bezahlte hatte, dann noch zu: „Dann wünschen wir dir ganz viel Spaß mit deinem neuen Schlitten“! „Danke! Ich werde es meinem Patenkind ausrichten!“

Eine Liste ohne Ende

Wir wollen noch Essen gehen und treffen im Restaurant noch zwei weitere Freunde. Zu viert begeben wir uns im Lokal an einen Tisch. 

Leichte Verwirrung bei der Bedienung, ich bestelle ein Glas Wein. Sie ist Profi, sie lässt sich nichts anmerken. Dann werden die Speisekarten gereicht, drei an der Zahl. Jeder der anderen bekommt eine, ich nicht! Ich schaue mich um, das Lokal ist nur mäßig gefüllt und ich erblicke auf einer Anrichte einen Stapel weiterer Speisekarten. Mithin bekam ich vorsätzlich keine Karte.

Die Bedienung kommt zurück und möchte die Bestellung aufnehmen. Ich entgegne gereizt „es dauert noch, ich konnte leider noch nichts aussuchen, ich hatte ja keine Karte und musste somit warten, bis die anderen fertig sind.“

Die Liste ließe sich endlos fortführen …

Wer interpretiert macht Fehler

Wir alle kennen das Phänomen, dass wir in Menschen, denen wir begegnen und die wir nicht kennen, etwas hineininterpretieren. Wir denken uns Geschichten aus, wie sie ihr Leben gestalten, wer sie sind, was sie können und was sie tun.

In Menschen mit Behinderung wird besonders viel hineininterpretiert. Leider wird ihnen dabei allzu oft die Fähigkeit etwas tun, zu beherrschen oder einen gesunden Geist zu haben, aberkannt. Und wenn sie es doch können, dann werden alltägliche Dinge auf eine überzogene Art und Weise so hervorgehoben, als sei es eine besondere und herausragende Sache. 

Ein Rollstuhl fesselt nicht, sondern befreit

Der Rollstuhlfahrer beispielweise ist nicht an den Rollstuhl „gefesselt“ und Aussagen wie: „Toll, dass er das trotzdem meistert“ sind überflüssig. Der Rollstuhl ist ein Ersatz für gesunde Beine und gibt eine Freiheit, die es sonst nicht geben kann. Die Freiheit, sich in der Gesellschaft zu bewegen. 

Gesunde Menschen können meist sich einfach nicht vorstellen, dass es einen Alltag, wie in jeder kennt, auch bei Menschen mit Behinderung gibt. Diese Menschen haben gelernt, mit ihrer Besonderheit umzugehen. Es bereitet ihnen nicht derartige Schwierigkeiten.

Vielleicht lernen wir eines Tages, dass ein gesunder Geist nicht ausschließlich in einem gesunden Körper wohnt, sondern wir irgendwie alle gleich sind.

Diese Serie wird fortgeführt, mit Themen aus unterschiedlichen Lebensbereichen.

Monika Hiller

ist selbst kleinwüchsig und gehbehindert. Sie ist Mitarbeiterin der Stadtverwaltung Bergisch Gladbach und als Inklusionsbeauftragte für Inklusion und Abbau von Barrieren im Stadtgebiet zuständig. Die Texte dieser Serie sind reale Geschichten und sollen auf humoristische Weise für das Thema „Barrieren“...

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3 Kommentare

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  1. Vielen DANK für die Veränderung meiner Sehweise. Sie haben mit Ihrer Stärke vielen Menschen etwas voraus. Den Rollstuhl als Befreiung zu sehen, wäre mir so nicht in den Sinn gekommen, wenn ich jemanden in einem Rollstuhl sehe. Aber da ist was dran. Ein Freund von mir organisiert Geld und kauft davon Rollstühle für Menschen in Palästina. Dort leiden viele an der Glasknochenkrankheit und für die ist nach Jahren im Haus, vielleicht sogar nur im Bett liegend, ein Rollstuhl wirklich eine Befreiung. https://www.behinderten-nothilfe.org/einzelfallhilfen/hamude/

  2. Hallo Frau Hiller, wenn man ihren Bericht liest, sind das aber alles (fast) lieb gemeinte Bemerkungen und Hilfsangebote. Besser 1x zuviel helfen als 1x nicht helfen.

    Aber es kann schon weh tun. Meine Behinderung kann man nicht erkennen, somit sieht man in mir den 100% gesunden Menschen. Manchmal wäre etwas Rücksichtnahme mir sehr recht gewesen.

    Aber bei denen die es wußten, (Privat oder Beruf), wird das im laufe der Zeit vergessen. Jetzt als Rentner scheidet das berufliche Problem, immer die erwarteten 100% geben, aus.

    Bleiben Sie gesund.

  3. Guter Beitrag, der hilft behinderte Menschen besser einzuschätzen, Vorurteile abzubauen und dazu auffordert mit ihnen normal umzugehen!