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Drei starke Bücher für Entdecker: Land und Leute entlang des Rheins. Die Welt ultraorthodoxer New Yorker Juden in einem aufrüttelndem Lebensbericht. Dinosaurierknochen im Wilden Westen, verpackt in einem Liebesroman.

Björn Kuhligk / Tom Schulz: Rheinfahrt.
Orell Füssli 2017, € 25,00.

Mit dem Kreuzfahrtschiff den Rhein entlang: Dieser Reisebericht erzählt von einer Tour zu Mythen und Sehnsuchtsorten, zu Anwohnern und Touristen, zu moderner Realität und Naturdenkmälern. Übrigens: Die Autoren dieses Reiseberichts können Sie am 5.10.2017 um 19.30 Uhr live bei ihrer Lesung in der Buchhandlung Funk erleben.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an den Rhein denken? Ich denke vor allem an Burgen, Weinberge und hübsche Städtchen wie Bacharach, also hauptsächlich an das Obere Mittelrheintal, das als UNESCO-Weltkulturerbe geehrt wird. Der Fluss hat aber mehr zu bieten, als eine historisch gewachsene Projektionsfläche für Rheinromantik zu sein. Von all diesen Facetten berichtet „Rheinfahrt“.

Los geht die Reise in Köln. Hier legt die „MS Regina“ ab. Vorbei ziehen die Städte am Fluss. Björn Kuhligk und Tom Schulz erzählen von den Sehenswürdigkeiten, von der Geschichte des Rheins, von seiner Bedeutung für Kunst und Kultur. Sie lernen einige Anwohner kennen, die Spannendes zu berichten haben.

Abseits jeder Romantik kommen so auch ungeahnte Schattenseiten zum Vorschein. Denn als großer Strom war der Fluss schon immer Lebensader und Siedlungsmagnet, der auch von der Industrie für ihre Zwecke genutzt wird. Unbegreiflich erscheint dennoch, was für ungehemmte Auswüchse diese Nutzung in einigen Regionen angenommen hat.

In Rheinland-Pfalz dient eine künstlich angelegte Rheininsel als Sondermülldeponie der BASF. Nicht weit entfernt leitete jahrelang ein Atomkraftwerk verstrahltes Wasser in den Rhein. Doch auch hier lockt gleich nebenan die Idylle, nämlich die Südliche Weinstraße, wo es die zwei Rheinfahrer zu einem ökologisch anbauenden Winzer zieht.

So geht die Reise weiter bis nach Basel. Zahlreiche Begegnungen und ausführliche, detaillierteste Eindrücke beschreiben die beiden Reisenden, und das ist der Grund, weshalb ich das Buch so schön finde. Eine Reise mit dem Schiff entschleunigt offenbar sehr und gibt Gelegenheit, den Fluss, die Landschaft und die Menschen ganz anders und viel intensiver wahrzunehmen, als es bei der üblichen Reisegeschwindigkeit per Zug oder PKW möglich wäre.

In diesem Buch steckt viel Liebe zum Detail. Deutlich spürbar ist der Wunsch, den Zauber dieses Sehnsuchtsortes erlebbar zu machen. Bei aller Verzauberung blicken die beiden Reisenden aber auch hinter die schöne Fassade und bringen Erstaunliches zutage. Entstanden ist so eine kurzweilige und informative Erkundung einer Flusslandschaft, die zu einem berühmten europäischen Natur- und Kulturdenkmal geworden ist. Birgit Jongebloed

Kenneth Oppel: Vom Suchen und Finden.
Dressler 2017, € 18,99.

Wilder Westen. Paläontologie. Abenteuerliche Reisen und eine Romeo-und-Julia-Geschichte. All dies könnte etwas viel für ein einziges Buch sein. Kenneth Oppel aber erzählt in seinem Roman genau davon und von noch viel mehr. „Vom Suchen und Finden“ ist ein packender Abenteuerroman mit einer wirklich schönen Liebesgeschichte.

Im späten 19. Jahrhundert bekommen zwei unerbittlich verfeindete Wissenschaftler gleichzeitig den Hinweis auf einen vielversprechenden Knochenfund. Sie hoffen beide, das größte Skelett auszugraben, das je gefunden wurde: den sagenumwobenen König der Dinosaurier.

Aber nicht nur ihre Methoden sind völlig unterschiedlich, sondern auch ihre finanziellen Mittel. Professor Cartland ist ein angesehener Wissenschaftler, der seine Expedition mit vielen Helfern und einer Eskorte startet. Seine Tochter Rachel begleitet ihn nach einigen Diskussionen, auch sie ist begeistert von der Paläontologie.

Michael Bolt hingegen ist Abenteurer, Entdecker, Geschichtenerzähler ohne gesellschaftliches Renommee. Er braucht diesen Fund sowohl finanziell als auch für seine wissenschaftliche Anerkennung. Zum Glück findet sein Sohn Samuel einen Weg, die Expedition zu finanzieren. So macht sich also auch dieses Team auf die Reise, zu zweit und ohne eine weitere Unterstützung.

Rachel und Samuel begegnen sich zum ersten Mal schon vor Beginn ihrer Expeditionen, und zwar auf einem Vortrag von Samuels Vater. Sie wissen jedoch nicht, mit wem sie es zu tun haben. Rachel ist angetan von dem charmanten und gutaussehenden Jungen, fühlt sich von seiner Aufmerksamkeit aber überfordert. Sie lebt zurückgezogen, allein mit ihrem Vater, und konzentriert sich komplett auf ihr großes Ziel, eine anerkannte Wissenschaftlerin zu werden.

Pia Patt und Birgit Jongebloed führen die Buchhandlung Funk in Bensberg

Samuel hingegen ist es gewohnt, Aufmerksamkeit zu bekommen. Sein Vater steht gerne im Rampenlicht und auch er selbst erobert die Menschen in seiner Umgebung leicht. Die Paläontologie und die Zoologie interessieren ihn sehr, er ist allerdings deutlich weniger zielstrebig.

Rachel und Samuel begegnen sich erneut im Zug, der ihre Expeditionsgruppen zum Ausgrabungsziel bringen soll. Sie werden von ihren Vätern beauftragt, mehr über die Pläne des jeweiligen Kontrahenten in Erfahrung zu bringen und verlieben sich, noch bevor das Ende der Zugfahrt sie vorerst trennt…

Kenneth Oppels Roman ist inspiriert von einer wahren Begebenheit, den sogenannten „Bone Wars“ zwischen den Wissenschaftlern Marsh und Cope. Die Fehde dieser beiden Wissenschaftler Ende des 19. Jahrhunderts führte zu der Entdeckung vieler neuer Dinosaurierarten.

In Oppels Jugendbuch, das jetzt bei Oetinger erscheinen ist, spielt diese Zeit eine große Rolle. Die angespannte Situation im Indianergebiet und der unterschiedliche Umgang mit der unbekannten Kultur ist ebenso Thema wie die Rolle der Frau. Rachel ist begeistert von der Wissenschaft, ihr Vater aber erwartet von ihr die Erfüllung gesellschaftlicher Verpflichtungen. Sie soll heiraten und nicht studieren.

Die Liebesgeschichte zwischen Rachel und Samuel ist wirklich ungewöhnlich. Die Dialoge sind mitreißend und unterhaltsam, der Wilde Westen und die Suche nach den Dinosaurierknochen ungemein spannend.

Ich kann diesen Roman allen ans Herz legen, die wunderbare Liebesgeschichten mögen und nicht auf Abenteuer und Spannung verzichten wollen.

Für begeisterte Leser ab 12 Jahren. Pia Patt

Deborah Feldman: Unorthodox.
btb Verlag 2017, € 10,00 / Secession Verlag 2016, € 22,00.

„Ganz gewiss möchte ich nicht um Gnade bitten.“

„Unorthodox“ und „Überbitten“, beides autobiographische Erzählungen von Deborah Feldman, waren schon einige Male über unsere Kassentheke gewandert, bis ich darauf aufmerksam wurde. Viele begeisterte Leserinnen und Leser ihrer Bücher können nicht irren, dachte ich, also griff ich eines Tages endlich zu und konnte „Unorthodox“ nicht mehr aus der Hand legen.

Die Satmarer Chassidim sind eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft in Williamsburg (Brooklyn). Ihr Name stammt von der rumänischen Stadt Satu Mare. Im Holocaust war die jüdische Bevölkerung dieser Stadt fast vollständig vernichtet worden. Die Sekte wurde in New York durch ihren überlebenden Rabbiner neu gegründet.

Ihre Mitglieder sind der Meinung, dass der Holocaust diejenigen getötet hatte, die assimiliert waren und nicht fromm genug gelebt hatten. Diesem Schicksal wollen sie nun mit extrem religiöser Lebensweise entgehen. Für jede Kleinigkeit im Alltag scheint es eine Regel oder ein Verbot zu geben. Von überall droht Sünde und Unreinheit, und die Gemeinschaft wacht mit Argusaugen, dass niemand die umfangreichen Gesetze verletzt.

Entrechtet ist jeder Einzelne, aber besonders hart trifft es Kinder und Frauen. Letztere sind von Verboten und strukturellen Schuldzuweisungen extrem betroffen. Vor allem den Älteren unter ihnen ist klar, dass ihre stark reglementierte Lebensweise nicht mehr viel mit dem wesentlich freieren Leben der osteuropäischen Vorfahren zu tun hat.

Aber wenn etwa der Rabbi beschließt, dass Frauen nicht nur eine Perücke tragen müssen, sondern sich von einem Tag auf den anderen auch die Haare abrasieren sollen, dann stellt das keiner infrage.

Hier wächst Deborah Feldman auf. Sie kommt mit diesem eingeengten Leben nicht zurecht und verliert schon früh ihren Autoritätsglauben. Von der Wahrheit ferngehalten und ebenso von der Möglichkeit, mit „offenen Augen auf die Welt“ zu blicken, sucht sie bereits als Kind Geborgenheit in Büchern. Das geschieht heimlich und ist nur unter großen Anstrengungen möglich, denn die Bücher, die sie wählt – vor allem die in englischer Sprache – sind ihr verboten.

„Es könnte alles andere in meinem Leben erträglich machen, dürfte ich nur immer Bücher bei mir haben.“

Freier Zugang zu Bildung, die Freiheit, zu entscheiden, wen man heiratet, die Freiheit, selbst zu bestimmen, wie man leben und denken möchte – keine Selbstverständlichkeit. Gerade mal siebzehn Jahre alt, wird Deborah Feldman zwangsverheiratet und erkrankt. Verurteilt zum passiven Erdulden, zur Reduktion auf eine Entrechtete, bekommt sie Panikattacken und entfernt sich innerlich immer mehr von den Satmarer Werten, die in ihr Hunger und Mangel erzeugen.

Sie erkennt mehr und mehr, dass ihr Platz nicht in dieser repressiven Gemeinschaft zu finden ist. Es passieren einige schlimme Dinge, die die Unvereinbarkeit von irdischer Gerechtigkeit und chassidischer Gottesfürchtigkeit krass verdeutlichen. Nach außen funktioniert sie und bleibt unauffällig, doch in Wirklichkeit rebelliert sie und bereitet zielstrebig ihren Ausstieg vor.

Geschrieben wie eine Mischung aus Roman und Autobiographie, ist der Tonfall in weiten Strecken nüchtern und sachlich. Er ist hart, wo er Hartes beschreibt, und emotional, wo die Autorin vom Schmerz schreibt, anders zu sein, nicht dazuzugehören, sich einsam, ausgehöhlt und ungeliebt zu fühlen.

Dieses Buch hat mich umgehauen. Ich wusste nichts von dieser chassidischen Welt und hatte keine Ahnung, dass so etwas heutzutage in einer Stadt wie New York existiert. Was Deborah Feldman über das Leben in einer frauenverachtenden, abgeschotteten Gegen-Gesellschaft schreibt, hat mich richtig mitgenommen. Einige Passagen machen mich wütend und traurig.

Vor allem aber hat mir dieser Text einen Riesenrespekt eingeflößt vor dieser mutigen, intelligenten, besonderen Frau, die ihren Weg geht, obwohl sich ihr wirklich sämtliche Hindernisse in den Weg stellen, die einem schlecht gelaunten Schicksal (oder Gott?) einfallen können. Deshalb ist das Buch mehr als „nur“ eine Autobiographie. Es ist aufrüttelnd und ermutigend. Es kann ein Leitbild sein.

„Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.“

In der Fortsetzung „Überbitten“ erzählt sie, was ihr nach dem Ausstieg aus der Gemeinschaft der Satmarer widerfuhr. Auch dieses Buch ist absolut empfehlenswert. Birgit Jongebloed

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Birgit Jongebloed und Pia Patt

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

Sie können alle Bücher in unserem Online-Shop bestellen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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