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Elena Ferrante, Meine geniale Freundin
Suhrkamp 2016, 22,00€

„Es herrscht eine Armut ringsherum, die uns alle verrohen lässt. Jeden Augenblick kann was passieren, was dir so viel Leid zufügt, dass du niemals genug Tränen dafür hast.“

Als Buchhändlerin ist man notorische Vielleserin. Es ist einfach Teil des Lebens, ein Buch nach dem anderen zu konsumieren, oft lesen wir mehrere gleichzeitig, das nimmt manchmal schon fast manische Züge an. Manchmal lesen wir Bücher nicht zu Ende, manchmal überfliegen wir Bücher, um uns einen Eindruck von Stil und Inhalt zu verschaffen, um ein Buch kennenzulernen und unseren Kunden etwas darüber sagen zu können.

Am schönsten ist auch diese berufsbedingte Art zu Lesen natürlich, wenn wir ein Buch so richtig genießen und vollkommen von ihm überzeugt sind. Sehr selten allerdings kommt es vor, dass wir ein so grandioses Buch in die Finger bekommen, dass selbst wir zwanghafte Vielleserinnen uns dagegen sträuben, das Buch zu beenden, und, wenn wir es dann doch nicht mehr weiter hinauszögern können, nach Beendigung der Lektüre nicht wissen, was wir als Nächstes lesen wollen und können.

Weil das Buch so beindruckend, so großartig, so bewegend, so besonders war, dass die meisten Bücher, die man danach in die Hand nimmt, eigentlich keine Chance haben.

Für mich gab es dieses Jahr ein Buch, das in diese Kategorie fällt, und das ist „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante. Um die Autorin ranken sich wilde Gerüchte und Spekulationen. Sie tritt als Person nicht in Erscheinung und ist „die große Unbekannte der Literatur“. Niemand kennt ihren richtigen Namen, niemand weiß, wer sie ist. Interviews gibt sie selten und wenn, dann nur schriftlich.

Das hat sicherlich zu dem Hype beigetragen, der weltweit um „L’amica geniale“ und die Folgebände entstand. Gerade schrieb die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, dass die Identität der Autorin aufgedeckt sei (das war ihr sogar eine Titelschlagzeile wert). Mal wieder, möchte man fast sagen, denn es gab bereits einige Spekulationen über die wahre Person, die aber nie verifiziert wurden.

Funk feiert fünfzigsten Geburtstag mit einem Bücherfest

Wäre der Roman auch erfolgreich, wenn es kein Rätsel um die Autorin gäbe? Ich glaube schon, denn er ist großartig.

Er handelt von einer Frauenfreundschaft, die viele Höhen und Tiefen erlebt. Die Hauptfigur Elena, genannt Lenù, erzählt die Geschichte ihrer Kindheit im Neapel der 1950er und 1960er Jahre. Sie erzählt, wie sie die gleichaltrige Lila trifft und sich mit ihr anfreundet.

Sie erzählt vom Erwachsenwerden, von großen Enttäuschungen, von Zwängen und Brutalität, denen die Mädchen ausgeliefert sind. Sie erzählt davon, wie man sich in so einer Welt behauptet. Das gelingt manchmal ganz gut, wenn man eine Freundin wie Lila hat.

Doch Lila steckt voller Widersprüche: mal ist sie mutig und zielstrebig, dann auch wieder erstaunlich erstarrt und passiv. Sie ist kein grundsätzlich netter Mensch, zeigt sich aber in unerwarteten Momenten warmherzig und mitfühlend.

Auch andere Figuren des Romans sind diffus, verhalten sich manchmal widersprüchlich, dabei aber nie ohne Sinn. Sie lassen sich einfach nicht so richtig fassen und kommen einem dennoch unglaublich nah.

„Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt. Doch ich kann mich nicht erinnern, jemals gedacht zu haben, dass unser Leben besonders schlimm sei. Das Leben war eben so, und damit basta, wir waren gezwungen, es anderen schwerzumachen, bevor sie es uns schwermachten.“

Die schlichte Sprache beschränkt sich auf das Nötigste. Detailverliebte Beschreibungen der Menschen und der Umgebung wird man in dem Roman vergeblich suchen. Doch auch der Stil lässt sich nicht so richtig greifen. Denn hin und wieder finden sich unvermittelt bildgewaltige und expressive Interpretationen der Welt aus Lenùs Sicht.

Pia Patt und Birgit Jongebloed führen die Buchhandlung Funk in Bensberg

Obwohl Details meist ausbleiben und der Text von Aussparungen durchsetzt ist, bildet sich im Kopf des Lesers ein plastisches, lebendiges Bild des Geschehens. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass einem die Geschichte unweigerlich sehr nahe kommt, ohne kitschig und gefühlsduselig zu werden.

Ebenso wenig wie das Innenleben des Personals ist die Handlung eindimensional zu deuten. Die Geschichte bleibt genau wie ihre Protagonistinnen merkwürdig vage und wirkt doch gleichzeitig sehr konkret. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb der Roman so fasziniert und „nachhallt“.

Männer kommen schlecht weg in dieser Geschichte, sie gängeln Frauen, diskriminieren sie und tun ihnen körperliche Gewalt an. Sie hindern sie an freier Entfaltung, an Bildung und an der Verwirklichung ihrer Wünsche. Doch „die Frauen“, sagt Lenù, „waren schlimmer infiziert als die Männer“ – und zwar infiziert von dem Wunsch, anderen Leid zuzufügen.

Dazu sagt die Autorin in einem (natürlich schriftlich geführten) Interview mit Klaus Brinkbäumer im SPIEGEL:

„Wir neigen manchmal dazu, die Unterdrückten zu idealisieren. Unterdrückung setzt sich fort, verzweifelte Menschen können zu äußerst grausamen Peinigern von noch Verzweifelteren werden, und diese Tatsache gilt für Männer wie für Frauen.“

Niemand ist in dem Roman durchweg positiv oder negativ dargestellt. Niemand lässt sich eindeutig charakterisieren, deshalb erscheinen die Personen sehr lebendig und real. Niemand hat einen festen, sicheren Platz in dieser Gesellschaft. Es ist eine Zeit wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche, die auch vor dem Armenviertel nicht Halt machen, in dem Lenù und Lila leben.

Und so endet dieser erste Teil einer vierbändigen Romanreihe mit einem großen Knall, der hier nicht näher beschrieben werden soll. Der Schluss ist genauso expressiv wie schon der ganze Roman, und nach der Lektüre tritt das Rätsel um die Autorin deutlich in den Hintergrund. Viel wichtiger ist, was aus Lila und Lenù wird. Ich bin sehr gespannt.

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Birgit Jongebloed

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Buchhandlung Funk

Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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