Auch als Nutzer aller Verkehrsmittel und Möglichkeiten, um in unserer Region an mein Ziel zu kommen, war klar: Ich kaufe mir ein 49-Euro-Ticket. Kein Einzelticket-Kauf mehr, kein Bereithalten von Klein- oder Wechselgeld. Einfach nur zur nächsten Haltestelle, einsteigen, Ticket zeigen und mein Ziel erreichen. 

Der Kauf des Tickets am Anfang der letzten Aprilwoche misslang. Die freundliche Auskunft im Ticket-Container am S-Bahnhof: „Für Mai ist es leider nicht mehr möglich. Erst für Juni gibt es wieder die Möglichkeit, weil zu viele Anträge noch bearbeitet werden müssen.“ Es braucht einen Antrag, um ein 49-Euro-Ticket besitzen zu dürfen.

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Aktuell will ich nach Köln-Nippes, um mir dort ein Lastenrad, das in Bergisch Gladbach leider nicht angeboten wird, anzuschauen, eine Probefahrt machen.

Das Bus- und S-Bahn-Ticket von Paffrath nach Köln-Nippes konnte ich direkt beim Busfahrer in der Linie 227 kaufen: 4,20 Euro. Erfreulich. Die 16 Kilometer wären mit dem Auto für Super und Parkgebühren teurer geworden – bleiben der Zeitfaktor und die Umweltbelastung. Zeitverlust durch Staus und Umweltbelastung durch Feinstaub und CO2 gar nicht gerechnet. 

Umstieg in die S-Bahn. Entspannte Fahrt bis Nippes. Spaziergang zum Fahrradgeschäft, Probefahrt. 

Am Hauptbahnhof Ticket-Kauf für die Rückfahrt: 4,20 Euro. Zuwenig Kleingeld, also Eingabe eines Geldscheins in den Automaten. 80 Cent kommen in 10-Cent-Stücken zurück. Fummelkram.

Wegen vieler Verspätungen und Ausfällen von Zügen häufen sich die Durchsagen der Absagen: „Wir bitten um Entschuldigung“, kommt es aus den Lautsprechern. Immer mehr Menschen warten auf den Bahnsteigen. 

Während ich auf die übernächste S 11 warte – die fahrplanmäßige ist wegen Krankheit oder Reparaturen ausgefallen – erinnere ich mich, dass es in meiner Kindheit in einer norddeutschen Großstadt eine Bahnsteigkarte für 20 Pfennig brauchte, die von einem Bahnbeamten in einem kleinen Häuschen an einer Sperre in der Bahnhofshalle entwertet wurde, bevor ich den Bahnsteig betreten durfte. Der Beruf ist ausgestorben.

Herrschten bei uns japanische Bräuche, gäbe es bei der Bundesbahn gar keine Lokführer mehr. In Japan entleiben sich einige von ihnen, wenn sie sich mit dem Shinkansen auch nur Minuten verspäten – aus Scham.

S 11: Verspätet habe ich Bergisch Gladbach doch noch erreicht. 

Unterwegs kam mir der Gedanke, wie es wäre, wenn es überhaupt kein Ticket brauchen würde und alle, die wollen oder müssen, kostenlos mit Bussen und Bahnen regional fahren könnten? Eine revolutionäre Idee, sozusagen als Dreifach-Wumms des Kanzlers? 

Keine qualifizierten Gremien würden mehr tagelang tagen müssen, um zu überlegen, ob man mit Fahrrad und Hund, oder mit Hund, aber ohne Fahrrad, oder mit Fahrrad, aber ohne Hund, oder ohne Fahrrad und ohne Hund fahren dürfte. Ganz nebenbei: Ist eigentlich von den vielen hochkarätigen Experten schon abschließend geklärt, wie es mit zwei Hunden geht oder gehen sollte? Und in welcher Region was, wie oder wann und warum?

Nie wieder einen Fahrschein im Regionalverkehr kaufen, nie wieder den Bus aufhalten. Nie wieder Schülerinnen-, Wochen-, Monats- oder Jahrestickets. Nie wieder Abonnements, Lastschriften, Überweisungen. Viel weniger Verwaltung und den ganzen Rattenschwanz. 

Nie wieder Aufkleber „Erhöhte Fahrentgelte“ (60 Euro) für tüddelige Schwarzfahrer ohne gültigen Fahrschein, nie wieder Polizeieinsätze, Anzeigen, Gerichtsverfahren, Knast für arme Obdachlose. Es würden Zellen für die großen notorischen Steuerhinterzieher frei.

Es gäbe weniger Automaten, für die Wechselgeld einsortiert, geerntet und gezählt werden müsste. Weniger Programmierer, weniger regelmäßige Wartung und Reparatur (was häufig auch nicht gerade einfach scheint). Auch die Finanzämter müssten sich nicht mehr mit der Mehrwertsteuer für Fahrkarten beschäftigen. Und es bräuchte natürlich weniger Kontrolleurinnen und Kontrolleure.

Es könnte so einfach sein. 

Angst, arbeitslos zu werden, müsste niemand haben, denn überall fehlen Arbeitskräfte. Flexibilität, Weiterbildung, Umschulung ist für die Zukunft angesagt.

Und dass genügend Geld da zu sein scheint, ahnen wir bei den Plänen des eiligen Ausbaus der Autobahnen auf mehr Spuren, um schneller in den nächsten Stau zu gelangen.

Übrigens: Der Antrag für das 49-Euro-Ticket ist eine Überraschung. Nur ein einziges Blatt mit Vorder- und Rückseite, ohne zwei Durchschläge und Anhänge. Wir sind auf dem Weg in einen modernen Staat. 

ist ein freier bergischer Autor. Er widmet sich den kleinen und großen Themen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen: Pro bonum, contra malum. Parallel arbeitet er an einem großen Sittenroman seiner Heimatgemeinde. Hinter dem Pseudonym steckt (natürlich) Klaus Hansen.

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  1. In der VRS App konnte ich das 49 Euro-Ticket ohne Antrag kaufen, man erteilt per Tastendruck das Lastschriftmandat für das Abo und das wars.

    Als Alternative zum Abo und zu (teuren) Einzelfahrscheinen möchte ich aber noch auf die eezy.nrw App aufmerksam machen, die rechnet per Luftlinie kilometergenau ab und ist jetzt auf 49 Euro pro Monat begrenzt, d.h wer darüber hinaus fährt, zahlt nichts mehr. Gilt allerdings nur in NRW. Ich hoffe eh, dass dieses Modell irgendwann den alten Tarif-Dschungel komplett ablöst.

    1. eezy.nrw ist im Prinzip eine gute Idee, aber nicht unbeding günstiger als die bisherigen Angebote. Das VRS-Handyticket Preisstufe 2b kostet 4,07 Euro; man kann mit ihm von jeder Haltestelle in GL zu jeder in Köln fahren. Der eezy.nrw-Preisrechner gibt für die Strecke Refrath – Bahnhof Deutz einen Preis von 3,50 Euro an. Von Bensberg zum Neumarkt kostet es schon 4,70 Euro und entsprechend noch mehr, wenn man sich in Köln weiterbewegt. Insgesamt lohnt es sich also nur, wenn die Haltestellen nicht übermäßig weit von der Stadtgrenze entfernt liegen. Sonst wird es leider rasch teuer.

      1. eezy.nrw fand ich auch erst mal einen guten Tipp. Aber danke für den Hinweis zu den höheren Kosten, Herr Vogt. und außerdem hat mich gerade abgeschreckt, dass in den Rezensionen im Android-Appstore viele Nutzer*innen von Nutzungsproblemen berichten. Dass man sich ständig wieder anmelden muss und dass teilweise das Auschecken am Zielort nicht gelingt. Die App scheint nicht ausgereift zu sein.

      2. Herrn Lingmanns Aussage zu Nutzungsproblemen kann ich bestätigen: Heute früh gelang mir an der Haltestelle das Einchecken nicht, wobei ich nicht weiß, ob es an der App selbst, dem Server oder an einer wackligen Mobildatenverbindung lag. Jedenfalls habe ich deswegen eine Bahn verpasst und dann doch das klassische Einzelticket gekauft. Zudem heißt es bei eezy.nrw: “Während der gesamten Fahrt muss das Smartphone eingeschaltet sein, zudem müssen Ortungsdienste und die mobile Datennutzung aktiviert sein.” Aktivieren kann ich sie schon, aber was passiert bei Verbindungsproblemen? Und wie funktioniert die Standortbestimmung im Tunnel? Mit GPS jedenfalls nicht.

  2. Ich unterstütze das Ziel des fahrscheinlosen ÖPNV schon länger, bin insofern voll auf Ihrer Seite.

    Bezüglich des Sache mit dem Antrag: Die Auskunft ist in der Tat erschütternd, aber ich frage mich, ob Sie das Abo nicht bspw. in der KVB-App oder auf der Website der DB ohne Antrag kaufen könnten?

    1. In der KVB-App wird das 49-Euro-Abo zumindest zum Kauf angeboten. Im „DB Navigator“ scheint es ebenfalls möglich zu sein.

      Ich nehme an, dass man irgendetwas schriftlich bestellen muss, wenn man eine Plastikkarte haben möchte, statt die elektronische Version zu nutzen.

  3. Interessante Überlegung, aber so ganz revolutionär – im Sinne von „neu“ – ist sie nicht. Schon 1972 gab es in Köln die „Aktion Nulltarif“, die anlässlich einer Fahrpreiserhöhung der KVB genau das forderte. Seinerzeit war das revolutionär im doppelten Sinn: Es war eine neue Idee, und sie stammte von einer Reihe weit links stehender politischer Gruppierungen, die sich auch sonst revolutionäres Gedankengut auf die Fahnen geschrieben hatten (mit Ausnahme der DKP vielleicht, die seinerzeit lediglich ein verlängerter Arm der DDR-Bürokratie war).

    Die Herkunft aus dem vorwiegend weit linksaußen liegenden Spektrum war vermutlich einer der Gründe, warum die Aktion irgendwann im Sande verlief. Aber die Idee wurde seinerzeit zumindest eine Weile lang ernsthaft diskutiert.