Gefährliche Begegnungen: Radfahrer dürfen aktuell den getrennten Radweg (rechts) nicht nutzen

Die Idee der Verwaltung, den Radweg der unteren Hauptstraße auf die schmale Straße zu verschwenken, bringt (nicht nur) Kinder in Gefahr. Und sie legt offen, dass die Verkehrspolitik dieser Stadt von gestern ist. Dabei gibt es Lösungen – für die untere Hauptstraße und für die ganze Stadt.

Zum Glück gibt es starke Reaktionen beim Schnellschuss der Verschwenkung des Radwegs auf die schmale Fahrbahn an der unteren Hauptstraße. Bei dieser Lösung scheint an Kinder gar nicht gedacht worden zu sein. Denn nun ist eine brenzlige Situation entstanden.

Busse, Lastwagen und auch große PKW fahren über den Markierungsstreifen des Radwegs, sie können den künftig verbindlichen Abstand von 1,5 Metern kaum einhalten. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 20 km/h ist zwar 2013 beschlossen worden – aber offenbar denkt die Verwaltung nicht an eine Umsetzung. Muss es erst zu einem Unfall kommen?

Für Lastwagen (und nicht nur die) steht mit der Kalkstraße eine Umgehung zur Verfügung. Viele zwängen sich dennoch durch die schmale Hauptstraße

Das wäre die Lösung, diese schmale Straße ganz für den normalen Durchgangsverkehr zu sperren und nur Anwohner- und Lieferverkehr zuzulassen. Und den Hauptverkehr über die Dechant-Müller-Straße zu leiten. Dort gilt übrigens Tempo 30.

Dann könnte die untere Hauptstraße eine ruhige Fußgänger- und Radstraße sein. Ein Teilstück des Radschnellwegs nach Köln. Ich weiß, jetzt bekommen wieder einige Leute Schnappatmung.

Zwei Autos pro drei Erwachsene

In unserer Stadt gibt es laut Zahlenspiegel 2017 – neuere Zahlen sind bisher leider nicht veröffentlicht – bei 113.000 Einwohnern rund 63.000 PKW. Mit wachsender Tendenz. Das sind (wenn wir die Einwohner vom Baby bis zum Achtzehnjährigen herausrechnen) 670 PKW pro 1.000 Einwohnern. Auf drei Erwachsene kommen zwei PKW.

Das ist viel. Zu viel. Sie verstopfen Straßen und öffentliche Parkplätze, sie belasten die Luft mit CO2 und Feinstäuben. Sie zerstören unseren Lebensraum. Sie gefährden andere Verkehrsteilnehmer.

Da die Haltung eines Autos nicht verboten werden kann, müssen endlich alternative Angebote als Anreiz zum Umdenken und Umsteuern gemacht werden: Ein guter, finanziell günstigerer, öffentlicher Nahverkehr, ein wirkliches Radwegesystem, dazu mehr Parkplätze für Fahrräder, Verknappung von viel zu billigen Autoparkplätzen.

Auch an der Kalkstraße gibt es einen Radweg. 

Die bisher originellste Erklärung für jahrzehntelange Versäumnisse kommt von unserem zurzeitigen Bürgermeister: „Unser Verkehrsnetz ist im Krieg nicht zerstört worden, daher sind die Straßen nicht so breit. Das heißt aber, dass die Verkehrsmittel immer in Konkurrenz zueinander stehen“.

Freiburg, Münster, Tübingen, Brügge, Maastricht, Utrecht, Kopenhagen im Krieg zerstört? Und deswegen haben sie heute gute Radwegesysteme?

Mehr wir, weniger ich

Nein. Entscheidend ist, welche Prioritäten den einzelnen Verkehrsmitteln eingeräumt werden. Dass Verkehrsmittel in Konkurrenz zueinander stehen, ist eine Binse. Aber wir können es uns nicht mehr leisten, dabei wie bisher dem Auto immer wieder Vorrang einzuräumen, immer mehr Böden zu versiegeln, immer mehr Staus zu provozieren, immer mehr Luftverschmutzung zu produzieren.

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Francis Picabia, 1929

Wir müssen das Mobilitätskonzept als ganzheitliche Lösung über die ganze Stadt sehen. Und dazu eine große Kampagne, die für Respekt und Rücksichtnahme, für Verständnis der Veränderung, für mehr Miteinander und weniger Egoismen wirbt.

Es wird Zeit für Verwaltung und Politik, in der Gegenwart anzukommen und endlich die Zukunft zu planen. Gut, dass wir im Herbst Kommunalwahl haben. Vielleicht wird dann Bergisch Gladbach wirklich angenehm anders.

Klaus Hansen

Unterwegs als Fußgänger, mit Bus und S-Bahn, mit Fahrrad und PKW.

Weitere Beiträge zum Thema:

Verkehrspolitiker in GL: Macht endlich euren Job!

Misslungener Schnellschuss auf der unteren Hauptstraße

Ganz nebenbei … ein Dilemma am Radweg

Verkehrsplanung in GL – was läuft hier falsch?

Presseschau 22.10.2013

Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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9 Kommentare

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  1. In diesem Zusammenhang: Gestern hat der Rat der Stadt Bergisch Gladbach mit großer Mehrheit, bei nur drei Gegenstimmen, beschlossen, den PKW-Verkehr explizit zu fördern, in dem er zukünftig bei einer Vielzahl von Parkplätzen auf die Parkraumbewirtschaftung verzichtet, sprich: Die Parkplätze werden kostenfrei angeboten.

    Einzige Voraussetzung: Man muss ein Elektro- oder Hybrid-Fahrzeug dort abstellen. Der Einwand, dass damit die (seit Jahren vielstimmig beklagten) Engpässe beim fließenden und ruhenden Verkehr nicht beseitigt, sondern gefördert werden und die angestrebte Änderung beim Mobilitätsmix konterkariert wird, erschien FDP, Grünen, CDU, Linken und SPD nicht diskussionswürdig.

    Staus, der achso gefürchtete Feinstaub (der ja zu großen Teilen nun einmal aus Reifen- und Bremsabrieb resultiert), Gefährdung durch überlastete Straßen – auf einmal alles egal, wenn man nur (bei Tageslicht betrachtet doch recht umweltschädliche) Akkus mit sich führt.

  2. Es könnte doch so einfach sein…. Das Schild vom Mathies weg und dort eine Rampe hin, die ersten Parkplätze entfernen und den Bereich als Einfädelungsspur für den Radverkehr nutzen. So ist man schön raus aus dem Schwenkverkehr für größere KFZ und man ist ca 10-20m im Sichtfeld für den KFZ Verkehr.
    Dringend eine Sperrfläche markieren und am besten noch mit klappbaren Pollernvershenen, damit ein gesichertes Auffahren gewährleistet wird. Fertig ist das ganze und sogar recht ERA Konform. Dae nn noch die beschlossenTempo 20 Beschilderung, Überholverbot für Zweiräder (vorraussichtlich ab Mitte März mit neuer StvO Novelle) und Zack ist der ADFC und viele Zweiradfahrer glücklicher und etwas sicherer unterwegs.

    Dann müssen nur noch das Autohaus/ Anwohner lernen die Mülltonnen nicht in den Weg zu stellen, oder halt mit saftigen Bußgeldern dazu zwingen, wenn sie es nicht einsehen wollen das sie grob fahrlässig handeln.

    Mit ein wenig naiven Hirnschmalz und gesundem Sicherheitsgefühl für alle Verkehrsteilnehmer plant hier der Laie wohl etwas besser als die Stadtverwaltung. Dauer der Überlegung ca. 7 Minuten wenn man sich den Bereich ein wenig genauer anschaut…. Ja es kostet mehr als ein paar Liter Farbe aber immer noch besser als ein „Leben“ dass die Verwaltung mit solch Irrsinn hoffentlich nie auf dem Gewissen hat.

  3. Trotz ständiger Optimierung der Infrastruktur für den freien Autoverkehr stehen wir immer häufiger im Stau.
    Warum?
    Vielleicht stimmt ja an der Grundidee etwas nicht?
    Gewachsene Städte und Gemeinden für ein Verkehrssystem optimieren, bei dem (meist nur) ein Mensch 10 Quadratmeter und 1,5 Tonnen benötigt?
    Und zwar immer, auch wenn er nicht unterwegs ist?
    Nur weil wir das schon fast hundert Jahre so machen, muss es ja nicht richtig sein.

  4. … und wieder ein Schildbürgerstreich unserer Auto-…. sorry „Stadt“-Verwaltung.

    Leider muss man zustimmen: Unsere Vertreter und die Verwaltung bremsen jegliche Initiative, die nicht allein das Auto fördert, aus.
    Wir benutzen alle Verkehrsmittel – Fuß, Rad, ÖNPV, Auto – und kommen aus dem Staunen nicht raus, wie in Bergisch Gladbach noch immer nur das Auto Politik gemacht wird. Eine Politik von gestern. Und Umsetzungen von vorgestern.

  5. Fahrräder auf die Straße ist im Prinzip richtig…jetzt stören nur noch die Autos.

    Im Ernst: Warum ist die vielbesuchte Untere Hauptstraße immer noch eine Durchgangsstraße? Wäre es nicht für die Entwicklung der Innenstadt (und damit auch die Geschäfte dort) viel besser, sie zu beruhigen und zu einer quasi-Fortsetzung der Fußgängerzone zu machen?

    Das wäre nicht schwer zu realisieren: Tempo 20, Durchfahrt verboten / Anlieger und Wupsi frei, Parkplätze auf der Fahrbahn entfernen – fertig. Anfangs müsste wohl etwas kontrolliert werden, aber an die Umfahrung werden sich die Autofahrer*innen schnell gewöhnen.

    Im zweiten Schritt könnte dann der Straßenraum umgestaltet werden: Breite Bürgersteige zum Flanieren, kleine Grünflächen, vielleicht Caféterassen…und Radfahrende (auch Kinder) können gefahrlos auf der fast autofreien Fahrbahn fahren.

  6. Dazu einen Kommentar zu schreiben fällt mir schwer. Ich habe, nachdem ich seit mittlerweile mehr als 15 Jahren nahezu täglich per Rad nach Köln fahre, die Hoffnung auf eine Veränderung aufgegeben- Leider wird dieses in unserer Stadt immer wieder bestätigt (Turbokreisel, obere Hauptstraße, Stationsstraße, untere Hauptstraße, Fußgängerzone, Nutzung des Bahndamms…). Selbst bei neuen Verkehrsprojekten kommt der Radfahrer nachher schlechter weg als vorher.
    P.S.: Ich besitze durchaus auch ein Auto, dieses steht teilweise wochenlang unbenutzt…

  7. Da hat aber einer der Planer in der Verwaltung nicht aufgepasst!
    Mit der Massgabe, in GL alles für den Autofahrer zu tun, damit er sich dort pudelwohl fühlt (im Gegensatz zu anderen Verkehrsteilnehmern) wird ihm jetzt an der unteren Hauptstrasse Kanonenfutter direk vor den Kühlergrill geschickt? Hallo Verwaltung! Da muss der Autofahrer doch abbremsen und schlimmstenfalls Rücksicht nehmen! Geht’s denn? Was passiert denn, wenn bei schönem Wetter viel mehr dieser Störenfriede auf 2 Rädern dort unterwegs sind und den Autoverkehr auf 15 bis 20 km/h reduzieren? Ok, damit wäre der Beschluss von 2013 umgesetzt. Aber den wollte die Stadt ja wohl nicht. Bleibt eigentlich nur die Aufforderung an die Radfahrer, mindestens 30 km/h zu fahren, damit der Autofahrer nicht so aufgehalten. Das bisschen Rücksichtnahme muss dem Radler doch zumutbar sein, oder?