Mittags fast eine Idylle, im Berufsverkehr eine Katastrophe: Bergisch Gladbacher Straße in Köln

Der Autolärm auf der Bergisch Gladbacher Straße in Köln-Dellbrück belastet die Anwohner weit stärker als bislang belegt. Die Spitzenwerte liegen nach Angaben des BUND und des VCD tagsüber bei 77 Dezibel, nachts noch immer bei 69 dB. Diese Zahlen seien im August 2016 im Auftrag der Stadt Köln erhoben, aber bislang nicht veröffentlicht worden, teilten Vertreter des Bundes für Naturschutz Deutschland (BUND) und des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) bei einem Pressegespräch mit. 

Die Bergisch Gladbacher stünden im Stau, die Dellbrücker und Holweider würden vergiftet, kritisierten sie die beiden beteiligten Stadtverwaltungen. Der aktuelle 33-Punkte-Plan der Städte Bergisch Gladbach und Köln für den Verkehr im Rechtsrheinischen sei ein erster Schritt, reiche aber bei weitem nicht aus.

Sollten die Städte nicht jetzt sofort Notmaßnahmen umsetzen drohe nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgericht in diesem Sommer aufgrund der Schadstoffbelastung ein Durchfahrverbot für Dieselfahrzeuge – mit großen Auswirkungen auf die Unternehmen in Bergisch Gladbach. 

Fast 33 Projekte gegen Stau, Staub und Lärm

Bislang hatte sich die Debatte über die Auswirkungen des Verkehrs zwischen Bergisch Gladbach und Köln vor allem auf die Schadstoffe konzentriert. Täglich werden auf der Bergisch Gladbacher Straße in Dellbrück rund 20.000 Fahrzeuge gezählt, in Holweide sogar 30.000. Etwa jedes zehnte ist ein Lastwagen; viele davon nutzen die Straße als Verbindung zwischen der A3 und Bergisch Gladbachs Gewerbegebieten. 

Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts steht aus

Die Deutsche Umwelthilfe NRW klagt bereits gegen Köln, weil die Stadt die Grenzwerte für Stickoxide nicht einhalte. Ein Urteil, so BUND und VCD, werde für diesen Sommer erwartet. Dann müsse Köln womöglich mit einem Durchfahrtsverbot reagieren.
 
Genau das hatte Oberbürgermeisterin Henriette Reker bei einer Pressekonferenz mit Bürgermeister Lutz Urbach und Landrat Hermann-Josef Tebroke als „Damoklesschwert” bezeichnet, das mit dem frisch vereinbarten 33-Punkte-Programm nun aber abgewehrt worden sei.
 
Güterverkehr taucht bei den 33 Punkten nicht auf
 
Diese optimistische Einschätzung wird von den Naturschützern und kritischen Verkehrsexperten des VCD zurückgewiesen. Zwar halten sie die Maßnahmen für sinnvoll und überfällig – aber sie reichten bei weitem nicht aus. Das wichtige Thema Güterverkehr tauche in der Arbeitsergebnissen des „Runden Tisch Verkehr Rechtsrheinisch” überhaupt nicht auf. 
 
Wer die Klage abwenden und vor allem etwas für die Menschen vor Ort tun wolle, müsse jetzt sofort handeln, so die Kritik. Selbst die kurzfristigen Maßnahmen des 33-Punkte-Plans bestünden aus Prüfaufträgen, Absichtserklärungen und punktuellen Verbesserungen, die weder Lärm noch Staub reduzieren könnten.
 

Im abendlichen Berufsverkehr stockt der Verkehr immer wieder, Bergisch Gladbachs Anbindung an die A3 ist überlastet

 
Statt dessen forderten die Kritiker eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene und eine weit schnellere Verlagerung des Personenverkehrs auf Busse, Bahnen und Fahrräder.
 
Güterterminal in der Hüttenstaße wird nicht genutzt
 
Friedhelm Bihn, VCD-Vertreter in RheinBerg, verwies erneut auf das öffentliche Güterterminal im Gewerbegebiet Zinkhütte, das bei einer Vollauslastung bis zu 17.000 LKW pro Jahr von der Straße holen könnte – von den Unternehmen jedoch nicht genutzt werde. Die Schweizer Firma Nestle zeige, dass auch eine Firma mit dem Produktsortiment von Krüger einen Großteil seiner Rohstoffe und Produkte über die Schiene transportieren könne. 
 
Nach Einschätzung des Kölner Verkehrsingenieurs Heine Schwarz könne eine Reaktivierung des Güterterminals die Straßen im Rechtsrheinischen innerhalb von drei Monaten spürbar entlasten. Hier müsse die Stadt Bergisch Gladbach Druck auf die Unternehmen ausüben. 
 
Rasche Fortschritte beim Umstieg auf den ÖPNV
 
Auch beim Personenverkehr könnten sehr schnell Fortschritte erreicht werden, unter anderem durch folgende Verbesserungen und Entlastungen:
  • die Stadtbahn-Linie 3 der KVB sollte ganztags bis Thielenbruch fahren, der Takt verdichtet werden
  • ein Schnellbus aus Bergisch Gladbach zur Dellbrücker Hauptstraße oder nach Thielenbruch
  • Direktbusse von den Ford-Werken über den Chem-Park sollten Stammheim, Dünnwald, Delbrück und Porz verbinden
  • Direktverbindungen zwischen den Kölner Stadtteilen in Form einer Radiale könnten verhindern, dass viele Fahrgäste in die Stadt hineinfahren, um wieder hinauszufahren
  • die Park+Ride-Kapazitäten in Duckterath und Dellbrück müssten ausgebaut werden.
  • der Tarifübergang zwischen Bergisch Gladbach und Köln müsse so geregelt werden, dass man nicht für jede Fahrt zwei Euro spart, wenn man nach Köln hinein fährt
  • die Planung für den 10-Minuten-Takte der S11 müssten forciert werden. 

Bihn weist außerdem darauf hin, dass sowohl die Stadt Bergisch Gladbach als auch der Kreis RheinBerg sich in der Vergangenheit für eine Verlängerung der Stadtbahn-Linien 3 und 18 bis nach Bergisch Gladbach ausgesprochen hatten. Im 33-Punkte-Plan, so Bihn, tauche aber dieser Vorschlag nicht mehr auf, ebensowenig im Vorentwurf für den Flächennutzungsplan. Dafür könne nach den Vorstellungen des VCD auch die Bahndammtrasse genutzt und eine Stadtbahnverbindung zwischen Köln, Bensberg, Refrath und Bergisch Gladbach geschaffen werden.

Vorrang für Radschnellwege – Infrastruktur für Pedelecs

Als dritten Schwerpunkt plädieren die Verbände für Radschnellwege. Diese Idee findet sich im 33-Punkte-Plan, doch müssten die Verwaltungen in Köln und Bergisch Gladbach dafür „schnellstmöglichst” Trassen geeignete Trassen bestimmen.  Die neuen Pedelecs und E-Bikes führten dazu, dass der Arbeitsplatz in Köln für viele Bergisch Gladbacher jetzt auch mit dem Rad erreichbar ist, nur fehle auch dafür die Infrastruktur. 

Alle diese Maßnahmen, so die Vertreter von VCD und BUND, müsse man als Paket verstehen und ohne weiteren Verzug angehen. Sonst drohe im Sommer eine ganz andere Notfallmaßnahme zur Rettung der Anwohner der Bergisch Gladbacher Straße: Das Durchfahrtsverbot für Dieselfahrzeuge durch das Oberverwaltungsgericht. 

Weitere Beiträge zum Thema:

Bergisch Gladbach bekommt ein zweites S-Bahn-Gleis

Neuer Verkehr für Bergisch Gladbach!

Mobilitätskonzept: Planung ohne Rechnung

Ausschüsse verabschieden Mobilkonzept

Parallele Fahrradrouten sind sinnvoller als Schutzstreifen

Mobilkonzept braucht Mut statt Kosmetik

LAS: Maßnahme zur Entlastung des Innenstadt-Verkehrs

„Wir brauchen eine Antwort auf wachsenden Verkehr”

„Über den Bahndamm zur Autobahn” ist eine Lebenslüge

10 Leitziele für moderne Mobilität

Lärmopfer befürworten Tempo-Limits

VCD schlägt Stadtbahn auf der Bahndammtrasse vor

So wird Verkehr zwischen BGL und Köln entlastet

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Sehr geehrte IGL-Leser,

    als zahlender und zufriedener IGL-Abonnent möchte ich mich zum Thema Diesel in Städten doch gerne hier zu Wort melden und für eine bessere Information sorgen:
    Bedauerlich ist, dass unsere Presse und populären Medien aus verständlichen Gründen zu geringen Wissenstiefgang haben und damit gutmeinende und gutwillige Bürger unzureichend oder gar falsch informieren und zu wenig sinnvollen Äußerungen verleiten. Bestimmte Parteien nutzen diese Situation erfolgreich zur Desinformation aus! Das sind die ehrlichen Fakten in Kürze:

    1. Es ist eine Tatsache, dass wenigstens eine Automobilfirma bei Einhaltung gesetzlicher Abgasgrenzwerte (NOx) betrogen hat.
    2. Auch ist richtig, dass die Abgasemissionsgesetze von gesetzgeberischer Seite “großzügig” formuliert wurden und durchaus bei Euro 6 bzw. VI hätten schärfer ausfallen können. Technisch wäre das möglich gewesen. Kommerziell erträglich. Auch schon bei Euro 5 bzw V!
    3. Eine deutliche Verbesserung wird nach dem NEFZ (Neuer europäischer Fahrzyklus) und realitätsnäheren WLTP (Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure) der dynamische RDE (Real Driving Emission) bringen.
    4. Der EU-Gesetzgeber hat bei der Festlegung der Immissions-Grenzwerte (z.B. Höchstwerte NOx in der Stadt als Luftqualität) fahrlässiger Weise nicht darauf geachtet, ob diese mit den zulässigen Fahrzeug Emissionsgrenzwerte kompatibel sind/waren. Es wäre einfacher 3-Satz gewesen!
    5. Das vorhersehbare Ergebnis war und ist, dass die Bestandsflotte (insbesondere Diesel) vorhersehbar NOx-Immissions-Grenzwertüberschreitungen verursachen würden.
    6. Darüber hinaus: Es existiert aktuelle seriöse Literatur, bei der erstmals die gesundheitliche Wirkung von Feinstaub nachweislich ausgeschlossen wurde und ausschließlich die schädliche Wirkung von NOx bewertet wurde. Hier wird wissenschaftlich korrekt nachgewiesen, dass die gesundheitliche Schädigung des NOx deutlich überbewertet wird!

    Die begonnene Zukunft:
    1. Mit RDE (s.o.) werden Diesel realiter für alle heutigen gesetzlichen Immissionsgrenzwerte hinreichend “sauber” sein!
    2. Euro 5 bzw. V Fahrzeuge lassen sich nachrüsten (Blaue Plakette) und werden für die Einfahrt in Städte “unkritisch”.
    3. Auf dem weltweit bedeutendsten Automobilkongress, dem Wiener Motorensymposium, wurde vergangene Woche ein VOLVO Diesel Pkw vorgestellt, der mit dem synthetischen Kraftstoff OME (Oxymethylenether) betrieben wird: In Zukunft CO2-neutral und in der Lage, wie eine “Staubsauger” z.B. NOx aus der Stadtluft anzusaugen und zum Auspuff kommt nach der Abgasreinigung weniger NOx heraus, als angesaugt wurde.

    Quintessenz:
    Diese Zukunft hat begonnen und diejenigen, die sich von der Angst der Menschen vor dem Diesel Profit versprechen und Verbrennungsmotoren abschaffen wollen, müssen sich schon sehr bald ein neues Thema suchen! Hoffentlich noch vor der NRW Landtags- und Bundestagswahl.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wolfgang Maus

  2. Die Einschläge kommen näher – Durchfahrtverbote drohen schon dieses Jahr 2017, nicht nur in Köln und Düsseldorf – sondern bundesweit! Vielleicht ist es besser, wenn solches Verbot einmal erzwungen wird. Ein Präzedenzfall wird die Politik(er) bundesweit richtig wachrütteln und bewirken, dass es so nicht weitergehen kann. Und die Bevölkerung wird wieder durchatmen können.
    Es ist eine Frechheit, wenn ein Unternehmer in Bergisch Gladbach die Gleisanbindung vor seinem Werk ignoriert und ganz bewusst aus Kostengründen seine Produkte über die Straße transportiert und damit die Gesundheit der Anwohner aufs Spiel setzt. Und es kann nicht sein, dass massenhaft LKWs in Burscheid von der Autobahn abfahren, um den möglichen Stau vor dem Leverkusener Kreuz zu umgehen. Hier helfen wirklich nur noch Durchfahrtverbote!