Distanzunterricht ist nicht nur eine Frage von Unterrichtsmaterial und Infrastruktur. Das Home Schooling muss – je nach Schultyp mehr oder weniger – durch die Eltern organisiert und betreut werden. Gespräche mit Familien zeigen: Das geschieht oft zu Lasten der Frauen. Deren Home Office ist oft vor oder nach der Kinderbetreuung geöffnet.

„Eine Aufteilung bei der Organisation des Distanzunterrichts gibt es bei uns nicht”, sagt eine Mutter, die ein Kind auf einem Gymnasium und eins in der Grundschule hat. Sie betreut die Kinder und das Home Schooling, hat einen Nebenjob und arbeitet im Büro des Familienbetriebs.

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Mit ihrem Mann betreibt sie seit Jahren einen Handwerksbetrieb. Er ist von morgens bis abends auf den Baustellen unterwegs und nimmt Aufträge mit, solange das noch möglich ist. Wer weiß, welche Verschärfungen der Lockdown noch mit sich bringt. Entsprechend kann der Mann zuhause zumindest tagsüber nicht unterstützen.

Die lakonische Beschreibung der Mutter: „Ich bin derzeit quasi alleinerziehend.”

Home Office erst nach Home Schooling

Erleicherung gibt es schon: „Mit den Schulen läuft es besser als im letzten Lockdwon, das macht es leichter für uns, das Home Schooling zu organisieren.” So hätten die Kinder täglich Videokonferenzen, was ein wenig Zeit für andere Dinge freischaufele, meint die Mutter.

Aber: Realistisch könne sie erst ab 17 Uhr mit ihrer eigenen Arbeit beginnen, und würde dann bis spät in die Nacht am Schreibtisch sitzen. Man sei eben trotz Videokonferenzen stets für die Kinder da, beantworte Fragen, erkläre Aufgaben.

„Es ist ein Ammenmärchen anzunehmen, die Kinder machen das alles alleine.” Daher sei es einfacher mit der eigenen Arbeit zu beginnen, wenn bei den Kindern die Aufgabenblätter vom Tisch seien.

Die Arbeit im Home Office ist selten mit den Anforderungen des Home Schoolings vereinbar, Bild von janeb13 auf Pixabay

„Ich bin kein Lehrer”

Die Ausweitung der Hilfsangebote bringen ihr nichts: „Kinderkrankengeld kann ich nicht nehmen, das müsste unser Betrieb zahlen, das bringt uns also nichts”, berichtet sie. Sie habe den Anspruch an das Distanzlernen daher heruntergeschraubt. „Ich kann nicht als Lehrer agieren, auch wenn ich sehe das in manchen Bereichen Nachholbedarf besteht”, meint sie.

Dienstbeginn um fünf Uhr

Eine Mutter von zwei Grundschülern steht meist um fünf Uhr auf, um erste Arbeitsstunden vom Tisch zu bekommen. Sobald die Kinder wach seien, gehe es in die Routine mit Frühstück und Beginn des Distanzunterrichts. Hierzu hätten sich die Kinder eigene Stundenpläne am Laptop erstellt.

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Dies funktioniere in der ersten Woche recht gut. Wenn alle Hausaufgaben erledigt seien, müsse sie jedoch wieder ran. Da übernehme dann ein Computerspiel oder das TV für eine Stunde die Betreuung. Anders sei es nicht machbar, der Mann sei unterwegs, habe Pandemie-bedingt einen neuen Job und sei eingespannt.

Präsenz der Lehrer:innen vermisst

„Unsere älteste Tochter ist meist zwischen acht und 15 Uhr in Meetings”, erklärt eine dritte Frau. Immerhin: Sie kann gemeinsam mit ihrem Mann von zuhause aus arbeiten, da teile man sich die Verantwortung wo möglich. Die Tochter lernt am Gymnasium, ein Sohn und eine Tochter gehen auf die Grundschule.

Bei den beiden jüngeren Kindern sei der Betreuungsaufwand entsprechend größer. „Mich frustriert das enorme Pensum auf der Arbeit, wir kommen kaum dazu Pausen zu machen, und dann sind die Kids hier, teils gar in unseren Arbeitsräumen.”

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Ihr Eindruck: Einiges an Stoff bleibe auf der Strecke, sie sehe sich in der Verantwortung das Bildungsdefizit wenigstens in Teilen auszugleichen. Zudem vermisse sie die Präsenz der Lehrer:innen in der Grundschule. Die Lehrer:innen der Grundschule habe sie in der ersten Woche noch nicht wahrnehmen können. An der weiterführenden Schule gebe es Ansprechpartner:innen für die Fragen der Kinder. Dies solle die Eltern entlasten.

„Die Abgabe von Unterrichtsmaterial an der Schule belastet dann zusätzlich. Das geht auf das Konto des Home Office”, so ihr Eindruck. Und: Um Ansammlungen zu vermeiden haben ihre Kinder unterschiedliche Abgabetermine an der Grundschule. „Da dürfen wir dann gleich zweimal hin!”

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Das ist wohl wahr, die Frauen und Mütter tragen nicht nur die Sorge um die Gesundheit der Familie nur sondern auch die Hauptlast der Umstände. Da kann man nur hoffen, dass wir in eine gesicherte Zukunft gehen. Der Spruch von Herr Spahn ,: ” Wir werden uns viel zu verzeihen haben “, hilft da alleine nicht weiter.