Friseursalons erfreuen sich bei Azubis wieder etwas größerer Beliebtheit, einige andere Ausbildungsberufe sterben aus. Das Bild zeigt den Friseursalon Winkelhausen. Foto: Thomas Merkenich

Der Vor-Corona-Stand ist zwar noch nicht erreicht, aber dennoch ist das Ausbildungsjahr 2022 bis jetzt relativ gut gelaufen, bilanzieren Agentur für Arbeit, IHK und Kreishandwerkerschaft. Allerdings bleibt der grundsätzliche Nachwuchsmangel in der beruflichen Bildung bestehen – und gerade bei den gewerblich-technischen Berufen ist RheinBerg deutlich schlechter als die Region.

Auf dem Papier könnten sich die Betriebe in Rhein-Berg eigentlich ihre Auszubildenden aussuchen: 1079 gemeldeten Ausbildungsplätzen standen 1364 Ausbildungsplatz-Suchende gegenüber, berichtete Nicole Jordy, die Chefin der Agentur für Arbeit in Bergisch Gladbach bei einer Bilanz des Jahres 2022.

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Nicole Jordy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach
Nicole Jordy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach

In der Praxis sieht es dann aber anders aus: Derzeit sind nur noch 106 junge Menschen auf der Suche, aber 139 Stellen sind unbesetzt. „Passungsprobleme“, so nennt es Jordy, verhindern den Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Entweder passen Wohnort und Arbeitsplatz nicht zusammen, oder die angebotene Stelle nicht zum Berufswunsch.

Gegenüber dem Vorjahr hätten sich die Zahlen beim Angebot und Nachfrage nur wenig verändert, der Stand von vor der Pandemie sei noch nicht erreicht. Vor allem der komplette Ausfall der Berufsorientierung in der Corona-Zeit mache der dualen Ausbildung immer noch zu schaffen. Weil den Jugendlichen niemand erkläre, welche Chancen die Ausbildung mit sich bringt halte der deutliche Trend zur Universität weiter an.

Die Agentur für Arbeit hat zwar den besten Überblick über den Markt, aber auch bei ihr werden nur rund zwei Drittel aller Stellen erfasst. Die IHK und die Kreishandwerkerschaft haben wiederum nur nur ihre Unternehmen im Blick, liefern aber interessante Aspekte zur Beurteilung des Ausbildungsmarktes.

Gewerbliche Stellen im Sinkflug

Die IHK verzeichnet zwar im gesamten Kammerbezirk ein Plus von zwei Prozent bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen, berichtet Carsten Berg, Leiter des Bereich Ausbildung der IHK.

Allerdings gab es hier in Rhein-Berg eine auffällige Sonderentwicklung: Hier vor Ort ging die Zahl der Verträge um sechs Prozent in den Keller. Bei den gewerblich-technischen Stellen waren es sogar minus 19 Prozent, der kaufmännische Bereich war nicht so schwach. Nach insgesamt 557 Verträge im Vorjahr waren es jetzt nur noch 523.

Gründe für den Sinkflug kann auch Berg nicht nennen, zumal Sonderentwicklungen in der lokalen Industrie nicht zu erkennen sind.

Handwerk meldet starkes Wachstum

Einen Anstieg der abgeschlossenen Verträge um knapp 14 Prozent, von 370 auf 420 in Rhein-Berg, kann dagegen Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land, berichten. Aber auch das Handwerk habe den Stand von 2019 vor Corona noch nicht wieder erreicht.

Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft

Besonders gesucht seien im Moment Ausbildungsstellen in Bereichen, die als Zukunftsbranchen gelten, vor allem im Zusammenhang mit der Energiewende. Dazu gehören Dachdecker:innen, Elektroniker:innen, KfZ-Mechatroniker:innen und auch Maurer:innen, sagt Otto. Auch die Friseur:innen hätten leicht zulegen können.

Andere Ausbildungsberufe „an den Rändern“ verschwinden dagegen fast ganz, beobachtet Otto. Facherverkäufer:innen im Lebensmittelhandel zum Beispiel. Die Bäckereien bildeten immer weniger aus – weil sie es sich finanziell nicht mehr leisten könnten. Bei den Fleischereifachverkäufer:innen sei in 2022 kein einziger Ausbildungsvertrag unterzeichnet worden.

Unter dem Strich ist Otto mit dem Jahr „definitiv zufrieden“, es sei weit weniger schlecht als befürchtet gelaufen.

Imageproblem und Demographie

Nach wie vor hadern die Vertreter der beruflichen Bildung mit dem schlechten Image der Ausbildung – und dem starken Druck aus Schule und Elternhaus auf die Jugendlichen zum Studium.

In Kombination mit der Demographie – immer mehr Arbeitnehmer:innen gehe in Rente – verschärfe das den ohnehin starken Fachkräftemangel weiter.

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Die IHK hatte nach ihrer Herbstumfrage ein dunkles Stimmungsbild der Wirtschaft in Rhein-Berg gezeichnet. Tatsächlich haben viele Branchen existenzielle Sorgen, strukturelle Themen wie Fachkräfte und Lieferketten plagen alle und führen bis zur Geschäftsaufgabe. Aber unter dem Strich sind die Unternehmer:innen, die wir befragt haben, wenigstens verhalten optimistisch. Mit wenigen Ausnahmen.

Daher sei es so wichtig, dass die Praktika und die berufliche Orientierung in den Schulen jetzt wieder Fahrt aufnehmen. Dabei nimmt Otto auch die Handwerksbetriebe in die Pflicht und fordert sie auf, so viele Praktikumsplätze wie möglich anzubieten.

Denn nach wie vor biete die Ausbildung sehr gute Ausbildungschancen. Wer zunächst eine Ausbildung gemacht habe und dann womöglich noch studiere, habe so etwas wie eine Freifahrtschein auf dem Arbeitsmarkt, sagt IHK-Mann Berg.

Dabei sei es noch nicht zu spät, jetzt eine Ausbildung anzufangen. Bis zum Januar ist der Einstieg immer noch möglich.

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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