Foto: Projekt Hartmut Schneider

54 Tage haben die knapp 80 Flüchtlinge aus den Krisengebieten dieser Welt in der kleinen Turnhalle in Sand verbracht. Die Umstände waren nicht einfach. Aber die Menschen aus 18 Ländern sind zusammen gewachsen – miteinander, mit den Helfern des DRK und den anderen freiwilligen Helfern aus Anwohnerschaft und Vereinen.

An diesem Dienstag werden die Flüchtlinge wieder per Bus auf den Weg geschickt, auf die nächste Etappe ihrer Asyl-Odyssee.

Vor der Abreise dokumentierte Hartmut Schneider die Fotografen seines Projektes.

Die Bezirksregierung Arnsberg hat Neuss als nächste Station verfügt, um neun Uhr soll der Bus kommen. Ob die Gruppe dort zusammenbleibt, wie sie untergebracht wird, darüber ist bislang nichts bekannt. Und wie immer ist bis zur letzten Minute offen, ob es tatsächlich am Dienstag weiter geht.

Neuss beherbergt im ehemaligen Alexius-Krankenhaus eine der Zentralen Unterbringungseinrichtungen (ZUE) mit 1150 Plätze, hier kann im Prinzip der tatsächliche Asylantrag gestellt werden. Die Stadt Neuss greift aber auch auf Hotels, Hotelschiffe und Mehrzweckhallen zu. Neuss ist auf jeden Fall wieder nur eine Zwischenstation, aus der ZUE werden die Menschen auf einzelne Städte verteilt.

Im Essraum der Notunterkunft Sand. Foto: Projekt Hartmut Schneider

Optimismus – als Grundhaltung

Und trotz dieser Ungewissheit ist die Gruppe optimistisch, „wie eigentlich die ganze Zeit über”, berichtet eine der Betreuerinnen. Den Flüchtlinge sei es wichtig, dass sie auf dem Weg zum Asyl in Deutschland voran kommen.

Lesen Sie mehr:
Regierung lädt über Nacht Flüchtlinge ab
Polizei dementiert alle Gerüchte
Flüchtlinge vor ständiger Entwurzelung bewahren
Integration auf dem Fußballplatz
So können wir helfen, so helfen die Flüchtlinge uns
DRK bittet Bevölkerung um Hilfe
Sand ist nur eine kleine Station im großen Verteilungsplan
Ein wenig Alltag mit 78 Personen aus 18 Nationen
Bergisch Gladbach steht für Flüchtling bereit

Tatsächlich geht das Verfahren nur in kleinsten Schritten voran. Zwar hatten es Stadt- und Kreisverwaltung geschafft, ein mobiles Registrierungsteam des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ins Kreishaus zu holen, wo am Montag die Flüchtlinge aus Sand und eine weitere Gruppe aus Velbert tatsächlich (ein weiteres Mal) registriert wurden.

Der lange Weg durch ein überlastetes Verfahren

Damit bekamen die Flüchtlinge ein Übergangsbescheinigung, wonach sie als Asylsuchende offiziell gemeldet sind. Wann sie aber den eigentlichen Asylantrag stellen können, steht in den Sternen. Denn das BAMF schiebt einen riesigen Berg vor sich her, mehr als 200.000 Menschen befinden sich in Deutschland derzeit in diesem Zwischenstadium.

Kinderspaß im Schlafsaal. Foto: Projekt Hartmut Schneider

Freude und Trauer

Mit sehr gemischten Gefühlen schauen die Helfer auf die aktuelle Entwicklung. Einerseits freuen sie sich mit den Flüchtlingen, feiern am Abend ein kleines Abschiedsfest. Einige von ihnen hatten sich für die Petition GL eingesetzt, um den Menschen in Sand ein Bleiberecht bis zum Ende des Asylverfahrens zu erkämpfen. Vergebens, denn die Bezirksregierung Arnsberg sieht sich nicht in der Lage, irgendwelche Sonderregeln zuzulassen.

Bezirksregierung macht keine Ausnahmen

Das zeigt sich jetzt erneut in Sand. Ein paar Flüchtlinge hatten gehofft, bei Familien in Bergisch Gladbach unterzukommen und bleiben zu dürfen: Ein Mutter mit einem Kind, das an der Bluterkrankheit leidet; ein junger Mann, der sich verletzt  hatte und auf eine Nasen-OP wartet; ein Student, der in Wuppertal studieren wollte.

Das hatte die Bezirksregierung abgelehnt – aber noch verhandeln die Familien, die diese Flüchtlinge aufnehmen würden, mit Arnsberg.

Foto: Projekt Hartmut Schneider

Fotos geben Beziehungen eine Gestalt

Auch Hartmut Schneider, der sein Fotoprojekt mit den Flüchtlingen in letzter Minute vorgezogen hatte, erlebt die Stimmung ambivalent. „Die Anspannung wächst wie auch die Trauer um das Abschiednehmen”, berichtet Schneider: „In den acht Wochen Zusammenleben in der Turnhalle haben sich Freund- und Liebschaften gebildet.”

Schneider war es noch gelungen, die Flüchtlinge mit gespendeten Kameras auszustatten und in die Grundzüge der Technik einzuweisen, einige Tausend Fotos aus der Perspektive der Gäste auf Bergisch Gladbach und sich selbst hat er nun  auf seinen Speicherkarten.

Einige Flüchtlinge sollen die Kameras mitnehmen und ihren weiteren Weg dokumentieren, ein Buch und Ausstellungen sind geplant. Die Fotos in diesem Beitrag stammen aus dem Projekt, mehr finden sich auf der Facebook-Seite „Being Refugee”.

Ein letztes Match auf dem Ascheplatz. Foto: Projekt Hartmut Schneider

Und wer hilft den Helfern?

Geradezu verlassen fühlen sich einige der Helfer, die enge Bindungen aufgebaut hatten, von einer „sehr schwierigen Situation” spricht eine Betreuerin. Und auch die hauptamtlichen Kräfte des DRK wirken angefasst. Und um die Helfer kümmert sich eigentlich niemand.

Helfen Sie mit: Alle Kontakte zur Flüchtlingshilfe

Dennoch wollen sich die Ehrenamtler nicht frustrieren lassen. Sie wissen zwar nicht genau, wie es mit der Unterkunft in der Halle in Sand weitergeht. Aber damit, dass die Stadt die Turnhalle kurzfristig nicht mehr benötigt, rechnet niemand. Als wahrscheinlich gilt, dass sehr bald neue Flüchtlinge eingewiesen werden, womöglich aus den Regelzuweisungen, die nach wie vor in großer Zahl täglich nach Bergisch Gladbach kommen.

Das Engagement geht weiter

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die meisten Ehrenamtler weiter machen wollen, mit der Versorgung der Flüchtlinge und vor allem der Betreuung der Kinder. „Am Ende”, sagt die Helferin tapfer, „ist es doch egal, welchen Status die Menschen haben. Hilfe brauchen sie alle.”

So geht es in Bergisch Gladbach weiter: Dienstag, 18 Uhr – Bürgerinformationsveranstaltung zu den Unterkünften in Pfaffrath und Katterbach, IGP

Zwei Bergisch Gladbacher in enger Verbundenheit. Foto: Projekt Hartmut Schneider

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.