Schule bedeutet mehr als nur das Lernen des Unterrichtsstoffes, erklärt Bernhard Winkelmann, Schulpsychologe des Kreises. Eltern können im Lockdown das nicht alles auffangen. Was gegen die Doppelbelastung aus Home Schooling und Home Office hilft, und wie man bei Kritik an der Schule agieren sollte, erklärt er im Interview.

Bernhard Winkelmann ist Leiter des Schulpsychologischen Dienstes Rhein-Berg. Dieses Angebot des Kreises unterstützt Schüler:innen, Eltern und Lehrerschaft. Die niedrigschwelligen Angebote können freiwillig wahrgenommen werden. Sie sind unabhängig, vertraulich und unterliegen der Schweigepflicht. Infos, Kontakt und Öffnungszeiten sind auf den Webseiten des Schulpsychologischen Dienstes verfügbar. Dort gibt es auch Flyer zum Downlaod zu Themen wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Angst vor Klassenarbeiten, Hausaufgaben uvm.

Herr Winkelmann, was bedeutet die erneute Schulschließung für das Lernen des Unterrichtsstoffes, aber auch für das soziale und emotionale Lernen der Schüler:innen?

Winkelmann: Die Erfahrungen, die Kinder und ihre Eltern in Zeiten des Distanzlernens machen, sind sehr unterschiedlich, da auch die Bedingungen zuhause ganz unterschiedlich sind:

Wie wurde der Unterricht vorbereitet? Wie gut sind die Materialien auf die Bedürfnisse des Kindes ausgelegt? Ist die notwendige Technik vorhanden und läuft sie auch? Sind die Eltern berufstätig? Arbeiten sie im Homeoffice? Gibt es jüngere Geschwister? Kann das Kind gut und selbstständig arbeiten? Bedarf es noch viel Anleitung?

Vereinzelte Kinder profitieren von der Ruhe zuhause, von einer verkürzten, aber durchaus effektiven und strukturierten Lerneinheit pro Tag.

Schule ist aber weit mehr als Lernen des Unterrichtstoffes: Es ist ein Ort des Lebens, der Begegnung, der sozialen Erfahrungen und der emotionalen Entwicklung. Kinder und Jugendliche brauchen Erkundungs- und Entwicklungsräume auch außerhalb ihrer Familien. Es kann und sollte nicht der Anspruch an die Eltern gestellt werden, dies zuhause alles aufzufangen.

Können Schüler:innen das Lernen verlernen? Droht durch die andauernden Schließungen bzw. Neuorganisationen die Entstehung einer „Generation Corona“, die künftig an Bildungsdefiziten zu leiden hat?

Winkelmann: Sind wir nicht alle eine Generation Corona? Ja, Corona wirkt. Aber so wie wir in den letzten Monaten viel geschafft und bewegt haben bin ich der Meinung, dass wir in dieser Zeit auch die nötigen Dinge anstoßen können, die die negative Auswirkungen reduzieren und mittelfristig auffangen werden.

Die Konsequenzen von Schulschließungen oder Distanzunterricht auf das Lernen im Allgemeinen sind sehr unterschiedlich. Kinder, die sich gut organisieren und strukturieren können, selbstständig arbeiten und von der Schule gutes Material erhalten, können diese Fähigkeiten in der Zeit des Homeschoolings durchaus noch fördern.

Gleichzeitig gibt es einen Teil der Kinder, der ohne intensive Anleitung überfordert ist. Kinder brauchen Struktur und einen festen Rhythmus, um gut lernen zu können. Da auch Freizeitaktivitäten und Hobbies eingeschränkt sind, ist es oft nicht so leicht, einen Ausgleich zum Lernen zu haben und das Erleben von Erfolg und Selbstwirksamkeit in außerschulischen Bereichen zu ermöglichen.

„Es kann und sollte nicht der Anspruch an die Eltern gestellt werden, zuhause alles aufzufangen“

Kann das Internet helfen? Können z.B. durch Videochat oder ein Gruppenspiel im Internet eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten in Schule und privatem Umfeld kompensiert werden?

Winkelmann: Ja, das Internet kann uns helfen, Beziehungen zu pflegen und sozialen Zusammenhalt zu stärken. Ich hätte nicht gedacht, dass eine digitale Weihnachtsfeier so viel Spaß machen kann.

In vielen Bereichen sind aber gerade unsere kleinen Kinder nicht in der Lage, diese Angebote alleine zu nutzen. Hier brauchen sie Unterstützung und es ist wichtig, sie nicht alleine zu lassen. Im Übrigen kann es auch ein Brief sein, der das Schreiben fördert und soziale Beziehungen stärkt.

Natürlich ist das Spielen mit Freunden draußen auf dem Spielplatz, auf dem Fußballplatz oder das Klettern und Hütten bauen im Wald nicht digital zu ersetzen. Kinder brauchen diese Erfahrungen und sie brauchen sie für ihre Entwicklung definitiv „in echt“. Zu diesen Aktivitäten müssen wir wieder zurückkommen, sobald es möglich ist.

Was können Eltern tun, um die mentale Gesundheit ihrer Kinder im Lockdown zu stärken?

Winkelmann: Eltern sind an vielen Stellen gerade enorm gefordert. Der Stress durch die Doppelbelastung, viele Einschränkungen auf unterschiedlichen Ebenen, Ängste um die Gesundheit und finanzielle Sorgen ist in manchen Familien extrem hoch. Dies führt häufig zu Konflikten.

Wenn die Luft zu dick wird – auch im übertragenen Sinn: Raus gehen, durchlüften, bewegen.

Wann immer es geht: Miteinander lachen, spielen, kochen, einen schönen Film schauen und mal fünf grade sein lassen.

Daneben gilt es klare Absprachen zu treffen und feste Zeitfenster für das Lernen zu planen. Dann kann der Spagat gelingen.

Es gibt viele gute Möglichkeiten Kinder aktuell zu unterstützen, wir haben hierzu auf unserer Homepage zwei Seiten mit verschiedenen Anregungen zusammengestellt:

Corona-Tipps für Schülerinnen und Schüler:
Corona-Tipps für Eltern

Eltern sollten so gut es geht auch für sich sorgen, um möglichst gelassen und gut mit ihren Kindern im Kontakt bleiben zu können. Nur dann können sie sich auch gut auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einlassen.

Bekommen Sie auch Probleme von Lehrer:innen geschildert, die von dem Hin- und Her, dem Präsenz- und Distanzlernen, der steten Neuaufbereitung der Unterrichtsinhalte gleichermaßen betroffen sind?

Winkelmann: Ich glaube, die größte Herausforderung besteht gerade darin, dass viele Lehrer:innen und insbesondere Schulleiter:innen alles geben und am Ende des Tages nie fertig werden. Auch wenn sie sich weit über das normale Maß hinaus für die eigenen Schüler:innen einsetzen, ernten sie oft Kritik.

Lehrkräfte können es nicht allen recht machen und sie können aktuell nicht immer jede Entscheidung so erklären, damit sie für jeden nachvollziehbar ist. Wenn Kritik geäußert wird, ist das okay, aber es sollte konstruktiv um die Sache gehen und am besten habe ich auch einen Vorschlag, wie man es denn besser machen könnte.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Hallo Herr Crump,
    vielen Dank für den Artikel.
    Interessant finde ich auch, dass davon ausgegangen wird, dass Personen im HomeOffice natürlich Kinder zu Hause betreuen können und nicht arbeiten müssen.
    Ein Beispiel aus dem Leben:
    Schon bereits im ersten großen Lockdown wurden wir mit großen Augen angeschaut. Beide Elternteile sind komplett digital mit der Firma komplett angebunden. Natürlich, da es 2 unterschiedliche Arbeitgeber sind, nicht abstimmt, dafür muss man selber Sorge tragen.
    In einem Raum ist das Parallel auch nicht möglich. Hinzu kommt jetzt, dass die Kinder wirklich im 2. Lockdown „überrschend“ kurzfristig in 1 Woche mit angebunden werden müssen. Wer hier etwas vorgesorgt hatte oder sich selbst zu behelfen weiß, ist gut bedient.
    In unserem Falle – Zwillinge im gleichen Alter – in 2 unterschiedlichen Klassen auch nicht ganz einfach – in der ersten Woche noch keine Videokonferenzen parallel (der Kinder).

    Das gleiche Problem können auch Lehrer haben, die parallel die Schulkinder sowie Ihre eigenen Kinder hüten sollen.

    Umso erstaunlicher ist die Feststellung, dass die 10 Tage Sonderurlaub für die Betreuung der Kinder nicht für Personen im HomeOffice gelten!
    Vielleicht denken unsere Herrschaften oben auch wirklich, dass HomeOffice für Sport oder für Sex in der Videokonferenz (siehe August 2020 Brasilien) da ist.

    Den Spagat mit Job, Kindern und dann nicht in eine zu befürchtende Medienabhängigkeit zu kommen ist wirklich nicht einfach. Einen Dank an alle, die sich bemühen alles unter einen Hut zu bekommen.

    Wie einfach wäre es dann doch für Partner ohne Kinder, die dann im HomeOffice im besten Fall wert auf Gesundheit legen und ausgiebig Kochen, Spazieren, Basteln, .. und sich ungestört bewegen.

  2. Guten Morgen Herr Crump, als Nachhilfelehrerin(Mathe) im Einzelunterricht von Schülern u.a.der 10.ten Klasse,muss ich feststellen,dass sich Schüler mit neuem Stoff oft nur mit Arbeitsblättern selbst überlassen bleiben. Es findet in manchen Fällen keine Erklärung per Video der Lehrer von neuen Inhalten statt. Sicher sind manche Lehrer von der Corona Situation überfordert,aber es sind vor allem und noch mehr die Schüler und ich langsam auch. Kinder der Klassen 6-8 tippen die Aufgaben in ihre Taschenrechner ein und mit dem Ergebnis sind die Lehrer und Eltern zufrieden. Kinder aus bildungsfernen Elternhäüaern sind damit allein gelassen,zumal diese Eltern nicht den Mut haben,die Lehrer auf ihre eigenen Defizite anzusprechen und um Hilfe zu bitten.
    Ich danke Ihnen.
    Angelika S.