Das neue Gewerbegebiet in Obereschbach ist noch nicht voll belegt. 

Der Gastautor greift den Kommentar der „Initiative Leben und Arbeiten in GL” auf, weist die Kritik an den Bürgerinitiativen zurück und fordert Fakten ein, die einen hohen Bedarf an Gewerbeflächen begründen.

Da ist sie wieder, die „Initiative Leben + Arbeiten in GL.“, kurz ILA-GL, mit ihrer Kritik „Der Entwurf für den Flächennutzungsplan weist zu wenig Gewerbeflächen aus, um genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Damit wird Bergisch Gladbach zur Schlafstadt.“

Der aktuelle Planungsansatz für neue Gewerbeflächen im vorliegenden FNP-Entwurf in Höhe von 33,6 Hektar ist Anlass für diese Kritik. Und das, obwohl die ILA-GL, laut eigener Aussage, den Weg zu diesem Planungsergebnis spannungsvoll verfolgt hat und aktiv bei der Entscheidungsfindung durch Mit-Diskussion eingebunden war.

Die vorliegende Gewerbeflächenreservierung im FNP-2035 liegt nun weit unter dem Gewerbeflächenbedarf von 70 Hektar oder mehr, den die ILA-GL im April 2016 zu Beginn des FNP-Abstimmungsprozesses, als langfristige Vorhaltung im FNP für ein vernünftiges Wachstum gefordert hat.

Welches Gewerbe soll sich in GL ansiedeln?

Auch wurde bereits im April 2016 durch diese ortsansässige Industrielobby in einem Positionspapier argumentiert, dass ohne ein „vernünftiges“ Planungsvolumen an Gewerbeflächen, unsere Heimatstadt zur Schlafstadt absinke, weil Bergisch Gladbach, trotz Absenkung des Flächenbedarfs der Wirtschaft durch die Digitalisierung, die Chance für neue Gewerbeansiedlungen im Speckgürtel von Köln verspielen würde.

Wie die ILA-GL „vernünftiges Planungsvolumen“ definiert, welches Gewerbe sich nach Meinung der ILA-GL in Bergisch Gladbach ansiedeln solle, lässt die ILA-GL seit April 2016 und so auch heute, beflissen offen. Diese Feststellung trifft auch zu, wenn es um greifbare Aussagen seitens der ILA-GL über fest eingeplante Zukunfts-Investitionen der ortsansässigen Industrie geht.

Da sich nach Meinung der ILA-GL zum heutigen Datum an dem vorliegenden FNP-Planungsansatz vermutlich nicht mehr viel ändern wird, hat diese lokale Industrie-Lobby schnell die Schuldigen für dieses aus ihrer Sicht desaströse Ergebnis für die wirtschaftliche Zukunftsentwicklung gefunden, nämlich den Gegenwind aus den verschiedenen Interessensgemeinschaften, insbesondere den Gegenwind aus den Bürgerinitiativen in Bergisch Gladbach.

Einwände des Kreises RheinBerg werden ignoriert

Auf die durchgängig sehr kritischen und auch ablehnenden Mitprüfungsergebnisse des FNP-Entwurfes durch den Rheinisch Bergischen Landkreis und durch die Träger öffentlicher Belange (TöB) wird beflissen nicht eingegangen. Als Lobbyorganisation ist es ja einfacher die Ursachen für eigene Misserfolge bei der Interessensdurchsetzung in den (doch erfolgreicheren, fachlich und sachlich fundierten) Argumenten und Aktivitäten von in Bürgerinitiativen organisierten Bürgern zu suchen, als sich faktisch mit eigener, fachlich und sachlich fundierter (Gegen-)Argumentation damit auseinander zusetzen.

So hatte ich bereits im April 2016 die ILA-GL darauf hingewiesen, dass Lobbyisten-Verlautbarungen in Form von phrasenhaften Schlagwörtern, nicht belegten Behauptungen uns hier, auf der untersten Ebene unseres Staatsgebildes, der Industrie und Wirtschaft nicht weiter helfen.

Wo sind die Fakten?

Uns Bürgern – wohl auch der Verwaltung und unseren Kommunalpolitiken – wäre mehr damit geholfen, wenn die ILA-GL nachprüfbare Fakten in Form von Faktenboxen zur Wohn- und Gewerbeflächenentwicklung und zum Mobilitätskonzept in Bergisch Gladbach auf den Tisch legen und entsprechend auch kommunizieren würde.

Für den Faktencheck durch Bürger, Verwaltung und Kommunalpolitik sollte die ILA-GL die Auswirkungen einbeziehen, die sich aus

  1. den demographischen Veränderungen,
  2. dem von der Digitalisierung ausgelösten Wandel in Wirtschaft, Verwaltung und Handel und
  3. der Ausrichtung des Maschinen-, Anlagen- und Logistikparks auf Industrie 4.0 ergeben.

Auch hätte es die ILA-GL darlegen können, welche Auswirkungen die Transition des Gewerbes, des Handwerks auf Industrie 4.0 und welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Handel und den Dienstleistungsbereich in Bergisch Gladbach haben werden und wie diese Auswirkungen den Flächenbedarf beeinflussen.

Als Vision hätte uns dann die ILA-GL aufzeigen können, mit welchen Betrieben aus gewerblicher Produktion, Handel, Dienstleistung und Handwerk auch in Zukunft Arbeitsplätze in Bergisch Gladbach erhalten oder sogar vermehrt werden können. Dann hätten wir die Bürger, die Verwaltung und Politik ein Ausgangsdokument für die Entwicklung eines „richtigen“ Flächennutzungsplanes im Bereich Gewerbeflächen gehabt.

Keine Antworten auf Folgen der Digitalisierung

Die Antworten auf diese Fragen stehen bis heute, nach nun zwei Jahren, immer noch aus. Dies gilt auch für die Beantwortung meiner schriftlichen Darlegungen vom April 2016 der ILA-GL gegenüber, dass die Behauptung der ILA-GL „Jedem werthaltigem Arbeitsplatz im produzierenden Gewerbe folgen zwei bis vier Arbeitsplätze in Handel, Dienstleistung und Handwerk“ faktisch falsch ist, aber auch dass die Basisdaten des von der Stadtverwaltung zur Berechnung des Gewerbeflächenbedarfs verwendete GIFPRO-Modell erheblich von den Landesplanungszahlen gem. IT.NRW 2010 abweichen und somit planerisch nicht valide sind.

Heute nach gut zwei Jahren Planungsarbeiten „rund um den FNP-2035“ haben sich die Annahmen zur Digitalisierung, Automation und den Transitionen zu Industrie 4.0 verfestigt. Digitalisierung mit ihren Auswirkungen auf Industrie, Wirtschaft und Handel, auf alle Lebensbereiche ist heute fester Bestandteil der Politik in unserer Republik geworden, bei nun fast allen Parteien als wesentliche Strukturveränderungen, als Motor für Innovation, aber auch als „Arbeitsplatzvernichter“ (Anm.: denn wie soll denn der Prozess der Digitalisierung finanziert werden?) angekommen.

Die Auswirkungen sind auch hier in Bergisch Gladbach spürbar. Eine Folge der laufenden Transition ist z.B. die Stagnation in der Nachfrage nach neuen Gewerbeflächen, wie in der Studie „Regionale Wohnraumbedarfsanalyse für den Rheinisch‐Bergischen Kreis“ der empirica ag im Auftrag der Kreissparkasse Köln vom 08.03.2018 als Trend erläutert ist.

Trend ist demnach, dass Regionen mit vielen Beschäftigten im Dienstleistungssektor, z.B. Köln, eher expandieren als Regionen mit heute noch vielen Beschäftigten im Produzierenden Gewerbe, wie z.B. hier in Bergisch Gladbach (Anm.: in Bergisch Gladbach sind 33,9 Prozent der Berufe im verarbeitenden Gewerbe durch Maschinen oder Computer ersetzbar. D.h. jeder 3 Arbeitsplatz ist im Rahmen des Strukturwandels „digitalisierbar“!).

Die Planlosigkeit der Lobbyisten

Von dem Bewusstsein über diesen Trend ist bei der ILA-GL seit 2016 hier nichts zu erkennen. Vielmehr spricht die ILA-GL davon, dass beim FNP-Entwurf „Die Politik nicht die Interessen aller Bürger wahrt. …… Dass es nicht sein kann, dass Flächen im FNP danach ausgewiesen werden, wie laut die Menschen schreien.“

Diese Argumentation zeugt m. E. von Planlosigkeit bei den Lobbyisten in der ILA-GL, gepaart mit Ignoranz und Arroganz von Industrielobbyisten gegenüber der Kommune mit uns Bürgern, Politikern, Verwaltern, Beweger, Ehrenämtlern, Arbeitnehmer, Unternehmer, Handwerker, Kaufleute, einfach Menschen in Bergisch Gladbach.

Menschen machen Städte groß, nicht Flächen

Denn noch gilt der Grundsatz, dass Menschen Städte groß machen und nicht die Verfügbarkeit von Flächen.

Zu der Verfügbarkeit von Flächen noch eine kurze Anmerkung zu dem Gewerbegebiet Obereschbach, dem Aushängeschild für die neue Gewerbeflächenentwicklung in Bergisch Gladbach: nach fast einem Jahrzehnt Planungsvorlauf sind bis dato erst 76 Prozent des Gesamtangebotes von rund 5,0 Hektar vermarktet und das trotz intensiver Vermarktungspolitik der Verwaltung, trotz Rühren der Werbetrommel der ILA-GL im Sinne „heißbegehrter Gewerbeflächen im August 2017“.

Das mangelnde Interesse von Investoren für diese „heißbegehrten Gewerbeflächen an der A4“ bestätigt aber eher die Stagnation beim Gewerbeflächenbedarf, was wiederum die empirica ag-Studie vom März 2018 als Trend hervorhebt.

Somit hat sich die ILA-GL im Grundsatz seit April 2016 keinen Schritt nach vorne bewegt, keinen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung Bergisch Gladbach als expandierende Region geleistet.

Soft Skills werden in der Dienstleistungsgesellschaft wichtiger

Werthaltige Arbeitsplätze der Zukunft sind im Kontext der empirica ag-Studie eher mit Expansion im Dienstleistungsbereich zu schaffen und nicht im verarbeitenden und produzierenden Gewerbe, auf das die ILA-GL setzt. Expansion im Dienstleistungsbereich setzt aber wesentliche Soft-Skills in der Stadtinfrastruktur, wie z.B. kurzer Zugang zum öffentlichen Personenverkehr, dessen Verfügbarkeit rund-um-die Uhr mit kleinen Taktzeiten, Kitas, Schulen, Grünflächen und Freizeiteinrichtungen in der Nähe, Arbeitsplätze, Verbindung von Arbeiten und Wohnen, kurze Wege im täglichen Leben, Ausschluss von Beeinträchtigungen durch Verkehrsemissionen (Klima, Lärm, Luft), einfach mehr Lebensqualität zwingend voraus.

Diese Soft-Skills tragen somit auch zur Reduzierung des heute doch sehr regen Pendleraufkommens aus Bergisch Gladbach heraus, bei. Davon ist in den Positionen der ILA-GL auch heute nichts zu finden. Lieber sucht die ILA-GL im Juni 2018 nach Schuldigen im Sinne ihres Statements „Die Politik wahrt nicht die Interessen aller Bürger. Es kann nicht sein, dass Flächen im FNP danach ausgewiesen werden, wie laut die Menschen schreien.“

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Albert Stodko

ist Bürger von Bergisch Gladbach und Unternehmer in Bergisch Gladbach. Sprecher einer Bürgerinitiative im Stadtteil Frankenforst und Mitglied im Verbund der Bürgerinitiativen von Bergisch Gladbach.

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2 Kommentare

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  1. Die Unkenrufe der ILA-GL erscheinen wie das Rufen im Wald, wenn man in dunkler Umgebung Ängste bekommt. Den gebetsmühlenartigen Wiederholungen “Schlafstadt”, “keine Ausbildungsplätze”, “Unternehmen müssen wachsen können, sonst ziehen sie weg” begegnet Albert Stodtko in geeigneter Weise.