Der Hebborner Bach ist eigentlich ein Rinnsal, doch die extremen Regenfälle am 14. Juli machten ihn zu einem zerstörerischen Strom. Der aus dem Bachbett ausbrach und für die Anwohner der Odenthaler Straße eine Katastrophe verursachte. Das ist jetzt vier Wochen her, aber noch lange nicht aufgearbeitet. Ein Augenzeuge berichtet.

Jener Mittwoch war einer der wenigen Tage, wo ich zur Regenjacke auch meine Regenhose überzog, da es schon morgens ausgiebig regnete, was schon seit Wochenanfang angekündigt war. Das festsitzende Tief Bernd hatte Tage vorher die Innenstadt von Hof in Oberfranken unter Wasser gesetzt.

Mein Radweg zur Kanzlei führt mich durch das Hebborner Feld an dem Rückhaltebecken vorbei, in der seit einigen Jahren gelegentlich Schafe weiden. An jenem Morgen stand erstmals Wasser in der Sohle; als ich mittags zurückfuhr, sprudelte Wasser durch den nördlichen Zulauf – der Pegel hatte sich seit dem Morgen aber nicht wesentlich erhöht.

Gegen 19 Uhr störte mich unsere Putzhilfe mit dem Hinweis, auf der Odenthaler Straße flösse Wasser. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass auf beiden Fahrrinnen die Autos etwa 5 cm hoch Wasser zerteilten. Ich zog wieder an meinen Schreibtisch. Eine dreiviertel Stunde später riss mich ein Kollege aus der Arbeit: „Wissen Sie, dass in der Tiefgarage Wasser steht?“

Vor der Tür bot sich ein unwirklicher Anblick: Der Strom auf der Odenthaler war stark angeschwollen ca. 25 bis 30 cm hoch. Die Autos kämpften sich spritzend hindurch – der Besitzer des Restaurants gegenüber schimpfte: Die Autos sollten langsamer fahren, weil jede Bugwelle in sein Restaurant hineinschwappte.

Auf unserer Seite schoben die Wellen auch über unsere Garageneinfahrt in den Keller. In der Garage stand ein hochwertiger PKW eines Kollegen, der sein Auto für den Urlaub dort sichergestellt hatte. Im Keller lagern die archivierten Akten – und steht der Server für unsere EDV-Anlage.

Meine beiden anwesenden Kollegen telefonierten unentwegt mit ihren Handys – auch unser Hausmeister wurde herbeitelefoniert – inzwischen fuhren Feuerwehrfahrzeuge die Odenthaler Straße hoch bis in den oberen Teil.

Immer noch kämpften sich Autos die Straße hoch, bis kurze Zeit später die Polizei an „unserer“ Kreuzung die Straße sperrte. Aus dem Haus gegenüber wurde mit überschnappender Stimme verkündet, dass Wasser in den Keller eindringe – die nördliche Seite liegt etwas tiefer, da dahinter der schmale Hebborner Bach sein Bett hat.

Im Kellerflur schwammen drei Tonerrollen auf dem Wasser. Das Wasser stand inzwischen zwei Stufen hoch. Über die Garageneinfahrt kam das Wasser weiter im Schwall von etwa 5 cm Höhe in den Keller. Unsere EDV-Anlage war gefährdet, die archivierten Akten standen im Wasser.

Nach einiger Zeit erschien unser Hausmeister, stellte fest, dass er nichts machen könne – und fuhr bald wieder ab. In der Runde kam die Frage auf, dass es ja keine Sandsäcke gebe; im Restaurant gegenüber stellten sie einen Tisch gekippt vor die Tür.

Auch der Mieter unserer Maisonett-Wohnung gesellte sich zu uns. Nach einiger Zeit verschwand er und tauchte dann mit zwei Einkaufswagen voll Blumenerde in Plastikhülle auf. Er wiederholte den Ausflug zum nahen Supermarkt.

Aus den auf den Kopf gestellten und verkeilten Einkaufswagen bauten wir dann ein Gerüst, vor das die Säcke in Zweier Reihe gepackt wurden – der Überlauf des Wassers in den Keller wurde so zum Rinnsal – spät, aber immerhin.

Versuche, die Feuerwehr zum Abpumpen herbei zu holen, scheiterten. Stattdessen sahen wir Straße aufwärts die Feuerwehr ein Schlauchboot fertig machen. Das schoben sie dann Richtung Unterhebborn.

Später querten Feuerwehrleute und Einwohner aus Unterhebborn die Straße mit Kindern im Arm; sie wurden in die Schule Kleefeld evakuiert. Etwa ab 22 Uhr ließ die Mächtigkeit des Wassers nach; auch der Regen war stetig geringer geworden.

Im Nachhinein bin ich erschüttert, wie unvorbereitet wir alle waren – wir haben staunend und hilflos dieser Demonstration der Natur zugesehen. Kein einziger der Anwohner hatte Sandsäcke oder anderes Material, um die Hauseingänge oder wie bei uns den Keller zu schützen.

In meiner Kindheit wohnten wir am Fluß. Wenn im Frühjahr das Wasser zu steigen begann, wurde vor dem Kellereingang ein Sandwall aufgeschüttet, die Marmeladen zwei Etagen höher gestellt.

Das „Un“wetter demonstrierte uns auch die fast totale Abhängigkeit vom Strom, der um 21.30 Uhr abgestellt wurde: kein Telefon ging mehr, über den PC konnten keine Informationen mehr recherchiert werden – die Nutzbarkeit der Handys war auf die Restlaufzeit der Akkus begrenzt – sofern die Mobilstationen noch arbeiteten. Ebenso drohten Kühltruhen aufzutauen, Rolläden und Heizung ließen sich nicht mehr steuern, elektrisch betriebene Pumpen (um das Wasser zu beseitigen) fielen aus.

Auch stelle ich mir die Frage, ob nicht die Gewohnheit aus vergangenen Zeiten, Eingangstüren mit einer Schwelle zu versehen, in allzu großem Vertrauen darin, alles zu beherrschen aufgegeben worden ist. Unsere Vorväter hatten schon gewusst, dass solche Maßnahmen gerade in herausfordernder Situation sehr wohl einen Zweck erfüllen.

Die Durchbruchstelle – notdürftig repariert

Natürlich interessierte es sofort in der Runde, woher dieses viele Wasser kommen könne. Es hieß zunächst, dass komme von Eikamp. Später erfuhren wir, dass kurz vor dem Regenrückhaltebecken an der Kreuzung B 506/Odenthaler Straße der Hebborner Bach aus seinem Bett ausgebrochen war, die B 506 überflutet und dann die Odenthaler Straße hinunter strömte.

Ich bin der Auffassung, dass ohne den Dammbruch das Hebborner Becken nicht ausgereicht hätte, um diese Wasserströme aufzufangen; es wäre übergelaufen und hätte, vielleicht etwas später, denselben Wasserschaden angerichtet.

Nur ein Überleiten auf die freie Landwirtschaftsfläche auf der anderen Seite der Voißwinkeler Straße hätte dieses Unglück verhindern können – in Anbetracht des sehr steinigen Untergrundes im Quellgebiet des Hebborner Baches muss eine große unverbaute Fläche vorgehalten werden, wenn solchen Ereignissen getrotzt werden soll.

Das zeigt, wie sehr wir selbst durch die Erderwärmung für eine erhebliche Veränderung der klimatischen Verhältnisse gesorgt haben: der schwach gewordene Jetstream lässt sowohl die Hitze(tote) und Dürre bringenden Hochs wie die Tiefs länger über Deutschland festhängen – wegen höherer Temperatur tragen die Wolken viel mehr Wasser in sich.

Das Hebborner Regenrückhaltebecken und der Hebborner Bach am Tag danach. Ein Klick stellt die Fotos groß. Foto links: Peter van Loon

Der Starkregen vom 14. Juli zeigt uns, dass die Natur am Ende doch viel stärker ist, als wir geglaubt haben – und der Ansatz diese mit Kanalisation zu bändigen, ergänzt werden muss um die „Schwammstadt“ mit möglichst viel Fläche, auf dem Regenwasser einsickern kann.

Die Idee Regenwasser möglichst schnell abzuleiten, führt nur dazu, dass die Wassermassen immer gewaltiger werden. Regen muss die Möglichkeit haben, ortsnah zu versickern, um solche zusammengeballten Ur-Gewalten zu mäßigen.

Die jüngsten Ereignisse zeigen: es ist dringend Zeit, die immer weitere Versiegelung der Böden einzudämmen und wo immer möglich Flächen zu entsiegeln (Parks, Gärten und Schulhöfe als Versickerungsflächen zu nutzen).

Friedrich Bacmeister

wohnt seit über 20 Jahren in Hebborn und arbeitet hier als Rechtsanwalt und Steuerberater. Seit 2019 arbeitet er bei den Grünen mit (zunächst als sachkundiger Bürger), 2020 wurde er zum Ratsherrn gewählt, ist finanzpolitischer Sprecher und Vorsitzender des Stadthaus-Neubau-Ausschusses. Schon in...

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8 Kommentare

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  1. Sehr geehrter Herr Hering,

    koennen sie Ihre Ausfuehrungen bitte fuer durchschnittlich Begabte verstaendlich ausfuehren? Die abschmelzenden Polkappen sprechen Sie – glaube ich – nicht an, oder doch? Sind die vielleicht im „ouch“ enthalten?

    (Selbst trockene oder nicht trockene „Bachrinnen“ erfuellen ihre Aufgabe des Wasserableitens nicht, wenn man sie an einem Punkt rechtwinklig in ihrem Verlauf knickt. Statt zu knicken koennte man dort genau so „kreativ“ konstruktiv die „Bachrinne“ komplett zuschuetten und aufpassen, was bei Starkregen passiert.)

    Franz J. Becker

  2. die bachrinne also. wers glaubt wird seelig. der bach war komplett trocken gelegt bzw. mal wieder vom pferdehof abgeschaltet. gibt häuser die komplett verschont blieben und direkt neben dem bach sind.
    und das erste hochwasset war es auch nicht! ich erinnere an das hochwasser vor über zehn jahren.
    die ganzen gullideckel auf der odenthalerstr, rosengarten etc. flogen alle nen halben meter in der luft auf wasser fontänen und die schäden auf der odenthaler str. waren viel größer. man musste tauchen wenn man in den eigenen keller wollte. gladbach? da sage ich nur ouch

  3. Herr Bacmeister konstatiert „… dass kurz vor dem Regenrückhaltebecken an der Kreuzung B 506/Odenthaler Straße der Hebborner Bach aus seinem Bett ausgebrochen war, die B 506 überflutet und dann die Odenthaler Straße hinunter strömte.

    Ich (Bacmeister) bin der Auffassung, dass ohne den Dammbruch das Hebborner Becken nicht ausgereicht hätte, um diese Wasserströme aufzufangen; es wäre übergelaufen und hätte, vielleicht etwas später, denselben Wasserschaden angerichtet.“

    Wie ich mich selber vor Ort anhand der unuebersehbaren Spuren selbst Tage nach der Flut ueberzeugen konnte war tatsaechlich kurz vor dem Erreichen des Regenrückhaltebeckens an der Kreuzung B 506/Odenthaler Straße der Hebborner Bach aus seinem Bett ausgebrochen – und zwar an der Stelle, wo Menschenhand sein Bachbett in einen Verlauf mit einem unbarmherzigen harten 90 Grad Winkel zwingen wollte. Der die Wassermassen transportierende Bach folgte dem Rechten Winkel NICHT sondern schoss einfach geradeaus (180 Grad) weiter, u.a. auf und ueber das KRAEMER Gelaende neben dem Auffangbecken auf die Romaneyer und auf die Odenthaler Strasse. Im Uebrigen fand also kein Dammbruch (des Beckens) statt sondern der Bach folgte – sein Bett verlassend – seinem (wahrscheinlich urspruenglichen) Bachbett/Bachverlauf.

    Fran J. Becker

  4. Lieber Herr Friedrich Bacmeister, ein sehr bedrückender aber auch schöner Bericht, danke dafür.

    Bedrückend finde ich den Bericht deshalb, weil immer wieder die große Hilflosigkeit des Einzelnen zum Vorschein kommt, dieses nicht vorbereitet sein, sich selbst nur sehr eingeschränkt schützen und helfen zu können bei einem solchen Naturereignis. Es unterstreicht die persönliche „Bedeutungslosigkeit“ des Einzelnen im Gesamtkontext des Ereignisses.

    Die Feuerwehr hat wichtigeres zu tun, das THW ist noch nicht alarmiert, (der Krisenstab gerade „ausgesetzt“), die persönliche Vorsorge hatte nicht mit einem solchen Ereignis gerechnet und noch ginge es an dieser Stelle ja auch „nur“ um vorbeugende Maßnahmen.

    Ein im Wasser und Schlamm versunkenes Archiv oder eine schwimmende IT-Infrastruktur will sich noch niemand wirklich so recht vorstellen, obwohl haarscharf dran vorbeigeschrammt. Auch fehlte ausgerechnet ein solch kosten trächtiges und existenzgefährdendes Ereignis so kurz nach der „fast“ überstandenen Pandemie.

    Und dann kommen die Erinnerungen, sowohl die Erinnerungen an die persönlichen Versäumnisse als auch an die architektonischen Vorsorgemöglichkeiten bis hin zu Notfallmaßnahmen, die früher auch schon mal geübt wurden, weil sonst wirkungslos. So richtig schlägt die Hilflosigkeit aber erst dann zu, wenn der Strom ausfällt, kein Licht, keine Pumpen und am Ende auch kein funktionierendes Handy mehr, von den möglichen weiteren Schäden will erst recht niemand sprechen.

    So lange die Erinnerungen an das gerade Erlebte noch wach sind, so lange haben auch die möglichen Maßnahmen zur Vorbeugung und Verhinderung von Schäden hohe Priorität. Natürlich gilt das üblicherweise auch für Vorwahlzeiten, zumindest immer kurz vor den Wahlen.

    Die eigentlichen Ursachen, die seit Jahren bekannt sind und breit diskutiert wurden, wie Flächenfraß, Versiegelung und fehlende Retentionsflächen, deren Verhinderung hat noch nicht wirklich Eingang in das politische Handeln gefunden. Keine Verhaltensänderung feststellbar.

    Mit dem „schlichten“ Hinweis auf die nur knapp erreichten 29 % ist das nicht länger durchzuhalten. Und das Ablenkungsmanöver mit dem Jahrhundert- oder gar Jahrtausendereignis zieht auch nicht. Die Häufigkeiten solcher Ereignisse haben sich geändert in den letzten Jahrzehnten, das Wissen ist vorhanden.

    Was passiert eigentlich, wenn das nächste Jahrhundert- oder Jahrtausendereignis sofort zu Beginn des Jahrhunderts eintritt, morgen z.B.???

  5. Sehr gute Ursachenanalyse :

    Die Abschwächung des Jetstreams ist es, durch die starke Erwärmung der Arktis ausgelöst.
    Das Eis des Nordens schmilzt, wesentlich infolge Verdunklung mit Staub und Ruß, Ozonloch – alles anthropogene, menschengemachte Einflüsse.
    Dann taute der Permafrostboden und setzte lokal Unmengen Methangas frei, ein Teufelskreis, den man nicht mehr stoppen wird.

    Die massive Erwärmung der Pole macht den überproportionalen Anstieg der globalen Erwärmung aus. Das Eis schmilzt an den Polen, daran werden wir nichts ändern.

    Der Golfstrom wird die Bedeutung für unser atlantisches Klima verlieren, Europa wird sich erkälten. CO2 ist dann nur ein untergeordnetes Problem im Hintergrund. Wir Europäer müssen uns auf die neuen Klimaverhältnisse einstellen.

    Nicht die Wärme wird unser Problem sein und schon gar nicht Trockenheit.

  6. OK, dann beantworten sie mir doch bitte die Frage, warum, obwohl es dort genug Fläche zum absickern (sprich große Wiesen gibt), das Sülztal bei uns in Kürten so hart getroffen wurde.

  7. Sehr anschaulicher und deshalb bedrückender Bericht. Nach der Flut ist vor der Flut: deshalb zukünftig Taten, statt Fatalismus. 5 Jahrzehnte ist in „unserer“ Stadt hauptsächlich versiegelt und offensichtlich zu wenig Vorsorge betrieben worden.
    Schon seit 1984 (!) haben die Grünen immer wieder beantragt ,den Bächen (Stunde usw) mehr Platz zu verschaffen. Die Anträge zB 84-87 (ich war damals im Stadtrat und weiß wovon ich spreche) wurden von der CDU Fraktion (damals mit Wolfgang Bosbach !) mit Rückendeckung der SPD abgelehnt oder verschleppt. Wir alle müssen es jetzt und in den nächsten Jahren ausbaden (von unseren Kindern und Enkel ganz zu schweigen)