Die ersten Beiträge dieser Serie haben gezeigt: Über Generationen hinweg war Bergisch Gladbach gleichbedeutend mit Zanders. Im letzen Teil der Reihe untersuchen wir, welche Faktoren abseits des Papiermarktes zu Aufstieg und Fall des inhabergeführten Unternehmens führten. Lässt sich dies verallgemeinern? Können die Ergebnisse auf andere Unternehmen übertragen werden?

Zu den zentralen Indikatoren, mit denen Erfolg und Misserfolg eines Unternehmens beschrieben werden kann, gehören neben Umsatz auch Faktoren wir vorhandene Infrastruktur, Vernetzung mit der Gesellschaft, Engagement in Kultur und Politik.

Die Geschichte von Zanders zeigt, dass Erfolg und Misserfolg eng mit der Entwicklung dieser Faktoren verbunden sind.

Infrastruktur von Zanders

Gewerbefläche und Grundstücke

Ohne Gewerbeflächen und Verkehrsanbindung geht bei Unternehmen nichts. Erst recht nicht in der Papierindustrie. Maschinen, Lagerhallen, Kraftwerke – die Ressource „Fläche“ ist besonders relevant. Hier nur drei Beispiele aus der Geschichte von Zanders.

Hans Wilhelm kauft Bauland rund um die Schnabelsmühle. 1904 kommt die Gohrsmüle hinzu, 1906 umfasst das Fabrikgelände bereits 30 ha.

Später ist es die Alte Dombach, die unter der Regie von Maria Zanders erworben wird und die Produktion auf insgesamt drei Papiermühlen ausdehnt.

Hinzu kommt Bauland, um Direktorenhäuser an der Bensberger Straße zu errichten. Nicht zu vergessen die Gronauer Waldsiedlung. Sie gehört heute zur begehrten Wohnlage und sorgte vor hundert Jahren dafür, dass Angestellte von Zanders in der Nähe zum Unternehmen ein Eigenheim mit Garten erwerben konnten.

Rheinisches Industriemuseum Alte Dombach – Nebengebäude, in dem die alte Papiermaschine PM 4 der Firma Zanders untergebracht ist, ca. 1994, Foto: Albert Günther

Ressourcen

Im Strundetal werden Grundstücke zur Sicherstellung der Wasserversorgung erworben. Die Strunde wird letztlich auch als Abfluss für Abwässer genutzt und erfüllt vor Ort drei Aufgaben: Produktionsressource, Energiegewinnung, Abfall.

Verkehr

Wie sieht es mit der Infrastruktur aus? 1901 erfolgt ein Meilenstein der Verkehrsinfrastruktur: Der Anschluss von Zanders an das Eisenbahnnetz. Damit können Rohstoffe leichter angeliefert und Produkte einfacher ausgeliefert werden.

Dieser Beitrage ist Teil eines Schwerpunkts zu den großen Unternehmen in Bergisch Gladbach. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen, wie sie wurden, was sie jetzt sind. Die Beiträge zur aktuellen Insolvenz der Nachfolgefirma Zanders Paper finden Sie hier.

Zuvor hat bereits Carld Richard 1860 die Notwendigkeit dieser Erschließung gesehen und plädiert schon damals für eine Verlängerung der Eisenbahnlinie von Köln nach Bergisch Gladbach und Wipperfürth. Was jedoch nie realisiert wird.

Gesellschaft

Arbeitskräfte

Zanders braucht für die personalintensive Papierproduktion seit jeher einen großen Pool an Arbeitskräften. Und diese finden sich in der strukturschwachen Region des Bergischen Landes. 1870 arbeiten auf Zanders knapp 400 Menschen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges sind es bereits 1.400, vor dem Zweiten Weltkrieg 1.500

Der Bedarf an Arbeitskräften geht so weit, dass man 1906 protestantische Familien aus dem Wittgensteiner Land nach Bergisch Gladbach holt. Dabei soll jedoch auch deren geringere Anfälligkeit für Streiks im Vergleich zu den Katholiken eine Rolle gespielt haben.

In den sechziger bis achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wächst die Zahl auf 2.500 Mitarbeiter an, 1990 gipfelt sie in 4.000 Papierproduzenten.

Soziales Engagement

Die Relevanz der Ressource „Mensch“ spiegelt sich im frühen Engagement von Zanders für deren Wohlergehen wieder. Die Gasfabrik von 1864 versorgt Unternehmen und Privathaushalte mit Energie. 1878 führt man die gesetzliche Versicherungspflicht ein.

1886 kommen die Suppen-, Milch- und Kaffeeküchen hinzu. Auswärts wohnende Arbeitnehmer erhalten so zur Mittagszeit ein günstiges, warmes Essen. Ab 1895 hilft die Bismarck Stiftung Arbeitern und Angehörigen in Notfällen. Badeanstalten mit Brausebädern vereinfachen die Körperpflege. Zuschüsse zur Ziegen- und Obstzucht unterstützen den Arbeiter zuhause bei der Produktion von Nahrungsmitteln.

Damit bindet man die Arbeiter an das Unternehmen und nimmt positiven Einfluss auf deren Loyalität.

Architektur und Bauten

Das Bild von Bergisch Gladbach – es wird maßgeblich durch Bauten der Familie Zanders geprägt. 1874 entsteht die Villa Zanders, 1904 der Mariensaal – beides durch Maria Zanders initiiert.

1897 erfolgt die Gründung der Gronauer Waldsiedlung durch Richard und Anna Zanders, die auch den Bau des 1906 eingeweihten Rathauses veranlassen. Acht Jahre später, 1914, wird das Zandersbad durch Johann Wilhelm gestiftet.

1954 spendet Johann Wilhelm der Stadt eine beträchtliche Summe für einen fehlenden, räumlichen kulturellen Mittelpunkt. Damit werden Bau des Forums der Volkshochschule und der Stadtbücherei finanziert.

Bau vom Forum-Gebäude um 1968

Kultur

Das kulturelle Engagement der Zanderschen Dynastie wird wesentlich durch Maria Zanders geprägt. Sie gründet 1885 den Cäcilienchor zur kulturellen Bildung der Arbeiter, der heute noch als Konzertchor besteht. Sie protegiert den Kölner Komponisten Max Bruch und sorgt dafür, dass er in Bergisch Gladbach einen Großteil seiner Werke ohne finanziellen Druck komponieren kann. In der Villa Zanders sowie auf dem Igeler Hof, dem heutigen Sitz der Nachfahren von Maria Zanders.

Maria selbst nimmt Malunterricht bei Prof. Kolbe in Düsseldorf und kopiert dessen Zyklus von Gemälden aus dem Alten Testament, die heute im alten Ratssaal des Rathauses hängen. Sie initiiert 1894 den Altenberger Dom-Verein und legt damit die Grundlage für den Wiederaufbau des sakralen Gebäudes.

Hans Wilhelm übernimmt dort den Vorsitz. Er kümmert sich um die Nachbildung des Chorgestühls sowie den Einbau einer neuen Orgel. Johann Wilhelm war Vorsitzender des Vereins, ab 1947 auch Schatzmeister.

Der Sitzungssaal des Rathauses mit Gemälden von Maria Zanders (Foto: Peter Mattes)

Politik

Unter Hans Wilhelm beginnt eine Zeit des besonders intensiven, politischen Engagements. Er ist Stadtverordneter, Presbyter, Kuratoriumsvorsitzender zur Fortentwicklung der höheren Mädchenschule.

Richard und Anna Zanders engagieren sich für die Förderung einer vielgestaltigen und durchgrünten Eigenheimbebauung. Als Stadtverordneter regt Richard gar eine Bauzonenordnung an. Ab 1901 wir die geschlossene Bebauung außerhalb des Standzentrums verboten. Die Gronauer Waldsiedlung sieht – neben den architektonischen Reizen – jeweils einen Garten für die Eigenheime vor.

Johann Wilhelm Zanders ist von 1948 bis 1961 Ratsmitglied. Sein Schwerpunkt liegt in der Kulturpolitik. Er ist der letzte der großen Zanders, die sich poltisich engagieren.

Ausstieg aus der Stadtgesellschaft

All diese Faktoren zeigen: Über Generationen sind Zanders und Bergisch Gladbach eins. In der Fläche, in Kultur und Politik, bei der Ressource „Arbeitskraft“. Wer Bergisch Gladbach sagt, meint Zanders.

Zanders baut und prägt damit über Generationen das Stadtbild. Legt den Grundstock für ein kulturelles Leben. Ist eng verzahnt mit den Entscheidern der Stadt. Nicht nur die Familie selbst, auch Mitglieder der Geschäftsführung engagieren sich in der Politik. Bringt das Vorteile? Vielleicht. Etabliert dies wichtige Gesprächsebenen? In jedem Fall.

Doch die enge Vernetzung nimmt spätestens seit dem Ausstieg der Zanders aus ihrem Unternehmen 1989 ab:

Beispiel Gewerbefläche: Von den drei Mühlen existiert nur noch die Gohrsmühle. Die Alte Dombach wird dem Landschaftsverband als Industriemuseum überlassen. Die Schnabelsmühle dient nur noch als Namensgeber für einen der markantesten Verkehrskreisel in der Region. Das Gelände an der Gohrsmühle gehört der Stadt. Die wichtigste Ressource ist verschwunden.

Beispiel Wohn- und Gewerbebauten: Die Gronauer Waldsiedlung wurde beim Ausstieg der Zanders aus dem Familienunternehmen veräußert. 1987 erfolgt die Schenkung der Alten Dombach an den Landschaftsverband Rheinland unter Hans Wolfgang. Die prestigeträchtige Villa Zanders gehört der Stadt und beherbergt ein Kunstmuseum. Der Verkauf des Stiftungsgebäudes erfolgt im Jahr 2019.

Früher Produktionsstätte bei Zanders, heute Verkehrskreisel: Die Schnabelsmühle

Beispiel Arbeitskräfte: 2011 sind es nur noch 800, 2018 nur noch 500 Mitarbeiter, die „auf Zanders“ ihr Einkommen haben. Aktuell sollen vor Ort 380 Mitarbeiter aktiv sein. Die Vernetzung mit der Stadtgesellschaft über den Faktor Arbeit ist so gut wie verschwunden.

Beispiel Kultur: Hans Wolfgang Zanders ist aktuell noch Vorstand des Altenberger Dom-Vereins. Seine Frau Sylvia engagiert sich u.a. seit Jahren im Verein „Bürger für uns Pänz“ für ein kinderfreundliches Umfeld in der Stadt.

Mehr kulturelles Engagement à la Zanders existiert kaum mehr in der Stadt. Kaum zu glauben, wenn man auf die Ära der Maria Zanders zurückblickt.

Kulturhaus Zanders in Bergisch Gladbach (Foto: Peter Mattes)

Vom Familienunternehmen zum Konzern

Der Verlust all dieser Faktoren führt dazu, dass das Unternehmen Zanders seine Wurzeln verliert. Die Dynastie zieht sich mit dem Verkauf seiner Stammaktien aus der Stadtgesellschaft zurück. Fremdes Führungspersonal übernimmt das Ruder, ohne Draht zur Region. Aus dem Familienunternehmen wird ein gesichtsloser Konzern. Zanders ist nicht mehr das Herz der Stadt. Weder in Wirtschaft und Kultur, noch Gesellschaft und Politik.

„Konzerne sind weniger standortgebunden. Sie suchen weniger den Dialog mit der Politik sondern erwarten, dass ihnen der Weg geebnet wird. Geschieht dies nicht steigen sie aus oder ziehen das Unternehmen ab“, analysiert ein mit dem Aussteig der Familie Zanders aus dem Unternehmen vertrauter Mitarbeiter.

Wie richtig die Analyse ist zeigt die aktuelle Debatte um Zanders. Längst geht es nicht mehr um ein Traditions- und Familienunternehmen. Im Fokus steht – nach endlosem Geschacher um Pachtverträge – aktuell ein Wiederbelebungsplan, um ein ordentliches Insolvenzverfahren zu eröffnen. Sterben auf Raten. Das Unternehmen hängt noch nicht einmal am seidenen Faden.

Die Bedeutung von Unternehmen für Kleinstädte

Zanders ist damit ein Paradebeispiel und zeigt, welche Rolle Unternehmen in der Stadtentwicklung spielen können. Aktuelle Untersuchungen zeigen, welche Anforderungen die Unternehmen dabei erfüllen müssen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden:

  • Finanzielle und materielle Zuwendung (Sponsoring, Sach- und Produktspenden etc)
  • Engagement in Vorständen und Vereinen
  • Gründung von Stiftungen, Mitwirkung in Verbänden oder dem Regionalmanagement

Die Motive der Unternehmen, sich in der Region zu engagieren, liegen auf der Hand. Die Unternehmen profitieren von Arbeitskräften, mittelbar von der Entwicklung der Infrastruktur (Verkehr, Gewerbefläche). Aber auch die Unternehmenssichtbarkeit (Reputation), lokale und regionale Verantwortung sowie die Standortverbundenheit lassen Unternehmen vor Ort aktiv werden.

Die Expansion von Krüger auf dem Gelände Neuborner Busch: Nur lokalpolitische Debatte oder Negativfaktor der Stadtentwicklung? Foto: Peter Mattes

Lernen Krüger und Miltenyi von Zanders?

Es ist verblüffend, wie genau diese Faktoren die Verzahnung von Zanders mit Bergisch Gladbach sowie den Aufstieg der Bergischen Meotropole beschreiben. Kann man sie umgekehrt auch als Maßstab für den Abstieg von Unternehmen nutzen? Die Studie gibt dazu keine Auskunft. Der Untergang von Zanders scheint diese These jedoch eindrucksvoll zu belegen.

Denkt man die Zandersche Geschichte weiter, kommt man rasch zu anderen inhabergeführten Unternehmen der Stadt. Auch diese leisten ihren Beitrag zur Stadtentwicklung.

Beispiel Gewerbeflächen: Krüger will auf dem Gelände Neuborner Busch expandieren. Das führt heute zu wesentlich komplexeren Debatten als zu Zanders Zeiten. Sind Arbeitsplätze in Gefahr? Der Standortfaktor Fläche könnte zur Bedrohung für die Stadtentwicklung werden.

Mit seinem jüngsten Bauabschnitt kommt Miltenyi den Grenzen des Wachstums auf seinem Gelände rasch näher. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Stadt dem Unternehmen noch genug bieten kann, um dessen Beitrag zur Stadtentwicklung aufrecht zu erhalten.

Eher Vorbild als Einzelfall

Beispiel Infrastruktur: Ein Autobahnzubringer wäre für Krüger hochattraktiv, die Debatten darüber aufzuarbeiten aber müßig. Auch Miltenyi will besser erreichbar sein. Die Verlängerung der Stadtbahn oder autonome Busse wären wichtig, um den Zugang zu den Arbeitsmärkten im Ballungsraum zu erleichtern.

Vereinzelt betrachtet mögen dies lokalpolitische Problemstellungen von nicht allzu großer Tragweite sein. Zudem agieren Miltenyi und Krüger in anderen Epochen.

Legt man die Geschichte von Zanders neben die genannten Beispiele, stehen diese Debatten um Standortfaktoren bei Miltenyi und Krüger in einem ganz anderen Licht dar. Für beide Seiten. Kommune und Unternehmen.

Mythos Papier

Zurück zu Zanders. Der Name wird als Mythos überleben. Er berichtet von alten Zeiten . Die Überführung des Familienunternehmens in ein neues Jahrtausend ist jedoch gescheitert.

Und Bergisch Gladbach? Es zehrt vielleicht noch etwas von den alten Tagen. Die Trägheit, mit der man das Zandersgelände in eine neue Nutzung überführen will: Sie versinnbildlicht, welchen identitässtiftenden Sog die einstigen Papierfabriken und die Dynastie der Zanders immer noch ausüben.

Vielleicht gelingt der Stadt, was der Ruhrpott schon geschafft hat. Dort trennte man sich vom Bergbau und gab der Region eine neue Identität.

Dafür braucht es den Blick nach vorn.

Der Papierschöpfer auf dem Konrad Adenauer Platz: Blick in den Abgrund oder in die Zukunft? Foto: Peter Mattes

Nahezu sämtliche Fotos entstammen dem Stadtarchiv Bergisch Gladbach. Das Bürgerportal bedankt sich ausdrücklich für dessen umfassende Hilfe bei Recherche und Bereitstellung des Bildmaterials.

Der Beitrag wurde gefördert durch ein Stipendium von Netzwerk Recherche.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Für den überaus interessanten und informativen „Dreiteiler“ über die Entwicklung von Zanders in und für Bergisch Gladbach ergänzt durch die passenden Bilder möchte ich mich bei Herrn Crump sehr bedanken.
    Ich habe vieles erfahren, was ich noch nicht wusste und bin sicher, dass viele an der Stadtgeschichte interessierte Gladbacher diese 3 Artikel genau wie ich gerne
    gelesen haben.