Auch die alten Industriebauten auf dem Zanders-Areal bieten Potenzial für neuen Wohnraum. Foto: Thomas Merkenich

Der vom Büro Quaestio im Auftrag der Stadt vorgelegte Entwurf zum Handlungskonzept Wohnen und zur Konkretisierung der im letzten Rat beschlossenen Baulandstrategie stößt auf massiven Widerstand der Freien Wählergemeinschaft (FWG). Sie spricht von „irreführenden und gefährlichen“ Schlussfolgerungen.

„Die in der Studie vorgenommenen Hochrechnungen zum Wohnungsbedarf in Bergisch Gladbach liefern irreführende und vor allem gefährliche Schlussfolgerungen,“ urteilt der FWG-Vorsitzende Benno Nuding.

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Eine von Quaestio empfohlene Aktualisierung des Baulandbeschlusses soll wegen des angespannten Wohnungsmarktes eine verpflichtende Quote von 30 Prozent gefördertem Wohnungsbau vorsehen. Die Studie ermittelt einen Bedarf von 800 solcher Wohnungen und leitet daraus ab, dass 2700 Wohnungen bis 2035 in Bergisch Gladbach neu entstehen müssen.

Das ergäbe einen Flächenbedarf von 58 bis 84 Hektar. Da der nicht zur Verfügung stehe, müssten über die Baulandstrategie Frei- und Naturflächen zur Besiedlung eingesetzt werden. 

Das ist wiederum nur möglich, wenn dort Bebauungspläne rechtskräftig werden. Der Flächennutzungsplan hat aber gezeigt, dass hierzu zahlreiche begründete Einwände bestehen, die – wie die Stadtverwaltung immer wieder im Laufe des FNP-Verfahrens betonte – im Rahmen der Bebaungspläne geklärt und einbezogen würden. 

Benno Nuding, Fraktionsvorsitzender der FWG

Natur- und Freiflächen nicht opfern

Die FWG lehnt das Opfern weiterer Natur- und Freiflächen ab. Sie wehrt sich gegen eine zunehmende Verstädterung Bergisch Gladbachs, zu der ein solcher Beschluss führen würde.

Nuding: „Vor dem Hintergrund der allseits begrüßten aktuellen Klimaanalyse der Stadt ist ein solcher Schritt überhaupt nicht zu rechtfertigen.“ Hiernach muss ein Großteil der Flächen von einer Besiedlung freigehalten werden, wenn man Klimaschutz wirklich ernst nimmt.

Und auch die im Zusammenhang mit dem Flächennutzungsplan beschlossenen Voraussetzungen zu seiner Umsetzung (10-Punkte-Plan) beinhalten zuerst die Schaffung einer geeigneten Infrastruktur, bevor Bebauungspläne aufgestellt werden.

Davon ist Bergisch Gladbach meilenweit entfernt. Die Ampel-Koalition hat hier noch nichts Entscheidendes voranbringen können. Engpässe an Schulen und Kitas bestehen fort; die Schulbau GmbH hat noch nicht einmal ihre Tätigkeit aufgenommen.

Hinzukommen erneut drohende städtische Haushaltsengpässe, beschleunigt durch den Ukrainekrieg, die notwendige Investitionen tendenziell schwieriger machen.

Regionale Strategien müssen her

In einem Punkt stimmt die FWG der Studie allerdings zu: „Bergisch Gladbach wird den Wohnungsnotstand nicht allein bewältigen können. Es müssen regionale Strategien entwickelt werden.“

Benno Nuding: „Es kann doch nicht sein, dass Köln seine Hausaufgaben nicht macht und seine Wohnungsprobleme ins Umland verlagert.“ 

Genau dies geschieht aber, denn der Zuzug aus der Rheinschiene und damit die Zahl der Pendler steigt nach Aussagen der Studie immer weiter an.

Bei einer angenommenen gleichbleibenden Bevölkerungsgröße in Bergisch Gladbach würden auch unter Berücksichtigung einer regelmäßigen Bestandserneuerung und selbst bei geringem Zusatzbedarf aber in den nächsten Jahren keine Engpässe entstehen.

GL mit Köln verschmelzen?

Noch klarer zeigt sich dies bei dem prognostizierten Flächenbedarf. Unter der Voraussetzung einer gleichbleibenden Bewohnerzahl soll dieser nach der Studie bei 48 bis 70 Hektar liegen. in dieser Zahl sind jedoch bereits die Flächen enthalten, die bereits mit Altbestand bebaut sind. Es handelt sich also keinesfalls um einen echten Neubedarf, wie das suggeriert wird.

Nuding: „Die Stadt muss sich endlich darüber klar werden, wo sie hinwill. Die Frage ist, soll sie eine Großstadt im Grünen bleiben oder soll sie mit Köln verschmelzen.“

Denn eines ist klar: Weitere Bebauung und Versiegelung bedeuten zusätzliche klimatische Belastungen für die Menschen. So mahnt der neue Regionalplan, dass die Frischluftzufuhr aus dem Bergischen Land in Richtung Rheinschiene durch zunehmende Bebauung und Flächenversiegelung schon jetzt gefährdet ist. 

Ohnehin ist der Flächenverbrauch in NRW zu hoch. Die von der Landesregierung selbstgesteckten Ziele zur Reduzierung werden regelmäßig verfehlt. Das Bekenntnis zum Flächensparen wird seit Jahren unzureichend umgesetzt.

An Lippenbekenntnissen fehlt es hingegen nicht: Auf den Webseiten des NRW Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz heißt es: Flächeninanspruchnahme im Außenbereich ist aufgrund der vielfältigen Folgewirkungen nicht zukunftsfähig. Dem stimmt die FWG zu und dies gilt damit ebenso für die Schlussfolgerungen der Quaestio-Studie.

Wohnkapazitäten werden laufend frei

Bergisch Gladbach ist eine Stadt, in der die Altersgruppe der über 65jährigen stark vertreten ist. Die Studie kommt zur Erkenntnis, dass „damit auch mittelfristig ein Bevölkerungswachstum in Bergisch Gladbach nur durch die Zuwanderung von neuen Bewohnern möglich ist.“

Das heißt im Umkehrschluss, es werden laufend Wohnkapazitäten frei, wenn auch zeitlich versetzt. Und die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass dort, wo früher ein Einfamilienhaus für 2 bis 4 Personen stand, nun Wohnkapazitäten geschaffen werden, die mindestens doppelt so vielen Menschen Wohnraum bietet.

Bis zu 2000 Wohnungen bei Zanders und Wachendorff

Im Übrigen: Die Studie wurde zu einer Zeit erstellt, als das Zanders-Gelände noch nicht für den Wohnungsmarkt zur Verfügung stand. Hier stehen nun insgesamt 37 Hektar Fläche bereit. Darüber hinaus sieht das Wachendorffgelände eine Vielzahl von Wohnungen vor.

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Beide könnten allein, wenn man zum Beispiel die Art der neuen RBS-Bebauung in Hand zugrundelegt – dort entstehen 100 Wohneinheiten auf gut einem Hektar – fast 2000 Wohnungen gebaut werden, selbst wenn man Zanders nur zur Hälfte für den Wohnungsbau nutzt.

Eines ist aber klar: Die Frage der Infrastruktur ist damit keinesfalls gelöst, sondern würde weiter verschärft.

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4 Kommentare

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  1. Der Wunsch Herrn Tiebels an den „Herrn“ möge auch Ihnen zugute kommen, Herr Humbach.
    Die Aktion der Ampel, nun vehement „bezahlbares Wohnen“ zu unterstützen, riecht, wie die Fahrrad-Politik, nach Reaktion auf die immer lauter werdenden Vorwürfe, die Stadt tue in diese Richtungs ebenso nichts wie die Vorgänger in etlichen Legislaturperioden. Anstatt mal ein bürgerbeteiligtes Konzept aufzustellen, wohin denn GL wollen sollte. Die Möglichkeiten in der Stadt auszuschöpfen, Brachland und Aufsetz-Möglichkeiten zB. bei Parkhäusern und sonstigen Gebäuden zu nutzen, geht man jetzt an die Flächen, die die Bevölkerung zusammen mit ihren Initiativen gegen den FNP-E bewahrt haben. Und die reaktionären Immobilienbesitzer, die uns in diese unsagbare Preispyramide getrieben haben, sollten, wenn sie’s nicht selbst raffen, höflich aber bestimmt an gewisse soziale Verantwortungen erinnert werden.

  2. Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum, der sich im aktuellen Wohnungsmarkt zeigt, ist zweifelsfrei groß, egal welcher sozio-ökonomische Hintergrund beleuchtet wird.

    Im Sinne der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes muss es aber ein Kernanliegen sein, vorhandene Ressourcen optimal zu nutzen, bevor neue Ressourcen erschlossen und damit Natur- und Freiflächen „verbraucht“ werden.

    Ein Beispiel: In Neu-Frankenforst stehen Häuser (in einer Anzahl im zweistelligen Bereich), zum Teil seit Jahrzehnten leer und werden, aus verschiedenen Gründen, einfach nicht bewohnt.

    Es geht der Freien Wählergemeinschaft bestimmt nicht um die Entwicklung eines „Schreckensszenarios“, sondern vielmehr um eine zeitnahe und sachliche Analyse der Situation zum Wohle aller Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.

  3. Sehr geehrter Herr Tiebel, wer schön im Grünen wohnt und keine Kinder hat, mag so denken. Aber wer Kinder hat möchte auch gern , dass sie seßhaft werden können. Ob 5 vor zwölf oder danach, der Planet dreht sich weiter. Ich stimme Ihnen jedoch zu, im Wald und in der freien Landschaft sollte nicht gebaut werden. Aber wir sollten aufhören, mit Schreckenszsenarien die Lebenslust zu vertreiben. Ich würde sagen:“ Herr, lass Zuversicht regnen“.

  4. Die einzigen in Bergisch Gladbach, die gemerkt haben, dass es im Klimawandel nicht mehr fünf vor zwölf, sondern schon fünf nach zwölf ist, sind wohl die Mitglieder der Freien Wählergemeinschaft. Sachlicher und eindringlicher kann man wohl nicht mehr argumentieren.

    Einer weiteren zusätzlichen Flächenversiegelung muss dringend Einhalt geboten werden. Will man die Klimaziele ernsthaft erreichen, bedarf es ab sofort eines konsequenten Umdenkens und Handelns in allen Belangen. Ein paar Pseudohandlungen oder Abgabe von Verantwortung werden die aufkommenden Probleme nicht lösen.

    Es bleibt im Sinne von Hape Kerkeling nur eins zu hoffen: „ Herr, lass Hirn regnen “!