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Sie suchen noch ein paar Weihnachtsgeschenke? Mit unseren Buchtipps werden Sie Ihre Lieben glücklich machen. Ob sinnlich, historisch oder literarisch – hier ist für jeden etwas dabei.

Sylvia Jongebloed empfiehlt
Elisa Shua Dusapin: Ein Winter in Sokcho.

Blumenbar 2018, € 18,00.

Leicht und zart wie frisch gefallener Schnee kommt dieses Buch daher. Nach den ersten Sätzen tauchen wir ein in die Geschichte und sind gleich mittendrin. Die Ich-Erzählerin, eine junge Studentin, ist nach dem Abschluss ihres Studiums in Seoul in ihren Heimatort Sokcho zurückgekehrt, um sich um ihre Mutter zu kümmern und in einer alten heruntergekommenen Pension etwas Geld zu verdienen.

Sokcho ist ein kleiner südkoreanischer Badeort unweit der Grenze zu Nordkorea, der im Sommer von Touristen überlaufen, aber jetzt im eisigen Winter nahezu ausgestorben ist. Hierhin führt es nun einen Comiczeichner aus Frankreich auf der Suche nach Stille und Inspiration für sein neues Buch. Die Erzählerin, die eigentlich der Stille entfliehen will, trifft nun auf diesen Franzosen und tritt schrittweise in eine andere Welt ein.

Auf seinen Wunsch hin zeigt sie ihm den Ort und die Umgebung bis zur Grenze. Bei ihren Gesprächen treten ständig vollkommen unterschiedliche Sichtweisen zutage, die nicht überbrückbar scheinen. Aber die Protagonistin fühlt sich wieder lebendiger. Sie schafft es sogar, sich nach und nach von ihrer sehr vereinnahmenden Mutter zu lösen und die Beziehung zu ihrem oberflächlichen Freund infrage zu stellen. Dann muss der Franzose eines Tages wieder abreisen. Wie geht sie damit um, nachdem er ihr Leben ungewollt auf den Kopf gestellt hat?

Meisterhaft versteht es die Autorin, allen Figuren Leben einzuhauchen. Es ist ein zutiefst sinnliches Buch: „Sinnlich“ nicht im Sinne von erotisch, sondern im Sinne einer intensiven Wahrnehmung. Man spürt die innere Zerrissenheit der beiden Hauptfiguren, die sich wie zwei weit entfernte Planeten umkreisen. Die Menschen nehmen Gestalt an, man sieht sie vor sich, man spürt ihre Verzweiflung.

Man fühlt auf der eigenen Haut die prickelnde Kälte, die alles umgibt. Man schmeckt und riecht das exotische Essen, dessen Zubereitung oft ziemlich archaisch anmutet. Das Buch lebt förmlich und das trotz seiner Kürze mit nur 144 Seiten. Auch das ist die Kunst der Autorin: Mit knappen Federstrichen wie ein Zeichner entwickelt sie die Figuren, die Geschichte und die karge Landschaft.

„Ein kleines Meisterwerk“, „grandios“ – das waren die Urteile der französischen Kritiker. In der Schweiz erhielt die junge koreanisch-französische Autorin den renommierten Robert-Walser-Preis für den besten Debütroman des Jahres 2016. Im September 2018 ist dieses Buch nun auch bei Blumenbar auf Deutsch erschienen. Der Link zum Buch in unserem Onlineshop

Pia Patt empfiehlt
Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer.

Galiani 2018, € 25,00.

„Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge. Schon ihre Geburt hatte den Eltern Kummer bereitet.“

Bereits der Anfang lässt erahnen, dass hier die Geschichte einer ungewöhnlichen Frau erzählt wird. Und zwar von einer Autorin, die alles andere als gewöhnlich an diesen historischen Roman herangeht.

Karen Duve erzählt in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ die Lebensgeschichte von Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff (1797-1848), kurz Annette von Droste-Hülshoff. Dabei legt sie besonderen Wert auf ihre kurze und dramatische Liebesgeschichte im Jahr 1920.

Annette ist eine begabte junge Adelsfrau, leider dünn, kränklich, schwach und extrem kurzsichtig. Sie musiziert, komponiert, schreibt, dichtet und interessiert sich für Mineralogie und viele andere Dinge, die Frauen ihrer Zeit nicht gut zu Gesicht stehen. Nette ist zu laut, zu forsch, nicht feminin genug.

Sie mischt sich in Herrenrunden, äußert ihre Meinung und ihre spitze Zunge und der beißende, treffsichere Spott und Humor bringen ihr Missbilligung und Abneigung ein. Sie aber lässt sich von ihren Interessen nicht abbringen, wird zwar gefördert, aber nie wirklich ernst genommen.

Schließlich lernt sie Heinrich Straube kennen, einen mittellosen ewigen Studenten. Straube erhält durch seinen Mentor, Nettes wenige Jahre älteren Onkel August von Haxthausen, Zugang zur Familie.

Straube fühlt sich zu der talentierten Adligen hingezogen, und Nette erfährt plötzlich Zuneigung und Verständnis für ihre Interessen. Wenn er doch nicht so wenig standesgemäß wäre … Außerdem gibt es einen zweiten Verehrer: den frommen Adligen August von Arnswald. Hier entspinnt sich nun eine Intrige, die Annette von Droste-Hülshoff für den Rest ihres Lebens prägen wird.

Karen Duve erzählt diesen historischen Roman mit leichter Hand. Dabei wählt sie eine Sprache, die dem Zeitgeist durchaus angemessen ist, aber stets modern und ausgesprochen gut lesbar bleib. Es entstehen keine Brüche, Text und Inhalt passen fabelhaft zueinander.

Sie erzählt aber nicht nur eine nette historische Begebenheit, sondern portraitiert eine Frau, die unter gesellschaftlichen Zwängen genauso zu leiden hatte wie unter den frauenfeindlichen Strukturen ihrer Zeit. Kein Wunder also, dass man als Leser schnell auf Nettes Seite ist und all die anderen Dichter und Denker mit kritischen Augen betrachtet.

Die Gebrüder Grimm, Hoffmann von Fallersleben, Heinrich Heine, Karl von Drais und viele weiter Literaten und Denker dieser Zeit ziehen am Leser vorbei und werden nicht selten von wirklich komischen Anekdoten begleitet.

Mir hat „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ausgesprochen gut gefallen. Lassen Sie sich von dem gewaltigen Stammbaum, der im Buch abgebildet ist, und dem umfangreichen Literaturverzeichnis nicht beirren. Dieser historische Roman macht richtig Spaß. Link zum Buch in unserem Onlineshop

Birgit Jongebloed empfiehlt
Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste.

Suhrkamp 2018, € 24,00.

Die Bücher von Judith Schalansky sind immer schön. Sie sind inhaltlich klug und äußerlich wahre Kunstwerke des Buchherstellungshandwerks. Schalansky als Buchgestalterin überlässt nichts dem Zufall, alles stimmt. Fadenheftung, Papier, Drucksatz, Einband. Das bibliophile Herz schlägt Purzelbäume bei den von ihr gestalteten „Naturkunden“ im Matthes & Seitz Verlag.

Und auch dieses neue Buch (diesmal nicht mit Texten anderer Autoren, sondern mit eigenen) ist so schön, riecht so gut und fühlt sich so gut an, dass der Inhalt fast zweitrangig erscheint. Besonders toll sind die vordergründig schwarzen Seiten, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Das sind echte Hingucker und machen das Buch zu einem Gesamtkunstwerk. Denn auf diesen Seiten sind die Schatten der verloren gegangenen Dinge zu sehen.

„Das Auge sieht, das Hirn ergänzt.“

In diesem also sehr schönen Buch geht es um oberflächlich betrachtet traurige Themen, nämlich um Untergegangenes. In sich abgeschlossene Kapitel spüren vollkommen unterschiedlichen verschwundenen Dingen, Tieren und Orten nach. Mal ist es ein offenbar autobiographischer Text, mal ein historischer Reisebericht. Mal ist man in das Römische Reich versetzt und bestaunt den ausgestorbenen Kaspischen Tiger.

Birgit Jongebloed und Pia Patt führen die Buchhandlung Funk

Mal steckt man mitten im 18. Jahrhundert und begegnet den ersten Denkmalpflegern. In diesem Kapitel werden grundlegende Themen des Buches umkreist. Denn Vergehen ist, bei allen verzeichneten Verlusten, nicht einfach nur schlecht. Schon das Wort impliziert auf ein „Gehen“, eine Fortbewegung.

„Das Neue […] erfordert die rücksichtslose Zerstörung des Alten“, schreibt Schalansky dann auch über das Werk des Ruinenmalers Hubert Robert, der im 18. Jahrhundert den Untergang des Ancien Régime zeichnend bezeugte. Unzählige Bilder von zerstörten Gebäuden sind von ihm überliefert.

Der Schreibstil von Judith Schalansky erinnert mich vor allem dank seiner scheinbar unaufgeregten, lakonischen Beiläufigkeit sehr an W.G. Sebald. Alle Kapitel haben trotz ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit diesen bestimmten, typischen, literarischen Schalansky-Tonfall, der mindestens genauso schön ist wie das äußere Gewand des Buchs, weshalb Sie es unbedingt nicht nur herzen, sondern auch lesen sollten.

Jedes Kapitel ist gleich lang, was Beifall verdient, denn dadurch kommt den eingangs erwähnten schwarzen Blättern eine letztendlich formgebende und gestalterische Funktion zu. Ästhetik pur. Link zum Buch in unserem Onlineshop

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Birgit Jongebloed und Pia Patt

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

Sie können alle Bücher in unserem Online-Shop bestellen.

Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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