Das Abertus-Magnus-Gymnasium in Bensberg. Foto: Thomas Merkenich

Kurz vor Ferienende überraschte NRW, dass die Schulen nun doch wieder für eine Woche auf Distanz unterrichten müssen. Viele Schulleiter:innen in Bergisch Gladbach reagieren krisenerprobt und pragmatisch: Sie haben längst Routine in der Umsetzung kurzfristiger Vorgaben. Große Probleme sehen sie dennoch: Bei Klassenarbeiten, Abiturprüfungen und den fehlenden Impfungen für Lehrer:innen an weiterführenden Schulen. Nach wie vor habe das Land kein Konzept – und kein echtes Bewusstsein, wie wichtig Bildung ist.

„Die Organisation ist derzeit nicht das größte Problem“, sagt Frank Bäcker vom Dietrich Bonhoeffer Gymnasium (DBG) zum Schulstart am 12. April. „Die Abschlussklassen hier zu unterrichten werden wir hinkriegen.“

Auch die Realschule Herkenrath sei gut vorbereitet, erklärt die Rektorin Julia Kleine. Man könne die aktuellen Beschlüsse verstehen, „wir sehen auch die Sorgen der Eltern hinsichtlich der hohen Inzidenzwerte“.

Zum Hintergrund: Am 9. April verfügte das NRW-Bildungsministerium für alle Schulen, nach den Osterferien nun doch wieder in den Distanzunterricht zu gehen, zunächst für eine Woche. Ausnahmen gibt es nur für die Abschlussklassen. An der Testpflicht für Schüler:innen und Lehrer:innen wird gearbeitet. Dafür will das Land pro Woche 5,5 Millionen Test-Kits an die Schulen verteilen. Ob die erste Lieferung alle Schulen pünktlich erreicht, ist laut Bildungsministerium nicht sicher. Details in diesem Beitrag.

Die Realschule im Kleefeld berichtet von genügend Routine, da man die meisten Varianten des Unterrichts bereits durchgeführt habe. „Wir haben noch Corona-Selbsttests da, so dass Lehrende und Lernende (hier die Klassen 10) am Montag vor dem Unterricht getestet werden können, was für Klarheit sorgt“, sagt Schulleiter Martin Havers.

Konsequente Entscheidung

Die Entscheidung für den Distanzunterricht sei nur konsequent, so die Auffassung von Jörg Schmitter aus dem Nicolaus Cusans Gmynasium (NCG). Wenn die Vorgabe „zwei Tests pro Woche“ laute, es aber nicht ausreichend Tests gebe, dann könne man nicht öffnen.

Angesichts der hohen Inzidenzwerte und der britischen Mutante begrüßt auch Rolf Faymonville vom Albert Magnus Gymnasium (AMG) die Entscheidung des Ministeriums. Der Distanzunterricht funktioniere am AMG sehr gut. „Wir können auch auf gut bewährte und evaluierte Modelle zurückgreifen“, zeigt er sich zuversichtlich.

Nicht jede Woche neue Modelle

Gleichwohl würde Faymonville begrüßen, wenn der Distanzunterricht länger als eine Woche andauern würde, statt jede Woche neue Modelle zu fordern. Er richtet dabei den Blick auf die anstehenden Abiturprüfungen ab dem 23. April: „Es wäre notwendig, dass keine anderen Schüler:innen im Hause sind, damit genügend Räume und Aufsichtskräfte zur Verfügung stehen, um in möglichst kleinen Gruppen die Klausuren schreiben zu können.“

Weitere Probleme sieht er in den Kursen im Differenzierungsbereich, wenn man zum Wechselunterricht zurückkehrt. Hybridmodelle seien nur an wenigen Schulen mit schnellem Internet machbar, wenn gleichzeitig aus 50 Räumen gestreamt werden könne.

Dies sieht auch Martin Havers im Kleefeld: „Unser Schulzentrum ist für digitales Arbeiten noch nicht vorbereitet. Es fehlen WLAN, Bandbreite und Dienstgeräte“, so die Lage an der Realschule.

Frust bei der Auslieferung der Test-Kits

Das NRW-Schulministerium räumte vergangene Woche Probleme bei der Auslieferung der Test-Kits an die Schulen ein. Grund waren Logistikprobleme. Nach Angaben von Mirko Komenda (Vorstand Kreisverband Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Rhein-Berg) verlangte dies den Schulen vor Ort viel ab. Seine Schilderung:

„Die Leitungen der Grundschulen wurden vom Ministerium aufgefordert, am Mittwoch (7. April) von 7 bis 17 Uhr auf die Lieferungen zu warten. Um 16:30 Uhr kam dann eine Mail, dass wegen Logistikproblemen mit dem Versand noch nicht begonnen werden konnte. Die Schulleitungen sollten Donnerstag und Freitag von 7 bis 17 Uhr nochmals warten. Donnerstag gegen 10 Uhr kam eine weitere Mail, dass auch heute nicht mit einer Lieferung zu rechnen sei. Das sollte mal jemand in der freien Wirtschaft mit seinen Mitarbeitern versuchen!

Klassenarbeiten und Impfungen

Probleme gebe es laut Faymonville zudem bei den vorgeschriebenen zwei Klassenarbeiten bis zu den Sommerferien in allen Fächern und Jahrgangsstufen, abseits der Abiturprüfungen. Dies funktioniere nicht in geteilten Gruppen, nur in großen Räumen. Eventuell seien neue Prüfungsformate anzudenken.

Hintergrund: Abschlussprüfungen auch ohne Test

Bei den Abiturprüfungen in NRW können auch nicht auf Corona getestete Schüler:innen teilnehmen, heißt es einer neuen Corona-Betreuungsverordnung des Landes, die ab derm 12.4. gültig ist. Sie sieht grundsätzlich zwei Selbstests pro Woche für alle vor, die am Schulleben in Präsenz teilnehmen. Eine Ausnahme gibt es für Abschlussprüfungen und Berufsabschlussprüfungen. Die Prüfungen ungetester Personen „werden räumlich getrennt von den Prüfungen getesteter Schülerinnen und Schüler durchgeführt“.

„Es ist auch nicht einzusehen, warum Lehrkräfte an den weiterführenden Schulen nicht geimpft werden“, schimpft der AMG-Leiter. Manche Kolleg:innen sähen bis zu 200 Schüler:innen pro Tag. Inklusionsschüler:innen mit Schwerpunkt „Hören“ müssten den Lehrer:innen von den Lippen ablesen, dies ginge ebenfalls nur mit Impfung.

Kurzfristige Entscheidungen

Kritik aus den Reihen vieler Schulleiter:innen gibt es am Zeitpunkt, zu dem das Bildungsministerium seine Entscheidungen bekannt gegeben hat. Zur Erinnerung – Ministerin Gebauer informierte am Donnerstagabend, 8. April, über den Distanzunterricht nach den Osterferien.

„Wir wünschen uns mehr Planungssicherheit und frühzeitigere Entscheidungen. Die Kurzfristigkeit ist für alle Beteiligten eine enorme Herausforderung, für die Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft“, schildert Sven Hees vom NCG. „Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen sowohl im Distanz-, Wechsel- und Präsenzunterricht ist es möglich die Vorgaben umzusetzen, doch dies erfordert wie so oft von allen Beteiligten viel Flexibilität und kurzfristige Organisation“ erklärt der Schulleiter.

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Auch die Vorabinfo der Presse trifft nicht auf Zustimmung. So kritisiert Rolf Faymonville vom AMG die „gewohnte Kurzfristigkeit der ministerialen Informationen und Vorgaben, die wieder einmal zuerst an die Presse und erst gestern Abend an die Schulen gingen.“

Bei Felix Bertenrath von der Otto-Hahn-Realschule (OHR) klingt leise Ironie durch: „Man geht von den Vorbereitungen der Selbsttests nahtlos in die Umplanung des Unterrichts über und versucht dabei schon zu erahnen, wie es ab dem 19. April weitergeht, damit die Änderungen passen.“

Für Bertenrath bleiben darüber hinaus Fragen offen: „Testpflicht ja, aber was ist mit Schüler:innen oder gar Lehrer:innen, die sich nicht testen lassen wollen. In der Schulmail heißt es da nur, dass sie nicht am Präsenzunterricht teilnehmen dürfen.“ Für ihn entstehe der Eindruck, dass die Brückenregelung ab dem 12. April für die Landesregierung einen Zeitpuffer schaffen solle, „um die Hausaufgaben zu machen.“

Aus den Ferien in den Distanzunterricht – das Laptop ist für Schüler:innen mittlerweile ein gewohnter Lernutensil

Soziale Probleme

Probleme schaffe die Rückkehr zum Distanzunterricht vor allem bei den jüngeren Schüler:innen, wie Jörg Schmitter (NCG) berichtet: „Für die unteren Jahrgänge ist der fehlende Sozialkontakt sicherlich ganz schrecklich. Die hatten sich sehr gefreut, sich vor Ostern wiederzusehen.“

Das meint auch Juliane Kleine von der Realschule Herkenrath: „Wir finden es für die Schüler:innen kritisch, dass sie wieder zu Hause bleiben müssen. Wir waren sehr froh, besonders die Jüngeren wieder in der Schule im Präsenzunterricht zu haben.“

„Kein Plan, kein Ziel, keine Perspektive“

Felix Bertenrath von der OHR warnt vor dem steten Hin und Her bei den Entscheidungen, die im Land getroffen werden: „Ich sehe die Gefahr, das neue Regelungen nicht mehr so ernst genommen werden, da sie sich nach wenigen Tagen sowieso wieder ändern.“

Frank Bäcker vom DBG wird noch deutlicher, was die Strategie des Bildungsministeriums betrifft: „Ich finde momentan am schlimmsten, dass hinter all den Ankündigungen, Maßnahmen, Erlassen und Beschlüssen kein Plan zu erkennen ist, kein Ziel, keine Perspektive.“ Für ihn bleibe und verfestige sich der Eindruck, dass die Belange von Jugendlichen politisch überhaupt keine Rolle spielen würden. „Als Signal bleibt: Wir wurschteln uns weiter durch! Aber wo ist das Konzept?“

Und er spannt angesichts der Lage ganz grundsätzliche Fragen auf: „Was ist uns Bildung und was sind uns unsere Kinder und Jugendlichen wirklich wert, wenn noch immer nicht über Impfungen von Lehrer:innen und Jugendlichen an weiterführenden Schulen gesprochen wird, wenn Tests nur angekündigt werden, wenn Schulen zu Testzentren werden?“

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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3 Kommentare

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  1. Es ist nicht mehr nachvollziehbar wie wir vor Ostern öffnen konnten und jetzt wieder alle zu Hause bleiben müssen. Das die Schüler sich testen müssen und die Arbeitnehmer keine Pflicht haben unvorstellbar. Aber unsere Regierung hat nix besseres zu tun als sich auf die Kanzler Frage zu konzentrieren. Armes Deutschland

  2. Ich finde den Distanzunterricht nachvollziehbar und bei hohen Zahlen sehr gut!!!

    Keine Tests – kein Unterricht aber warum konnte man es nicht früher klären??

    Warum müssen Lehrer verschiedene Pläne parat haben und so flexibel sein? Chapeau!

    Was ist mit den berufstätigen Eltern, die ihre Kinder im homeschooling haben?? Chapeau!

    Warum wurden die Krankheitstage für Eltern mit Kindern unter 12 nicht nochmal erhöht??

    Wieso haben Kindergärten geöffnet??
    Das Personal ist meistens nicht geschützt (es sind noch nicht alle geimpft!) und die Kindergartenkinder tragen auch keine Masken??Chapeau!
    Sie gehören gleich behandelt wie Schulen!
    Von psychischen Störungen kann man mittlerweile durch das ganze hin und her sprechen und nicht weil die Kids eine ganze Zeit in ihrer Familie verbringen müssen.

    Wann werden die Lehrpläne endlich mal angepasst??

    Auf das bald genügend Tests für Kindergartenkinder, Schüler und Arbeitnehmer die nicht im homeoffice arbeiten zur Verfügung stehen und das endlich durchgeimpft wird!!!!!