Bergisch Gladbach weist für eine Großstadt eine extrem niedrige Bevölkerungsdichte auf – was bei der Eindämmung von Corona hilfreich war. In der Stadtentwicklung jetzt auf eine weitere Verdichtung zu verzichten wäre jedoch der falsche Schluss, argumentiert Josef Cramer in seinem Essay. Denn auch nach Corona bleiben die Klimakrise und die Verkehrsprobleme dominant. Ziel müsse eine klimaneutrale Stadt der kurzen Wege sein.

Verfolgt man die Berichterstattung zu Covid-19 mit Blick auf Stadtplanung und -entwicklung, so kann man lesen: „Corona Pandemie stellt bisherige Stadtplanung in Frage[1]“ oder „Raus aufs Land“ und „Nimbys im Recht“[2]. Und die Publizisten Adrian Lobe und Richard Sennett sehen bereits einen Zielkonflikt zwischen Seuchen- und Klimaschutz[3] [4].

Der amerikanische Architekturkritiker Paul Goldberger merkt zum Stadtplanungsdiskurs in Sachen Covid-19 spitz an: „Everybody was using the pandemic to justify whatever their hobby horse was“[5], frei übersetzt: jeder nutzt die Pandemie für sein Steckenpferd. 

Ein Blick zurück zeigt jedoch: Die Covid-19-Erkrankung ist nicht die erste Pandemie, die Stadtentwicklung und -planung beeinflusst[6]. Von den Stadtplanungsschulen des 19. und 20. Jahrhunderts sind bei näherer Betrachtung mindestens zwei ebenfalls durch den Ausbruch von Seuchen beeinflusst worden[7].

Stadtplanung im Dienst der öffentlichen Gesundheit

Damals wie heute, in Europa ebenso wie im globalen Süden, gehört es zu den Hauptaufgaben von Stadtplanern, die öffentliche Gesundheit und Hygiene zu verbessern. James Hobrecht widmete sich dieser Herausforderung im 19. Jahrhundert in Berlin, George Eugène Haussmann zu einem etwas früheren Zeitpunkt in Paris, und heutzutage versucht praktisch jede lokale Stadtverwaltung in den informellen Siedlungen Südafrikas, ein Bewässerungs- und Kanalsystem zu installieren, wie ich während meiner Studienzeit dort beobachten konnte.

Hinweis der Redaktion: In einer Serie von Essays befassen wir uns mit der Frage, welche Herausforderungen die Corona-Krise an die Stadtgesellschaft stellt, und wie es weiter gehen soll. Mittel und langfristig. Die bisherigen Beiträge von Christian BuchenKlaus Hansen, Frank Stein, Martin Wiegelmann und Mark vom Hofe finden Sie auch ganz unten. Vorschläge für weitere Texte nehmen wir gerne an.

Ein Großteil der Gesetzgebung zur ethnischen Segregation, zur „Rassentrennung“ – auch in den USA – wurde mit „Hygiene“ begründet und später auch „Rassenhygiene“ genannt. Die negativen Folgen sind für die Bewohner*innen der betroffenen Städte bis heute zu spüren. So ist auch das gegenwärtige Infektionsrisiko in ärmeren und von ethnischen Minderheiten bewohnten Vierteln in den USA[8] höher als in sozial besser gestellten Suburbs bzw. Stadtvierteln[9].

Die Planungsschulen, die von der Seuchenbekämpfung in Europa beeinflusst wurden, sind zu einen die „Gartenstadt“ von Ebenezer Howard (Cholera[10], Abbildung 1) zum anderen die „Charta von Athen“ (CAIM) (Spanische Grippe[11], Abbildung 2). Beide propagierten die Auflockerung der städtischen Bebauung, und beide beeinflussten die Stadtplanung in Bergisch Gladbach maßgeblich: Bergisch Gladbach ist hinsichtlich der Bebauungsgeschichte und -dichte eine extrem aufgelockerte und moderne Stadt (Abbildung 3). 

Abbildung 1

Abbildung 2[12]

Abbildung 3

Vorstadt und Gartenstadt

Die Vorstadt (siehe Abbildung 2) Bergisch Gladbach kann stadtplanerisch daher also auch als unbeabsichtigte Maßnahme gegen die Pandemien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie die hygienisch unhaltbaren Zustände in den Industriemetropolen im Rheinland und im Bergischen Land[13] gesehen werden – auch wenn dies natürlich nur ein Nebeneffekt der „aufgelockerten Bebauung“ war. 

Die Gronauer Waldsiedlung ist ein Vorzeigeprojekt der Gartenstadtbewegung und steht exemplarisch für die Vorstellung eines Lebens in der „Natur“ (bzw. in einer Kulturlandschaft). Sie kann als Antwort auf die katastrophalen Zustände in den urbanen Arbeitervierteln gesehen werden, als ein erfolgreiches Mittel gegen kommunistische Agitation[14] und gegen die Verbreitung der Cholera, da sie eine Wohnsituation in „Luft und Licht“ ermöglichte, was in den Arbeitersiedlungen bis dato undenkbar war. 

Der Blick über Gronau. Foto: Stefan Krill

Berlin, Stuttgart, Kippekausen, Hand

Betrachtet man Wohnsiedlungen des „Neues Bauens“ (Bauhaus), kann man überall niedrige Bebauungsdichten und den Fokus auf Luft, Licht und leicht zu reinigende Oberflächen[15] feststellen – bei der Hufeisensiedlung in Berlin ebenso wie in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung oder in der Nachkriegssiedlung in Kippekausen und der Siedlung um die drei „Eisheiligen“ „auf der Hand“, die zwar keine Vorzeigesiedlungen des „Neuen Bauens“ waren, jedoch ebenfalls geringe Dichten aufweisen. 

Flucht vor der Pest – und vor Corona

Im Mittelalter flohen die wohlhabenden Kaufleute während der Pest aus Florenz aufs Land[16] – genau dies geschieht gerade in New York[17], Paris, London und praktisch allen anderen Großstädten der Welt. Wieder ziehen die sozial besser gestellten Bürger*innen[18]aufs Land oder in der Provinz und werden dort verdächtigt, die Seuche aufs Land zu schleppen, was nicht komplett von der Hand zu weisen ist. 

Quarantäne ist heute, genau wie im Mittelalter, in suburbanen, ländlichen Gegenden ganz offensichtlich leichter zu ertragen als in hochverdichteten Städten. Das stadtplanerische und ökologische Problem der geringen Siedlungsdichte von Vorstädten erweist sich während der Pandemie und eines lockdowns als subjektiver Glücksfall für die Bewohner*innen.

Blockrandbebauung mit mehr als 250 Wohneinheiten pro Hektar (WE/ha) oder 20.000 bis 50.000 Menschen pro km2, was man allgemein als extrem verdichtete europäische Stadt[19] bezeichnet, existieren in Bergisch Gladbach praktisch nicht – hohe Bebauungsdichten,[20] so dachte man damals und derzeit wieder, würden der Ausbreitung von Seuchen helfen.

Moderne Großstädte wie Singapur, Hongkong, Seoul und Shanghai zeigen heute, dass das gar nicht so sein muss,[21] wenn frühzeitig der lockdown verhängt wird.

Informelle Siedlungen mit extrem hohen Dichten hingegen belegen, dass viele Menschen auf engem Raum sehr wohl zu einem Problem werden können, besonders dann, wenn Kanalisation und Hygiene nicht gewährleistet werden können. Heute kämpft man in den informellen Siedlungen in Sao Paulo, Lagos und Kapstadt, die alle extrem hohe Siedlungsdichten haben, zunehmend verzweifelt gegen Covid-19[22] und [23].

Corona: Niedrige Dichte erweist sich als Vorteil

Man kann daher also feststellen: Bergisch Gladbach ist mit seiner extrem niedrigen Siedlungsdichte von 1348 Menschen pro km2 kein Covid-19-hotspot und wird dies sehr wahrscheinlich auch nicht werden[24] – die Fußgängerzone ist so weitläufig, dass es ein leichtes ist, physische und soziale Distanz zu halten, und selbst der Wochenmarkt, der während des lockdowns[25] geöffnet blieb, wurde nicht zu einem zweiten „Ischgl“ – die geringe Dichte der Stadt erwies sich zusammen mit der hohen Disziplin der Bevölkerung[26] in der Krise als Vorteil, der erhalten bleiben wird.

Ferner hatte die Stadt das Glück, dass es keine Karnevalssitzungen gab, die zu „superspreader events“ wurden, wie z.B. in Heinsberg, und dass es einen frühzeitigen lockdown gab.

„Vorstadt Bergisch Gladbach” wird noch beliebter

Meine These lautet daher: das Bevölkerungswachstum wird anhalten[27], die Stadt wird wachsen und die Vorstadt Bergisch Gladbach wird nach der Krise noch beliebter sein als sie vor der Krise bereits war[28]

Und zwar auch, weil sie von post-pandemischen Stadtplanungsschulen geprägt wurde. Als Bergisch Gladbach gebaut wurde, wurde nicht mehr hochverdichtet[29]geplant bzw. gebaut[30].

Die Industrialisierung setzte hier, verglichen mit anderen Industriestädten des Bergischen und Rheinlandes, vergleichsweise spät ein, und die ländliche Struktur aus Weilern und Mühlen, die den Kern der Stadt bildeten, blieb zumindest rudimentär bis heute erhalten. 

Kundenfrequenz sank unterdurchschnittlich

Bereits heute lässt sich anhand von Erhebungen durch Hytreet.com zeigen, dass der durchschnittliche Rückgang der Kundenfrequenz auf der Hauptstraße geringer ist als der auf der Hohestraße (Nord) in Köln.

Zwei Stichproben (die natürlich noch keine Validierung der These bedeuten), zeigten am Samstag, den 23.5.2020, genau dieses Ergebnis: eine unterdurchschnittliche Kundenfrequenz von 41,41% auf der Hohestraße im Vergleich zu einem Rückgang der Kundenfrequenz von 29,31% auf der Hauptstraße.

Die Fußgängerzone Mitte März

Ein ähnliches Bild zeigte sich am 30.5.2020: Auf der Hohestraße gab es 23,18% weniger Frequenz, auf der Hauptstraße hingegen nur 17,17% gegenüber dem Durchschnitt[31].

Dieser Trend zeigt sich an nahezu allen Werktagen nach dem lockdown. Relativ zur Hohestraße ist die Situation auf der Hauptstraße in Bergisch Gladbach also nicht ganz so dramatisch. Rund 29% und 17% weniger Kundenfrequenz sind natürlich dennoch für eine Fußgängerzone, die bereits vor der Corona-Krise zu viele Leerstände hatte, schwer zu verkraften.

Die relative Besserstellung gegenüber der Hohestraße ist für die Einzelhändler*innen, die ohnehin um ihre Existenz kämpfen, ein schwacher Trost.

Leif Krägenau, Leiter der Forschungsabteilung des Beratungsunternehmens BBE, merkt dazu an: „Je größer eine Stadt, desto eher erfüllt die Innenstadt keine reine Nahversorgungsfunktion mehr, sondern strahlt weiträumig mit einem Angebot an übergeordneten Waren ins Umland aus.“

Er erwartet Umsatzeinbußen von bis zu 30 % in Metropolen, 25 % in großen Mittelstädten und in kleineren Städten immerhin noch Einbußen zwischen 10 und 20 %[32].

Der Weg nach vorne

Stadtplanerisch wäre es fatal, würde man nun wieder, wie ursprünglich im Verfahren zum Flächennutzungsplan von CDU und FDP gefordert und von der SPD mitgetragen, massenweise monofunktionale Flächen[33] für Eigenheimsiedlungen und Gewerbegebiete ausweisen.

Denn die Klimakrise und die Verkehrsprobleme der Stadt bleiben auch nach Covid-19 bestehen, sie würden sich bei massiver Flächenausweisung gar noch verschlimmern. 

Wer eine höhere Verdichtung der Stadt fordert, wird oft argwöhnisch beäugt. Aber kein Mensch fordert heute Dichten wie in der Gründerzeit und im frühen 20. Jahrhundert, also bis zu 300 WE/ha und 50.000 Menschen pro km2. Und sie würden auch bei extremer Nachverdichtung der Stadt nicht erreicht werden können und rechtlich ließen sie sich ebenfalls nicht durchsetzen. 

Eine Dichte-Größenordnung, die sich bewährt hat, ist die europäische Blockrandbebauung nach der Spanischen Grippe mit einer Dichte von rund 100 Wohneinheiten pro Hektar (WE/ha)[34] – exakt so, wie sie nun auf dem ehemaligen Steinbüchelgelände in der Innenstadt entsteht.

Klimaneutrale Stadt der kurzen Wege

Wenn diese Dichten für Neubausiedlungen und neue Wohnprojekte eingehalten werden, ermöglichen sie eine klimafreundliche bzw. klimaneutrale Stadt der kurzen Wege.

Besonders bei den industriellen Konversionsflächen sollte versucht werden, diese Dichte zu erzeugen – große Innenhöfe ermöglichen auch die nötigen Grünflächen, auf die ich gleich noch eingehen werde. 

Seuchenprävention und urbane Dichte müssen also keine Widersprüche sein – 100WE/ha sind dicht genug, um eine Stadt der kurzen Wege zu ermöglichen, jedoch gleichzeitig aufgelockert, dass sie „seuchenpräventiv“ wirkt.

Klima- und Seuchenschutz stehen sich nicht im Weg

Die Dichte von 100WE/ha wurde, wie oben erwähnt, nach der Spanischen Grippe eingeführt – einer Pandemie, die wesentlich letaler war die derzeitige[35]. Bei näherer Betrachtung existiert der von Sennett und Lobe skizzierte Zielkonflikt zwischen Klima- und Seuchenschutz in Bergisch Gladbach nicht, zumindest dann nicht, wenn es nicht wieder zu einem Rückfall in den Suburbanismus (bzw. Siedlungsdichten von 25 WE/ha) kommt.

Für das britische Wirtschaftsmagazin Economist ergibt sich gerade aus der Coronakrise die Chance, nun auch die Klimakrise effektiver anzugehen: CO2-Emissionen sollten in weiteren Volkswirtschaften besteuert werden, um so den Einstieg in regenerative Energien[36]zu finanzieren[37] und den CO2-Ausstoß nachhaltig zu senken.

Auch die Bundesstiftung Baukultur mahnt in einem Vier-Punkte-Papier („Innovationsprogramm Baukultur“), den Klimaschutz im Bausektor und durch Modernisierungen bestehender Gebäude zu forcieren[38].

Die, die nun der Ansicht sind, dass die Corona-Pandemie massive Auswirkungen auf die Stadtplanungsgesetzgebung und Stadtentwicklung nach der zur erwartenden Weltwirtschaftskrise haben wird, werden daher m.E. enttäuscht werden. Zu erwarten ist eher, dass die Transformationsprozesse, die bereits vor der Krise im Gang waren, beschleunigt werden[39].

Ian Klaus, senior fellow am „Chicago Council on Global Affairs“ und Rogier van den Berg sind der Ansicht, dass die post-pandemische urbane Zukunft bereits abzulesen ist, sie skizzieren einige Trends[40] und [41], die ich aufgreifen möchte:

  1. Nahezu alle führenden Architekten befassen sich bereits heute mit innovativen Wegen, sozialen Wohnungsbau zu ermöglichen – das Bauhaus ist nicht nur deshalb „trendy“, weil es 100 Jahre alt geworden ist, sondern weil es Zugänglichkeit und die soziale Frage in das Design integriert – als Architekten können genannt werden: Alejandro Aravena, B.V. Doshi und andere.
  2. Neue Materialien wie Holzbau und „biophilic design“ versprechen, Städte nachhaltiger zu machen, ohne die Dichte aufzugeben.
  3. Regionale Integration wird zunehmen.
  4. Die Vernetzung von Städten und Metropolenregionen werden ebenfalls zunehmen.
  5. Die autogerechte Stadt hat als Planungsideal ausgedient
  6. Grünzüge und Parks sollen geschaffen bzw. erhalten und vernetzt werden, um das Stadtklima zu verbessern.

Und Bergisch Gladbach?

Was bedeuten diese Trends für Bergisch Gladbach, bzw. lassen sie sich auch hier ablesen? 

zu 1. Schaut man sich die letzten und derzeitigen Bauvorhaben der RBS an, so kann man diesen Trend nur bestätigen – nahezu alle neuen Projekte sind ästhetisch am Bauhaus orientiert und soziologisch in sozial gefestigte Nachbarschaften intergiert. Keins hat höhere Dichten als 100WE/ha.

zu 2. Dieser Trend lässt lokal noch auf sich warten, doch bereits heute wird seitens der Politik und von Umweltverbänden vermehrt die Begrünung von Dächern und ganzen Gebäuden gefordert[42].

zu 3. Die Regionale 2025 steht hierfür beispielhaft und wird bei der zu erwartenden Entwicklung des Zanders-Areals eine zunehmende Rolle spielen. (Abbildung 2 bleibt auch nach rund 100 Jahren aktuell) 

zu 4. Das zweite S-Bahn Gleis wird (hoffentlich) kommen und bestätigt ebenfalls diesen Trend. Ferner wird die interkommunale Zusammenarbeit (nochmal: hoffentlich) zunehmen. 

zu 5. Alle (relevanten) Parteien haben sich den Ausbau des Radwegenetzes ins Wahlprogramm für die kommende Kommunalwahl geschrieben[43] (zweifelsohne mit unterschiedlichen Prioritäten) 

zu 6. Durch die Konversion ehemaliger Industrieareale entsteht die Möglichkeit, neue Kulturlandschaft (Parks, Grünzüge, große Innenhöfe etc.) zu schaffen. Hier denkt man natürlich unweigerlich an die Strunde, die während der Industrialisierung in Rohre unter die Stadt verlegt wurde (und heute künstlich durch die Buchmühle gepumpt wird). Den Bach, welchem die Stadt ihre Existenz zu verdanken hat, wieder zu befreien bzw. zu renaturieren, scheint zumindest mir als eine sinnvolle Aufgabe. 

„Smart city?“ Not so smart.

Auf die Themen „smart city“ und „Digitalisierung“ bin ich hier bis jetzt nicht eingegangen, da sie meines Erachtens keine stadtplanerischen Antworten auf die Corona-Krise bieten:

Computer werden den Auto- bzw. Individualverkehr nicht so lenken können, dass er durch die City „fließt“,[44] denn Verkehr ist ein soziales Phänomen und kein physisches, er beruht auf der Tatsache, dass Menschen die bewusste Entscheidung treffen, sich in ein Auto zu setzen und ihn damit erzeugen[45]. Er verhält sich physikalisch nicht wie Wasser oder Gas, was der Ausdruck vom „fließenden Verkehr“ jedoch nahelegt.

Gute, auf dem menschlichen Maß beruhende und „seuchenfeste“ Stadtplanung macht die Entscheidung zum Individualverkehr für die Bewohner*innen obsolet, denn sie können die täglichen Bedarfe zu Fuß erledigen, bleiben so eher fit und schonen das Klima[46]. Und im Idealfall schaffen sie es, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. 

Digitalisierung? Überbewertet.

Selbstverständlich brauchen alle Schulen, Unternehmen und Haushalte in Bergisch Gladbach einen schnellen Internetanschluss und es ist natürlich ein infrastruktureller Missstand, dass das noch nicht so ist[47].

Jedoch ist die Annahme, dass Digitalisierung dazu führen wird, dass die Menschen dauerhaft das „homeoffice“ nutzen werden und es dadurch zu einer geringeren Verkehrslast kommen wird, ein Trugschluss, der im „Silicion Valley“ bereits mehrfach widerlegt wurde[48].

Das Internet führt eben gerade nicht zum „death of distance“ (Economist). Es ist vielmehr die Vorstufe zu sozialer Interaktion, die durch Technologie kaum zu ersetzen ist. 

Gestärkt aus der Krise hervorgehen

Zu guter Letzt eine persönliche Anekdote, die ich kurz nach dem Ende des lockdowns in der Fußgängerzone erlebte: Ich traf einen leitenden Angestellten einer lokalen Bank, der mich fragte, ob die Strategie der Bank, stark auf das persönliche Gespräch zu setzen, noch zu halten und zeitgemäß sei?

Er war sicherlich nicht der einzige Mensch, bei dem die Krise dazu geführt hat, über die eigene Geschäftsstrategie nachzudenken, besonders vor dem Hintergrund, dass viele Geschäfte die Krise ökonomisch wohl nicht überleben werden.

„Beschleunigte Transformation“ bedeutet natürlich auch beschleunigte „kreative Zerstörung“, die auch Verlierer produzieren und ökonomische Existenzen vernichten wird. Es bleibt abzuwarten, wie resilient die lokale Ökonomie wirklich ist.

Die Tatsache, dass Städte jedoch bereits mehrere Pandemien überstanden haben, die wesentlich letaler waren als Covid-19, gibt Anlass zur Hoffnung, dass auch diese Pandemie überwunden wird[49].

Hinweise der Redaktion: Der Autor gibt hier seine persönliche Meinung wieder. Den Fußnotenapperat finden Sie weiter unten.

Ich bin davon überzeugt, dass die Strategie der Bank die richtige ist, und dass die Bank ebenso wie die Stadt Bergisch Gladbach die Krise meistern wird, ja sogar, dass sie aus den oben genannten Gründen gestärkt aus ihr hervorgehen kann, wenn sie die richtigen Antworten findet:

Infrastrukturinvestitionen, digital und analog (Internet/Digitalisierung, Fahrradwege, ÖPNV), Klimaschutz und die Konversion ehemaliger Industrieareale bleiben aktuelle stadtplanerische Aufgaben.

[1] https://bnn.de/nachrichten/architektur/corona-pandemie-stellt-bisherige-stadtplanung-in-frage

[2] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wohnen/wie-sich-stadtleben-und-wohnen-durch-die-corona-krise-veraendern-16739891.html

[3] https://www.domusweb.it/en/architecture/2020/05/09/how-should-we-live-density-in-post-pandemic-cities.html?utm_term=Autofeed&utm_medium=Social&utm_source=Facebook#Echobox=1589019113

[4] https://www.badische-zeitung.de/epidemien-hatten-schon-immer-einen-einfluss-auf-die-stadtplanung–184937400.html

[5] https://commonedge.org/paul-goldberger-on-architecture-cities-and-new-yorks-long-road-back/

[6] Hier ein visueller Überblick über bisherige Pandemien im historischen Zusammenhang: https://www.visualcapitalist.com/history-of-pandemics-deadliest/

[7] https://www.history.com/news/cholera-pandemic-new-york-city-london-paris-green-space

[8] https://www.curbed.com/2020/5/20/21263319/coronavirus-future-city-urban-covid-19

[9] Während ich diese Zeilen verfasse, kommt es in den USA zu Massendemonstrationen gegen anhaltenden Rassismus und Polizeigewalt. 

[10] https://historicengland.org.uk/images-books/publications/english-garden-cities-introduction/english-garden-cities/

[11] https://www.nzz.ch/gesellschaft/spanische-grippe-1918-ein-toedliches-fieber-geht-um-die-welt-ld.1366421

[12] Die Grafik ist keine Grafik der CAIM, veranschaulichte jedoch bereits sechs Jahre vor dem Kongress in Athen, was später folgen sollte. Dr. Konrad Adenauer war Mitglied im Deutschen Werkbund und Erschaffer der ersten Werkbundausstellung in Köln – die Ford Werke, der Grüngürtel, die Nord-Südfahrt, die Universität und die Messe wurden alle unter den Idealen des „neuen Bauens“ geplant und erschaffen – Herr Schuhmacher war einer der Vordenker.

[13] Wuppertal z.B. hat eine wesentlich höhere Siedlungsdichte, da die Industrialisierung dort früher einsetzte als in Bergisch Gladbach

[14] Ursprünglich dachte Ebenezer Howard an eine kommunitaritische/genossenschaftliche Finanzierung der Projekte – Alfred Krupp in Essen und Anna und Richard Zanders in Bergisch Gladbach adaptierten die Idee jedoch so, dass die Finanzierung über die Firmen funktionierte und sie Wohnraum für „ihre“ Arbeiterinnen schufen. 

[15] https://www.radcliffe.harvard.edu/news/in-news/how-build-better-world

[16] Das Dekameron, Giovanni Boccaccio. Reclam Stuttgart 2012.

[17] https://www.nationalreview.com/the-morning-jolt/moving-out-and-not-coming-back/

[18] https://www.nytimes.com/interactive/2020/05/15/upshot/who-left-new-york-coronavirus.html?smid=fb-nytimes&smtyp=cur

[19] https://www.citylab.com/life/2018/03/density-european-cities-maps/555503/

[20] ebenda

[21] https://blogs.worldbank.org/sustainablecities/urban-density-not-enemy-coronavirus-fight-evidence-china?CID=WBW_AL_BlogNotification_EN_EXT%3Fcid%3DSHR_BlogSiteShare_EN_EXT%3Fcid%3DSHR_BlogSiteShare_EN_EXT

[22] https://www.weforum.org/agenda/2020/05/covid-19-will-hit-the-developing-worlds-cities-hardest-heres-why/

[23] https://theconversation.com/megacity-slums-are-incubators-of-disease-but-coronavirus-response-isnt-helping-the-billion-people-who-live-in-them-138092

[24] Zum Vergleich: In Bergamo leben 3143 Menschen pro km2, in den informellen Siedlungen des globalen Südens bis zu 60.000 Menschen pro km2. Siehe auch Fußnote 14. 

[25] Zu keiner Zeit war es in Bergisch Gladbach untersagt, das Haus zu verlassen und mit der Familie spazieren zu gehen, daher ist das Wort lockdown meines Erachtens im lokalen Zusammenhang etwas übertrieben. Ich werde es hier dennoch verwenden.

[26] Social distancing, Masken etc. pp

[27] https://www.it.nrw/

[28] https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/AnalysenKompakt/2019/ak-10-2019-dl.pdf;jsessionid=D292169198C8BF24A8465025C2B31057.live11292?__blob=publicationFile&v=2

[29] Wuppertal z.B. ist älter und wesentlich dichter gebaut – die Industrialisierung setzte dort wesentlich früher ein als in Bergisch Gladbach. 

[30] Siehe dazu auch Abbildung 3.

[31] Quelle: Hystreet.com, Messungen vom 23.5.20 und 30.05.20 – die „peak“ sind in GL zwischen 12und 13 Uhr, in Köln zwischen 16 und 17 Uhr

[32] https://news.bbehandelsberatung.de/public/bin/showMail.php?s=k7lo096oo&h=c1753ca49484

[33] Die CDU forderte ursprünglich 230 Hektar.

[34] Beispiel Lichtenrader Straße versus Schillerpromenade in Berlin: aufgelockerte Blockrandbebauung vs. extrem verdichtete Blockrandbebauung.

[35] Siehe dazu ebenfalls: https://www.visualcapitalist.com/history-of-pandemics-deadliest/

[36] und Kernenergie

[37] „Seize the moment“, The Economist, Seite 7, Ausgabe Mai 23 bis 29, 2020 

[38] Newsletter Bundesstiftung Baukultur vom 28.05.2020: „Konjuktur beleben: Innovationsprogramm Baukultur“

[39] Aussagen über die Zukunft sind natürlich immer kontingent und problematisch, es kann natürlich auch immer anders kommen. Siehe dazu ebenfalls: https://commonedge.org/paul-goldberger-on-architecture-cities-and-new-yorks-long-road-back/

[40] https://www.citylab.com/design/2020/04/coronavirus-urban-planning-cities-architecture-history/609262/?utm_content=citylab&utm_source=facebook&utm_medium=social&utm_campaign=socialflow-organic

[41] https://thecityfix.com/blog/will-covid-19-affect-urban-planning-rogier-van-den-berg/

[42] Siehe dazu auch: https://in-gl.de/2020/06/02/schnell-und-lokal-handeln-das-hilft-gegen-corona-und-gegen-den-klimawandel/

[43] Andere Kommunen sind bereits weiter: https://www.ft.com/content/09f183f3-57d9-45b6-bf75-d4e43390f467?segmentid=acee4131-99c2-09d3-a635-873e61754ec6

[44] https://www.citylab.com/transportation/2015/09/why-popemageddon-traffic-didnt-happen-but-still-could/406972/

[45] Siehe dazu auch: http://www.toderianurbanworks.com/

[46] Siehe dazu auch: Jane Jacobs, Death and Life of great American Cities. Random House 1961.

[47] Neben dem fehlenden kohärenten Radverkehrsnetzt wohl ein weiterer fataler infrastruktureller Missstand der Stadt.

[48]https://www.politico.com/magazine/story/2013/11/the-myth-of-technology-and-the-death-of-distance-098982

[49] Hier nochmals: https://www.visualcapitalist.com/history-of-pandemics-deadliest/

Josef Cramer

ist Fotograf, beschäfigt sich mit Stadtsoziologie, hat seine Doktorarbeit über Urbanisierung in Südafrika geschrieben und als Investor das Projekt „Gronauer Campus" in GL umgesetzt. Cramer ist Vorsitzender der Interessen- und Standortgemeinschaft (ISG) Stadtmitte und Kandidat der Grünen bei der...

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2 Kommentare

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  1. Bergisch Gladbach ist deutlich mehr als die Innenstadt und wird nach meiner Meinung auch niemals eine klassisch verdichtete Großstadt werden. Zwei wesentliche Gründe:
    1. die Nähe zu Köln,
    2. es ist eine künstlich zusammengewürfelte Stadt.

    Zum ersten Punkt könnte man viel schreiben, es reicht aber zu sagen, dass es kein wirkliches Zentrum in Bergisch Gladbach braucht, da viele dieser Funktionen (auch) von Köln übernommen werden. Dies gilt sowohl für die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, aber auch für Freizeitangebote. Wer von Bensberg oder Refrath per ÖPNV unterwegs ist, für den bedeutet die Fahrt in die “Stadtmitte” keinen Zeitvorteil im Vergleich zu einer Fahrt ins Kölner Zentrum.

    Zum zweiten Punkt ist zu sagen, dass in den meisten Städten die Verdichtung in den attraktiven Innenstadtlagen stattfindet und abseits des Zentrums abnimmt. In unserer Stadt liegen die begehrtesten Lagen aber nicht unbedingt in der “Stadtmitte”, sondern in grob Bensberg und Refrath (hier ist damit gemeint, was die Bevölkerung unter den beiden Orten versteht, nicht die unsinnige Kleinteilung der örtlichen Verwaltung und Politik mit Stadtteilen, die am Reißbrett entstanden sind). Dort wird bereits verdichtet und der Widerspruch dagegen (so meine Wahrnehmung) wächst, auch wenn er nicht viel bewirken kann.

    Um die “Stadtmitte” wirksam verdichten zu können, hilft ein vernünftiger ÖPNV, also sowohl das zweite S-Bahngleis als auch die Zuverlässigkeit des Angebotes, das derzeit eher dürftig ist. Ist ein Zug verspätet, wendet er in Dellbrück und BGL wird erst gar nicht angefahren. Bensberg und Refrath haben diesen funktionierenden ÖPNV und liegen in Autobahnnähe, letzteres wird man in Gladbach nicht erreichen können.

    In Zeiten des Klimawandels werden viele Menschen noch froh sein, wenn sie nicht in verdichteten Innenstädten wohnen müssen. Den Zubau aller Grundstücke bis an die Grenzen werden noch viele Leute bereuen.

  2. Das Foto hinter der Überschrift ist falsch beschriftet. Das Foto zeigt hauptsächlich Hand. Ganz links obe und am linken Rand ist ein bisschen Paffrath, wo die Innenstadt sein könnte kann man ahnen. Unterhalb der Hochhäuser mit der Siedlung an der August-Kierspel-Str. sieht man mit den schiefen Dächer den dunklen Komplex des CBT-Hauses Peter-Landwehr und rechts unten ist die Mühlenstraße. Soviel dazu. Und jetzt les ich dann mal den Beitrag und das, worauf es ankommt. ;)