Eigentlich stand im Zanders-Ausschuss die Strukturplanung auf der Tagesordnung, die Geschäftsgrundlage für die gesamte Konversion des Geländes. Dieses Fundament ist für die Kommunalpolitiker aber schon abgehakt und wurde einstimmig verabschiedet. Jetzt wollen die Fraktionen konkret werden – und darüber streiten, wofür das Areal genutzt werden soll.

Fast ein Jahr lang hat das Projektteam Zanders zusammen mit dem niederländischen Büro Karres en Brands an der „Strukturplanung“ für die Umgestaltung des Zanders-Areals gearbeitet, mit Bürger:innen und allen Beteiligten geredet, die Mitglieder des Stadtrats in Arbeitskreisen und Ausschüssen informiert. Offenbar so gut, dass die Abschlussarbeit dieser Etappe, der gerade vorgelegte Strukturatlas, in der richtungweisenden Sitzung des Zanders-Ausschusses am Mittwoch kaum noch eine Rolle spielte.

Einstimmig empfahl der Ausschuss die Zustimmung zur Strukturplanung. Auf die Details gingen die Vertreter:innen von Ampelkoalition und Opposition nicht mehr ein, sie wollen jetzt endlich konkret darüber reden, was „auf Zanders“ tatsächlich gebaut werden soll, wofür die riesige Fläche mitten in der Stadt wirklich genutzt werden könnte. Wohnen, Gewerbe, Kultur, Bildung, … und wenn ja, wieviel?

Das ging Bürgermeister Frank Stein dann doch etwas zu schnell. Er hob noch einmal die Bedeutung der Strukturplanung hervor – die „die Geschäftsgrundlage“ für die gesamte Konversion sei. Und die bestehe im wesentlichen aus vier Grundsätzen:

  • das Zanders-Areal wird geöffnet und damit in die Stadt integriert,
  • die gesamte Konversion und auch die neue Zanders-Stadt werden nach den Grundlagen der Kreislaufwirtschaft gestaltet (zirkulär),
  • die künftige Zanders-Stadt ist – in Form der historischen Substanz – bereits da. Und soll auch erhalten bleiben,
  • die Zanders-Stadt muss auch wirtschaftlich funktionieren – also einen Nutzen für ganz Bergisch Gladbach und einen Ertrag für den städtischen Haushalt einbringen.

Von den Fraktionen gab es dazu keinen Widerspruch. Aber bereits viele Vorstellungen, wie mit dieser Geschäftsgrundlage nun umzugehen sein.

Die Grünen nennen konkrete Zahlen

Vor allem die Grünen drängen nach vorne. In einer im Bürgerportal veröffentlichten Stellungnahme hatten sie sich bereits für eine dichte, urbane Bebauung des Geländes ausgesprochen und dabei eine konkret Zahl genannt: mindestens 300.000 Quadratmeter an Bruttogeschossfläch müssten auf dem Gelände realisiert werden. Vor allem für Wohnungen.

Man dürfe sich jetzt nicht mehr lange vor der Frage drücken, welche Funktionen in welchem Umfang umgesetzt werden sollen, erläuterte Sascha Gajewski, Ko-Vorsitzender der Grünen. Wohnen, Gewerbe, Bildung, Freizeit, Kultur und Freiflächen sind gewünscht – aber in welchem Umfang, in welchem Verhältnis. Das müsse unter der Fragestellung diskutiert werden, welche Ziele die Lokalpolitik für die ganze Stadt Bergisch Gladbach habe.

Damit die vielen gewünschten Zwecke alle auf dem 37 Hektar großen Gelände untergebrachte werden könne und damit das ganze auch nachhaltig funktioniere, sei eine relativ dichte Bebauung erforderlich – daraus ergäben sich die 300.000 Quadratmeter als Mindestanforderung. Davon zwei Drittel Wohnen, ein Drittel Gewerbe, womit 2700 Wohnungen und 80.000 Quadratmeter Gewerbefläche auf dem Zanders-Gelände mindestens machbar seien. Das schwebe den Grünen als offene Diskussionsgrundlage vor.

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Dabei, und das ist Gajewski wie seinem Fraktionskollegen Josef Cramer wichtig, sei eine hohe Dichte kein Nachteil oder Schreckgespenst, sondern die Voraussetzung, dass ein Stadtviertel nachhaltig (wenig Flächenverbrauch, kurze Wege) und lebendig (Mischung von Wohnen, Gewerbe, Freizeit) werde und zudem den in GL dringend benötigten preiswerten Wohnraum biete.

Gegenrede bei den Koalitionspartnern

Mit diesen Ausführungen stießen die Grünen selbst bei den Koalitionspartnern SPD und FDP auf Gegenrede. Man dürfe das Zanders-Gelände nicht mit Zielen überfrachten, Berechnungen (wie die der Grünen) seien unredlich, sagte SPD-Fraktionschef Klaus Waldschmidt.

Man dürfe jetzt nicht Bedarfe berechnen und über Zanders stülpen, ergänzte für die FDP Stephan Winkelmann.

CDU warnt vor „Klein-Manhattan 2“

Michael Metten, Fraktionschef der CDU, stimmte den Grünen einerseits zu. Es sei jetzt der Zeitpunkt gekommen, grundlegende Entscheidungen zu treffen – sonst könne es bald gefährlich werden.

Aber, und da widersprach er den Grünen deutlich, sei es eine Wunschvorstellung, man könne Bergisch Gladbachs aktuellen Probleme auf Zanders lösen; dafür dauere die Konversion zu lange. Die genannten Dichtezahlen stellte Metten ebenfalls in Fragen: wollten die Grünen etwa ein „Klein-Manhattan 2″ bauen?

Für die CDU müsse das Zanders-Gelände, das ja mit Steuermittel gekauft worden war, zwei wichtige Beiträge für die Bürger:innen leisten: in Form relevante Einnahmen für den Stadthaushalt und eines neuen Identitätsfaktors für die Stadt – nach dem Wegfall der Papierproduktion. Er plädierte dafür, sich auf eine Zukunftsbranche klar zu fokussieren, damit Bergisch Gladbach in Zukunft nicht nur ein Wohnort der Menschen sei, die in Köln arbeiten.

Bereits zuvor hatte die CDU einen ordentlichen Anteil von Gewerbe auf Zanders gefordert – und gegen ein von ihr abgelehntes Gewerbegebiet an der Stadtgrenze zu Kürten-Spitze in Stellung gebracht.

FWG will über die Finanzierung reden

Auch Rainer Röhr von der Freien Wählergemeinschaft drängte darauf, mehr über die Finanzen zu reden, und über die konkreten Nutzungen des Geländes. Die Zeit dränge, weil die Stadt sich bis August zum Regionalplan positionieren müsse. Auch die FWG hatte ihr Vorbehalte zuvor in Form einer Stellungnahme im Bürgerportal veröffentlicht.

Udo Krause, der Leiter des städtischen Zanders-Projekteams, konstatierte in seiner Reaktion auf die Redebeiträge zunächst einmal, dass die Grundlage, die Strukturplanung gar nicht mehr diskutiert werde – womit sich zeige, dass die Stadt den richtige Weg gegangen sei.

Die nächsten Schritte

Jetzt werde es im nächsten Schritt darum gehen, die Ziele für die Nutzung des Geländes festzulegen. Natürlich habe sein Team bereits gerechnet, was alles möglich sei – aber darüber zu reden sei es bislang zu früh geworden. Genau damit werde man auch im Zanders-Ausschuss nach der Sommerpause ab August beginnen.

Das bestätigte Bürgermeister Stein. In den kommenden Monaten müssten nun die Nutzungsrelation, die Nutzungsintensitäten und der Zeitrahmen diskutiert werden. Und mit den Blick auf einen Ertrag für den Haushalt eine erste Kostenfinanzierungsrechnung in Angriff genommen werden. Stein stellte aber auch klar, dass Erträge erst in der langfristigen Finanzplanung sichtbar werden können – und zwar in Form von Einnahmen aus Erbbau-Pachtverträgen.

Die Abstimmung über die Strukturplanung fiel, wie gesagt, trotz der langen Diskussion, dann eindeutig aus: Einstimmig, ohne Enthaltung.

Erste Investitionen beschlossen – oder vertagt

Unabhängig von der langfristigen Planung musste der Ausschuss bereits einige Beschlüsse über zum Teil kostspielige Investitionen treffen. Sie seien notwendig, um Teile des Geländes für eine Zwischenzeit nutzen zu können, und um zu verhindern, dass die Gebäudesubstanz weiter verfällt, argumentierte die Verwaltungen.

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So schnell gibt es vorerst kein Bier „auf Zanders“

Bevor das Programm für das ganze Zanders-Areal steht und die ersten dauerhaften Nutzungen sichtbar werden, vergeht noch viel Zeit. Dennoch sollen eigentlich noch in diesem Jahr, spätestens 2023, erste provisorische Projekte „auf Zanders“ anlaufen und für die Bürger:innen zugänglich werden. Dafür sind aber einige sehr hohe Hürden zu überwinden.

Unter anderem stimmte der Ausschuss der Anschaffung einer mobilen WC-Anlage für 125.000 Euro, einer mobilen Zaunanlage für 150.000 Euro, der Ertüchtigung eines Werkstattgebäudes für die Unterbringung des Löschzuges Stadtmitte für 1,45 Millionen Euro sowie der Dachsanierung eines Verwaltungsgebäudes für 1,2 Millionen Euro zu.

Eine Teilsanierung der großen Halle 1B für 1,5 Millionen wurde dagegen auf Antrag von FWG und Grünen zunächst einmal vertagt. Zuvor müssen wenigstens ein grobes Konzept vorgelegt werden, wofür diese Halle zwischenzeitlich genutzt werden könnte.

Dem beugte sich das Projektteam nur widerwillig. Denn jede Verschiebung gehe zu Lasten der Gebäudesubstanz. Und solange die Halle nicht wenigstens grundsaniert werde, könne sie auch nicht für die so dringend gewünschten Zwischennutzungen geöffnet werden.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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3 Kommentare

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  1. Es scheint voran zu gehen mit ZANDERS, aber die Gefahr ist groß, über dieses Riesenobjekt andere in und für sie Stadt zu vergessen. Womit man wieder am 30 Jahre alten verlangen der Bevölkerung anlangt, endlich mal ein Konzept für die Stadt zu erarbeiten. Das könnet jetzt durch die Integrierung des Geländes in die Planungen der Stadt gleich mitgeschehen.

    Besnoders froh muss man sein, wenn der Rat

  2. Die FDP unterstützt den Strukturvorschlag von Karres en Brands mit seinen Visionen eines Urbanen Geländes. Wir halten jedoch Zielgrössen für Bruttogeschossflächen für den Wohnungsbau für völlig verfrüht. Dazu müssen zunächst Diskussionen über Grobkonzepte für Nutzungen und erste Gespräche mit potentiellen Investoren geführt werden.

    Ferner gilt es, ein Mobilitätskonzept für die Bewohner der zu errichtenden Wohneinheiten zu entwickeln. Für die FDP ist essentiell, dass für das Zanders Areal attraktive Rahmenbedingungen für Investitionen in innovative Gewerbe, Bildungs- und Kultureinrichtungen geschaffen werden.

    Am Ende müssen die erheblichen Vorleistungen der Stadt in die Grundstückskäufe und die noch anstehenden städtischen Investition in die Infrastruktur rentierlich sein, insbesondere angesichts der immer schwieriger werdenden finanziellen Lage der Stadt.