Das Land NRW schlägt den Schulen eine Reihe von Optionen vor, um den Betrieb trotz der Verbreitung der Omikron-Variante aufrechtzuerhalten. Dazu zählen Reduktion der Unterrichtszeit oder kurzfristiger Distanzunterricht. In der Praxis trifft das auf wenig Verständnis: Neue Viren-Variante, alte Probleme – so das Fazit einer berufsbildenden Schule. Gleichzeitig werden psychische Auswirkungen spürbar.

Nach wie vor wird an Schulen gelüftet, um die Virenlast in den Griff zu bekommen. Mit entsprechenden Randerscheinungen: „Problem sind die kalten Klassenräume beim derzeitigen Wetter. Alle sitzen in dicken Jacken und mit Mützen im Klassenraum“, berichtet Nicole Schuffert, Schulleiterin am Berufskolleg Kaufmännische Schulen (BKSB).

Die Einrichtung umfasst eine Höhere Handelsschule, ein Wirtschaftsgymnasium, eine Berufsfachschule sowie Angebote im Rahmen der dualen Ausbildung. Hier geht der Arbeitsmarkt von morgen zur Schule.

Nicole Schuffert, Schulleiterin am Berufskolleg Kaufmännische Schulen (BKSB) in Bergisch Gladbach

Rund zehn Prozent krank

Kalte Klassenräume im Winter, Luftreiniger fehlen. Die Pandemie startet bald ins dritte Jahr. Aber Masken, Lüften und AHA-Regeln sind die einzigen Lösungsangebote der Träger, um die Virenlast in den Schulklassen zu reduzieren.

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Rund neun Prozent der Schüler:innen seien wegen der Pandemie abwesend, in Quarantäne oder Isolation, sagt die Leiterin des BSKB. Zehn Prozent der Lehrer:innen seien betroffen. Einen signifikanten Einfluss auf das Unterrichtsgeschehen habe dies derzeit nicht. Dennoch: „Es kommt natürlich zu Ausfällen, wenn zu viele Lehrerinnen und Lehrer in einer Klasse erkrankt sind.“

Fehlende Breitband-Infrastruktur

Ließe sich dies durch kurzfristigen Distanzunterricht kompensieren? So lautet zumindest der Vorschlag aus dem NRW-Bildungsministerium. Aber der scheitert – wie so oft – an der Lage vor Ort.

„Wir versuchen Distanzunterricht soweit es möglich ist zu verhindern, da wir dies in Teilen wegen der Infrastruktur nicht leisten können“, erklärt Nicole Schuffert. Abwesende Schüler:innen könnten wegen des fehlenden Breitbandanschlusses und der mangelden Ausleuchtung der Schule nicht zum Unterricht „zugeschaltet“ werden.

Die Lehrer:innen könnten – wenn – nur von zuhause aus den Distanzunterricht anbieten, da sie dort über entsprechende Breitbandanschlüsse verfügten. „Dies ist aber nicht für einzelnen Lerngruppen möglich, wenn in mehreren Lerngruppen unterrichtet wird.“

Doppelter Druck bei Prüfungen

Demnächst stehen Prüfungen wie das Abitur an, der Druck auf die Schüler:innen steigt. Zwar versuche das BKSB durch Stützangebote (Ankommen und Aufholen), durch die Vergabe von Bildungsgutscheinen und individuelle Förderung die Wissenslücken zu schließen, die durch Corona entstanden seien. Und auch die Auswahl an Abitur-Aufgaben werde größer. Das sei aber nicht die Lösung.

„Sinnvoll wäre eine Reduktion der Lehrpläne, um diese den geringeren Unterrichtszeiten anzupassen“, stellt Schuffert klar. „So haben die Schülerinnen und Schüler doppelten Druck, durch Abwesenheiten und gleiche Lerninhalte.“

Katastrophaler Personalschlüssel

Druck, den sieht Schuffert auch und vor allem bei den Lehrer:innen: „Ich hoffe, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht in Kürze vor Überlastung zusammenbrechen. Sie testen, versuchen Lernlücken auch der Zubringerschulen zu schließen, haben mit immer mehr sozial-emotionalen Störungen bei den Schülerinnen und Schülern zu tun.“

Der Betreuungsschlüssel am BKSB liege bei 1 zu 30. „Das ist katastrophal. Wie kann ich in einer Lerngruppe von 30 noch individuell fördern?“ fragt die Schulleiterin, erst recht vor dem Hintergrund der Pandemie.

„Mehr Personal, ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, nicht irgendwelche Bildungsträger, zu denen unsere Schulbesucher gar kein Vertrauensverhältnis haben“, so ihre Forderung.

Bindungen und Emotionen, das seien wichtige Aspekte der Schulsozialarbeit. Aber auch hier sei man am Limit, „da immer mehr Schülerinnen und Schüler Probleme haben. Und dies teilweise mit Suizidgedanken, da sie einfach emotional angeschlagen und einsam sind.“

Suizidgedanken? Gesprächs- und Hilfsangebote: Wer sich mit Suizidgedanken trägt, empfindet seine Lebenssituation als ausweglos. Doch es gibt Angebote zur Hilfe und Selbsthilfe, kostenlos und anonym. 

Die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche ist unter 116 111 von Montag bis Samstag, 14 bis 20 Uhr erreichbar. Auch per Chat oder Mail. Die Telefonseelsorge ist immer erreichbar, unter 116 123. Auch per Chat.

In Rhein-Berg ist der Schulpsychologische Dienst ansprechbar, für Schüler:innen und Eltern. Telefon: 02202 13 9011, Mail, Website

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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