Alina Junghans ist 21, arbeitet im Café und spielt Theater. So weit, so normal. Wäre sie nicht die einzige aus ihrer alten Klasse, die nicht in einer Werkstatt arbeitet. Über Berührungsängste, die Arbeit, den Alltag und die Träume einer besonderen jungen Frau. Ein Porträt.

Alina Junghans erzählt gern Anekdoten. Dabei vergisst sie auch schon mal, was eigentlich die Frage war. Besonders dann, wenn sie aufs Busfahren zu sprechen kommt.

Wenn man nicht weiß, dass Alina eine geistige Behinderung hat, irritiert das ein bisschen. Wenn man aber davon weiß, ist es eigentlich irritierender, dass man sich mit dieser jungen Frau völlig normal unterhalten kann. Dass sie witzig ist, schlagfertig, stolz auf ihre Leistungen oder genervt von Leuten, die Dinge nicht sofort auf die Reihe kriegen.

Als ich den Auftrag erhielt, Alina Junghans zu porträtieren, war ich begeistert und nervös zugleich. Ich hatte bislang weder beruflich noch familiär mit behinderten Menschen zu tun und musste feststellen: Ich habe Berührungsängste.

Wie würde ich mich mit Alina unterhalten können? Was könnte ich sie fragen, was könnte sie als beleidigend aufnehmen oder vielleicht nicht verstehen?

Als ich im Café Leichtsinn ankomme, wo Alina seit bald drei Jahren arbeitet, treffe ich auf zwei ziemlich „normale“ junge Frauen. Alina hat sich Verstärkung geholt: Jule, die gerade ein Praxissemester bei der Katholischen Jugendagentur absolviert. Sie ist nämlich ganz schön aufgeregt. Genau wie ich.

Alina trägt sportliche Kleidung und Turnschuhe mit neonfarbenen Schnürsenkeln ­– links orange, rechts gelb. Beide Farben tauchen auch in ihrer Halskette wieder auf. Alina scheint es bunt zu mögen.

Wir sind sofort beim Du, deswegen schreibe ich hier auch „Alina“. Und wir tasten uns aneinander ran. Ich fange mit einfachen Fragen an:

„Wie alt bist du?“ – „Ich werde am 30. Juni 22.“

„Wo bist du aufgewachsen?“ – „Ich bin in Köln geboren und in Paffrath aufgewachsen.“

Alina rutscht ein bisschen nervös auf der Bank herum, sucht Jules Blick, während sie spricht. Ich denke: Das läuft ja ganz gut, aber wie wird es wohl später bei den komplizierteren Fragen? 

„Hast du Geschwister?“ – „Nur die zwei Söhne von Papas Freundin, aber zu Hause bin ich alleine. Zum Glück. So habe ich ein Zimmer für mich.“

Erst die dritte Frage und Alina macht schon Witze! Ich werde mutiger und komme zu den größeren Themen. Nummer eins:

Alinas Arbeit beim Café Leichtsinn

Alina erzählt, dass sie schon mal mit Freunden im Café  an der Dr.-Robert-Koch-Straße war, und dass irgendwann Anne Skribbe, die damalige Leiterin des Cafés, sie und ihre Mutter gefragt hat, ob sie nicht nach der Schule hier arbeiten wolle. „Mama hat richtig gestrahlt“, sagt Alina, „ich habe sofort Ja gesagt.“

Das Café Leichtsinn ist ein inklusives Angebot für junge Leute. Für mehr Infos hier klicken.
Seit 2003 können sich hier Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 27 Jahren treffen, informieren, austauschen und ihre Freizeit erleben. Das Café, eine Einrichtung der Katholischen Jugendagentur, orientiert sich am regionalen Bedarf der Offenen Jugendarbeit und ergänzt somit die Jugendhilfe in der Gladbacher Innenstadt – als einziger Ort mit einem inklusiven freizeitpädagogischen Konzept.

Hier gibt es neben dem Offenen Treff mit Computern, Kicker, Billiard und Gesellschaftsspielen ein wöchentliches BackCafé, eine monatliche Disco, ein ArtCafé und einiges mehr. Infos: www.cafe-leichtsinn.de.

Selbstverständlich war es nicht, dass Alinas Mutter ihr das zutraute, sagt Anne Skribbe, die heute Leiterin der Beratungsstelle InBeCo (siehe auch Linkliste mit Beratungsangeboten weiter unten) ist. Mit ihr spreche ich am Telefon über Alina und andere junge Menschen mit Behinderung. „Es gibt diesen Automatismus: Schule, Werkstatt. Die Eltern werden da reingeredet, weil die ‚Werkstätten für behinderte Menschen‘ die Leute gut brauchen können.“

Den Familien werde suggeriert, dass ihre Kinder dort soziale Sicherheit hätten. Das sei zwar richtig, aber es gehe auch um etwas anderes: „Junge Menschen mit Behinderung sind auf dem Arbeitsmarkt nicht erwünscht, weil es wenige Stellen für einfache Tätigkeiten gibt,“ sagt Skribbe.

Und wie fand Alina selber das Angebot? „Besser als die Werkstatt“, sagt sie ohne zu zögern. Dann erzählt sie, wie sie dort einmal eine Steuerung für einen Kran zusammenschrauben sollte. Das sei lustig gewesen. Sonst eher nicht so.

Als sie anfing, im Café zu arbeiten, seien alle richtig stolz auf sie gewesen, sagt Alina. Sie war die einzige aus ihrer Klasse, die etwas anderes gemacht hat als in die Werkstatt zu gehen.

Alina lernte, Getränke und Snacks zuzubereiten, Gäste zu bedienen, Ansprechpartnerin zu sein. Man habe sie einarbeiten und betreuen müssen, sagt Anne Skribbe, das habe aber wunderbar geklappt ­– auch dank der engmaschigen Begleitung durch die Werkstatt, von der einmal die Woche jemand kam.

Alina kam mit einem zweijährigen Förderprogramm der Agentur für Arbeit in Kooperation mit den Werkstätten zum Café Leichtsinn.

Angebote und Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung (bitte anklicken)
Cafe Leichtsinn: Café für alle jungen Leute in Bergisch Gladbach. Der einzige Ort mit einem inklusiven freizeitpädagogischen Konzept. Offener Treff und viele Spezialangebote. www.cafe-leichtsinn.de

InBeCo: Servicestelle für Inklusion in der Freizeit. InBeCo steht für Inklusion, Beratung und Coaching. Die einzige Beratungsstelle in Rhein-Berg speziell für Kinder und Jugendliche. www.inbeco.de

Geschäftsstelle Inklusion des RBK: Amt für Integration und Inklusion des Rheinisch-Bergischen Kreises. Arbeitet daran, die Teilhabemöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen zu verbessern. Dazu gehört auch eine Fachstelle für Menschen mit Behinderungen im Arbeitsleben. www.rbk-direkt.de/geschaeftsstelle-inklusion.aspx

Landschaftsverband Rheinland: Der LVR bietet ein rheinlandweites Netz an Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung, vom Thema Bildung über Arbeit und Wohnen bis hin zur Freizeit. Webseite des LVR

Lebenshilfe: Das Angebot der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung reicht von der Betreuung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen über Wohn- und Beratungsmöglichkeiten bis hin zu einem integrativen Hotel. www.lebenshilfe-rbk.de/wmb

Treff F.: Anlaufstelle der Lebenshilfe zum Treffen, Austauschen und Verweilen. Verschiedene Angebote wie Malen oder Lesen, aber auch Kontakttreffen für Angehörige behinderter Menschen. www.lebenshilfe-rbk.de/wmb

Schwerbehindertenausweis.biz: Wer ist für was zuständig? Wichtige Anlaufstellen für Menschen mit Behinderung, vom Versorgungsamt zur Ausstellung des Schwerbehindertenausweises über das Sozialamt bis hin zum Integrationsfachdienst. www.schwerbehindertenausweis.biz/wichtige-anlaufstellen/

Freizeit in Gesellschaft: Projekt der Kette e.V., das Menschen mit und ohne  Behinderung im Rheinisch-Bergischen Kreis zusammenbringen will, um gemeinsam Freizeit und Erholung, Sport, Kultur und Brauchtum inklusiv zu gestalten. www.die-kette.de/wir-bieten-an/freizeitingesellschaft/

Inklusionsbeirat: Sein Ziel ist ein barrierefreies Leben in Bergisch Gladbach – für alle. www.bergischgladbach.de/inklusionsbeirat.aspx

Inzwischen ist Alina eine „Superkraft“, sagt Skribbe. Alina selbst weiß, was sie gut kann und was nicht so gut. Die Spülmaschine zum Beispiel macht sie nicht so gerne. Ihre Kollegen würden dann immer sagen, das Geschirr sei nicht richtig sauber. „Ich mache es eben so gut, wie ich kann“, sagt sie.

Was sie besonders gut kann ist Backen. Das mag sie auch besonders gern. Einmal die Woche macht sie das BackCafé im Leichtsinn. Da werden Kuchen gebacken oder ausgefallene Kreationen wie Pizzamuffins.

„Hast du nicht ein eigenes Backbuch?“, fragt Jule. Alinas Augen leuchten auf. Sie nickt. Einen Ordner hat sie angelegt, voll mit Backrezepten. Alle vorher selbst ausprobiert.

Und noch eine schöne Aufgabe hat Alina im Café: Sie testet Gesellschaftsspiele. Schließlich sollen alle Gäste das Spieleregal benutzen können. „Nicht jeder kann zum Beispiel Farben erkennen“, erklärt Alina, „oder schreiben. Dann helfe ich.“

Anne Skribbe sagt: „Alina hat einen Magnet in der Hose für junge Menschen mit Behinderung.“ Sie sei sehr empathisch und könne sich gut in die Gäste hineinversetzen. Immer wieder meldeten Eltern zurück, wie schön es sei, dass ihre Kinder in Alina eine Ansprechpartnerin hätten.

Alina kann aber auch sehr resolut sein. Sie erzählt, wie einmal ein junger Mann in der Behindertentoilette daneben gemacht und sich dann geweigert habe, aufzuwischen. „Ich bin so lange mit Eimer und Lappen hinter ihm her, bis er das saubergemacht hat.“

Alinas Freizeit

Wie sieht denn so Alinas Alltag aus, wenn sie nicht im Café arbeitet? „Erstmal lange schlafen“, sagt Alina. „Zumindest bei Papa. Mama schmeißt mich um 10 Uhr raus.“

Alleine wohnen, das kann Alina nicht. Sie erzählt von einem Mehrgenerationenhaus, das in Bergisch Gladbach gebaut werden sollte. Ich vermute, sie meint das Projekt des Vereins mitein-anders in Kippekausen, wo in einem Teil des Gebäudes eine Wohngruppe ehemaliger Schüler der Fröbel-Schule untergebracht werden soll. Genau weiß sie das nicht. Was sie weiß, ist, dass sie dort wohnen würde. Das sei mit Mama und Papa schon abgemacht. Und worauf sie schlafen würde, weiß sie auch schon: auf einer Schlafcouch, wie bei ihrem Papa.

Zurück zu Alinas Alltag. Nach dem Aufstehen, ob ausgeschlafen oder nicht, schlägt sie neuerdings erst mal einen Purzelbaum auf der Wiese. Sie hat nämlich gemerkt, dass sie sich das, anders als früher, nicht mehr richtig traut.

Wenn sie ihre Angst überwunden hat, macht sie sich fertig und fährt zum Beispiel mit ihren Freunden in die Stadt. Mit dem Bus, natürlich.

Neulich hat sie ihr Handy im Bus vergessen. Alina erzählt, wie sie es geschafft hat, das Gerät zurückzubekommen. Und dass sie ihre Sachen seitdem in einer Bauchtasche transportieren muss, damit das nicht wieder passiert. Schlimm findet sie das nicht, denn ihr bester Freund Kevin trägt auch eine Bauchtasche.

Jeden Montag geht Alina ins Theas. Sie ist in der Theatergruppe „All inklusive“. Seit wann, kann sie nicht genau sagen. Aber sie hat schon bei einigen Stücken mitgespielt. Das aktuelle heißt „Alltagshelden ­– Geschlossene Gesellschaft“, und Alina spielt eine Polizistin. „Mehr darf ich nicht verraten“, sagt sie und lädt mich zur Aufführung am 9. und 10. Juni ein.

Vor dem Theater hat sie drei Jahre lang Fußball gespielt. Bis sie jedes zweite Wochenende zu einem Turnier fahren musste, und das schon um 10 Uhr morgens vom Busbahnhof. „Das ist nicht meine Zeit“, sagt Alina und schüttelt den Kopf.

Alinas Träume

Als ich Alina frage, ob sie einen Traum hat, überlegt sie nur wenige Sekunden und sagt dann: „Eine Hauswand senkrecht runterlaufen.“ Und: „Das mache ich im Juli oder im September.“ Ihre Mama habe Angst, aber sie sei ja komplett gesichert, sagt Alina und wischt die Sorgen mit einer lässigen Handbewegung vom Tisch.

Und noch einen Traum hat sie: den Rollerführerschein. Eigentlich wollte sie den Führerschein fürs Auto, aber ihr Papa habe sie gefragt, ob sie wirklich so ein großes Fahrzeug lenken wolle. „Das fällt also raus“, sagt Alina, „aber den Rollerführerschein, den mache ich.“

Dann wird sie demnächst ein paar weniger Anekdoten vom Busfahren zu erzählen haben. Dafür kommen dann vielleicht Geschichten vom Rollerfahren dazu.

Weiter Beiträge in dieser Serie:

Menschen in GL: Der heimliche Kartenleser

Menschen in GL: Der, der sich einfach traut

Menschen in GL: Die etwas andere Superheldin

Menschen in GL: Der Unermüdliche

Menschen in GL: Der scheinbar Unscheinbare

Menschen in GL: Die Präsente

Menschen in GL: Der Empfindsame

Menschen in GL: Die Kraftvolle

Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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1 Kommentar

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  1. Diese Geschichte hat mich sehr gefreut. Denn ich bin selber aufgrund eines schweren Unfalls 70% behindert, mein linkes Auge ist seit dem Unfall komplett erblindet. Ich habe trotzdem Schulabschluss und Ausbildung geschafft, weil es Personen gab die halfen. Heute bin ich 20 Stunden in der Flüchtlingshilfe tätig.