Auf dem alternativen Friedhof von Pütz-Roth sind nicht nur Hinterbliebene kreativ, auch Künstler lassen sich von den „Gärten der Bestattung” vom Thema Kunst und Tod inspirieren. David Roth nutzte jetzt eine Kunstaktion, um Neugierigen das Konzept zu erläutern. Sind Sie neugierig? 

Es ist einer der letzten herbstlichen Sommertage. Ein Dutzend Kulturinteressierte hat sich heute auf dem Gelände des Bestattungs- und Trauerbegleitungsinstituts Pütz-Roth versammelt, denn es gibt neue Kunst auf dem ungewöhnlichen Friedhof zu erleben.

Dieser Ort erinnert mich an einen verwunschen Wald, der zum Träumen und Auseinandersetzen anregt. Es wird schnell klar, dass hier eine alternative Form der Trauer praktiziert wird, die durch Individualität und Tabulosigkeit gekennzeichnet ist.

Mitinhaber David Roth hatte zu einer öffentlichen Begehung des privaten Friedhofes „Gärten der Bestattung” eingeladen. Er nutzt eine Pop-up-Ausstellung des  Overather Kunst- und Kulturvereins Gruppe Neun und der Remscheider Künstlergemeinschaft Insblaue, um das Konzept dieser besonderen Ruhestätte zu erklären.

Die Gärten liegen unmittelbar am Ortsrand von Bergisch Gladbach, auf einem Hügel am Eingang des Strundetals. Es gibt viel zu entdecken: Meditationsplätze und Kunstinstallationen, Wasserläufe, Teiche und künstlerisch gestaltete Grabstätten.

Christine Kremer, Klaus Felder, Barbara Stewen, Maria Schätzmüller-Lukas, Tessa Ziemssen und David Roth

Sechs Künstler sind mit ihren Werken angereist und nehmen noch schnell die letzten Änderungen an ihren Kunstwerken zwischen den Bäumen und Gräbern vor, dann beginnt die Führung.

Wir starten auf dem „Pfad der Sehnsucht”. Das ist ein Tunnel, der Angehörigen bei der Bewältigung ihrer Trauer helfen soll.

„Alles beginnt mit der Sehnsucht”, heißt es vor der ersten Tür, die den Pfad eröffnet. Ein Zitat von Nelly Sachs, das an die Notwendigkeit, einen Todesfall zu akzeptieren, appelliert.

Im ersten Raum erwartet uns eine riesige Geröll-Lawine, die aus einem Fenster hereinbricht. Es ist eine Metapher für die anfängliche Überwältigung und den Schreckmoment eines (plötzlichen) Todes. Von da geht es weiter in einen hellen Flur, in dem an einer weißen Wand hunderte Namen stehen. Ich frage mich, wem diese Namen wohl gehören.

Die Betretung des nächsten Raumes kostet Überwindung. David Roth wartet dort auf uns und gibt einen Hinweis: “Alles was unter Ihnen ist, ist eigentlich über Ihnen”. Trotz des Hinweises denke ich im ersten Moment, dass ich falle. Der Boden ist ein Spiegel, in dem exotische Pflanzen zu sehen sind, die in Wahrheit über mir hängen. Es war nur eine optische Täuschung, die bei mir für Perspektivenwechsel gesorgt hat.

Der Pfad mündet in die „Gärten der Bestattung”, hier beginnt die eigentliche Begehung. Die gesamte Tour ist sehr spontan und offen für Fragen, Anregungen und Diskussionen. So ist es auch von David Roth gewollt. Schließlich lebe dieser Ort von der Neugier der Menschen, betont er.

Christoph Felder, der Bruder eines der ausstellenden Künstler, begleitet uns mit der Kamera. Er produziert einen Film, der am 22. November im Film-Eck Kino in Wermelskirchen gezeigt wird.

Auf der Reise durch die Ausstellung und durch die Gärten geht jeder in seinem eigenen Tempo. Jeder für sich, im Abstand von mindestens zehn Metern. Wer will, hört sich die Hintergrundgeschichten der Künstler zu ihren Werken an.

Zunächst erklärt Christine Kremer die Idee hinter ihrer Installation „Homo sum” („Ich bin Mensch”): „Wir sind alle Menschen, nicht mehr und nicht weniger”, sagt die Künstlerin. Sie deutet auf mumienartige Gestalten in den Bäumen. Einzelne, goldene Partikel auf den weißen Körpern stehen für die Seele eines Menschen.

Dann stoppt die Gruppe bei einer Installation von Maria Müller. Sie hat viele kleine Särge aus Blei angefertigt und wie Spielsteine in Szene gesetzt. Jeder darf die Särge in die Hand nehmen oder zu Stapeln formen. Es erinnert viele Teilnehmer an Legosteine ihrer Kindheit.

Weiter geht es zu einem Bild von Barbara Stewen. Es zeigt Kinder hinter Gitterstäben. Davor liegt ein Teppich aus Federn, die für Kinderseelen stehen. Das Material solle dem Ganzen eine gewisse Leichtigkeit geben. „Schön wäre ein kleines Lüftchen gewesen, damit die Seelen zum Himmel steigen “, sagt die Künstlerin.

Später zeigt Klaus Felder seine Kunst. Es sind Fotografien, die als Inspiration für Gedichte gedient haben. Häufig sei es eine Frage der Perspektive und der Lichtverhältnisse unter denen solche Fotos entstehen würden. Wenn man nicht genau hinsehe, „läuft man daran vorbei”, sagt der Künstler.

Auch ich schaue mich genauer um. Dabei entdecke ich viele liebevoll gestaltete Gräber, von denen einige lustig, andere wiederum traurig sind. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Ihnen ist eine persönliche Note gegeben worden.

Nach der Führung unterhalte ich mich mit David Roth und beginne zu verstehen, was hinter der Idee dieses ungewöhnlichen Friedhofes steckt. Hier soll trauern ohne Zwang möglich sein. Jeder Hinterbliebene solle sich so viel Zeit nehmen, wie er brauche und erhalte jede mögliche Unterstützung durch Pütz-Roth.

Kein Wunder, dass jährlich 20.000 Besucher an diesen Ort kommen, die gar keinen Todesfall zu beklagen haben. Es ist auch ein bisschen eine Reise zu sich selbst, die unaufhaltsam die Frage aufwirft: Wie gehe ich eigentlich mit dem Thema Tod um?

Es soll ein fröhlicher, ein bedachtsamer Ort sein. Über den Rasen laufen, eine Zigarette rauchen, singen, lachen, tanzen – in den „Gärten der Bestattung” gibt es keine Verbotsschilder. Nur den Hinweis, dass jeder für sein Handeln selbst verantwortlich ist.

Die Toten würdigen und die Angehörigen am leben halten, scheint hier ein Kerngedanke zu sein. Es gehe nicht um Materielles, nichts müsse hier perfekt sein, sagt David Roth.

Für mich ist nach der Begehung und den Gesprächen klar, dass es hier zwar auch um die Toten geht. Aber vor allem um die Lebenden, die Hinterbliebenen. David Roth zitiert in seiner Begrüßungsrede Mascha Kaléko:

„… den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben”. 

Dabei zu helfen, mit dem Tod “der anderen” umgehen zu können, dafür hat Pütz-Roth den passenden Rahmen geschaffen.

Mehr Informationen finden Sie auf der Website von Pütz-Roth. 

Mehr zu BergischKunst gibt es hier.

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