Mit dem Kauf der Siemens-Wälder verfügt die Stadt über große bewaldete Flächen, die sie nun bewirtschaften muss. Foto: Redaktion

Wälder stehen unter wachsendem Druck: Sie sollen Holz liefern, Erholung ermöglichen, Wasser speichern, kühlen und Lebensräume sichern. Die Klimafreunde Rhein-Berg diskutieren mit Lutz Fähser, welche Lehren sich aus naturnaher Waldwirtschaft für die Zukunft des Stadtwaldes ziehen lassen. Fähser hat das Lübecker Modell der naturnahen Waldwirtschaft mitgeprägt.

Wir veröffentlichen einen Beitrag der Klimafreunde RheinBerg

Seit dem Mittelalter steigt der Bedarf an Bauholz und Brennstoff. Zunächst benötigte das produzierende Gewerbe Energie, zum Teil solche, die nur durch Verbrennung von Holzkohle zu erreichen war. Um allein 15 bis 20 kg Holzkohle zu erhalten, mussten 100 kg Holz verkohlt werden. Schiffsflotten wurden gezimmert und für den Bergbau Stollen ausgebaut. Eisen fraß bei seiner Erzeugung Mengen von Holz, das zudem als Handelsware die Vorhaben der Herrschenden finanzieren musste.

Wälder wurden ausgedünnt und verschwanden weitgehend. Oft blieb nur Niederwald, in den das Vieh getrieben wurde, das mit seinem Verbiss die Chancen auf Naturverjüngung minimierte.

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Die Industrie erkannte, wie wichtig eine dauerhafte Versorgung mit Holz war. Die Forstwirtschaft richtete sich darauf ein. Sie systematisierte, plante und richtete den Forst auf effektive Bewirtschaftung aus. Freie Flächen bestückte man mit schnell wachsenden Fichten in Altersklassen. Es sollte nur so viel geerntet werden, wie nachwachsen konnte.

Fortan gab es wieder Wald, doch durch die Ausrichtung auf Ökonomie wurde die Widerstandskraft des Waldes außer Acht gelassen. Schäden werden heute durch den Klimawandel weiter verschärft. Steuerliche Subventionen gleichen nur einen Teil der Schäden aus. 

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36 Hektar Land hatte die Stadt von der Papierfabrik Zanders übernommen. Jetzt kommen rund 240 Hektar von der Familie von Siemens dazu. Im Gegensatz zur Industriebrache können diese Flächen in der Regel nicht bebaut oder vermarktet werden, das Potenzial für die Stadt ist dennoch groß. Ökologisch und ökonomisch. Neben Wäldern, Wiesen und Äcker in Sand und Heidkamp rund um Schloss Lerbach gehören auch einige FNP-Flächen dazu.

Universitäten, Förster und Waldbesitzer haben daraus viel gelernt. Sie forschen, wie die Zukunft des Waldes aussehen könnte. Die künftige Vermeidung von Schäden in großem Stil, so genannte Kalamitäten, ist allen ein Anliegen. Während der schnellstmögliche finanzielle Erfolgsgedanke bei einigen aus betriebswirtschaftlichen Gründen weiterhin im Vordergrund steht, priorisieren andere, den Wald weit in die Zukunft zu denken und zu schützen.

Die Angebote von dienstleistenden Forstbetrieben reichen von Verbesserungen der Technik, effektiveren Maschinen, Manpower, Einbringung von Kalk bis hin zu ausgefuchsterem Material und Pflanzenzüchtungen. 

Parallel dazu rieten und raten erfahrene Waldexperten, dem ökologischen Ganzen „Wald“ zu trauen, dass er aus sich heraus den gesündesten Weg einschlägt.

Hans Carl von Carlowitz (1645–1714) legte den Grundstein für die Idee, dass Wälder sich selbst regenerieren können.

Georg Ludwig Hartig (1764–1837) setzte Carlowitz’ Ideen praktisch um und entwickelte Methoden, um Wälder naturnah zu bewirtschaften. Er erkannte, dass Wälder durch ihre eigene Dynamik (z. B. natürliche Verjüngung) “heilen” können.

Das “Lübecker Modell” ist ein forstliches Bewirtschaftungskonzept, das in den 1990er-Jahren in Schleswig-Holstein entwickelt wurde. Es gilt als ein Pionierprojekt für naturnahe Waldwirtschaft (FSC und Naturland zertifiziert) und baut auf den Ideen von Hans Carl von Carlowitz und Georg Ludwig Hartig auf, indem es ökologische Prinzipien mit forstlicher Nutzung verbindet und strukturreiche, naturnahe Wälder schafft.  Grundidee: Wälder sollen sich selbst regulieren und gleichzeitig wirtschaftlich genutzt werden.

Im 20. und 21. Jahrhundert hat die Wissenschaft bestätigt, dass Wälder durch natürliche Sukzession (z. B. nach Stürmen, Bränden oder Schädlingsbefall) in der Lage sind, sich selbst zu regenerieren. Beispiel: In Nationalparks wie dem Białowieża-Urwald (Polen/Belarus) wird deutlich, dass ungestörte Wälder eine hohe Resilienz besitzen und sich ohne menschliches Zutun erholen.

Die moderne Forstwirtschaft in Deutschland strebt heute eine Abkehr von Nadelbaum-Monokulturen hin zu artenreichen Mischwäldern an.

Beispielsweise setzt sich die Naturwald-Akademie mit Forschung, Lehre und politischer Beratung für den Schutz alter, naturnaher Wälder in Mitteleuropa ein. Sie denkt Wald, Klima, Naturschutz und Gesellschaft zusammen. Als waldökologischer Think-Tank regt die Naturwald Akademie wissenschaftsbasiert einen Diskurs in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit über die Zukunft der Wälder an.

Bleibt der wirtschaftliche Aspekt dieser Waldentwicklung, der nicht nur die Kritiker beschäftigt.

Anders als in der Industrie werden vom Wald die Produktionsfaktoren unentgeltlich gestellt. Der Umfang dieses Geschenks unterliegt u.a. folgenden Einflüssen: Jede „Nutzung“ bedeutet eine Störung der hochkomplexen Waldgesellschaft. Angesichts der langen Entwicklungsdauer eines Baumes lässt sich heute nicht vorausschauen, welche Baumarten sich während des Klimawandels am besten entwickeln werden. Gänzlich unbekannt ist die Marktentwicklung, was den Wert von Hölzern zu ihrem Erntezeitpunkt angeht.

Betriebswirtschaftlich gesehen, stehen den Erträgen Kosten entgegen. Dazu zählen forstwirtschaftlich neben der Anschaffung und der Haltung von Maschinen / Materialien, die Durchführung von Pflanzungen, Pflege, Durchforstung, Verkehrssicherung, und Ernte. Zusätzliche Kosten, die oft erst spät nach der Verursachung entstehen, sind falsche Wahl von Baumarten, Verdichtung und Erosion, Schäden durch tiefe Fahrspuren der Erntemaschinen, Öffnung des Kronendachs, wodurch das schützende feuchte Klima am Waldboden dem Einfall austrocknender Sonnenstrahlen ausgeliefert wird.

In den meisten Waldwirtschaftsbetrieben werden Bäume mit geringem Durchmesser geerntet, hier schlagen die Aufwände stärker zu Buche als bei einer stärker schützenden Nutzung des Waldes, wo überwiegend dicke, ertragreichere Stämme entnommen werden können.

Intakte Wälder bieten Menschen Ausgleich und Erholung. Darüber hinaus tauchen erwünschte und lebenswichtige Leistungen in Bilanzen gar nicht auf: Absenkung von CO2, Kühlung der Landschaft, Zurückhalten von Wasser und Stabilisierung der notwendigen Vielfalt im Ökosystem.

Es laden ein zum Vortrag von Dr. Lutz Fähser, leitender Forstdirektor i.R. Er führte 23 Jahre lang das Forstamt der Stadt Lübeck, wo seit über 25 Jahren ein vielfach ausgezeichnetes Konzept der naturnahen Waldbewirtschaftung praktiziert wird.

Am Dienstag, 15.9. um 19 Uhr in den großen Sitzungssaal des Kreishauses GL, Am Rübezahlwald 7.

Eintritt frei, bitte anmelden: www.klimafreunde-rheinberg.de

Die „Klimafreunde Rhein-Berg“, 2019 als Bürgerinitiative ins Leben gerufen, sind seit 2021 ein gemeinnütziger Verein. Gemäß dem Grundsatz „Global denken – lokal handeln“ wollen die Mitglieder vor Ort möglichst viele Menschen für das drängende Thema Klimaschutz sensibilisieren und fürs...

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