Nina Tackenberg leitet in Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bergisch Gladbach. Foto: Daniel Schubert

Viele Eltern stehen in einem ständigen Spagat zwischen Kindern, Beruf und allen möglichen anderen Themen. Wenn der Stress überhand nimmt und sich Konflikte häufen, kann es helfen einmal zu schauen, welche Ebenen sich im Familienleben vermischen. Nina Tackenberg von der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung erklärt, wie das mit dem Konzept des „Familienhauses“ gelingen kann – und empfiehlt, die Weihnachtszeit (auch ohne Konflikte) mal für eine „Hausbesichtigung“ zu nutzen.

„Erst ließ sich mein Sohn nicht von mir die Zähne putzen, es gab ein Riesengeschrei. Er weigerte sich, sich von mir anfassen zu lassen, und ich fühlte mich so unfähig und hilflos, fragte mich: Warum muss es immer so laufen, an welchem Punkt habe ich verpasst, etwas anders zu machen?

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Meine Frau brachte parallel unsere Tochter ins Bett, und ich erklärte unserem Sohn verärgert, dass ich erst für ihn lesen würde, wenn er geputzte Zähne haben würde, und ging in die Küche. Kurz darauf kam meine Frau zu mir, war wahnsinnig wütend, dass ich mich ,einfach aus der Sache rausgezogen’ hätte.

Ich wollte mit ihr darüber reden, aber sie rauschte ab zu unserem Sohn, sagte noch verächtlich, dass das ja klar gewesen sei, dass nun wieder sie alles machen müsse, dass noch ein Haufen Arbeit am Schreibtisch auf sie warte, und dass ich einfach unfähig sei. Das hat mich sehr verletzt.“

Dieses Zitat ist tatsächlich eine Zusammenfassung zahlreicher Erzählungen, die wir in unseren Beratungen gehört haben. Denn viele Familien mit Kindern kennen solche und ähnliche Situationen.

Eltern stehen häufig in einem Spagat zwischen den Bedürfnissen ihrer Kinder, den Anforderungen im Beruf und allen möglichen anderen Themen. Wenn der Stress zu viel wird, kommt es zu Konflikten wie dem oben geschilderten.

Das Familienhaus

In diesem Fall kann es sich lohnen einmal zu schauen, welche verschiedenen Ebenen sich in einer solchen Situation vermischen. Zum Beispiel mit Hilfe des „Familienhauses“ – diese bildliche Darstellung, entworfen von der Familientherapeutin Brigitte Lämmle und der Soziologin Gabriele Wünsch, ist eine gute Möglichkeit, mit Abstand auf die eigene Familie zu schauen und die verschiedenen Ebenen zu identifizieren:

Foto und Zeichnung: Nina Tackenberg

Die untere Ebene zeigt die zwei Einzelzimmer der Partner:innen. Egal, wie dicht sich Familienleben gerade gestaltet: Es ist gut, sich klar zu machen, dass jede:r auch einzeln existiert, eigene Themen und Bedürfnisse hat, die einen Raum brauchen.

Darauf aufgebaut ist das Paarzimmer. Hier geht es um die Beziehung, die zwei Einzelpersonen führen, um Liebe, Freundschaft und das immerwährende Aushandeln: Wie wollen wir miteinander leben und umgehen?

Das Elternzimmer zeigt einen wichtigen und oft sehr großen Teilaspekt der Paarbeziehung. Hier geht es darum, die Kinder als Team großzuziehen, was eines ständigen Aushandelns darüber bedarf, welche Werte der Erziehungsarbeit zu Grunde liegen und wie der jeweils eigene Blick auf die Elternrollen ist.

Schließlich gibt es im Dachgeschoss noch das oder die Kinderzimmer, in dem/denen sich die Eltern einzeln oder gemeinsam aufhalten, und in dem/denen beide ihre je unterschiedlichen Rollen immer wieder neu finden müssen.


Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.


Was ist bei einem Konflikt in den Zimmern los?

In stressigen Situationen wie der oben geschilderten sind Themen aus allen Zimmern bzw. Ebenen miteinander im Spiel:

Kinderzimmer – In der Interaktion mit dem Kind stellen sich dem erzählenden Elternteil folgende Fragen: Wie gestalte ich in dieser Situation des Zähneputzens meine eigene Rolle? Wie viel Konsequenz ist mir wichtig? Welcher Umgang gelingt mir? Was fühlt sich stimmig an, was lässt mich (ver-)zweifeln?

Elternzimmer – Hier ist die Leitfrage: Wie wollen wir unsere Aufgaben gemeinsam lösen? Darin enthalten ist im Beispiel einmal die Frage nach der Aufteilung der Aufgaben – wollen wir uns alles gleichberechtigt teilen, oder ist ein Elternteil mehr zuständig? Und zum zweiten die Frage nach inhaltlichen Grundsätzen – sind wir uns einig, dass am Zähneputzen kein Weg vorbeiführt? Mit welchen Mitteln wollen wir dieses Ziel durchsetzen?

Paarzimmer – Wie gehen wir – neben der Funktion als Eltern – eigentlich als Paar miteinander um? Im Beispiel wird deutlich: Die Partner:innen erleben sich gegenseitig als frustriert, zweifelnd, wütend, negativ gestimmt, können aber gerade kein Verständnis füreinander zeigen. Hier steht die Frage danach, wie es gelingt, füreinander da zu sein, am anderen interessiert zu sein und zu bleiben.

Einzelzimmer – In dem Beispiel befinden sich im einen Einzelzimmer gerade die Themen Arbeit und berufliche Verpflichtungen im Vordergrund. Im anderen Einzelzimmer ist die Auseinandersetzung mit der Rolle als Vater Thema, außerdem Fragen nach den eigenen Erfahrungen aus der Herkunftsfamilie, dem Selbstbild und wie gut mit Zweifeln an sich selbst umgegangen werden kann.

Das Ganze lässt sich natürlich nicht so leicht trennen. Trotzdem kann diese Sortierung dabei helfen herauszufinden, an welchen Stellen Veränderung hilfreich ansetzen könnte.

Entdeckungsreise durch das eigene Haus

Das Modell des Familienhauses kann auch – unabhängig von aktuellen Schwierigkeiten – einem kleinen Erkundungsgang dienen:

Im bevorstehenden Advent, in dem Ihre Kinder vermutlich jeden Tag kleine Türchen öffnen, könnten Sie als Paar auf eine Entdeckungsreise durch ihr ganz persönliches Familienhaus gehen:

  • Welche Zimmer gibt es bei uns?
  • Wie sehen sie aus, und wie hätten wir sie eigentlich gerne?
  • In welchem Zimmer wären wir gern öfter? Was müsste verändert werden, damit das möglich ist?
  • Wie oft können wir unsere Einzelzimmer nutzen?
  • Wie schaut es im Paarzimmer aus: Wie ist es gestaltet, wie oft und wie gerne halten wir uns darin auf?
  • Wie häufig verwechseln wir möglicherweise Eltern- und Paarzimmer? Haben wir uns im Elternzimmer gestritten und sitzen ärgerlich im Kinder- oder Einzelzimmer, anstatt im Paarzimmer zu entdecken, dass es noch mehr zwischen uns gibt als den Ärger, wer die Brotdosen heute spülen sollte?
  • Was mögen wir an unserem Haus? Was sollte genau so bleiben, wie es gerade ist?

Mit dieser Entdeckungsreise hält der Advent – im Sinne der Weihnachtsgeschichte eine Zeit der Suche nach einer Bleibe und eine Zeit des Ankommens – für Sie vielleicht noch mal eine ganz eigene Suche und Ankunft bereit.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Nina Tackenberg leitet als Elternzeitvertretung die Katholische Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Bergisch Gladbach. Sie hat einen M.A. in Arbeits- & Organisationspsychologie sowie ein Diplom in Sozialer Arbeit, ist Systemische Coachin (DGSF), Gesundheits- und Krankenpflegerin.

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